Norderfriedrichskoog - Bürgersteige gibt es hier nicht, schon gar keine vergoldeten. Das Pflaster des schmalen Wirtschaftswegs namens Koogstraat, der Hauptstraße des 38-Einwohner-Ortes Norderfriedrichskoog, trägt die Spuren zahlreicher Ausbesserungsarbeiten. Auch sonst erinnert wenig an die großen Zeiten des Ortes. Noch vor wenigen Jahren war Norderfriedrichskoog berühmt oder, je nach Sichtweise, berüchtigt. Bis zum Jahr 2003 existierte der Ort als Oase für Gewerbesteuersparer, eine Art binnenländisches Liechtenstein. Ein örtlicher Gewerbesteuersatz von null Prozent lockte die größten deutschen Unternehmen hierher. Lufthansa, Unilever, Tchibo, ja sogar die Deutsche Bank sparten hier durch die Ansiedlung von Tochterfirmen Jahr für Jahr Gewerbesteuern in mutmaßlich sechsstelliger Höhe.

Um das Jahr 2000 herum beherbergten die 13 Höfe, aus denen der winzige Ort besteht, bis zu 500 Betriebe. Briefkastenfirmen zu gründen genügte nicht; in den hastig ausgebauten Scheunen mussten echte Entscheidungen fallen. Damals ließen sich Manager in dunklen Limousinen über die Koogstraat chauffieren. "120 Leute arbeiteten damals hier", berichtet Karin Hönicke, die seit 14 Jahren im Koog lebt. "Wenn die alle morgens um neun zu ihren Büros fuhren, da war hier Leben auf der Straße!"

Vorbei. Jahre schon bevor Bundesfinanzminister Peer Steinbrück der Schweiz mit einer "schwarzen Liste" drohte, machte sein Amtsvorgänger Hans Eichel dem Treiben in Norderfriedrichskoog ein Ende. Im Jahr 2003 beschloss der Bundestag das "Steuervergünstigungsabbaugesetz", dessen entscheidende Passage als "Lex Norderfriedrichskoog" bekannt wurde. Fortan mussten Tochterunternehmen auch in Niedrigsteuergemeinden denselben Gewerbesteuersatz wie ihre Mutterkonzerne entrichten. Ein Jahr später verpflichtete ein neues Gesetz die Kommunen, einen Gewerbesteuersatz von mindestens 200 Prozent auf den vom Finanzamt festgelegten Anteil des Betriebsgewinns zu erheben. Doch da hatten die großen Firmen Norderfriedrichskoog längst verlassen.

Noch haben die Einheimischen den Verlust nicht verwunden. Sie sehen sich als Opfer eines Konflikts, den ihr Finanzausschussvorsitzender Hans Kremer als "reine Neiddebatte" bezeichnet. "Schließlich war das alles ganz legal, was die Firmen hier gemacht haben." Und kam die Körperschaftssteuer der angesiedelten Unternehmen nicht der Landeskasse zugute? Im Fall von Unilever fließen die Steuern jetzt nach Mecklenburg-Vorpommern, dem neuen Standort der zum Konzern gehörenden Firma Bestfoods. In den Scheunen Norderfriedrichskoogs stehen nun viele Büros leer. Der Ort erhebt lediglich den Mindestsatz von 200 Prozent Gewerbesteuer, um die verbliebenen Firmen nicht auch noch zu vertreiben. Großstädte wie München oder Frankfurt nehmen 490 Prozent. "Damit sind wir immer noch eine Steueroase", betont Hans Kremer. 274 Betriebe teilen offenbar diese Ansicht und sind laut Industrie- und Handelskammer in Norderfriedrichskoog registriert. Ein Drittel der Betriebe zahlt Gewerbesteuer – stolze 33 Millionen Euro sind es insgesamt.

Bürgersteige werden trotzdem nicht gebaut, wozu auch? Kurt Kahlke vom Amt Eiderstedt rechnet vor, wo das Geld bleibt: eine Million für sein Amt, 22 Millionen für den Kreis Nordfriesland, acht Millionen für die Finanzausgleichsumlage, 16 Millionen für die Gewerbesteuerumlage des Landes. Die fehlenden 14 Millionen muss die Gemeinde aus ihren Ersparnissen aufbringen, weil das Land die Gewerbesteuerumlage pauschal so berechnet, als nähme jede Gemeinde den Durchschnittshebesatz von 310 Prozent. Kein Wunder, dass alle anderen 200-Prozent-Steueroasen in den neuen Bundesländern liegen, wo die Umlagen anders berechnet werden.

Für die meisten Norderfriedrichskooger sind solche Rechnereien so virtuell wie die Millionen, die einst die Lufthansa-Tochterfirmen hier bewegten, indem sie etwa Flugzeuge an den Mutterkonzern verleasten. Eine Gewerbesteuer hatte es nie gegeben, "Wozu? Wir hatten ja kein Gewerbe", sagt Bürgermeister Jann Henning Dircks. Für ein längeres Gespräch hat er keine Zeit, weil er seinen Mais ernten muss.

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Als die ersten Firmengründer vor der Tür standen und Büros mieten wollten, war man erst erstaunt, dann erfreut. In den umliegenden Orten profitierten Hotels, Restaurants und der Schlachter, der die Schnittchen für Vorstandssitzungen lieferte. Der Gemeindekasse kam der neue Wohlstand in Ermangelung einer Gewerbesteuer zwar nicht zugute, aber hohe Ausgaben gab es ohnehin nicht: Zuschüsse zum Kindergarten, die Freiwillige Feuerwehr und den neuen Friedhofsweg im Nachbarort Uelvesbüll, neuer Asphalt für die Wirtschaftswege, selten werden mehr als 20000 Euro im Jahr gebraucht.

Gegen die erzwungene Gewerbesteuer wollten einige Norderfriedrichskooger klagen. Doch Kreis und Land waren vehement dagegen. An ihrer statt klagt nun die Gemeinde Beiersdorf-Freudenberg aus Brandenburg, wo ein findiger Berliner Steuerberater eine ehemalige Kaserne der Volkspolizei in ein blühendes Gewerbegebiet verwandeln will. Bis das Bundesverfassungsgericht über die Klage entschieden hat, erhebt Freudenberg weiterhin null Prozent Gewerbesteuer.

Dass sich das Medieninteresse nun gen Osten verlagert hat, stört die Norderfriedrichskooger nicht. Keiner vermisst die Reporter und Fernsehteams, die sich in den Matsch zu knien pflegten, um Firmenschilder mit Kühen im Hintergrund aufzunehmen. In der ehemaligen Steueroase lebt man nach der Devise von Margret Dircks, die für mehrere kleine Firmen einen Büroservice anbietet: "Zufrieden sein mit dem, was wir haben."