Wie klänge der Buchtitel Der Spion, der aus der Wärme kam ? Der hätte eher das Zeug zur Lachnummer als zum Thriller. Ein richtiger Spion kommt aus der Kälte, wie in John le Carrés berühmtem Bestseller. Kälte assoziieren Menschen automatisch mit Einsamkeit, Berechnung und Gefühlslosigkeit. Dass solche Metaphern offensichtlich tiefer in uns verankert sind, als wir ahnen, weisen Psychologen derzeit in immer wieder neuen, erstaunlichen Experimenten nach.

Im September überraschte Chen-Bo Zhong von der University of Toronto mit einem Versuch, der zur Ausbildung von Agenten gehören könnte. Studenten sollten sich an ein Erlebnis erinnern, bei dem sie sich isoliert und ausgegrenzt fühlten. Danach schätzten sie die Raumtemperatur gut zwei Grad kühler ein als Versuchsteilnehmer, die sich ein Gemeinschaftserlebnis vergegenwärtigt hatten. Sie erlebten also, wie kalt sich die Einsamkeit anfühlen kann.

Vergangene Woche stellten Lawrence Williams und John Bargh in der Zeitschrift Science eine Art Fortsetzung dieser Studie vor. Die Psychologen der US-Universitäten Boulder und Yale demonstrierten, dass sich fehlende menschliche Wärme zur Not auch mit einem heißen Getränk mildern lässt. Ihre Probanden sollten unter einem Vorwand kurz eine Tasse mit heißem oder kaltem Kaffee in der Hand halten. Wenig später mussten sie eine fiktive Person beurteilen, von der sie eine kurze schriftliche Beschreibung erhalten hatten. Ergebnis: Wer heißen Kaffee bekommen hatte, beschrieb die fiktive Person eher als großzügig, glücklich, freundlich, gesellig und fürsorglich. Wer kalten Kaffee halten musste, neigte zu einem deutlich kühleren Urteil. All jenen, die gern Kontakt suchen, sei daher eher zu warmen Getränken als zu kühlen Drinks geraten.

Übrigens verhalten sich Menschen mit warmen Händen auch selbst menschenfreundlicher, wie ein weiteres Experiment von Williams und Bargh klar macht: Sie drückten ihren Versuchspersonen wahlweise eine therapeutische Wärmepackung oder einen Eisbeutel in die Hand und boten ihnen dann verschiedene Belohnungen an. Die Probanden mit warmen Händen wünschten sich mehrheitlich ein Mitbringsel für einen Freund. Drei Viertel der Eispackhalter dagegen wollten die Belohnung selbst behalten.

Offensichtlich ist also an den Metaphern von den "kalten", rücksichtslosen Egomanen und den warmherzigen Menschenfreunden mehr dran, als wir für gewöhnlich meinen. Wie kann das sein?

"Metaphern sind nicht einfach sprachliche Elemente, mit denen sich die Leute unterhalten", glaubt Chen-Bo Zhong. "Metaphern sind unverzichtbare Behältnisse, um die Welt zu verstehen und zu erfahren." So lernen wir früh, dass ein warmes Körpergefühl – wenn einen die Mutter in den Arm nimmt – Zuneigung bedeutet. Diese Verbindung ist so stark, dass eine bestimmte Region des Großhirns, die Inselrinde, nicht nur auf physikalische Wärme reagiert, sondern ebenso auf Berührung und menschliche Wärme. Und dieselbe Region wird aktiv, wenn man sich ausgeschlossen oder zurückgewiesen fühlt.

Auch Schuld und Beschmutzung hängen eng zusammen, wie ein anderer Versuch von Chen-Bo Zhong verdeutlicht. Dabei mussten die Teilnehmer zunächst peinliche Erinnerungen in einen Computer tippen. Als zweites wurden sie gefragt, ob sie bei einem weiteren Experiment mitmachen würden, das eine Studentin angeblich dringend vollenden müsse. 74 Prozent sagten dazu ja. Durften die Teilnehmer allerdings nach dem ersten Versuch ihre Hände mit Desinfektionslösung säubern, sank die Hilfsbereitschaft drastisch ab; dann waren nur 41 Prozent dazu bereit. Offenbar fühlten sie sich moralisch weniger verpflichtet als die anderen, die ihre peinlichen Gefühle nicht "abwaschen" konnten.