"Ich will Erfolg. Ich weiß, dass das eine hochexplosive Aussage ist, aber für mich ist Erfolg das Maß aller Dinge." Das steht so nicht im Abschiedsbuch des Bundestagsabgeordneten Friedrich Merz, aber mit seinem Grundbekenntnis entspricht Dieter Bohlen ziemlich genau dem Typus, den Merz vor Augen hat, wenn er mal wieder für die Radikalisierung der Marktwirtschaft wirbt. Bohlen ist mit seiner autobiografisch motivierten Fibel Planieren statt sanieren auf dem Weg an die Spitzen der Bestsellerlisten, Merz wäre das mit seinem Traktat über die Schönheit des Kapitalismus sicherlich auch, hätte ihn die internationale Finanzkrise nicht ins Abseits gestellt.

Man stelle sich nur mal vor, Angela Merkel hätte statt des gemütlich leisen Michael Glos den ehrgeizigen Besserwisser Friedrich Merz zum Wirtschaftsminister gemacht. Im Wahlkampf von 2005, als der Sauerländer nach seinem zornigen Rücktritt als Fraktionsvize plötzlich wieder da war, schien das durchaus denkbar. Anders als der tatsächliche Wirtschaftsminister hätte Merz sich an den "tollen Tagen" der Finanzkrise nicht auf Tauchgang schicken lassen, sondern unbeirrt mit Sentenzen wie diesen aufgewartet: "Hedgefonds korrigieren durch ihre Aktivitäten falsche Preisbildungen am Markt und tragen so zur Risikobegrenzung an den Finanzmärkten bei." – "Der große Teil der deutschen Unternehmer und der angestellten Manager leistet hervorragende Arbeit", oder: "Die Bevölkerung (sollte) in den nächsten Jahren Schritt für Schritt für den Kapitalmarkt zurückgewonnen werden." Vor einigen Wochen waren solche schlichten Be- und Erkenntnisse genauso falsch, wie sie es heute sind, aber sie wären nicht nur in der Wirtschaftspresse bejubelt worden. Doch zwischen Manuskriptabgabe und Erscheinen des Buches änderte sich zwar nicht die Welt, wohl aber die Interpretation der Welt. Nur der sonst so ungeliebte Staat, so heißt es nun, könne das Vertrauen wiederherstellen, das die Banken untereinander verloren haben. Als der mit Gloriolen versehene einstige wirtschafts- und finanzpolitische Hoffnungsträger der Union seine Streitschrift Mehr Kapitalismus wagen vorstellte, wirkte er wie ein tragikomischer Prophet, der als Einziger noch nicht bemerkt hatte, dass seine Botschaft von der Überlegenheit des entfesselten Kapitalismus gerade durch die Wirklichkeit widerlegt worden war.

Die Kanzlerin und ihr Finanzminister warben, unterstützt von einer ganz großen Koalition aus Parteien, Managern, Journalisten und anderen Welterklärern, um Zustimmung für das 500 Milliarden Euro schwere Programm, mit dem der Staat wieder in Fahrt bringen soll, was der Markt und seine Akteure gegen die Wand gefahren haben, und das einem Blankoscheck zur Vergesellschaftung der Bankenverluste gleichkommt. Plötzlich und unerwartet stand Friedrich Merz mit seinem auf 216 Seiten ausgebreiteten Mantra des Neoliberalismus allein da. Dabei hatten sie doch bis weit in die SPD hinein das Hohelied der Privatisierung mitgesungen, verkündet, dass der Markt gut, Staatsinterventionen schlecht seien, der Sozialstaat seine Grenzen überschritten habe. Zwar war nicht jeder wie Merz der Meinung, dass Pensionsfonds, die mit riskanten Anlagen spekulieren, eine vorbildhafte Erfindung seien oder dass das Gesundheitswesen dereguliert und die Solidargemeinschaft der Krankenkassen aufgekündigt werden sollte, doch der neue und abrupte staatsinterventionistische Konsens stimmt skeptisch, und vieles spricht dafür, dass die Marktradikalen angesichts der Wucht und des Ausmaßes der Krise erst einmal auf Tauchstation gegangen sind, aber jetzt schon den Zeitpunkt herbeifiebern, an dem sie fortsetzen können, was sie unterbrochen haben. Wer wissen will, was die Freunde des ungebremsten Kapitalismus noch alles im Köcher haben, sollte das Pamphlet von Friedrich Merz unbedingt lesen. Hermann Theißen