Zwanzig Millionen! Ein Kinowunder à la française. Fast ein Viertel der französischen Bevölkerung, quer durch alle Altersgruppen, quer durch alle Regionen. Willkommen bei den Sch’tis brach alle Kinorekorde des Landes und stieß sogar Die große Sause (17 Millionen) vom Thron, Gérard Ourys Kinolegende mit Louis de Funès, die seit 40 Jahren an der Spitze stand. In rasender Geschwindigkeit sind die Sch’tis an Amélie und Die Kinder des Monsieur Mathieu vorbeigezogen, den anderen französischen Blockbustern der letzten Jahre. Und es fehlt nicht viel, dass sie Titanic (20,7 Millionen Zuschauer in Frankreich) hinter sich lassen. Ein Land reibt sich die Augen.

Ein mittleres Budget, eine bescheidene PR-Kampagne, keine Stars – nichts ließ den überwältigenden Erfolg der kleinen Komödie erwarten. Optimistisch rechneten die Produzenten mit zwei bis drei Millionen Zuschauern. Die Überraschung war umso größer, als die Handlung in der Region Nord-Pas-de-Calais spielt, die an Belgien und den Ärmelkanal grenzt und mit ihrer farblosen Tristesse nicht gerade zum Träumen einlädt. Auch das Thema ist frei von Glamour: Damit seine depressive Frau sich erholen kann, möchte Postdirektor Philippe Abrams sich an die Côte d’Azur versetzen lassen, in das Land der Sonne, der Zikaden, der Siesta und des Pastis. Aber nichts da – wegen eines schweren Fehlers wird Philippe in den Norden, nach Bergues, strafversetzt. In der Vorstellung der Franzosen steht der Norden für Bergwerke, für die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs, für grauen Nieselregen, Arbeitslosigkeit, Alkohol und miese Stimmung.

Der Komiker Dany Boon führt Regie und spielt Antoine Bailleul, den Briefträger von Bergues. Boon wurde in Armentières in Nord-Pas-de-Calais geboren. Seine Mutter stammt aus der nordfranzösischen Picardie. Er wollte »den Norden mit den Augen des Südens zeigen«, die verborgene Schönheit seiner Heimat offenbaren, die Klischees auf den Kopf stellen. In seinem Film entdeckt der strafversetzte Abrams also ein Land, in dem es auch sonnige Tage gibt, ein Land mit warmherzigen und liebenswürdigen Menschen, braven Provinzlern, rundlich und sehr einfach gestrickt, aber mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Schluss mit dem sozialrealistisch-düsteren Norden und dem lebensfroh-hedonistischen Süden.

»Es gibt Filme«, so die Wochenzeitung Paris Match, » zu denen steht man wie zu einem Schluck Bier, man denkt nicht groß darüber nach. Die Sch’tis: der einzige Zaubertrank, der einen in gute Stimmung versetzt.« Die deprimierten Franzosen haben keine Lust mehr, sich einen Kopf zu machen. Sie wollen lachen, auf andere Gedanken kommen, was der allgemeine Erfolg von Komödien und Ein-Mann-Shows beweist. Doch ist es nicht ein bisschen zu einfach, einen so ungeheuren Erfolg allein mit dem Wunsch nach Ablenkung zu erklären? Die ausverkauften Säle, die Staus auf den Parkplätzen vor den Multiplexkinos, Nord-Pas-de-Calais als beliebtes neues Reiseziel – die Sch’timanie, die ganz Frankreich erfasst hat, entzieht sich jeder rationalen Erklärung. Am Wochenende pilgern die Pariser nach Bergues, dessen Postamt jetzt ebenso berühmt ist wie die Gendarmerie von St. Tropez. Schon dreimal wurde das Ortsschild gestohlen. Und neben den Ausflügen zu Stadtmauer und Glockenturm bietet das Touristenbüro jetzt auch einen Sch’ti-Rundgang an, bei dem man die Dreharbeiten nacherleben kann.

Willkommen bei den Sch’tis ist jedoch alles andere als ein harmloser Film, vielmehr gibt er als gesellschaftliches Phänomen Auskunft über den Zustand Frankreichs. Seit Monaten denken Soziologen und Therapeuten der Volksseele darüber nach. Das ganze Land befasst sich mit seinem – gelinde gesagt – verzerrten Bild, das der Film widerspiegelt. Willkommen bei den Sch’tis zeigt ein ewiges Frankreich, das im Schatten des Glockenturms zwischen Maroilles (der nördlichen Version des Camembert) und Bier lebt. Ein Frankreich mit Blümchentapete im Schlafzimmer, geschützt vor Globalisierung und Krise, zusammengekuschelt im traulichen Universum eines Postamtes, dessen fünf Angestellte gute Kumpel sind, die abends gemeinsam ausgehen und schon am späten Vormittag angesäuselt sind. Ein Retro-Frankreich, das sich seit den fünfziger Jahren nicht mehr bewegt hat.

In diesem Kino-Bergues hat McDonald’s die Frittenbude noch nicht verdrängt, der Hot Dog die Frikadelle noch nicht aus dem Feld geschlagen. In keiner Einstellung des Films sieht man einen Computer, einen Fernseher oder ein Handy, und wenn der Briefträger sturzbetrunken ist, stehen die Leute auf der Post geduldig Schlange. Die Idylle hat etwas Beunruhigendes, durch und durch Künstliches.

Auch der Dialekt. Abgesehen von ein paar alten Leuten auf dem Land oder in den Bergwerksgebieten spricht in Nordfrankreich praktisch kein junger Mensch das Sch’ti. Das linguistische Jakobinertum trieb den Regionen ihr »schlechtes Französisch« gründlich aus. Dany Boon erweckt eine verkümmerte Sprache zum Leben, die in der deutschen Synchronfassung klingt wie eine gewagte Kreuzung zwischen Schwäbisch und Schwyzerdütsch. Dazu passt das völlige Fehlen von Bürgern ausländischer Herkunft. 106 Minuten lang wandert nicht ein einziger arabischstämmiger Mensch über die Leinwand. Doppelt absurd, bedenkt man, dass die beiden Hauptdarsteller Dany Boon und Kad Merad, die hier prototypische Durchschnittsfranzosen verkörpern, einen Migrationshintergrund haben. Dazu schrieb Jean-Marc Lalanne, Chefredakteur der Kultzeitschrift Les Inrockuptibles: »Im Film findet sich allerdings nicht der geringste Hinweis auf diese Bevölkerungsschicht, vielmehr negiert er die Migration. Er verwandelt das große Andere = den Einwanderer in das kleine Andere = den Sch’ti.« – und das wenige Jahre nach den Unruhen in den Vorstädten und angesichts der Tatsache, dass die Frage der Integration auf der Sorgenliste der französischen Gesellschaft ganz oben steht. Was ist das für ein Land, das ein derart fantasmatisches Bild seiner selbst feiert?