China Hoffnung aus dem Hinterland

In China schließen 10.000 Fabriken, weil die Amerikaner keine Fahrräder, Spielzeuge und Textilien mehr kaufen. In ihrer Not entdeckt die KP neue Konsumenten: Die Chinesen

Sechs Jahre lang, bis 2001, war Xu Kuangdi Bürgermeister von Shanghai. Wer damals als ausländischer Staatsgast China besuchte, dem zeigte ein strahlender Xu die neue, imposante Skyline seiner Stadt. Xu war Chinas unvergesslicher Fremdenführer. Heute ist er Präsident des chinesischen Industrieverbandes – und hat das öffentliche Lächeln verlernt. Mit düsterem Blick steht er an diesem Montag vor einem riesigen Lilien- und Chrysanthemenbouquet im Großen Ballsaal des Beijing-Hotels am Tiananmen-Platz in Peking und eröffnet das Weltforum der Industrieverbände. Xu spricht von der »Instabilität der Weltwirtschaft«, warnt vor den Folgen der internationalen Finanzkrise, »die sich erst noch zeigen werden«. Nun müsse die »Welt als Ganzes« reagieren, sagt Xu. Ausdrücklich bezieht er China in die Krise mit ein – und hat allen Grund dazu. Die Börse in Hongkong erlebt derzeit ihre größte Baisse seit der Asienkrise im Jahr 1997. Noch beunruhigender sind für Xu die Nachrichten aus seinen Branchenverbänden: Nur noch zwei Prozent Wachstum meldet die chinesische Stahlindustrie für das Gesamtjahr 2008 – nach Jahren zweistelliger Wachstumsraten. Auch das rasante Wachstum der chinesischen Autoindustrie ist jäh gebremst: Für 2009 erwartet die Branche bei den Verkäufen gerade noch Nullwachstum. Kohleproduktion und Stromverbrauch gehen ebenfalls zurück. »Ich habe die Schärfe der Krise so nicht erwartet«, räumt Xu ein.

Es gibt Applaus für die Unternehmen, die sich für den Binnenmarkt rüsten

Doch das ist nur die offizielle Interpretation der Dinge. Später am Abend im Großen Ballsaal kommt Xu mit westlichen Unternehmern ins Gespräch und erzählt ihnen einen neuen Witz: Vor 60 Jahren, mit der Bauernrevolution von 1948/49, hätten die Chinesen den Kapitalismus abgeschafft, um China stark zu machen. Vor 30 Jahren, mit den Marktreformen von 1978, hätten die Chinesen den Kapitalismus wieder eingeführt, um China stark zu machen. Und heute, in der Finanzkrise 2008, würden die Chinesen den Kapitalismus in den USA retten, um China stark zu machen. Mit seinem Hohn verrät Xu, dass die Pekinger Verantwortlichen durchaus heimlich frohlocken. Selbst wenn sie die Gefahren des Augenblicks sehen, glauben sie, dass China am Ende als Sieger aus der Krise hervorgeht. Doch wehe ihnen, wenn sie es laut sagen würden! Viele Millionen Chinesen, die jetzt um ihren Arbeitsplatz fürchten oder ihn schon verloren haben, wären empört.

Einer von ihnen ist Zhang Zhikun. Der 32-Jährige arbeitet in einer Spielzeugfabrik. Gemeinsam mit zwei Kollegen lebt er in einer Zweizimmerwohnung im ersten Stock eines neuen Apartmenthauses in der südchinesischen Küstenmetropole Shenzhen nahe Hongkong. In diesem Oktober sanken ihre Monatslöhne um 40 Prozent, statt umgerechnet 500 Euro verdienen Zhang und seine Kollegen jetzt nur noch 300 Euro. Der Grund: Zhangs Firma Chuangyi produziert für den amerikanischen Markt. Dort ist die Nachfrage für Spielzeug eingebrochen. Im Oktober gab es für Zhangs Fabrik bisher keine neuen Aufträge. »Ich habe Angst, wir alle haben Angst, wir reden auch darüber«, sagt Zhang. Seine Chefs haben angekündigt, dass noch bis Jahresende 2,5 Millionen Arbeiter in der Region um Shenzhen ihren Job verlieren werden. Er spart deshalb, so viel er kann. Er geht am Wochenende nicht mehr in den Park, wo er früher immer Geld für Getränke und Essen ausgegeben hat. »Man muss sich irgendwie durchschlagen, wenn das Schlimmste kommt«, sagt Zhang, und es hört sich an, als rechne er genau damit.

