Eine "bizarre Verordnung" machte Bild.de in der vergangenen Woche aus, und auch die restliche Onlinepresse reagierte vorwiegend mit Häme: Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig sei seit dem 23. Oktober verpflichtet, das Internet zu archivieren, und Webseitenbetreiber müssten nun ihre Inhalte in PDFs umwandeln und an die staatlichen Archivare liefern.

Abgesehen davon, dass das entsprechende Gesetz schon seit zwei Jahren in Kraft ist: Wenn diese Meldungen korrekt wären, würde es sich tatsächlich um einen Schildbürgerstreich handeln. Das Netz ist ein flüchtiges Medium, und es in starren, druckfähigen Seiten zu speichern wäre etwa so, als würde man alle Fernseh-Talkshows transkribieren und als Buch ins Regal stellen.

Aber diese Annahme ist ebenso falsch wie die Vorstellung, die staatliche Sammelwut würde sich auf alle privaten Weblogs und die Angebote auf eBay erstrecken. Im Gegenteil: Die Verordnung, die nun in Kraft getreten ist, regelt, welche Inhalte nicht in Leipzig archiviert werden müssen. Sie versucht – natürlich mit guter deutscher Gründlichkeit – das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.

Dass viele Onlineinhalte erhaltenswert sind, daran kann es eigentlich keinen Zweifel geben. Vieles aus den ersten Jahren des Internets ist schon heute praktisch verloren für die Nachwelt, weil niemand an die Zukunft gedacht hat. In Zeiten, in denen viele Publikationen nur noch digital erscheinen, seien es Diplom- und Doktorarbeiten oder politische Onlinezeitungen, ist eine dauerhafte Archivierung dringend nötig.

Woanders wird das unbürokratischer gehandhabt: In den USA grast das gemeinnützige Internet Archivedas Netz ab, man kann sich dort etwa die Seite der ZEIT so anschauen, wie sie an einem beliebigen Tag in der Vergangenheit aussah. Für eine staatliche deutsche Stelle gibt es rechtliche Hürden, aber letztlich wird dasselbe Ergebnis angestrebt: dass auch in einigen Jahren noch der Nutzer über eine Onlineschnittstelle nachvollziehen kann, was die Öffentlichkeit im Jahr 2008 diskutiert hat. Und das ist gut so. Christoph Drösser