Literaturpreis Der lange Blick

Am 1. November erhält Josef Winkler den Georg-Büchner-Preis. Geehrt wird einer der eindringlichsten Dichter des deutschen Sprachraums

Man erinnere sich: Voriges Jahr erhielt Martin Mosebach, der »sanfte Reaktionär«, den wichtigsten deutschen Literaturpreis. Ein Romancier der Ironie. Die Verleihung des Büchnerpreises 2008 an Josef Winkler ist eine Wendung um 180 Grad und damit erneut: keine Selbstverständlichkeit, aber eine großartige Wahl.

Winkler hält sich die Welt, wie sie ist, nicht vom Leib. Er setzt sich ihr aus und setzt sie uns vor. Wenn er auf Lesereise geht, häufen sich in den Literaturhäusern für eine Stunde die Unglücksfälle. Seine Texte stapeln dann beschädigte Körper oder tote Hasen und Lammschädel mit blutigen Kinnspitzen in den ehrwürdigen Sälen. »Herr Winkler, haben Sie ein Faible für Blut?«, sucht das indignierte Publikum sich dieses Autors durch Pathologisierung zu erwehren.

»Ich zeige die Wunde am Körper auf, nun sagt man, ich sei in Wunden verliebt«, klagt Friedrich Hebbel in seinem Tagebuch. Mit einsamen Klassikern wie Hebbel, Hans Henny Jahnn und vor allem Jean Genet fand Josef Winkler in die Sprache und ins Schreiben. Mit Dichtern also, die gar nicht daran dachten, der Welt, die sie so unerhört in Sprache schlugen, Verbesserungsvorschläge zu machen. Wen wundert’s bei diesen Ziehvätern, dass der aus der Art geschlagene Bauernsohn aus Kärnten, kaum »vom Misthaufen weg« und gegen die Voraussagen jeder Bildungsstatistik, mit 26 Jahren im Suhrkamp Verlag landete.

»Damals zitterte ich vor Menschen, heute vor Büchern«, schreibt Winkler 1982 in seinem Nachwort zu Jahnns Roman Nacht aus Blei. Durchschnittlich alles scheint er von der schönen Literatur gelesen zu haben. Seine zarten, schonungslosen Lektüren anderer Dichter, für Winkler oft hemmende und inspirierende Begegnungen zugleich, gehören zum Lesenswertesten, was in diesem Genre geschrieben wurde: Unübertroffen Das Zöglingsheft des Jean Genet, täuschend beiläufig seine neuesten poetologischen Reportagen Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot.

Zurück zu den Anfängen. 1979 debütiert Winkler mit Menschenkind: ein Brief an den Vater, ein barockes »Kindertotengedicht« in Prosa, ein »stummes Theaterstück«, in dessen Zentrum der Erzähler mit zum Schrei geöffnetem Mund steht. Die FAZ mutmaßte, dass man nur einmal, »knapp jenseits der Kindheit«, fähig sei, so rücksichtslos seine Herkunft niederzuschreiben. Ein Irrtum. Denn seither arbeitet Winkler an dem, was Thomas Bernhard den »österreichischen Herkunftskomplex« nannte, und spielt mit der hauchdünnen Membran, die ihn von seinen Ich-Figuren trennt. Und mit ihnen verbindet.

Falte »deine Hände zum Gebet, schließ die Mutter ins Herz, den Vater in die Faust«, dirigiert sich der Erzähler in der Trilogie Das wilde Kärnten durch die Bilder seiner Kindheit und lockt: »Ich will dich in mir totschlagen, mein liebes Kind.« Es spukt in den katholischen Ritualen des Dörfchens Kamering (31 Häuser, 387 Tiere, 121 Kinder, 247 Kruzifixe). Es tanzt im gläsernen Bauch der schweigenden Mutter, zittert vor der »Schönheit der todesschweißtragenden, ackerdurchfurchten Stirn« des Vaters und krümmt sich unter der bodenständigen Gewalt der Dorfgemeinschaft, deren Veteranen sich wohlig an Hitlers Zeiten erinnern. Hiergegen entlädt sich Winklers »Wortmaschine«. Den erstaunlich zahlreichen Selbstmördern des Dorfes richtet sie in einer Orgie aus Buchstaben das Totenfest aus.

