München

Wer später einmal die Geschichte der CSU schreibt, wird an dieser Szene nicht vorbeikommen. Es war am vergangenen Donnerstag, als sich mehrere Hundert Mitarbeiter im Innenhof der Bayerischen Landesbank versammelten. Es dunkelte bereits. Angestellte in dunklen Anzügen und weißen Hemden waren aus ihren Büros gekommen, um ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Der Wut auf die Vertreter des Freistaats, die ihre Bank im Verwaltungsrat kontrollieren sollten und die nun in ihren schwarzen Limousinen vorfuhren, um über den Vorstand der Bank zu richten. Und der Wut auf den neuen Ministerpräsidenten, der da noch gar nicht gewählt war, der aber bereits unmissverständlich den Rücktritt des Bankchefs gefordert hatte.

Es war der Tag, an dem der Neuanfang, den sich die CSU vorgenommen hatte, in einem Desaster zu enden drohte. Wenn selbst die Mitarbeiter der landeseigenen Bank nicht mehr vor der Obrigkeit Halt machen, sondern Transparente hochhalten und Fäuste ballen – welche Ordnung gilt dann überhaupt noch im Freistaat? "Ein bisschen Räterepublik im 21. Jahrhundert" beobachtete die Süddeutsche Zeitung . Und falls sich Horst Seehofer noch Illusionen gemacht haben sollte, dann weiß er spätestens seit diesem Abend, auf welches Abenteuer er sich in München eingelassen hat. Der 23. Oktober 2008 war der Tag, an dem in Bayern alles, aber auch wirklich alles möglich schien.

Nicht einmal fünf Wochen sind seit der Landtagswahl vergangen, bei der die CSU auf 43 Prozent stürzte. Seither erlebt die Partei die Gegenwart wie in einer Zeitmaschine. Veränderungen, die sonst Jahre dauern, ereignen sich im 24-Stunden-Takt. Am Donnerstag revoltierten die Banker. Am Freitag besiegelten CSU und FDP die erste Koalitionsregierung im Freistaat seit fast einem halben Jahrhundert. Am Samstag pfiff die CSU ihren alten Helden Stoiber aus. Am Montag hob Horst Seehofer vor dem Bayerischen Landtag seine rechte Hand zum Amtseid: "So wahr mir Gott helfe!" Von der Tribüne winkte ihm die bayerische FDP-Chefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu. Seehofers Frau Karin klatschte. Und an diesem Donnerstag wird der neue Ministerpräsident sein Kabinett vorstellen.

Kein Wunder, dass vielen CSUlern ganz schwindlig wird und schwarz vor Augen. Ausgerechnet die Partei, die geerdet war wie keine zweite, erlebt eine Beschleunigung ohne Beispiel. Und niemand kann sagen, wie das enden wird: ob die Geschichte dieser Tage und Wochen einmal vom mühsamen Wiederaufstieg der XXL-Volkspartei handeln wird – oder doch von ihrem unaufhaltsamen Abstieg.

Am vergangenen Freitag, die Verhandlungen mit der FDP waren gerade beendet, und der Machtkampf um die Landesbank war vorerst verloren, stand Horst Seehofer im Foyer der CSU-Zentrale und hielt einen Augenblick inne. Nein, von einem Aufbruch wollte er nicht sprechen. Erst einmal gehe es darum, die Partei "zu stabilisieren".

Dass es um die Geschäfte der Bayerischen Landesbank nicht gut steht, war seit Monaten bekannt. Aber wie tief das Kreditinstitut in die Finanzkrise verstrickt ist, wurde erst jetzt deutlich. Ausgerechnet die Bayern LB, die jeweils zur Hälfte dem Freistaat und den bayerischen Sparkassen gehört, musste als Erste Geld aus dem Rettungsfonds der Bundesregierung anfordern, 5,4 Milliarden Euro. Der Freistaat selbst schießt noch einmal 700 Millionen Euro zu, die Sparkassen weitere 300 Millionen. Ob mit diesen Summen tatsächlich alle Risiken, die die Bank eingegangen ist, abgedeckt werden können, vermag niemand zu sagen.