Popmarxismus
Deutschlands Weg zur Revolution
Wie die Bankenkrise, das Internet und der Verfassungsschutz das Land in den Sozialismus führen könnten. Eine prophetische Satire
Der Umsturz vollzieht sich mit der paradoxen Anmut beinah zufälliger Zwangsläufigkeit.
Es beginnt mit Krawallen in Lübeck: Hafenarbeiter randalieren in den Einkaufspassagen, um ihren Unmut über den geplanten Verkauf größerer Anteile der städtischen Hafengesellschaft an eine Tochter der Deutschen Bank auszudrücken. Sie besetzen den Bürgerschaftssaal und verabreden mit Kollegen in Kiel und Rostock Streiks, die mit keiner Gewerkschaftsbürokratie abgesprochen sind, aber für mehrere bereits aus Finanzmarktkrisengründen angeschlagene Handelskonzerne zu ernsten Verdienstausfällen und Vertrauenserschütterungen führen, die einen Dominoeffekt auslösen, der zahlreiche Aktienkurse im Lebensmittelbereich in die Tiefe reißt. Von ihrem Erfolg berauscht, reisen die Lübecker nach Frankfurt und schicken Abordnungen vor das Gebäude der Deutschen Bank sowie in den Starbucks an der Börse. Broker, Analysten und andere Versager werden vor ihren Handelstempeln angepöbelt, ausgelacht und gedemütigt; das Fernsehen steigt begeistert ein. Die Börsianer machen immer peinlicher Fehler, ihre Psychologie ist zerrüttet. Müntefering warnt vor »Übermut, liebe Lübecker Kollegen«, Steinbrück vor »Kindereien«.
Unter ungeklärten Umständen scheitert die Hochzeit von Porsche und VW, das heißt, sie wird in letzter Minute halbherzig rückgängig gemacht, durchlöchert oder sonst irgendetwas, das nur noch sehr wenige Wirtschaftsprofessoren verstehen, aber nicht erklären können. Bei Opel in Bochum kommt es zu ersten Sabotageakten, zum großen Ärger von Konzernleitung und Werkschutz als Dummheit und Ungeschicklichkeit getarnt.
Der Verfassungsschutz verständigt die Bundesregierung, dass die Lübecker, Frankfurter und Bochumer Vorkommnisse mit Unregelmäßigkeiten in der Essener Metallindustrie und Ungezogenheiten diverser Transportbeschäftigter (angefangen wie üblich bei den Lokführern) in engem »klandestinem Zusammenhang« stehen: Wie sich zeigt, wird die Unruhe koordiniert über ein neuartiges transgewerkschaftliches Handy-Netz, dessen Koordination offenbar auf einem geheimen Zusatztreffen zur Tagung der europäischen Nokia-Betriebsräte am 30. Januar 2008 in Brüssel verabredet wurde.
Das Debakel in Afghanistan lässt die Bundeswehr nach links driften
Die Gewerkschaft ver.di, drei linke SPD-Bundestagsabgeordnete aus Hessen und Berlin sowie ein bunter Haufen prominenter Einzelnörgler von Rolf Hochhuth bis Götz George verklagen daraufhin die Bundesrepublik Deutschland beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Bespitzelung von Arbeitnehmerverbänden. Otto Schily übernimmt aus Beschäftigungsmangel und Alterswut eine Parallelklage beim Bundesverfassungsgericht. Bald laufen Funktionsträger der alten Eliten zur roten Fahne über: Als Maßnahmen zur Kreditstabilisierung die befürchteten Bankenzusammenbrüche genauso wenig verhindern können wie weiland die »Reichsgarantie« zur Weimarer Zeit die berühmte Pleite der Banatbank, trifft sich der Commerzbank-Chef Martin Blessing mit norddeutschen Industriellen, die anonym bleiben wollen, aber philosozialistische Neigungen hegen.
