Martenstein Mein Sohn, der Hippie
Unser Kolumnist ermuntert seinen Sohn zur Rebellion gegen seine australische Gastfamilie
Mein Sohn lebt jetzt für ein halbes Jahr in Australien. Er geht dort zur Schule. Die Gastfamilie hat eine Menge Kinder und eine Motorjacht. Der Mann ist irgendwie Glasermeister. Die Frau macht was mit Medien. In die USA wollte mein Sohn nicht, weil er Angst hatte, bei christlichen Fundamentalisten zu landen. Im Juni ist er abgeflogen, im Oktober wird er 17, an Weihnachten kommt er zurück und spricht Englisch wie Crocodile Dundee.
Jedes Wochenende fährt die gesamte Gastfamilie zum Hochseefischen hinaus auf den Ozean. Mein Sohn wird bereits seekrank, wenn er längere Zeit ein Aquarium beobachtet. Die Familie sagte, dass er die Regeln befolgen muss. Regel Nummer eins in dieser Familie ist, dass am Wochenende Riesenmuränen und weiße Haie gefangen werden und dass keiner an Land zurückbleibt. No one is left behind. Nach dem ersten Wochenende auf See hat mein Sohn angefangen, christlichen Fundamentalismus mit milderen Augen zu sehen. Beim Beten hat er sich auch noch nie übergeben müssen.
Jetzt gab es auch das Problem mit dem Gemüse. Diese Familie isst nur Salat und Gemüse, jedes Mitglied bekommt bei jeder Mahlzeit genau ein Schüsselchen davon. Die weißen Haie fangen sie nur, sie essen sie nicht. Zucker, Fleisch und Fett sind streng verboten. Mein Sohn hat immer heimlich Hamburger und Schokoriegel gekauft. Schon in seinem ersten Brief schrieb er, dass er mehr Geld braucht, wegen der Hamburger.
Auch die Gastmutter schrieb. Mein Sohn habe nachts in der Küche vier Schüsseln Vollwert-Cornflakes gegessen, anschließend ein ganzes Brot. Er esse zu viel, er halte sich nicht an die Regeln, er sei nicht gut erzogen. Er sei rebellisch. Vom ersten Tag an habe er rebelliert. Er schlafe am Sonntag bis 12 Uhr, statt ins Museum zu gehen, obwohl sie es ihm gesagt habe. Sie hat ihm eine Liste von Sehenswürdigkeiten gegeben, jeden Sonntagvormittag soll er eine besichtigen und dann davon berichten.
Er will aber schlafen, surfen und nichts berichten. Nachdem er ausgeschlafen hat, steht er auf und surft bis zum Abend, offenbar mit einer Freundin. Über die Freundin schreibt mein Sohn nichts. In seinem zweiten Brief schrieb er, dass er noch mehr Geld braucht. Die Frau schrieb, er esse heimlich Zucker. Immer wieder. Nachts in der Küche. Mein Sohn schrieb, dass die Frau Wutanfälle bekommt, wenn er Zucker isst. Er braucht Geld für Zucker. Ich habe Wut auf diese Frau bekommen. Zucker ist doch völlig legal.
Dann fing sie an, nicht mehr mit ihm zu reden. Wenn sie etwas von ihm wollte, schrieb sie ihm Briefe. In einem Brief stand, dass er seinen Müll nicht ordentlich trenne. Ich dachte: Mülltrennen – typisch deutsch. In Wirklichkeit sind wir Deutschen beim Mülltrennen relativ locker. Mein Sohn solle von nun an am Abendbrottisch jeden Abend vor der Familie ein Detail seiner Persönlichkeit schildern und zur Diskussion stellen. Zum Beispiel, warum er so viel Zucker isst. Mein Sohn antwortete, das werde er nicht tun. Er ging ins Bett und schlief extra lange. Am Nachmittag surfte er. Nachts aß er Zucker und schrieb eine Mail. Er brauche mehr Geld.
