An diesen Tagen soll es fürchterlich geregnet haben. Angeblich. Vielleicht war das aber auch nur eine wohlfeile Ausrede. Denn die brauchte das mächtige Rom nach der Katastrophe im fernen Germanien, die wir heute als Varusschlacht bezeichnen: Eine imposante Armee von drei Legionen mit über 15000 Kämpfern war in den letzten Septembertagen des Jahres 9 nach Christus in einen Hinterhalt gelockt und in mehreren zermürbenden Schlachten vernichtend geschlagen worden. Hinterlist und Verrat hätten die tapferen römischen Legionäre das Leben gekostet, hieß es bald. Und dann noch der starke Regen: Die völlig durchnässten Soldaten hätten weder Ausrüstung noch Waffen richtig nutzen können, auf den aufgeweichten unbefestigten Wegen Germaniens den Halt unter den Füßen verloren und seien so leichte Opfer der Germanen geworden.

Was damals wirklich geschah, darüber geben die antiken Quellen zwar nur spärlich Auskunft. Zumindest aber das angeblich schlechte Wetter dürfte für den Untergang der römischen Legionen nicht verantwortlich gewesen sein – ausschlaggebend war das taktische Geschick des Gegners, der die geografischen Gegebenheiten Germaniens nutzte. Entscheidender war ohnehin die Nachwirkung der Schlacht: Mit ihr betrat Hermann der Cherusker (der eigentlich Arminius hieß) die Bühne der deutschen Geschichte – und sollte sie bis heute nicht wieder verlassen. Aus dem Gefecht im Teutoburger Wald als Sieger hervorgegangen, wurde Arminius später als »Retter Germaniens« und schließlich sogar als »Befreier Deutschlands« gefeiert. Er avancierte seit Beginn der Neuzeit zu Everybody’s Darling der deutschen Nationalgeschichte.

Jetzt rüstet sich Deutschland für die 2000-jährige Wiederkehr der Varusschlacht. Das Jubiläum bietet eine gute Gelegenheit, diesen Helden als nationale Konstruktionsleistung zu verstehen: Wann immer es um die Einheit und um die Freiheit ging, bemühten die Deutschen ihren »Hermann«. Allerdings schufen sie einen historischen Scheinriesen: Je weiter die historische Tat entfernt war, desto imposanter wurde der Held. Dass die antiken Quellen wenig über den Cherusker hergeben, störte diesen Prozess der Verherrlichung nicht. Es erleichterte ihn vielmehr.

Die Römer tappen in eine Falle, ohne Absicherung marschieren sie los

Der historische Arminius war zunächst einmal ein junger Mann aus gutem Haus, der vermutlich im Jahr 16 vor Christus geboren wurde. Mit Talent und etwas Glück gelang ihm eine beeindruckende militärische und politische Karriere innerhalb seines Stammes, der Cherusker. Dieser war einer jener zahlreichen germanischen Stämme, die vor 2000 Jahren in Mitteleuropa siedelten. Sie bildeten entgegen weitverbreiteter Vorstellung allerdings alles andere als ein »Germanien einig Vaterland«: Stammesinterne wie -übergreifende Konflikte waren an der Tagesordnung. Politisch uneins waren sich die Stammesführer vor allem bei der Frage, wie sie es mit den Römern halten sollten, die seit der Besetzung ganz Galliens durch Julius Cäsar zwischen 58 und 51 vor Christus nun am Rhein standen und ihre Herrschaft auch in dieser Region beanspruchten.

Arminius hatte sich entschieden: für die Römer. Ebenso wie sein Bruder besaß er das römische Bürgerrecht, einige Biografen vermuten sogar einen längeren Aufenthalt und entsprechende Ausbildung in Rom. Sicher ist hingegen, dass Arminius als Führer einer militärischen Einheit die Legionen des Imperiums unterstützte. Die Cherusker stellten ebenso wie andere Völker dem römischen Heer eigene Truppen, sogenannte Auxiliareinheiten, zur Verfügung. Arminius befehligte eine solche Einheit, vermutlich war er sogar selbst schon einmal mit den Legionen Roms in den Krieg gezogen.

Das Bild, das sich die Römer von ihren germanischen Gefolgsleuten (aber auch von ihren germanischen Feinden) machten, war maßgeblich von Julius Cäsar geprägt, der diese Stämme in seinem Gallischen Krieg ausführlich beschrieben hatte. Diese Darstellung war auch maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Fremdbezeichnung »Germanen« ihren Siegeszug antrat. Denn als solche bezeichneten sich die Chauken oder Friesen, die Semnonen, Cherusker oder Markomannen selbst keineswegs. Sie bildeten auch nicht jene kulturelle und ethnische Einheit, die damit suggeriert wurde.