»Kruzifix und Sex und Sex und Kruzifix«, so habe man daheim, an den Ufern der Drau erbost die literarischen Blasphemien und homoerotischen Fantasien kommentiert. »Sündigen entspricht der Wahrheit des Lebens eher als dieses grausame Reinhalten der Seele«, entgegnet der Abtrünnige und flicht gleich noch ein paar peinliche Anekdoten aus der Nachbarschaft ein. »Eman« heißt einer seiner jungen Geliebten in den ersten beiden Bänden der Trilogie. Das ergibt rückwärts gelesen: Name. Spielt sich nicht genau dies in den Romanen Winklers ab? Der Versuch, sich einen Namen und einen Körper zu erschreiben in einem Raum, dessen erstickende Sprachlosigkeit den Außenseiter wie der Bernstein das Insekt umschließt. Die Beschriftung der Bilder einer Welt, die den langen Blick in den Spiegel scheut, die sich hinter hohlen Ungetümen wie »Frühwarnsystem« und »Schutzschirm« verschanzt und das als soziales Bewusstsein begreift. »Ich möchte meine Finger an seiner Wirbelsäule verzopfen, aber er ist nicht da, ich umarme die Luft und erwürge den Sauerstoff«, sehnt sich eine andere der literarischen Masken nach einem tunesischen Strichjungen in Rom. Es war in den achtziger Jahren nicht üblich, so haltlos zu schreiben, und ist es auch heute nicht.

Zwei Szenen beschreiben die Ursprünge dieses Dichters. »Schau Seppl, schau!«, ruft die Tante, den Dreijährigen über die Leiche seiner Großmutter haltend. Hätte sie gewusst, wie ernst ihr Neffe die Aufforderung fortan nehmen würde, sie hätte die Lektion in Sachen Leben wohl unterlassen. Hier setzt die Erinnerungsflut nach Auskunft des Erzählers ein und bildet einen Strudel um die zweite Schlüsselszene: den Doppelselbstmord zweier Jungen. »Du kannst über mich schreiben, was du willst, wenn es nur dir hilft, aber laß die beiden erhängten Buben im Dorf in Ruh!« Umsonst fleht der Vater. Am allgegenwärtigen »Kalbstrick« pendeln sie im Heustadel, pendeln, immer wieder, in fast jedem Buch, bis heute. Chiffre für einen Zwang, sich zu erinnern. Denn dieser Tod, schreibt Winkler, hätte seiner sein können: wie »ein Geschwür« habe er seine Sprache aufbrechen lassen.

1980 wohnt Winkler ein Jahr lang auf dem Bergbauernhof einer ehemaligen Zwangsarbeiterin. Ein Buch lang protokolliert er ihre Verschleppung, ein fremdes Leben. Zuhörend blickt er ins Tal hinab, auf den Hof der Eltern. Das verändert seinen Ton. Weicher, differenzierter zeichnet er in den folgenden Büchern insbesondere den Vater, der ihm die erste Schreibmaschine geschenkt hat, durch dessen unbeholfenen Stolz auf den Sohn, gepaart mit Miss- und Unverständnis, Winkler das ewige Dilemma zwischen Eltern und ihren Kindern erzählt, das Double-Bind von Zu- und Abneigung. Winklers Erzähler haben »Filmkameraköpfe«, die in langen Einstellungen Bilder in Sprache brennen. Diese Kameras halten nicht drauf, sondern schauen hin. Das ist ihr Skandalon.

Seit Muttersprache verstärkt sich außerdem (»kein Wort der Widerrede, da hilft nur Sterben«): das Komische. Ja, der Leser darf lachen bei der Lektüre dieses beharrlichen Leichensammlers, bedient der sich doch der uralten Mittel der Groteske: Übertreibung, Zusammenführung des Unvereinbaren, Wiederholung. Die Montage ist Winklers Technik, das Fragment seine Form. Richtig zum Zug kommt das in den großen Städten. Rom, Neapel, Varanasi. Mit seinem Straßennotizbuch steht der Erzähler vor der Stazione Termini in der italienischen Hauptstadt, sitzt in Indien am Ganges und füllt sein Bildarchiv. Es sind untergehende Welten, die er beschreibt. Den Markt auf der römischen Piazza Vittorio Emanuele, Schauplatz der sinnlich berstenden Novelle Natura morta, gibt es schon nicht mehr; der römische Bahnhofsvorplatz wurde einer Reinigungsaktion unterzogen. Vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis den indischen Einäscherungsplätzen aus hygienischen Gründen der Garaus gemacht wird.

Auch der Büchnerpreisträger Mosebach hat einen Indien-Roman geschrieben. Darin senkt er die Melancholie des letzten Monarchen in 1001 Farben(spiele). Das hässliche Leben will diese Erzählhaltung weder anschauen, noch liegt ihr an ästhetischen Formen diesseits des 19. Jahrhunderts. Der Tod wird als erhabenes Moment gestreift, bleibt körperlos. So stört er die Ordnung nicht. Anders Winkler, der in Domra oder Roppongi bei den im Feuer krachenden und schmelzenden Körpern verweilt. Hinschauend. Kein Faible für Blut, sondern die Versprachlichung dessen, wovon man nicht spricht und wovor die meisten die Augen verschließen.

Töricht, sagt Hebbel, wer vom Dichter Versöhnung der Dissonanzen verlangt. »Aber allerdings kann man fordern, daß er die Dissonanzen selbst gebe.«

 
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