Nein, das kann überhaupt nicht sein!«, schimpft der alte Mansfelder Bergmann. Die Archäologen müssen sich irren: Das ist nicht die Abfallgrube der Familie Luther, die sie da ausgraben. Was für ein Wohlstandsmüll! Der kleine Martin hat doch wohl kaum Gänse und zartes Schweinefleisch gegessen, aus filigranen Gläsern getrunken, solch zierliche Messerchen benutzt. Und all die Silbermünzen im Müll! Wissen die Archäologen nicht, was der Reformator über seine Kindheit in der Bergbauregion Mansfeld erzählte: »Mein Vater ist ein armer Hauer gewesen. Die Mutter hat all ihr Holz auf dem Rücken getragen.« Und jetzt behaupten die, Luther sei der Spross einer wohlhabenden Unternehmerfamilie gewesen, ein Bourgeois gar. »So ein Unsinn«, schimpft der alte Bergmann, »Luther ist einer von uns!«

Björn Schlenker, Archäologe des Landesdenkmalamts Sachsen-Anhalt, strahlt noch heute, denkt er an diese Begegnung am Rande der Ausgrabung in Mansfeld zurück. »Es war umwerfend, was wir alles fanden.« Und es passt so gar nicht zum traditionellen Lutherbild. Schlenker inspiziert gerade die Tische im Hallenser Landesmuseum für Vorgeschichte, wo die schönsten Fundstücke aus Familie Luthers Abfallhaufen darauf warten, einen Vitrinenplatz zu erhalten. Am 31. Oktober wird die Ausstellung Fundsache Luther. Archäologen auf den Spuren des Reformators eröffnet .

Nicht nur in Mansfeld, wo Luther (1483 bis 1546) seine Kindheit verbrachte, haben die Archäologen tief in dessen Vergangenheit gewühlt, sondern auch in Wittenberg: im Augustinerkloster, dem heutigen Lutherhaus, wo Luther erst als Mönch, später dann mit seiner Frau Katharina von Bora lebte. »Allein der Umstand, dass wir nach einem halben Jahrtausend einer konkreten Person so viel archäologisches Material zuweisen können, ist spektakulär«, sagt Schlenkers Kollege Mirko Gutjahr, »erst recht, wenn es sich um eine so weltberühmte wie Luther handelt.« Die Archäologen drangen nicht nur posthum in Luthers Privatsphäre ein, sie sorgen auch für neuen Diskussionsstoff in einer alten Frage: Hat Luther die zentrale Erkenntnis der Reformation, dass der Mensch nicht durch gute Werke, sondern allein durch den Glauben die göttliche Gnade erfährt, tatsächlich, wie er selbst schrieb, auf einer »Cloaca« gemacht, also auf dem Klo?

Luther, der bei der ZDF-Show Unsere Besten hinter Adenauer auf den zweiten Platz der bedeutendsten Deutschen gewählt wurde, ist ein Mythos. Vieles von dem, was man über ihn zu wissen glaubt, ist falsch: Die 95 Thesen hat er wohl nie an die Schlosskirchentür in Wittenberg geschlagen. Dafür, dass er Kaiser Karl V. ein trotziges »Hier stehe ich, ich kann nicht anders!« entgegenschleuderte, gibt es keinen Beweis. Und seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche war mitnichten die erste (allein hat er sie schon gar nicht gestemmt) – vorher gab es bereits 18 gedruckte Übersetzungen. Selbst das Lutherzitat schlechthin: »Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch mein Apfelbäumchen pflanzen« ist die Erfindung eines hessischen Pfarrers aus dem Kriegsjahr 1944. »Es ist nicht leicht, den realen Luther unter dem Schutt der Überlieferung zu finden«, sagt Stefan Rhein, Direktor der Stiftung Luthergedenkstätten. Graben ist da ein passabler Weg.