Mein Sohn ging zu der Austauschagentur und sagte, dass er eine neue Familie haben will. So geschah es. Mein Sohn schreibt, er braucht noch mehr Geld, weil er sich jetzt ein neues Surfbrett kaufen will. Er ist ein Hippie, ein Rebell. Der Kollege, der neulich im Feuilleton über die angepasste Jugend geschimpft hat, die nichts mehr will, sollte meinen Sohn sehen! Er isst Zucker. Er schläft. Er trennt den Müll nicht. Das finde ich gut und schicke immer mehr Geld. Denn das will er.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 18.03.2009 - 13:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
- Kommentare 12
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großartig!
Ja! Großartig!
der coole Journalistensohn; hat sich direkt ne Schnalle geschnappt, möchte Surfen, die Nächte durchmachen etc.
Mühl trennen. Ist doch voll out ey! Vegetarisch iiiiiiii. Gastfamilie, die mich aufnimmt und versucht zu integrieren: voll spießig ey
Also was der Typ hier über seinen Sohn erzählt erfüllt alle Klischees. Das ist kein Rebell, sondern der schwache Waschlappen den man heutzutage überall trifft.
Zum Glück ist diese Familie ihn los. Martenstein würde wahrscheinlich sagen: "Ich wette die Schwachköpfe hätten ihn bis zum Schluß dabehalten". Und da hätte er wahrscheinlich Recht.
Immer mal mit der Ruhe... Mit 17 hat man das Recht einfach mal gegen alles zu sein.
In diesem Alter (na gut ein bisschen früher) hab ich auch gegen die bösen Lehrer, die intoleranten Eltern etc rebelliert.
Zwei Jahre später hab ich brav mein Abi mit Preis bestanden...so what..
lass ihn ein bisschen Spaß haben, Verantwortung kommt von alleine und oft früher als man denkt.
Immer mal mit der Ruhe... Mit 17 hat man das Recht einfach mal gegen alles zu sein.
In diesem Alter (na gut ein bisschen früher) hab ich auch gegen die bösen Lehrer, die intoleranten Eltern etc rebelliert.
Zwei Jahre später hab ich brav mein Abi mit Preis bestanden...so what..
lass ihn ein bisschen Spaß haben, Verantwortung kommt von alleine und oft früher als man denkt.
Der Junge ist Deutschlands Hoffnung. Soll er doch am Ozeanstrand liegen und fummeln! Alles andere bleibt sein Geheimnis. Um Himmelswillen irgend etwas auslassen oder sich von Abstinenzlern Vorschriften machen lassen ... (Zeigefinger hoch) das hatten wir schon mal!
herzlich gelacht. Danke.
Immer mal mit der Ruhe... Mit 17 hat man das Recht einfach mal gegen alles zu sein.
In diesem Alter (na gut ein bisschen früher) hab ich auch gegen die bösen Lehrer, die intoleranten Eltern etc rebelliert.
Zwei Jahre später hab ich brav mein Abi mit Preis bestanden...so what..
lass ihn ein bisschen Spaß haben, Verantwortung kommt von alleine und oft früher als man denkt.
nur ist das im besten Fall weder zu loben noch zu tadeln.
Ich höre ständig Lobeshymnen von Eltern auf ihre kleinen Rotznasen und da wird wirklich jede noch so banale Dreistigkeit als Geniestreich verkauft. Da muss ich mich jedesmal beinahe übergeben.
nur ist das im besten Fall weder zu loben noch zu tadeln.
Ich höre ständig Lobeshymnen von Eltern auf ihre kleinen Rotznasen und da wird wirklich jede noch so banale Dreistigkeit als Geniestreich verkauft. Da muss ich mich jedesmal beinahe übergeben.
nur ist das im besten Fall weder zu loben noch zu tadeln.
Ich höre ständig Lobeshymnen von Eltern auf ihre kleinen Rotznasen und da wird wirklich jede noch so banale Dreistigkeit als Geniestreich verkauft. Da muss ich mich jedesmal beinahe übergeben.
ich glaube, dass Herr Martenstein diesen Artikel auch als ironische (!) Replik auf den unsäglichen Jessenartikel verfasst hat..Ich denke nicht, dass er 100 % ernst meint, was er schreibt...
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