Prager Frühling Kafka kam nach Liblice
Deutsche und tschechische Intellektuelle diskutierten über den Beginn des Prager Frühlings

© LIBOR HAJSKY/AFP/Getty Images
Prager Frühling: Am 21. August 1968 beenden einmarschierende Truppen des Warschauer Paktes mit Waffengewalt den Versuch der tschechoslovakischen Kommunistischen Partei, einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" zu schaffen
Können Dichter die Welt verändern? Jedenfalls hat Kafka das 1963 in Liblice getan. Weil das leicht gesagt und schwer zu erklären ist, hat sich vor einigen Tagen eine Gruppe von deutschen und tschechischen Intellektuellen in diesem prachtvollen Barockschloss nordöstlich von Prag getroffen, um zu rekonstruieren und zu diskutieren, was damals passiert ist. Es war nämlich der Anfang jenes Dammbruchs, der im Prager Frühling 1968 die ersten Bastionen wegspülte und 1989 ein ganzes Imperium.
Was hat Kafka damit zu tun? Er war doch nur ein Dichter, stammte aus Prag, schrieb auf Deutsch, war Jude, hatte erst den österreichischen Pass und nach 1918 den tschechoslowakischen. 1938, als die Deutschen das Land besetzten, war er längst gestorben (1924), seine Bücher wurden verboten, und später setzten die Kommunisten die Repression mit anderen Mitteln fort. Erst 1965 konnte eine Übersetzung des Process-Romans erscheinen, und die Schriftstellerin Alena Wagnerová erinnerte sich daran, wie ihr als junger Frau der Name Kafka zugeflüstert wurde. Als sie dann zum ersten Mal den berühmten Anfang des Processes las: »Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eine Morgens verhaftet«, fand sie das, was da beschrieben wurde, »völlig normal«, es war ihr und allen, die das lasen, aus den stalinistischen Prozessen vertraut, »nur hatte es noch niemand aufgeschrieben«. So begann die politische Wirkung eines unpolitischen Autors.
Nun gut, aber was hat es mit diesem Liblice auf sich? Zuallererst mussten sich die Deutschen, die gerne italienisch artikulierten, sagen lassen, dass das Wort auf der ersten Silbe betont und dass das »c« wie »z« ausgesprochen wird. Dann, dass dieses nach 1945 enteignete Schloss in den Besitz der Akademie der Wissenschaften kam. Drittens, dass einige Germanisten aus der Akademie, darunter der berühmte Eduard Goldstücker, auf die Idee kamen, zum 80. Geburtstag des Dichters eine Tagung zu veranstalten. Zu der wurden auch namhafte Schriftsteller und Wissenschaftler aus der DDR und aus Österreich eingeladen. Anna Seghers zum Beispiel war auch dabei, aber sie hat sich nicht zu Wort gemeldet, vermutlich weil sie wusste, wie heikel der Fall Kafka war. 1962 hatte Sartre eine Rede über Kafka gehalten, die dann in der DDR-Zeitschrift Sinn und Form abgedruckt wurde, was schließlich dazu führte, dass deren Chefredakteur Peter Huchel gehen musste. Es war Walter Ulbricht, der die Konferenz in Liblice als den Beginn des Abfalls vom wahren sozialistischen Weg bezeichnete, um die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakts zu rechtfertigen. Seitdem gilt »Liblice« als Symbol für die kleine Macht, die der Geist gegen die große Macht trotz allem besitzt. Und das war der Grund, weshalb Roland Reuß und Peter Staengle, in deren Institut für Textkritik die neue Kafka-Ausgabe erarbeitet wird, diese Tagung mit dem Titel Kafka und die Macht organisiert hatten, unterstützt von tschechischen Institutionen sowie der Kulturstiftung des Bundes.