Enttäuschte hochrangige Bundeswehrangehörige klagen nach ihrer Rückkehr von Inspektionsreisen nach Afghanistan über Zweifel am »abstrakten Expansionismus« der neueren westlichen Menschenrechtspolitik. In der IG Metall kommt es zum »Putsch« (Müntefering) gegen den Vorsitzenden Berthold Huber, weil dieser sich abfällig über die Bochumer Streikenden ausgelassen hat. Auch in anderen Gewerkschaften geraten die sozialpartnerschaftlich orientierten Spitzen unter Druck, als sich herausstellt, dass sie mit dem Verfassungsschutz kooperiert haben, um das Rumoren an der Basis loszuwerden.
Mehrere nur per Kennwort zugängliche Internetportale werden eingerichtet, die man über Webseiten syndikalistischer Schattengewerkschaften oder die Onlinepräsenz der Zeitschrift Wildcat (www.wildcat-www.de) erreicht. Dort werden die Arbeitskämpfe koordiniert.
Die Linkspartei zerbricht nach dröhnenden Erfolgen bei Dutzenden von Kommunal- und Landtagswahlen zunächst in zwei Organisationen, »Die Linke« und »Die Nochlinkere«, welche beide wiederum sofort ungeheuerliche, die übrigen Parteien mehr und mehr marginalisierende Erfolge erzielen. Ein Gießener Politologe erstellt ein Computermodell, aus dem hervorgeht, dass jede weitere Spaltung parlamentarisch präsenter linker Kräfte in Deutschland deren Gesamtanteil an zu gewinnenden Wählerstimmen verdoppelt bis verdreifacht. Daraufhin einigen sich die beiden Parteien, mit der Spalterei bis zum vollständigen Verschwinden aller übrigen Parteien fortzufahren und auf Länder- wie Bundesebene jederzeit Tolerierungsabkommen und Koalitionen zwischen sämtlichen so entstehenden Linksparteien zu schmieden, und zwar »voraussetzungslos« (Lafontaine, Linkspartei), »ohne Wenn und Aber« (Gysi, Nochlinkerepartei), ja »bis zum bitteren Ende« (Wagenknecht, Partei der Sozialen Wiedergeburt). Müntefering warnt Tag und Nacht vor jeder einzelnen der neuen Parteien.
Die während des weltweiten Krieges gegen den Terror auch in Deutschland durchgesetzten neuen Vollmachten der Exekutive kehren sich unerwarteterweise gegen die Bundesregierung: Jungsozialistische Verschwörer haben in Erfahrung gebracht, dass der Verfassungsschutz die heikleren seiner Aufstandsbekämpfungsmaßnahmen zu vertuschen und Unterlagen darüber zu vernichten sucht. Über undurchsichtige Erpressungen gegen leitende Beamte des Innenministeriums erwirken die Verschwörer auf der Grundlage der neuen Antiterrorleitlinien einen Marschbefehl für die Bundeswehr, die seit ihrer Afghanistan-Ernüchterung zunehmend nach links gedriftet ist. Das Heer besetzt die Gebäude des Verfassungsschutzes, nimmt die verdächtigen Personen fest und stellt die Dokumente sicher. Diese werden durch ein unidentifizierbares Leck dem Spiegel zugespielt. Nach der Veröffentlichung distanzieren sich erste Sprecher der Polizeigewerkschaft von »diesem Schnüffelstaat«. Müntefering warnt vor allem Möglichen, »welches hier und heute aufzuzählen mir Platz und Kraft fehlen« (Müntefering).
Lafontaine warnt erstmals zurück, nämlich vor Müntefering.
Gerhard Schröder wird beim Versuch, mit brisanten Unterlagen nach Russland auszubüxen, von zwei auf Heimaturlaub befindlichen Grundwehrdienstleistenden auf einem niedersächsischen Kleinstflughafen gestellt. Der neue Chef des Verfassungsschutzes, ein linker SPD-Mann aus Mecklenburg-Vorpommern, wittert seine Chance und zwingt den Exkanzler mit dubiosen Methoden zu ungeheuerlichen Enthüllungen über die rot-grüne Wirtschafts-, Innen- und Außenpolitik. Müntefering weint vor Publikum bei Anne Will.
