Finanzkrise Geht's noch?
Weniger Geschäftsreisen, mehr Last-Minute-Trips: Wie sich die Bankenkrise auf den Tourismus auswirkt
Fahren viele Deutsche jetzt nicht mehr in Urlaub?
Diese Angst kursiert in der Branche, die im September noch sehr gut verdiente. »Ich bekomme verzweifelte Anrufe«, sagt Stephan Busch, Präsident der Allianz selbständiger Reiseunternehmen. »Die Leute sagen: Unser Reisebüro ist auf einmal wie leer gefegt.« Dass die Wirtschaftslage manche Deutsche in ihren Ferienplänen beeinflusst, dafür spricht die »Reiseanalyse 2008«. Für diese Studie unterteilte die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen die Befragten in zwei Gruppen: solche, die glauben, dass es bergauf geht, und solche, die eine Flaute erwarten. Die Ergebnisse offenbaren eine Kluft: Von den Optimisten gaben drei Viertel an, sie wollten bald verreisen. Von den Pessimisten sagte das nur jeder Zweite. Jeder Fünfte dieser Gruppe wollte sich noch nicht festlegen. Offenbar geben viele Deutsche in unsicheren Zeiten ihre Reisepläne zwar nicht auf. Sie legen sie aber auf Eis, bis sie wissen, wie sich die Konjunktur entwickelt.
Und dennoch: Dramatisch ist die Lage nicht. Die meisten Zauderer werden wohl doch noch einen Urlaub buchen. Bislang ließen sich die Deutschen von keiner Krise die Reiselust verderben. Selbst auf dem 11. September 2001 sei nur ein kurzer Einbruch gefolgt, sagt Karl Born, Tourismusforscher an der Hochschule Harz. Nach den ersten grauen Wintertagen stiegen die Buchungszahlen wieder an. »Zumindest ein großer Sommerurlaub ist fest im Jahresplan verankert«, sagt Born. Im Zweifelsfall sparten die Leute dann lieber während des Urlaubs.
Sind Wochenendtrips bald out?
Gut möglich. Anders als der große Sommerurlaub hat die Kurzreise zwischendurch wenig Tradition. Von ihr dürften sich besorgte Deutsche am ehesten trennen. Das Modell »Wochenendtrip« ist in mehrfacher Hinsicht in Bedrängnis. Die Billigflieger, die einen günstig zum Shoppen nach Mailand oder zur Party nach Mallorca brachten, sind nicht mehr richtig billig. Zudem setzt sich wohl die Einsicht durch, dass solche Kurztrips zu stressig sind. In der letzten Zeit deutet sich ein Gegentrend an: Die Deutschen dehnen ihren Haupturlaub wieder etwas aus. Zweit- und Drittreisen sind weniger gefragt. Wie sehr die Finanzkrise diesen Trend verstärkt, wird man im nächsten Frühjahr wissen. »Unsere Kunden reagieren zeitverzögert«, sagt der Reiseunternehmer Busch. »Wer seinen Urlaub schon mit Frau, Kindern und Arbeitgeber abgesprochen hat, sagt ihn ja nicht einfach ab.«
Sind Luxusurlaube nun weniger gefragt?
Nein. Das sagt zumindest die Branche. Studiosus etwa, bei dem eine Dreiwochentour schon mal 6000 Euro kostet, spürt nach eigenen Angaben keine Auswirkungen der Finanzkrise. Die Klientel reagiere kaum auf Wirtschaftsflauten. Wichtiger sei die Frage, ob gerade in einem Urlaubsland eine Bombe hochgegangen ist. Auch TUI berichtet, dass in Krisenzeiten die teuren Angebote weiter gut liefen. Ein Einbruch sei eher bei den günstigeren Reisen zu verzeichnen. Eine Beobachtung, die der Tourismusforscher Karl Born stützt. Seiner Ansicht nach wird die Krise einen Trend verstärken, der seit einigen Jahren feststellbar ist: Das Mittelfeld bricht weg. Auf der einen Seite gibt es einen Markt für maßgeschneiderte Edelreisen, der jeglicher Krise trotzt. Auf der anderen Seite wächst die Zahl der Menschen, die beim Urlaub auf jeden Cent achten – aus Sparsamkeit oder Not.
Und was ist mit den Geschäftsreisen?
Hier dürfte sich einiges wandeln. Die Betriebe werden stärker auf Reisespesen achten. »Sie werden genau überlegen, wer Business Class fliegen darf und bei wem auch ein Bahnticket reicht«, sagt Klaus Laepple, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Tourismuswirtschaft. »Und vielleicht auch überlegen, ob man nicht die eine oder andere Reise ganz einsparen kann.« Schon jetzt verzeichnet Lufthansa einen »deutlichen Rückgang bei den Vorausbuchungen von Geschäftsreisenden«, heißt es aus dem Unternehmen. Laut Laepple trifft das Sparprogramm auch die Hotellerie. SeinePrognose: 5-Sterne-Häuser werden Kunden verlieren, weil Firmen seltener bereit sind, Geld für Designerbett und Marmorbad auszugeben. Profitieren werden 4-Sterne-Hotels, die saubere, nette Zimmer anbieten – günstig genug für die Firmenkasse, schick genug fürs Prestige.
