Ich kann nichts selbst entscheiden. Ich werde behandelt wie ein Kleinkind. Und ich habe einen schlechten Ruf.

Wir sind ein kleines Fach, aber ein Orchideenzuchtverein sind wir nicht. Es beginnt mein drittes Semester Japanologie an der Frankfurter Goethe-Universität. Meinen Abschluss soll ich in zwei Jahren machen, dann darf ich mich eine Bachelorette nennen und bin 22 Jahre alt. Insgesamt habe ich nur sechs Semester an der Uni, und damit ich das niemals vergesse, wird mir das ständig vor Augen geführt: "Sie haben nur diese drei Jahre, Sie müssen da alles rausholen!"

Ich hole zum Beispiel meinen Stundenplan aus dem Internet raus. Der wird ohne mich zusammengestellt und ist Pflicht, wenn ich in Regelstudienzeit weitermachen will. Verpflichtend ist auch die Anwesenheit, weshalb ich mir weder tolle Pausentage noch freie Morgen organisieren kann; ich kann eigentlich gar nichts selbst organisieren. Ich bin neidisch auf die Magister, die so etwas wie "Japanische Prekariatsliteratur im Rahmen wirtschaftspolitischer Neuerungen" studieren können. Bei mir heißt das "Einführung in…". Ich werde immerzu nur oberflächlich eingeweiht. Den Rest kann ich mir irgendwoher selbst zusammensuchen. Mich macht es wütend – wenn schon entmündigen, dann bitte so, dass ich am Ende in irgendetwas wirklich gut bin. Wir aber sollen mit unserem Abschluss genauso viele Vokabeln können wie Magistranden, die wichtigsten Theorien kennen, die Sprache beherrschen und mindestens ein Praktikum gemacht haben. Tatsächlich mache ich meine Praktika in den Semesterferien. Große Rucksackreisen werden weiter aufgeschoben. So heißt es für mich stets Japanologie only, Studium generale bleibt fachidiotisch peripher. Ich probiere, in meiner Freizeit ein bisschen mehr zu lesen, mehr kennenzulernen, mich umzusehen. Wenn ich dann aber eine Vorlesung absitzen muss, die mich nicht die Bohne interessiert, ist es mir schade um die vergeudete Zeit. Ich habe ja noch das Glück, in Frankfurt zu wohnen. Kommilitonen pendeln stundenlang. Statt eines Hobbys wählen sie dann wohl eher einen Job. Die meisten, so auch ich, um das Geld für einen Japanaufenthalt zu sparen. Früher hatte man die Chance, ein Stipendium des DAAD zu bekommen. Der hat sich aber noch nicht auf Bachelor umgestellt. Ich kann also momentan nur privat nach Japan. Wir sollten aber dringend ins Ausland, heißt es.

Unser Image ist nämlich ziemlich schlecht. Manche Lehrende sagen uns nach, wir seien desinteressierter, unselbstständiger, unmotivierter als Magistranden. Und auf dem Arbeitsmarkt unbeliebter. Verlage, zum Beispiel, zögen die alten Abschlüsse vor. Ein Bachelor sei für sie zu oberflächlich. Vielleicht bin ich mit einem Master mehr wert? Ich würde gerne einen machen, aber letzten Endes entscheiden darüber meine Noten aus dem Bachelorstudium. Von wegen entspannteste Zeit im Leben – jede Prüfung zählt. Den Masterabschluss dranhängen zu wollen macht mich jedoch wieder älter als den Regelzeitmagistranden. Ob mich noch irgendjemand nimmt? Sie stellen uns nur weiter unter Druck. Unter diesem Druck, Zeitdruck und Erfolgsdruck, probiert man einen neuen Typ Mensch hervorzupressen, der zu allem Ja sagen soll.

Früher war nicht alles besser. Aber vielleicht ein bisschen passender. Man kann Japanologie eben nicht in drei Jahren erlernen. Vielleicht klappt das mit Physik oder Wirtschaft. Viel Glück!

Alexandra Ivanova, 20 Jahre, studiert im dritten Semester Japanologie auf Bachelor an der Universität Frankfurt