Familie Luther bevorzugte junge Schweine – die schmeckten besser

Eher zufällig waren die Archäologen im Hof von Luthers Elternhaus auf einen Treppenschacht gestoßen. Um ihn zu verfüllen, war einst ein Müllhaufen hineingekippt worden. Die Altersdatierung ergab: Er stammt aus Luthers Kindheit. Björn Schlenker zeigt korrodierte Nägel auf dem Museumstisch, an denen noch Eierschalen und Knochensplitter kleben. Im Abfall landete, was bei Luthers auf den Tisch kam. »Wir haben über 7000 Tierknochen gefunden«, erzählt der Archäologe, »die meisten stammen von Schweinen – jungen, die besonders gut schmeckten.« Viel Geflügel gab es: vor allem Gänse, junge Hühner, gelegentlich Enten und Tauben, aber auch – Schlenker zeigt auf einen Haufen possierlicher Buchfinkenschnäbel – Singvögel. Fisch stand als Fastenspeise auf der Karte: Neben Karpfen, Zander, Aal wurden Meeresfische wie Hering, Dorsch und Scholle gegessen.

Ingredienzien der Hausapotheke fanden sich (Schlafmohn und Johanniskraut), ebenso Kochkeramik (Dreibeintöpfe standen direkt in der Glut) und Tischgeschirr (Stangengläser fürs Bier, Becher für den Wein). Die Messer trugen Griffschalen aus Knochen oder Messing. »Das hier ist ein Pfeifvogel«, zeigt Schlenker. »Mit Wasser gefüllt trillerte er.« Daneben liegen sieben Murmeln: »Wir glauben, dass die Kinder sie selbst gemacht haben: aus Ton geformt und im Herdfeuer gebrannt. Und das hier«, Schlenker nimmt ein sorgsam bearbeitetes Knochenstück, »ist Teil einer Spielzeugarmbrust.« Luther war kein armes Kind.

Im Müllberg fanden sich auch Dinge, die normalerweise nie dort landen: 300 Silbermünzen etwa, zwar nur von geringem Wert, aber sicher kein Abfall. Oder Buntmetallobjekte, die von Festtagskleidern stammen, wie die Schmuckschnalle eines Gürtels in Form einer »D«-Minuskel. Gehörte er Luthers Schwester Dorothea? »Wir wissen, dass es zwei Pestfälle bei Luthers gab«, sagt Schlenker. Es könnte sein, dass die Sachen der Toten ohne nähere Kontrolle verbrannt wurden. »Die Münzen weisen Hitzespuren auf, und wir fanden verkohlte Textilreste«, sagt Schlenker. »Doch das ist nur eine Vermutung.«

Parallele Forschungen sichern das archäologische Bild ab: Der Bauforscher Alexander Stahl konnte zeigen, dass Luthers Elternhaus nicht bloß aus dem bisher angenommenen Haus bestand, sondern dieses einst durch einen Zwischenbau mit einem weiteren Haus verbunden war. »Das war eine große Hofanlage mit einer Straßenfront von fast 25 Metern«, erzählt Björn Schlenker. Und der Historiker Michael Fessner entlarvte durch Archivstudien die in vielen Biografien auftauchende Geschichte von Luthers Vater Hans als sich hochschuftendem Berghauer. Hans Luder (erst Martin wird sich mit »th« schreiben) war Sohn einer begüterten Bauernfamilie im thüringischen Möhra, die schon im Bergbau tätig war. Er heiratete die Tochter einer reichen Eisenacher Patrizierfamilie: Margarete Lindemann. Die beiden zogen nach Eisleben, dann nach Mansfeld. Dort wurde Hans Luder Hüttenmeister und betrieb fünf Schmelzhütten, Kupferminen inklusive. Ein einfacher Hauer hätte mit seinem Jahreseinkommen von 30 Gulden noch so viel schuften können: Die jährliche Pachtsumme von 500 Gulden hätte er sich nie leisten können. Als »Vierherr« war Vater Luder eine Art städtischer Ratsherr, als »Schauherr« diente er den Mansfelder Grafen und kontrollierte die anderen Hüttenmeister, ob sie ihre Abgaben zahlten. Daneben investierte er in die Landwirtschaft und betrieb Geldverleih.