Eine wissenssoziologische Umfrage ergibt, dass die Schattenavantgarde des akademisch trainierten Neokommunismus in Deutschland zu 97 Prozent aus Gramscianern, Foucault-Anhängern und anderen Idealisten besteht. Deshalb wird mit dem Geld der Rosa-Luxemburg-Stiftung der holländische Gelehrte Kees van der Pijl eingeflogen, damit dieser den überzüchteten Revolutionärinnen und Revolutionären der Bundesrepublik auf der Grundlage seines Standardwerkes Transnational Classes and International Relations (London: Routledge 1998) das Einmaleins der spätmarxistischen Globalklassenanalyse in die Köpfe hämmert. Für hoffnungslose Fälle richtet der bewährte skeptische Marxianer Georg Fülberth (Marburg) eine ambulante Sonderschule ein. Wer’s auch dort nicht lernt, wird zu Robert Kurz (Nürnberg) geschickt und von diesem zur Bibliothekshilfskraft umgeschult (Kurslektüre: Das Weltkapital von Kurz).
Mit tatkräftiger Unterstützung erfahrener Computerhacker stören Arbeitslose, die von Kadern der Revolution direkt in den Vorzimmern der Agenturen für Arbeit rekrutiert werden, das deutsche E-Business und machen die rechtsverbindliche Netzkommunikation zahlreicher Regierungsstellen nahezu unmöglich. Die Saboteure nehmen alle wichtigen Organe der hierzulande bekanntlich unablässig laufenden Verwaltungsmodernisierung als Geiseln, bis neue Mitbestimmungsformen auf dem Mangelverteilsektor installiert werden. Auf Servern der offiziellen wie der syndikalistischen Gewerkschaften und der unübersehbaren linken Parteien werden die ersten revolutionären Arbeiterräte gebildet. Es gelingt ihnen, innerhalb eines halben Jahres die Organisation sowohl der Privatwirtschaft wie des öffentlichen Sektors umzuwälzen und zu 65 Prozent effektiv zu sozialisieren.
Das Privatfernsehen wird verstaatlicht und an Alexander Kluge verschenkt
In Frankreich und Italien, später im neueuropäischen Osten, auch in Spanien und Portugal geschieht Ähnliches, nur mit mehr Krach. In England erklärt die Queen Großbritannien zur »Konstitutionellen Volksdemokratie« und macht, wie alle anderen auf der Insel, weiter wie bisher; während die Republik Irland sich mit dem nach der katholischen Soziallehre neu verfassten Vatikanstaat zum Catholic Commonwealth of Nations zusammenschließt.
In Deutschland warnt Müntefering plötzlich vor der Konterrevolution.
Marcel Reich-Ranicki gibt bei Suhrkamp eine Kassette mit Proletkultklassikern heraus. Niemand kauft sie, stattdessen wird sie überall begeistert geklaut, woraufhin die provisorische Revolutionsregierung der Freien Sozialistischen Enklave Hamburg die Spiegel- Bestsellerliste verbietet (alle mit deren Zusammenstellung auf der Grundlage von Buchhandelsdaten betrauten Redaktionsmitglieder müssen zu Robert Kurz nach Nürnberg, Mikrofiche-Archive putzen).
Die deutschen Theater spielen über Nacht, von niemandem dazu aufgefordert, nur noch abwechselnd Peter Hacks (Zuckerbrot), Peter Weiss (Peitsche) und Peter Brecht (Boulevard). Das Privatfernsehen wird verstaatlicht und anschließend augenblicklich an Alexander Kluge weiterverschenkt, der nach einem längst gefassten genialen Plan auf sämtlichen Kanälen so lange siebzehnstündige Dokumentationen über Billiglohntextilarbeiterinnen in asiatischen Schwellenländern hintereinanderweg sendet, bis die Deutschen ihr Fernsehen für alle Zeiten satt haben und sich stattdessen sinnvolleren und welthaltigeren Dingen zuwenden (leider überwiegend im Internet).
