Gewiss hat das gigantische Rettungspaket der Bundesregierung für die Finanzindustrie die Handlungsfähigkeit der Politik bewiesen. Das war eine beruhigende Erfahrung. Es gab keine verantwortbare Alternative. Welche verheerenden Folgen es hat, wenn der Staat ein Bankhaus wie Lehman Brothers über die Klinge springen lässt, erleben wir gerade. Der so oft zitierte Dominoeffekt ist in geradezu klassischer Form zu besichtigen.

Nun handeln die Regierungen, und sie handeln umsichtig und energisch. Nur müssen wir uns vor dem Irrglauben hüten, alles sei machbar, wenn es nur ausreichend mit staatlichen Garantien unterlegt ist. Wir befinden uns unverändert in einer beispiellosen Finanzkrise, die ein weltweites Systemrisiko hat entstehen lassen. Dieses Risiko ist nicht kalkulierbar, und es ist nicht gebannt. Wir haben nicht etwa den Anfang vom Ende der Krise erreicht, sondern bestenfalls das Ende des Anfangs. Es ist eine Krise, die mehrere Herde hat, nicht nur die faulen Immobilienkredite in den USA und Teilen Europas. Jeder von ihnen birgt schon für sich genommen das Potenzial für eine weltweite Rezession, und gemeinsam können sie die Weltwirtschaft in den Zusammenbruch treiben. Das ist kein gewollt pessimistisches Szenario, sondern eine sehr reale Gefahr. Sie wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass derzeit niemand sagen kann, welches Ausmaß die Kreditkartenkrise in den USA annehmen wird. Und es gibt weitere Risiken in den Bilanzen der US-Finanzindustrie. Die Stichwörter Autokredite und Kreditderivate mögen hier genügen.

Die Lage ist also unverändert bitterernst.

Was ist zu tun? Die Bundesregierung bietet ihr Rettungspaket, das sie mit sehr berechtigten Auflagen versah, auf freiwilliger Basis an. Das ist eine problematische Lösung. Sie überlässt es den Banken, die Finanzhilfen anzunehmen oder auszuschlagen. Damit beschwört sie die Gefahr herauf, dass die Hilfen nicht im erforderlichen Umfang wirken. Es wäre besser gewesen, nach britischem und demnächst auch amerikanischem Vorbild die Geldhäuser bei Unterschreiten einer bestimmten Eigenkapitalausstattung zu einer staatlichen Beteiligung zu verpflichten. Das hätte den unbestreitbaren Vorteil, dass den Banken nicht automatisch eine Schieflage unterstellt wird, wenn sie staatliches Geld akzeptieren. Und überdies hätte die Politik Einflussmöglichkeiten, um den Kreditverkehr unter den Banken wieder in Gang zu bringen.

Es zeigt sich, wie bitter notwendig ein Krisenreaktionsprogramm ist, das die Regierung aus der Notwendigkeit befreit, immer wieder mit Ad-hoc-Lösungen von Fall zu Fall reagieren zu müssen. Die Geldindustrie wäre gut beraten, an einem solchen Programm konstruktiv mitzuwirken. Das Mindeste, was die politisch Verantwortlichen verlangen können, sind verlässliche Informationen. Hier gibt es gänzlich inakzeptable Defizite, wie nicht nur das Beispiel der Bayerischen Landesbank gezeigt hat.

Die weltweite Finanzkrise ist schlimm genug. Die zweite große Gefahr, vor der wir stehen, ist schlimmer – der auf breiter Front drohende dramatische Nachfrageeinbruch. Ein Dominoeffekt kann uns nicht nur in der Finanzindustrie, sondern auch in der Realwirtschaft vor enorme Probleme stellen. Die europäische und vor allem die deutsche Wirtschaft steht, wenn nicht entschlossen gehandelt wird, vor einer brandgefährlichen Verbindung aus Rezession und Deflation. Die Eigendynamik einer solchen Entwicklung wäre, wenn sie erst ein bestimmtes Stadium erreicht hat, kaum noch beherrschbar. Der auf den Rohstoff- und Energiemärkten zu beobachtende Preisverfall ist nicht das einzige Warnsignal für Deflationstendenzen.

Der konjunkturelle Aufschwung war in der Bundesrepublik bereits vorüber, als die Finanzmarktturbulenzen begannen. Nun stehen wir am Rand einer Rezession, die durch Deflationsgefahren noch verschärft wird. So entstand ein Handlungsdruck, dem die Wirtschafts- und Finanzpolitik mit Nachdruck gerecht werden muss. Wenn der Export nachlässt, was bereits klar erkennbar ist, muss die Binnenkonjunktur mit allen Mitteln gestärkt werden. Der frühere Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller (SPD), der 1967/68 die erste schwere Rezession der Nachkriegszeit bändigte, hat dafür die griffige Formulierung geprägt: "Die Pferde müssen wieder saufen." Dieser Satz beschreibt die Situation, vor der wir auch heute stehen.