Es entsteht nun aber, wenn man die Historie derart entspannt und vermutlich fehlerhaft resümiert, der Eindruck eines abgeschlossenen Kapitels. Nichts aber ist jemals wirklich abgeschlossen, und schon gar nicht sind es die wahrhaft entsetzlichen Untaten, die in Namen des Kommunismus wie des Nationalsozialismus begangen wurden. Sie kamen auf dieser Tagung mit Urgewalt wieder hoch. Der Journalist und Kritiker Alexej Kusák, inzwischen 80 Jahre alt, zog seinen Judenstern hervor, zeigte ihn der Versammlung und berichtete, wie er als Kind Tag für Tag seinen Verwandten beim Packen half. Es hieß, man werde nach Polen reisen, und die Tante nahm ihr Abendkleid mit, weil sie dachte, im eleganten Polen werde sie darin einen guten Auftritt haben. Kusák erzählte, wie eigentlich er die Idee zu dieser Tagung gehabt habe und wie er sich gegen den opportunistischen Goldstücker habe durchsetzen müssen. Da brach nun der Protest anderer Zeitzeugen los, und alles war wieder da, die Erinnerung an den fortdauernden Antisemitismus, wie er in den Slánský-Prozessen von 1952 hervorgebrochen war, die Erinnerung an eine Zeit, da ein falsches Wort den Tod bedeuten konnte, und der alte ideologische Streit tobte unter neuen Vorzeichen. War nicht die Konferenz von 1963 lediglich eine Kontroverse unter Kommunisten, und ist nicht die Idee eines »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« bestenfalls eine schöne Selbsttäuschung? Und ist das der Grund, weshalb der Prager Frühling im neoliberalen Tschechien von heute keine Rolle zu spielen scheint? Was den 2000 verstorbenen Goldstücker betrifft, Mitglied der tschechoslowakischen Exilregierung: Er war 1951 wegen Hochverrats verurteilt worden, hatte den Schock der Wiederbegegnung mit dem Antisemitismus erlebt und nach seiner Rehabilitierung jeden Grund zur Vorsicht.
Auf einmal sah es so aus, als wäre die Liblice-Konferenz nichts anderes gewesen als eine versteckte Stalinismus-Debatte, in der die Antisemitismus-Debatte versteckt war, auf einmal schien diese Erinnerungskonferenz zur schieren Wiederholung verdammt. Jemand äußerte den Verdacht, man sitze dem Verdacht der Geheimdienste auf, wenn man Liblice eine derart politische Bedeutung zumesse, und ein anderer entgegnete: Liblice habe diese Bedeutung in jedem Fall, gleichgültig, aus welcher Wurzel sie stamme. Währenddessen hatte sich draußen ein dichter Nebel übers Schloss gesenkt. Wie ein Raumschiff aus einer ferner Welt lag es da, perfekt restauriert mit Mitteln der EU, und wer sich bei einem Spaziergang den Kopf frei machen wollte, atmete den vertrauten Ostblock-Smog, wie er noch immer aus Braunkohleöfen übers Land schwebt, und er sah die Tristesse dieses Dörfchens, das aussah, als würde die alte Zeit nie vergehen können.
Aber Kafka! Roland Reuß erhob ärgerlich Einspruch und sagte, die politische Interpretation des Processes sei eindimensional. Zeige nicht der Roman, dass Josef K. eine höchst ambivalente Figur sei, keineswegs nur ein Opfer? Ja, stimmte man ihm zu, schon wahr, aber das gelte auch für jene Heroen, die damals mit Kafka den Aufstand geprobt hätten. Plötzlich sah man, wie politisch seine Texte sind, vielleicht gerade deshalb, weil sie mit Politik gar nichts zu tun haben.
- Datum 03.11.2008 - 20:22 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
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Eine bestechende Parallele findet sich zwischen der Kafka-Konferenz (mit der zentralen Rolle der "Prozess"-Interpretation) als Vorspiel des Prager Fruehlings und der Rolle der Faust-Inszenierung von Wolfgang Heinz und Adolf Dresen am Deutschen Theater fuer das, insgesamt natuerlich recht bescheidene, DDR-1968.
Diese Inszenierung rief Aktivitaeten der hoechsten Staatsorgane auf den Plan, einschliesslich fachmaennischer Kommentare Walter Ulbrichts, der ja 1962 das DDR-Projekt zum "3. Teil des Faust" erklaert hatte. Die offensichtliche Sprengkraft unter aehnlichen realsozialistischen Bedingungen haben "Prozess" und "Faust" also gemeinsam, geht die Aehnlichkeit vielleicht noch tiefer?