Gibt es auch Profiteure der Krise?
Ja. Dem Last-Minute-Sektor könnte die Verunsicherung nutzen. »Gerade Familien mit mehreren Kindern warten in Krisenzeiten oft bis zu allerletzten Minute«, sagt Karl Born. Sie wollen erst einmal schauen, wie viel Geld in der Haushaltskasse bleibt. Ist dann der Herbst verregnet, der Nachwuchs quengelig, greifen sie zum Last-Minute-Angebot. »Ein Veranstalter, der in letzter Minute die Kinderzuschläge senkt, könnte also gut dastehen.« Auch All-inclusive-Urlaube sind laut TUI derzeit sehr gefragt. »Die Reise muss gar nicht günstig sein. Wichtiger ist, dass sie kalkulierbar ist.«
Wird jetzt wenigstens das Fliegen billiger?
Ja – aber wohl nur vorläufig. Im Moment profitieren Fluggäste von den sinkenden Kerosinpreisen. Lufthansa etwa senkte bereits die Treibstoffzuschläge um drei Euro auf der Kurz- und fünf Euro auf der Langstrecke. Dennoch ist die Lage heikel. Der Luftverkehr spürt stärker als andere Branchen den Wirtschaftsabschwung. Die Auslastung der Lufthansa-Flugzeuge sank schon im September um 2,5 Prozent. Setzt sich dieser Trend fort, müssen schon bald Flugzeuge am Boden bleiben. Auch bei den Billigfliegern steigt der Druck, sich zusammenzuschließen und damit Kosten zu sparen. Die Folge: Das Angebot an Plätzen verknappt sich. »In den vergangenen Jahren haben die Kunden enorm vom scharfen Wettbewerb profitiert«, sagt Michael Engel, geschäftsführender Vorstand beim Bundesverband der Deutschen Fluggesellschaften. Die Ticketpreise sind seit Mitte der neunziger Jahre stark gesunken. Zuletzt aber zogen sie wieder an. Engel erwartet, dass die Tickets noch teurer werden, wenn es weniger Konkurrenz gibt.
Reisen die Deutschen jetzt mehr im eigenen Land?
Das muss sich noch zeigen. An sich ist Deutschland-Urlaub gerade sehr beliebt. Mecklenburg-Vorpommern etwa wird »gebucht wie verrückt«, sagt der TUI-Sprecher Michael Blum, auch außerhalb der Badesaison. In den ersten sieben Monaten des Jahres zählte das Statistische Bundesamt etwa drei Prozent mehr Übernachtungen aus dem Inland als ein Jahr zuvor. In der letzten Zeit allerdings schwächt sich der Binnentourismus etwas ab. Verlässliche Zahlen lägen auch hier erst im Frühjahr vor, sagt Petra Hedorfer von der Deutschen Zentrale für Tourismus.
Reisen jetzt weniger Ausländer nach Deutschland?
Nicht unbedingt. Zwar kämen weniger Besucher aus den USA, sagt Hedorfer. Der Rückgang beträgt zwei Prozent, bis Jahresende könnten es fünf Prozent sein. Auch die Briten kommen seltener. Das heißt aber nicht, dass nun massenweise Zimmer leer bleiben. Zum einen zieht es mehr Asiaten und Osteuropäer ins Land. Hedorfer erwartet hier einen Zuwachs von fünf Prozent. Vor allem aber dürfen die Hoteliers auf mehr Gäste aus den Nachbarländern hoffen. Bei Niederländern etwa, ohnehin die wichtigste auswärtige Besuchergruppe, sind Deutschland-Reisen gerade gefragt. Im ersten Halbjahr 2008 kamen von dort zehn Prozent mehr Besucher als noch ein Jahr zuvor. Und diese Klientel, die gerne im eigenen Wagen anreist, wird weiter wachsen, wenn das Fliegen teurer wird.
Müssen die touristischen Anbieter sich sorgen?
Ja – wenn sie Investitionen planen. Gerade für kleine oder mittelständische Firmen werde es schwieriger, Kredite zu erhalten, sagt Klaus Laepple. Anträge, die vor ein paar Monaten problemlos bewilligt worden seien, stünden auf einmal infrage. Das treffe auch Anbieter, die lange auf dem Markt sind. Für Busreiseveranstalter etwa werde dies ein harter Winter, weil die Gewinnspannen bescheiden seien und günstige Kredite für den Kauf neuer Busse wichtig. Schwerer noch wird es für neue Projekte. Manches lang geplante Hotel könnte nun an den Kreditvorgaben scheitern. »Wir müssen aufpassen, dass wir nicht unsere Zukunft als Tourismusstandort verspielen«, sagt Laepple.
- Datum 30.10.2008 - 13:47 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
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