Hermann L. Gremliza, Herausgeber der Zeitschrift konkret, erklärt, seine Zeitschrift sei neuerdings regierungsnah, vorausgesetzt, es lasse sich demnächst erkennen, dass es eine Regierung gebe. Das ihm angetragene Amt des obersten Kulturkommissars für den gesamten deutschsprachigen Raum lehnt Gremliza fast beiläufig ab: »Pipifax.«
Während die Menschen einander auf den Straßen und Plätzen trunken vor Glück mit sich überschlagenden Stimmen die neuesten Agitationsaufmacher aus der FAZ (Frankfurter ArbeiterZeitung) vorlesen – in denen erklärt wird, die Revolution sei erfolgreich gewesen, nun gelte es, den Sozialismus aufzubauen –, hat der Weltgeist die Deutschen allerdings wieder einmal hinter sich gelassen und blamiert ihre verwirklichte Utopie, indem er sie locker links überholt: In Amerika geht die von John Rambo und Batman persönlich überwachte Enteignung der Finanzochlogarchie unmittelbar in die feministische Erhebung über, organisiert von Bernadette Dohrn (ehemals Weather Underground), Judith Butler (ehemals Diskursanalyse) und Hillary Clinton (ehemals mit Bill verheiratet).
Dazu Jutta Ditfurth, vorläufige Vollzeitbeauftragte des Zentralkomitees der Vereinigten Sozialen Fortschrittsparteien für Patriarchatsbeseitigungsmaßnahmen, zu ihren Genossen: »Schaut euch die Amis an, Jungs. Und schämt euch.«
Müntefering und Lafontaine fühlen sich beide angesprochen und sind wochenlang eingeschnappt.
- Datum 2.11.2008 - 10:35 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
- Kommentare 17
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Hat denn noch niemand diesen herrlichen Artikel gelesen?
Ich habe Tränen gelacht beim Lesen gestern in der Kneipe, woraufhin jemand häßliche kleine Bemerkungen über Intellektuelle machte, die man daran erkenne, daß sie sich bei der Lektüre der Zeit ernstlich amüsieren können. Das konnte ich allerdings zur allgemeinen Erheiterung durch das laute Verlesen des Artikels entkräftigen.
Ein wunderbarer Abend nahm seinen Verlauf, Die Zeit ist schuld und ich suche jetzt mal nach Aspirin.
Der Verfasser hat leider nicht den Schimmer einer Ahnung von Revolutionen, braucht er natürlich auch nicht, da Satire.
Revolutionen verfolgen oft ein gerechtes Ziel, sind aber der letzte verzweifelte Ausbruch der Menschen, stösst immer auf Gegenwehr, früher oder später, Mord und Todschlag sind garantiert.
Der Sturz des Kommunismus verlief zwar fast unblutig, der Grund war aber, dass eine Alternative vorlag, der Westen, der den Menschen im Osten Hoffnung gab und zum Vorbild erhoben wurde (ich sehe aber nicht über die Opfer in Rumänien, in Russland usw. hinweg, nur hätte es viel, viel schlimmer kommen konnen).
Heute haben wir keine echte Alternative, es gibt keinen zusammenhängenden Gesellschaftsentwurf, der den Menschen Hoffnung gäbe, es gibt keinen neuen Marx oder Lenin, keinen Messias, da die Probleme viel zu komplex und vor allem nationalstaatlich nicht zu lösen sind.
Was nutzt CO2 Einsparung in Deutschland, wenn Chinesen jedes Jahr mehr und mehr rausblasen, was nützt Entwicklungshilfe, wenn Menschen sich ungezügelt vermehren, was nützt ein "bail-out", wenn Sarah Palin noch nicht einmal weiss, was das ist, was nützt Obama, wenn er Truppen aus dem Irak abzieht und nach Afghanistan schickt.