Bei Faust wird jeder sofort zustimmen, dass er "nicht nur Opfer" ist, was gerade so fuer Josef K. gilt. Ins Auge springender Unterschied der beiden Figuren ist allerdings - Josef K. hat keinen Mephisto. Er wird nicht vom teuflischen Pudel heimgesucht, sondern "verhaftet". Was waere aber, wenn Mephisto inzwischen im gesellschaftlichen Detail steckt? Versuche man doch nur einmal, den "Prozess" als Wiederaufnahme des Faust-Stoffes unter den Bedingungen des fruehen 20.Jahrhunderts zu lesen: Durch den „Prolog im Himmel“ ist das Faust-Drama ja auch in Anlehnung an das Buch Hiob als Gericht mit lebenslanger Beweisaufnahme fuer oder gegen Faust aufzufassen ; wie Mephisto in die Studierstube dringen die Waechter in Josef K’s Zimmer ein ; sie bieten allerdings keine Erweiterung der Faehigkeiten, sondern nur eine Fortsetzung des "normalen" Lebens unter den Bedingungen des Prozesses an, dieses normale Leben beinhaltet allerdings per se fuer den Europaeer von 1925 einiges von dem, was Mephisto dem Faust bietet: Fliegen, Verjuengung, sexuelle Promiskuitaet. Der Teufelspakt muss gar nicht erst geschlossen werden, da er der Gesellschaft bereits inhaerent ist. Deshalb tritt auch Mephisto nicht auf, sondern wird von „ganz normalen“ Kollegen und Bekannten des Josef K.
repraesentiert. Josef K. ist auch keineswegs „besser“ als diese Kollegen, sondern nutzt seine Macht innerhalb der Bank und der Gesellschaft allgemein. Am Ende steht dann ein „Wer immer ganz normal gelebt hat, den koennen wir verdammen“.
Kafka ist im Prozess, seinem ganzen Werk, für mich zuerst nur der andere Autor, der unüberholbare. Aber in diesem "nur" steckt gerade seine explosive Wirkung, auch für uns Heutige noch, die dieser Kafka für die Moderne hat.
Liblice, ein beschönter Ort der EU, ist im einundzwanzigsten Jahrhundert, der Prager Frühling war im zwanzigsten. Was aber haben beide miteinander zu tun? Irgendwie erscheint mir die überlegung herbeigeholt, bewegt einen die Tatsache, dass die Welt seither nicht besser wurde, womöglich der Ehrgeiz der Aufklärung, des Humanismus immer wieder erneut verraten worden ist, dem Pragmatismus, der kurzen Politik.
Kafka steht für mich in erster Linie für die Distanz, für Diskrepanz: für die Freiheit, die sich ergibt, wenn sich das Individuum von Zwängen frei macht, wenn es ins Offene sieht, ins Offene zu sehen aushält, sich abseits der ideologischen Verpflichtung hält - als fundamentales Projekt des eigenen Lebens. Aber wer tut das schon? Wer vermag das in einer Zeit, die mehr denn je Sicherheiten in allen Lebenslagen sucht? Gerne empfängt?
Daher taugt Kafka nicht als Zeuge für bestimmtes heutiges politisches Handeln, eher für Utopien, die keine Konjunktur haben. Also für Handlungsentwürfe, deren Verwirklichungen in einem geschichtlichen Jenseits liegen, denen Unbestimmtes, Ungewisses anhaftet. Aber was hilft das, wenn es um humanistische, aufklärerische Fragen geht, die auf den Nägeln brennen. Also ein Desaster, der eigentliche Unort für Zukunftsentwürfe; auch heute noch, heute, nach 18 Jahren des Falls der Mauer?
Also bleibt Liblice doch eine Illusion, egal, welche Intellektuellen, welche selbst verständigten Menschen dort versammelt sind. Es bleibt, was immer bleibt: ein schönes Panorama einer restaurierten, wieder schön gemachten alten Welt, nichts Kafkaeskes also.
Autorenhompage: www.burkhard-wittek.de
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