Kenia Weh auf dem Kilimandscharo
Bergführer Joseph Simbee hört mit 34 Jahren auf. Ein Gespräch über zähe Russen, dicke Amerikaner, »Attacke« brüllende Deutsche und die Schwierigkeiten eines Berufs in 5895 Meter Höhe
DIE ZEIT: Herr Simbee, Sie haben mehr als 300 Mal Touristen auf den Kilimandscharo geführt. Warum hören Sie jetzt auf – mit gerade mal 34 Jahren?
Joseph Simbee: Meine Knie machen nicht mehr richtig mit. Überhaupt ist mein Job auf Dauer gefährlich: Ein Freund, der Führer war, kann seine Finger nicht mehr bewegen. Ein anderer ist am ganzen Körper gelähmt. Die Ärzte empfehlen ja, dass man höchstens zweimal im Monat den Gipfel besteigt. Lunge und Gehirn könnten sonst ernsthafte Schäden erleiden. Ich habe aber jeden Monat drei, vier, manchmal sogar fünf Gruppen auf den Kilimandscharo geführt.
DIE ZEIT: Gibt es in Ihrer Heimat denn keine einfachereren Jobs, als einen 5895 Meter hohen Berg zu erklimmen?
Simbee: Doch, man kann Bananen anbauen, Ziegen züchten, nach Edelsteinen schürfen oder einen kleinen Handel aufziehen. Aber ein Arbeitsplatz im Tourismus ist beliebt. Ein Trekking dauert drei bis sechs Tage und bringt zwischen 100 und 300 Dollar ein. Das ist viel Geld.
DIE ZEIT: Ist es allein der Lohn, der Sie an diesem Beruf gereizt hat?
Simbee: Nein, die Arbeit hat auch viele sehr schöne Seiten. Ich rede gerne mit Fremden und höre mir an, wie sie leben. Die meisten Menschen sind im Urlaub sehr entspannt, manche verraten mir am Lagerfeuer ihre Geheimnisse. Ich bin Buschmann vom Stamm der Sandawe. Da trifft man normalerweise nicht viele Fremde. Ich wollte Führer werden, um Freunde in aller Welt zu finden. Das hat sich erfüllt. David habe ich in Dubai besucht, Afonin in Moskau und Anja und Tommy in Wien. Und ich habe viel über die Eigenheiten der verschiedenen Nationen gelernt.
DIE ZEIT: Gibt es auch nationale Unterschiede in der Art und Weise, einen Berg zu besteigen?
Simbee: O ja. Japaner etwa geben nie auf. »Bring mich hoch, ich zahle mehr!«, sagen sie. Oder: »Zeig mir die Abkürzung. Du kennst doch sicher eine Abkürzung!« Russen sind zäh und rasen schon mal in drei Tagen hoch und wieder hinunter statt in den üblichen fünf oder sechs. Die Leute aus den USA sind oft dick und schwerfällig. Eigentlich ist Schieben ja nicht erlaubt. Nur wer den Berg aus eigener Kraft schafft, ist auch gesund genug für ihn. Aber manchmal drücke ich beide Augen zu, wenn zwei drahtige Einheimische einen schwitzenden Makler aus Seattle Meter um Meter hochbugsieren: Sie können das Extrageld natürlich gut gebrauchen.
DIE ZEIT: Und die Deutschen?
Simbee: Die Deutschen kommen mit Trekkingstöcken an, und viele tragen einen Schnauzbart. Sie überholen gern alle anderen. Sie brüllen: »Attacke!« – »Gemmer!« – »Pack mer’s!« Und wenn es ganz hart wird, schreien sie: »Scheiße!«
DIE ZEIT: Ist Leistung denn so wichtig?
Simbee: O ja. Viele versuchen, einen neuen Rekord aufzustellen. Ein Mann ist rückwärts hochgegangen. Ein anderer mit geschlossenen Augen. Christian Stengl aus Österreich hat die 45 Kilometer vom Nationalparkeingang zum Gipfel in 5 Stunden 36 Minuten und 38 Sekunden geschafft. Das war am 16. Oktober 2004, und ich stand mit am Weg und habe ihn angefeuert. Letztes Jahr war ich mit Fritz oben, Fritz aus Frankfurt – er war 80 Jahre, der älteste Kunde, den ich je hatte.
DIE ZEIT: Woher wissen Sie denn, wie man sich als Bergführer zu verhalten hat?
