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Sie ist gewiss nicht die leichteste Geliebte, die man unter den deutschen Dichterinnen haben kann. Schon Gottfried Benn genierte sich seiner Freundin Else Lasker-Schüler: Er konnte nicht "mit ihr über die Straße gehen, ohne dass alle Welt stillstand" angesichts der extravaganten Frau mit den "unmöglichen Obergewändern" und dem grellen "Dienstmädchenschmuck". Und passen Benns Worte nicht auch auf ihre Kunst? Blitzt nicht auch das Werk dieser Poetin von Talmi und Strass, bauschen sich da nicht exotische Kostüme und wilde Maskeraden? In der Tat hat sie sich ihre Metaphern von überall her geholt, vom Himmel gepflückt, aus Märchen geklaubt, aus fremden Welten und fernen Zeiten geklaut. Aber wie niemand sonst hat Else Lasker-Schüler die Klänge, Echos, Reize, Düfte und Farben der Worte verknüpft zur ihrer eigenen Sprache. Nicht mit Strassschmuck, nur mit seinem Glanz hat sie gedichtet. Noch im Jerusalemer Exil baute sie aus den Trümmern der Welt Werke von solch desolater Schönheit, dass man still davor werden muss. In einer selten runden Hörbiografie erzählt Nina Hoger in Begleitung des Klezmer-Ensembles Noisten das Leben der armen, bildervollen Dichterin anhand von Zeugnissen und Gedichten (Tiefer beugen sich die Sterne, Griot Hörbuchverlag, Filderstadt 2008, 72 Min., 19,80 €)

Wer nur die phantasto-poetische Else Lasker-Schüler kennt, wird kaum glauben, dass das Drama Die Wupper von der selben Autorin stammt. Ganz ohne lyrische Himmelsstiege stolpert man hier in ein Arbeiter- und Bürgermilieu des 19. Jahrhunderts, sitzt plötzlich mittenmang bei Mutter Pius und Opa Wallbrecker. Einer will raus aus dem Mief, ein Mädchen wird verführt, na, und was die Leute halt sonst noch so treiben. Man könnte sagen, es geht um Standesgrenzen, Aufstiegsträume und Abstiegsängste, um Menschenschwäche und Schweinereien. Man könnte, aber es träfe die Sache nicht. Denn Die Wupper führt keine Themen durch bis zur moralischen Vollstreckung. Das Stück ist ein Gesellschaftstableau in Wopperdaler Platt, realistisch, hart, offen. So apart Lasker-Schüler sonst dichtet, so beiläufig plänkelnd entwickeln sich hier die Szenen (nur Kinder und Kranke dürfen ein bisschen lasker-schüleresk daherreden). Deshalb ist das nun wiederveröffentlichte Hörspiel, das der WDR 1978 aus der Wupper gemacht hat, auch kein schneller Hörstoff. Langsam erst erkennt man, wie echt und reich die knapp skizzierten Figuren sind, was hier alles passiert. Der Titel- und Kindheitsfluss der Autorin plätschert dahin als schwappende Tonfolge, die den Siebzigern verpflichtet bleibt. Doch die Stimmen sind mit den Jahren gereift. Schauspieler wie Heinz Schacht und Grete Wurm haben solche Kleine-Leute-Typologien, die sie darstellen, noch erlebt. Sie sind ausgestorben, diese lieben, elenden, schlimmen Menschen, die man herzen möchte, bis man ihre hilflose Gemeinheit erkennt. Else Lasker-Schüler wusste schon, warum sie ihre Heimat, der sie dieses zärtliche, zwiespältige Denkmal setzte, früh verlassen hat.

Else Lasker-Schüler: Die Wupper

Regie: Heinz Dieter Köhler, mit Brigitte Horney u. a.; edition parlando, 2 CDs, 104 Min., 19,95 €

Foto: akg-images