Die gleiche Rechnung macht auch Zhou Qiren auf. Nur Angst hat er dabei nicht. Der Spitzenökonom am China-Zentrum für Wirtschaftsforschung in Peking glaubt an die Überlebenskünste der Durchschnittsbürger. »Die Leute werden jetzt harte Zeiten erleben, in den nächsten sechs Monaten wird die Arbeitslosigkeit hochschnellen, aber jeder Wanderarbeiter hat ein paar Tausend Yuan gespart und wird die Krise irgendwie überbrücken«, sagt Zhou. Für die Zeit danach, die seiner Auffassung nach schon Mitte 2009 beginnen könne, sieht er Chancen auf Besserung.

Zhou redet die Probleme nicht klein. Chinas Wirtschaft sei bedroht, sagt er, weil Export- und Importgeschäfte 60 Prozent des Bruttosozialproduktes umfassten. Nun würde die Nachfrage im Westen infolge der Finanzkrise sinken, und das chinesische Exportwachstum habe bereits in den ersten acht Monaten des Jahres um acht Prozent nachgelassen. »Ich war im Oktober in Südchina. Überall schließen Fahrrad-, Textil- und Spielzeugfabriken«, berichtet Zhou.

Doch die Schuld dafür gibt der Ökonom nicht allein den jüngsten Krisenentwicklungen: Die chinesischen Unternehmen hätten es sich in den letzten Jahren bequem gemacht, sagt Zhou. Sie hätten mit einem festen Wechselkurs zum Dollar rechnen können und sich deshalb ausschließlich auf das Exportgeschäft konzentriert. Sie hätten überinvestiert und würden jetzt überproduzieren. Deshalb stehe man nun vor einer neuen Herausforderung: »Wir haben die Wahl: Entweder wir machen weiter nur Export, Export, Export und richten uns auf eine lange Rezession ein, oder wir schaffen ein neues Gleichgewicht zwischen Export- und Binnenwirtschaft«, sagt Zhou.

In diesem neuen Zwang zur Verlagerung von Investitionen und Produktion auf den Binnenmarkt erkennt Zhou Chinas Chance. Er applaudiert jenen Unternehmern, die schon heute ihre Fabriken von den teureren Küstenstandorten für den Export weiter westlich in billigere Hinterlandprovinzen wie Anhui, Hubei oder Sichuan verlegen, um wieder, wie vor der Marktöffnung vor 15 Jahren, stärker für den Binnenmarkt zu produzieren. Dort, in Metropolen wie Wuhan und Chongching, wachse die Wirtschaft auch dann noch um 20 Prozent, wenn im nächsten Jahr das Gesamtwachstum wie erwartet auf acht Prozent zurückfalle.

»In Ländern wie Deutschland ist alles schon perfekt, jede Dorfstraße ist asphaltiert, jedes Haus geheizt«, sagt Zhou. In China sei das anders. Man müsse nur Peking verlassen, schon sei die Nachfrage nach besserer Infrastruktur und neuen Wohnungen überall greifbar. Der Staat müsse nur etwas nachhelfen, sagt Zhou und fordert deshalb eine neue Pekinger Investitionspolitik, die Straßen- und Wohnungsbau fördere. Ebenso wichtig für die Ankurbelung der Binnenkonjunktur sei die gerade verabschiedete Landreform, die es den chinesischen Bauern leichter mache, ihr im Prinzip unverkäufliches Land über Pacht- und Leasingverträge für die Urbanisierung zur Verfügung zu stellen. Damit könne eines der größten Hindernisse für die Entwicklung des Binnenmarktes beseitigt werden, sagt Zhou. Sollte die Regierung außerdem seine Vorschläge für den Wohnungs- und Straßenbau erhören, sieht der Ökonom Chinas Wirtschaft bereits in einem Jahr wieder auf einem nachhaltigen Wachstumspfad.

Tatsächlich steuert Peking bereits kräftig um. Bis vor drei Monaten sorgte sich die Regierung noch maßgeblich um zu starke Preissteigerungen und ein zu schnelles Wachstum. Inzwischen ist die Inflation von acht Prozent im Februar auf nur noch vier Prozent und das bis zum Sommer noch zweistellige Wachstum auf neun Prozent gefallen. Die chinesische Zentralbank senkte daraufhin Anfang des Monats im Einklang mit anderen Zentralbanken die Zinsen. Anschließend gab Peking einen neuen Eisenbahnplan bekannt, der einen schnelleren Ausbau des Schienennetzes von 2.000 auf etwa 5.000 Kilometer vorsieht. Die Zentralregierung nannte außerdem 18 Lokalregierungen, die in diesen Tagen neue Programme für den Wohnungsbau auflegen. Jing Ulrich, Chefökonomin für China bei der US-Investmentbank JPMorgan, zweifelt nicht an der Wirksamkeit des Regierungsprogramms. »Trotz der Wahrscheinlichkeit einer globalen Rezession besitzt Chinas Führung die Fähigkeit und Entschlossenheit, seine Wirtschaft neu zu starten«, sagt sie.