Simbee: Ich habe ein Diplom als Wildnisführer gemacht. Da lernt man nicht nur alles über das Verhalten der Tiere. Man erwirbt auch das Wissen, um eine Expedition zu führen: Wetterkunde, Sicherheit, Erste Hilfe, Gebrauch von Karte und Kompass. Geprüft wird, ob man auf dem Kocher vernünftige Mahlzeiten zustande bringt, ob man die Umwelt schützt – und ob man in der Lage ist, selbstständig Entscheidungen zu fällen.
DIE ZEIT: Braucht man also Führungsqualitäten, um eine Gruppe auf einen Berg zu leiten?
Simbee: Ja. Die Arbeit ist nicht einfach. Du trägst Verantwortung für bis zu 60 Träger, einen Koch und ein paar Ersatzleute. Du musst aufpassen, dass die Träger sich nicht mehr als die erlaubten 18 Kilo aufladen, plus fünf Kilo für den eigenen Bedarf. Du musst sichergehen, dass sie einen Schlafsack dabeihaben, gute Schuhe, eine Taschenlampe und eine Regenjacke – nicht alle Träger kümmern sich ausreichend um die eigene Gesundheit.
DIE ZEIT: Gibt es manchmal Konflikte zwischen den Trägern und den Kunden?
Simbee: Das kommt vor. Es gibt beispielsweise Touristen, die am Ende einer Reise überhaupt nicht daran denken, Trinkgeld zu geben: In ihren Ländern sei so etwas nicht üblich, behaupten sie, und außerdem stehe nichts davon im Vertrag. Kein Wunder, dass unsere Jungs, die eine Woche lang für sie geschuftet haben, da schon mal richtig sauer werden. Sie sehen das als Kritik an ihrer Arbeit. Außerdem machen die Dollar einen wichtigen Teil ihres Einkommens aus. Am Ende muss ich als Chef dann vermitteln.
DIE ZEIT: Richten sich die Kunden dann wenigstens nach Ihren Empfehlungen?
Simbee: Es gibt immer ein paar Leute, die nicht zuhören und alles besser wissen. Dabei kann es richtig gefährlich werden, wenn sich die Leute über meine Ratschläge hinwegsetzen. Zwei Touristen etwa haben in 4000 Meter Höhe Schnaps getrunken, obwohl ich sie eindringlich gewarnt hatte. Sie sind dann am Herzinfarkt gestorben.
DIE ZEIT: Waren Sie selbst auch einmal in Gefahr?
Simbee: Ja, zweimal. Einmal habe ich in der Dunkelheit beim Abstieg erst die Taschenlampe, dann meine Gruppe verloren – und fiel eine sechs Meter hohe Felswand hinunter. Zum Glück wurde ich nicht ernsthaft verletzt. Das zweite Mal bin ich auf einem der Hanggletscher ausgerutscht, runtergeschlittert und war sicher, dass es jetzt aus ist – aber mein Kunde, ein norwegischer Soldat, hat mich gerettet. Er hat mir einen Eispickel zugeworfen, den ich in den Gletscher bohren konnte – so fand ich Halt. Danach habe ich das erste Mal ernsthaft daran gedacht, aufzuhören.
DIE ZEIT: Und was haben Sie jetzt vor? Reicht Ihr Geld schon für die Frührente?
Simbee: Nein, das kann ich mir nicht leisten. Ich muss ja meine Eltern und meine Verwandten unterstützen. Und die Zweizimmerwohnung bezahlen, in der ich mit meiner Frau, den beiden Kindern und meinem jüngeren Bruder lebe. Ich bin auch nicht gerade sparsam gewesen. Früher habe ich nach einer Expedition schon mal hundert Dollar am Abend in den Kneipen gelassen. Ich habe mir gesagt: Du musst das Leben feiern in den paar freien Stunden, bevor es wieder auf den Berg geht. Jetzt ist das anders. Vor zwei Jahren habe ich geheiratet. Jetzt habe ich eine Privatschule in Arusha eröffnet. Schon mein Vater war Lehrer, ich selbst bin 13 Jahre zur Schule gegangen – Bildung war bei uns immer wichtig.
DIE ZEIT: Die Schule ist Ihre Versicherung für die Zukunft?
Simbee: Ja – aber nicht nur. Sie gibt mir auch die Möglichkeit, etwas für die Kinder am Kilimandscharo zu tun. Mein Herz hängt an dem Berg und seinen Menschen.
