Können Dichter die Welt verändern? Jedenfalls hat Kafka das 1963 in Liblice getan. Weil das leicht gesagt und schwer zu erklären ist, hat sich vor einigen Tagen eine Gruppe von deutschen und tschechischen Intellektuellen in diesem prachtvollen Barockschloss nordöstlich von Prag getroffen, um zu rekonstruieren und zu diskutieren, was damals passiert ist. Es war nämlich der Anfang jenes Dammbruchs, der im Prager Frühling 1968 die ersten Bastionen wegspülte und 1989 ein ganzes Imperium.

Was hat Kafka damit zu tun? Er war doch nur ein Dichter, stammte aus Prag, schrieb auf Deutsch, war Jude, hatte erst den österreichischen Pass und nach 1918 den tschechoslowakischen. 1938, als die Deutschen das Land besetzten, war er längst gestorben (1924), seine Bücher wurden verboten, und später setzten die Kommunisten die Repression mit anderen Mitteln fort. Erst 1965 konnte eine Übersetzung des Process-Romans erscheinen, und die Schriftstellerin Alena Wagnerová erinnerte sich daran, wie ihr als junger Frau der Name Kafka zugeflüstert wurde. Als sie dann zum ersten Mal den berühmten Anfang des Processes las: »Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eine Morgens verhaftet«, fand sie das, was da beschrieben wurde, »völlig normal«, es war ihr und allen, die das lasen, aus den stalinistischen Prozessen vertraut, »nur hatte es noch niemand aufgeschrieben«. So begann die politische Wirkung eines unpolitischen Autors.

Nun gut, aber was hat es mit diesem Liblice auf sich? Zuallererst mussten sich die Deutschen, die gerne italienisch artikulierten, sagen lassen, dass das Wort auf der ersten Silbe betont und dass das »c« wie »z« ausgesprochen wird. Dann, dass dieses nach 1945 enteignete Schloss in den Besitz der Akademie der Wissenschaften kam. Drittens, dass einige Germanisten aus der Akademie, darunter der berühmte Eduard Goldstücker, auf die Idee kamen, zum 80. Geburtstag des Dichters eine Tagung zu veranstalten. Zu der wurden auch namhafte Schriftsteller und Wissenschaftler aus der DDR und aus Österreich eingeladen. Anna Seghers zum Beispiel war auch dabei, aber sie hat sich nicht zu Wort gemeldet, vermutlich weil sie wusste, wie heikel der Fall Kafka war. 1962 hatte Sartre eine Rede über Kafka gehalten, die dann in der DDR-Zeitschrift Sinn und Form abgedruckt wurde, was schließlich dazu führte, dass deren Chefredakteur Peter Huchel gehen musste. Es war Walter Ulbricht, der die Konferenz in Liblice als den Beginn des Abfalls vom wahren sozialistischen Weg bezeichnete, um die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Pakts zu rechtfertigen. Seitdem gilt »Liblice« als Symbol für die kleine Macht, die der Geist gegen die große Macht trotz allem besitzt. Und das war der Grund, weshalb Roland Reuß und Peter Staengle, in deren Institut für Textkritik die neue Kafka-Ausgabe erarbeitet wird, diese Tagung mit dem Titel Kafka und die Macht organisiert hatten, unterstützt von tschechischen Institutionen sowie der Kulturstiftung des Bundes.

Es entsteht nun aber, wenn man die Historie derart entspannt und vermutlich fehlerhaft resümiert, der Eindruck eines abgeschlossenen Kapitels. Nichts aber ist jemals wirklich abgeschlossen, und schon gar nicht sind es die wahrhaft entsetzlichen Untaten, die in Namen des Kommunismus wie des Nationalsozialismus begangen wurden. Sie kamen auf dieser Tagung mit Urgewalt wieder hoch. Der Journalist und Kritiker Alexej Kusák, inzwischen 80 Jahre alt, zog seinen Judenstern hervor, zeigte ihn der Versammlung und berichtete, wie er als Kind Tag für Tag seinen Verwandten beim Packen half. Es hieß, man werde nach Polen reisen, und die Tante nahm ihr Abendkleid mit, weil sie dachte, im eleganten Polen werde sie darin einen guten Auftritt haben. Kusák erzählte, wie eigentlich er die Idee zu dieser Tagung gehabt habe und wie er sich gegen den opportunistischen Goldstücker habe durchsetzen müssen. Da brach nun der Protest anderer Zeitzeugen los, und alles war wieder da, die Erinnerung an den fortdauernden Antisemitismus, wie er in den Slánský-Prozessen von 1952 hervorgebrochen war, die Erinnerung an eine Zeit, da ein falsches Wort den Tod bedeuten konnte, und der alte ideologische Streit tobte unter neuen Vorzeichen. War nicht die Konferenz von 1963 lediglich eine Kontroverse unter Kommunisten, und ist nicht die Idee eines »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« bestenfalls eine schöne Selbsttäuschung? Und ist das der Grund, weshalb der Prager Frühling im neoliberalen Tschechien von heute keine Rolle zu spielen scheint? Was den 2000 verstorbenen Goldstücker betrifft, Mitglied der tschechoslowakischen Exilregierung: Er war 1951 wegen Hochverrats verurteilt worden, hatte den Schock der Wiederbegegnung mit dem Antisemitismus erlebt und nach seiner Rehabilitierung jeden Grund zur Vorsicht.

Auf einmal sah es so aus, als wäre die Liblice-Konferenz nichts anderes gewesen als eine versteckte Stalinismus-Debatte, in der die Antisemitismus-Debatte versteckt war, auf einmal schien diese Erinnerungskonferenz zur schieren Wiederholung verdammt. Jemand äußerte den Verdacht, man sitze dem Verdacht der Geheimdienste auf, wenn man Liblice eine derart politische Bedeutung zumesse, und ein anderer entgegnete: Liblice habe diese Bedeutung in jedem Fall, gleichgültig, aus welcher Wurzel sie stamme. Währenddessen hatte sich draußen ein dichter Nebel übers Schloss gesenkt. Wie ein Raumschiff aus einer ferner Welt lag es da, perfekt restauriert mit Mitteln der EU, und wer sich bei einem Spaziergang den Kopf frei machen wollte, atmete den vertrauten Ostblock-Smog, wie er noch immer aus Braunkohleöfen übers Land schwebt, und er sah die Tristesse dieses Dörfchens, das aussah, als würde die alte Zeit nie vergehen können.

Aber Kafka! Roland Reuß erhob ärgerlich Einspruch und sagte, die politische Interpretation des Processes sei eindimensional. Zeige nicht der Roman, dass Josef K. eine höchst ambivalente Figur sei, keineswegs nur ein Opfer? Ja, stimmte man ihm zu, schon wahr, aber das gelte auch für jene Heroen, die damals mit Kafka den Aufstand geprobt hätten. Plötzlich sah man, wie politisch seine Texte sind, vielleicht gerade deshalb, weil sie mit Politik gar nichts zu tun haben.