Solche Prognosen aber lassen die Erwartungen an China weltweit in den Himmel schießen. Der renommierte Ökonom Jesper Koll, Chef der Beratungsfirma Tantallon Research in Tokyo, sieht China in einer einzigartigen Position in der Weltwirtschaft. »Es muss Vertrauen in neues Wachstum her, sonst ist es bald kein Blödsinn mehr, von einer Depression zu sprechen«, sagt Koll. Nur China könne derzeit dieses Vertrauen erzeugen.

»Ein Nichtschwimmer kann anderen nicht das Leben retten«

Dafür aber hört man von den Verantwortlichen in Peking relativ wenig. Die eigene Sache gut zu machen sei der größte Beitrag Chinas, hat Partei- und Staatschef Hu Jintao die Welt wissen lassen. Die Chinesen würden sich hinter den Europäern verstecken, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Asien-Europa-Gipfel in Peking am vergangenen Wochenende den Eindruck. Da bemühte sie sich um chinesische Unterstützung für eine Reform der internationalen Finanzaufsicht. Ökonom Zhou Qiren gibt der Kanzlerin recht: »China muss jetzt aktiver sein als früher.« Immerhin geht Zhou jetzt davon aus, dass mit Wen Jiabao der Regierungschef am Mitte November in Washington geplanten Weltfinanzgipfel teilnehmen wird. Als Merkel in Peking fragte, wer China in Washington vertrete, erhielt sie keine Antwort.

Doch das Zögern der KP-Spitze ist auch verständlich. Zu groß ist die Gefahr, der Verlockung von Arroganz und Überheblichkeit nachzugeben. Xu Kuangdi tut im Großen Ballsaal des Beijing-Hotels genau das, wenn er darüber scherzt, dass China vielleicht den amerikanischen Kapitalismus retten könne. Sein Vize beim Industrieverband, Wang Qinping, spricht eine ganz andere Sprache: »Von wegen Hilfe leisten! China ist dazu nicht in der Lage. Ein Nichtschwimmer kann anderen nicht das Leben retten«, sagt Wang. Schon seien 10.000 chinesische Fabriken pleitegegangen. Auch würden Chinas Devisenreserven von 1,9 Billionen Dollar maßlos überschätzt. »Das Geld gibt es nur in den Büchern, und die Reserven sind durch Fehlinvestitionen in den USA stark geschrumpft«, sagt Wang. Er glaubt, dass die Finanzkrise ein Weltereignis von historischer Tragweite ist. »Die Karten werden neu gemischt«, sagt er, »aber bestimmt nicht von China.«

 
Leser-Kommentare
  1. Als meine Frau und ich vor drei jahren Beijing besuchten sagte ein chinesischer Politiker, wenn man zwei Jahre lang den kapitalistischen Markt bedient habe, koenne man den eigenen nutzen. Absichten, das Land damit auch voran zu bringen duerfen wohl angenommen werden. Quis Vetat?

  2. China bezeichnet sich gern als mächtigstes Wirtschaftsland der Welt, argumentiert jedoch zugleich, ein rückständiges Entwicklungsland zu sein, das heute noch finanzielle Subventionen von Deutschland akzeptiert. Beides zugleich verträgt sich schlecht, obschon es vielleicht sogar stimmt.

  3. wird nur von der auslaendischen Presse hochgelobt. Die Transperenz ist dort nicht gegeben. Viele Zahlen ueber wirtschaftliche Erfolge haengen deutlich vom Export ab und bei den vielen Skandalen vergifteter Produkte des vergangenen Jahres sowie der Boykotte durch die menschenverachtene Politik der Oberen dort, wird es zu einer weiteren Wirtschaftskrise fuehren. Der Ausbau der inneren Wirtschaft kann nicht mit dem jetzigen System konform einhergehen. Ohne Freiheit der normalen Arbeiter dort wird es zu lautstarken Protesten kommen. Hat das Volk keine Arbeit mehr und wird weiter von den lokalen Beamten drangsaliert sinkt die Hemmschwelle aufzubegehren. China wird auch nicht in der jetzigen Weltwirtschaftskrise eine grosse Hilfe sein, da die inneren Probleme nie geloest wurden. Das Haus wurde nur mit einer frischen Farbe angestrichen, der Schimmel im Haus wurde nicht entfernt.
    Und wieder soll das Hinterland die Probleme loesen, die Bauern in China die mit Abstand die groesste Bevoelkerungsgruppe ist und die am meisten gelitten hat.

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