Interview: Franz Lerchenmüller
- Datum 05.11.2008 - 10:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
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Hallo,
nach der Lektüre Ihres Kili-Artikel drängen sich mir als zweimaligem Kili-Besteiger folgende Fragen auf:
1. Wo hat Ihr Autor diesen Bergführer aufgetan?
2. Für wen arbeitet dieser Bergführer?
2. War Ihr Autor selbst auch schon auf diesem Berg?
3. Von welcher Route ist im Artikel die Rede?
Ich war Ende der achtziger Jahre auf dem Gipfel und dann noch einmal vor zwei Jahren. Beide Male habe ich die als "Coca-Cola-Route" verschrieene Marangu-Route benutzt.
Die auf ihr arbeitenden Guides und Träger sind allesamt arme Teufel. Guides erhalten durchschnittlich 30-40 Dollar für 3-5 Tage Trekking, Köche um die 25 Dollar, Träger 10-15 Dollar.
Die Führungsqualitäten der Guides beschränken sich auf das Handling ihrer Mannschaft. Vom Berg (Geologie, Geographie, Geschichte, Politik, etc. pp) haben sie keine Ahnung. Medizinische Hilfeleistung im Ernstfall darf man von ihnen nicht erwarten. Erste-Hilfe-Kennntisse sind gleich Null. Die Guides, die ich gesehen habe, führten zwei, drei Pflaster, schmutzige Verbände und unverpackte Spritzen in Zigarrenkästen mit sich.
Die medizinische Versorgungslage auf dem Marangu Trail ist katastrophal. Ein Wunder, dass nicht mehr passiert. Vor zwei Jahren begegneten mir innerhalb von fünf Tagen: ein auf Bahren talwärts getragener Japaner (höhenkrank), sich erbrechende Holländer (dito), eine pausenlos Diamox in sich hineinschüttende Inderin, die auf 5000 m schließlich kollabierte und etliche Touristen, die sich trotz blauer Lippen und Zungen (ernstes Zeichen von Höhenkrankheit) von ihren Guides bergan schieben ließen.
Josephs Gehalt ist traumhaft, seine Reisen - und offentlich auch seine Bildung - in alle Welt auch. Kann es sein, dass er für einen europäischen Reiseveranstalter arbeitet? Bravo, wenn er es tatsächlich schafft, mit Mitte 30 abzuspringen. Ich jedenfalls habe ich Marangu, wo die meisten Guides und Träger leben, Bergführer im Ruhestand getroffen, die auf dem Berg herumkletterten, bis sie über 60 waren. Weil sie und ihre Familien sonst verhungert wären. Deshalb sind sie alle für Extra-Prämien empfänglich und tun Dinge, die man über 4000 m nicht tun sollte. Wie offensichtlich höhenkranke Kunden weiterzuschleifen, weil diese unbedingt auf dem Gipfel stehen wollen.
Apropos Gepäck: Die 18 kg Mindestgepäck sind ein Witz. Lasten von 25 bis 35 kg sind die Norm.
Ausrüstung: Die meisten Träger auf dem Marangu Trail laufen in Lumpen und in Gummisandalen. Mein letzter Guide trug einen drei Nummer zu kleinen, pinkfarbenen Skianzug für Damen.
Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören.
Viele Grüße,
Ole Helmhausen
Ich habe Joseph Simbee in Arusha getroffen und bin mit ihm für das Gespräch einen Tag auf der Marangu-Route bis zur Mandara-Hütte aufgestiegen. Auf dem Gipfel war ich nicht mit ihm.
Joseph hatte eine gute Ausbildung und einiges Glück. Angestellt ist er bei einer Firma in Arusha, arbeitet aber, wie Ole Helmhausen richtig vermutet, hauptsächlich für namhafte ausländische, auch europäische Anbieter. Damit steht er keinesfalls exemplarisch für das Gros der Guides und Träger am Kili.
Was den Lohn angeht: Sehr viel höher als der anderer Guides ist auch Josephs Verdienst nicht. Den Löwenanteil des Einkommens macht bei Guides und Trägern bekanntlich das Trinkgeld aus – und dessen Höhe hängt wiederum eng mit der Zufriedenheit der Gäste zusammen.
Josephs Geschichte und die Anmerkungen von Ole Helmhausen unterstreichen vor allem eines: Es lohnt sich, etwas mehr Geld auszugeben und eine Tour auf den Kilimandscharo über einen renommierten Veranstalter zu buchen. Natürlich ist auch dies noch keine Garantie, einen kenntnisreichen, risikobewussten und erfahrenen Guide zu bekommen – aber die Chancen dafür stehen doch besser.
14.11.08 Franz Lerchenmüller
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