Der Mann steht in seinem Labor und preist das Produkt, als wäre er Fachverkäufer für Hausgeräte. Das Ding sieht auch aus wie ein Wäschetrockner: viereckig, Metalliclackierung, mit einer großen Klappe. »Viel effizienter« als vergleichbare Modelle und »viel günstiger«, schwärmt George Church. »Es wird nicht mehr lange dauern, bis es in jedem Haushalt steht.«

Church, ein Hüne mit Vollbart und eindringlicher Stimme, ist Genetik-Professor an der Harvard Medical School in Boston. Und der Automat neben ihm, vollgestopft mit Labortechnik – Schläuchen, Röhrchen, Kameras und einer 300-Watt-Xenonleuchte –, ist der »Polonator G 007«. Ein Sequencer der neuesten Generation, ein Roboter, der Erbgut angeblich schneller und billiger entziffert als jede andere Maschine. In den kommenden Jahren will der Forscher damit die Gene von 100.000 Freiwilligen lesen und den Code in einer riesigen Datenbank speichern.

Die erste Etappe ist bereits geschafft: Vergangene Woche verkündete Church, entscheidende Teile der ersten Genome seien sequenziert und würden demnächst veröffentlicht. Unter den zehn Erbgut-Volontären findet sich eine Menge Prominenz: die Internetunternehmerin Esther Dyson etwa, der bekannte Harvard-Psychologe Steven Pinker – und George Church selbst. Auch da erweist er sich als guter Verkäufer.

Ärzte sollen Krankheitsrisiken künftig aus dem Erbgut ableiten können

Das Personal Genome Project (PGP) ist eines der ambitioniertesten Großvorhaben der Genforschung. Weltweit beginnen Forscher damit, riesige Pools menschlicher Genome anzulegen, um sie vergleichen und Unterschiede katalogisieren zu können. Sie wollen das weitgehend kryptische Buch des Lebens, die Folge aus drei Milliarden As, Cs, Ts und Gs, endlich in verständliche Sprache übersetzen. Ein durchaus kontrovers diskutiertes Unterfangen. Studien wie das PGP leisteten einen »enormen Beitrag zum Selbstverständnis des Menschen«, lobt etwa Churchs Kollege Hans Lehrach, Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik; Datenschützer hingegen sehen die informationelle Entrechtung der Bürger herannahen.

Churchs Projekt – das US-Blatt Newsweek wählte ihn dafür 2007 unter die »ten hottest nerds«, die »zehn heißesten Tüftler« – ist nicht nur wegen der gigantischen Zahl von Probanden außergewöhnlich: Der Harvard-Forscher begnügt sich nicht mit etwas Blut oder ein paar Hautfetzen zur DNA-Analyse. Jeder der 100.000 Freiwilligen wird zusätzlich seine Krankenakte einreichen müssen und auf einem umfangreichen Fragebogen intime Details preisgeben: Können Sie die Zunge einrollen? Wohnen Sie in der Nähe von Hochspannungsleitungen? Mögen Sie lieber ein heißes oder kaltes Klima? Wie viele Mahlzeiten nehmen Sie am Tag zu sich? Wie lange sehen Sie täglich fern?

»Wir wollen nicht nur den genetischen Bauplan der einzelnen Menschen erfassen, sondern auch das Gebäude, das daraus entstanden ist«, sagt Church. Erst beim Vergleich von Genotyp und Phänotyp ließen sich Leben und Leiden eines Menschen verstehen. Der Abgleich von Lebensstil und Erbmasse könnte offenbaren, welche Gene Krebs oder multiple Sklerose begünstigen und welche Umweltfaktoren einzelne Gene stärken oder schwächen. Zum Beispiel könnte sich herausstellen, dass eine spezielle Kombination Hunderter Gene Magenkrebs auslöst, aber nur dann, wenn man regelmäßig Gegrilltes isst.

Ärzte sollen künftig Gene und Gewohnheiten eines Patienten mit der riesigen PGP-Datenbank vergleichen und so dessen persönliche Gesundheitsrisiken bestimmen können. Sie wüssten, welche Medikamente bei ihm wirken und welche nicht. Und sie könnten maßgeschneiderte Therapien mit weniger Nebenwirkungen entwickeln. »Es ist heute natürlich schwer abzusehen, was eine personalisierte Medizin für die Menschheit bedeuten wird«, sagt Church. »Ich hoffe aber, dass wir unsere Lebenserwartung schon in ein paar Jahren um 10, 20 Jahre erhöhen können.«

Ob die Vision je Wirklichkeit wird, ist zumindest zweifelhaft. Der Blick in die Gene gibt zwar statistische Wahrscheinlichkeiten preis, die für große Patientengruppen gelten. So kann das Risiko für Alzheimer durch eine Kombination bestimmter Genvarianten steigen oder sinken. Umfangreichere Daten liefern präzisere Vorhersagen – aber es werden Aussagen über Wahrscheinlichkeiten bleiben. Das Schicksal des Einzelnen bleibt ungewiss.

Ohnehin ist Churchs Ziel keineswegs neu. Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten haben Genforscher ähnliche Hoffnungen geschürt. Mitte der achtziger Jahre lud das amerikanische Energieministerium knapp zwei Dutzend Wissenschaftler zu einer Konferenz in das Städtchen Alta im Bundesstaat Utah. Sie sollten eine Methode ersinnen, genetische Mutationen nach radioaktiver Bestrahlung vorherzusagen. Die Forscher, unter ihnen auch der junge George Church, waren sich schon nach einer Viertelstunde einig, dass diese Aufgabe unlösbar war. Im Hotel eingeschneit, blieben sie dennoch und entwickelten eine andere Idee: Lasst uns das menschliche Genom entziffern! Das Human Genome Project war geboren.