Die Revolution kommt auf kleinen Sohlen, nicht durch Fernsehansprachen.
Die Revolution ist schon da, in Vororten, Jugendbanden, die sehr zurecht den Staat kritisieren, aber alle Hoffnung haben fahren lassen, sich langsam aber sicher brutalisieren, Alte überfallen, um Geld zu klauen, sich Rottweiler halten, Gangs bilden mit Ehrenkodex, Viertel, in die die Polizei nur noch ungern geht.
Das, was in Pariser Vororten geschah, es wird sich wahrscheinlich wiederholen, kann völlig aus den Fugen geraten, dann wird geschossen, viele Tote und dann kann es richtig krachen.
Dann wird es wenig zu lachen geben, nein, dann fliesst Blut und viele Tränen.
Wir hätten heute die Chance, den Finanzmarkt radikal zu verändern, ich werde meine Vorschläge zusammenfassen und ausführlicher begründen, ich zweifle aber, dass man auf mich hört.
Allein ein Verbot der Spekulation, dieser auf der Hand liegende Vorschlag, wird schon beschimpft als Teufelswerk, höhere Steuern für Michael Ballack erst recht, die Schweiz trockenlegen, Abrüstung: um Himmels willen.
Es sieht nicht gut aus, doch halte ich mich an Erika Mann, sie hat ja das Hundeklavier erfunden, was ich sehr liebenswert finde:
wir haben die Pflicht zu vorsichtigem Optimismus!
Gerhard Stenkamp
läßt vermuten, daß Sie nicht in einer Saft-Bar für Vegetarier waren. Gut so, sonst hätten Sie das Ganze sicher als verschwurbelten Mumpitz erkannt. Aber nach ein paar Getränken ist man in Lach-Laune und diese sind hier von Nöten.
Wer eine Satire als Solche ankündigen muß, hat entweder eine sehr geringschätzige Meinung vom Leser oder schon beim Schreiben das Gefühl, daß das Ding in die Hose gehen wird. Also Danke an die Redaktion, jetzt wissen wir, wie man's nicht machen sollte.
Darf ich noch persönlich werden? Warum suchen Frauen zum Stillen ihres Kindes bevorzugt Großmärkte, Bahnhofs- oder andere hallen auf? Warum setzt Frau sich mit der ZEIT in eine Arbeiterkneipe?
Wer Aufmerksamkeit erregen will (lautes Lachen!!), dem ist letztlich egal womit. In sofern hat der Beitrag doch noch einen positiven Zweck erfüllt.
auch mal analysieren: plötzlich sind gewerkschaften und arbeitskämpfe satiretauglich! das lockt doch normalerweise keinen lacher hinterm ofen hervor! Ganz unabhängig davon, ob der autor uns irgendeine Botschaft zukommen will, oder ihm der Inhalt seines Geschreibes schlicht egal, wenn es geld dafür gibt, ist es vielleicht schon bemerkenswert für die gegenwärtige lage der dinge, dass nicht nur lafontaine und müntefering, die immer für satire taugen, sondern auch marx und co. und gar "syndikalistische schattengewerkschaften" es in die ZEIT schaffen. die angesprochene "schattengewerkschaft" FAU.org zeigt sich auf der homepage jedenfalls amüsiert...
Der Verfasser hat leider nicht den Schimmer einer Ahnung von Revolutionen, braucht er natürlich auch nicht, da Satire.
Revolutionen verfolgen oft ein gerechtes Ziel, sind aber der letzte verzweifelte Ausbruch der Menschen, stösst immer auf Gegenwehr, früher oder später, Mord und Todschlag sind garantiert.
Der Sturz des Kommunismus verlief zwar fast unblutig, der Grund war aber, dass eine Alternative vorlag, der Westen, der den Menschen im Osten Hoffnung gab und zum Vorbild erhoben wurde (ich sehe aber nicht über die Opfer in Rumänien, in Russland usw. hinweg, nur hätte es viel, viel schlimmer kommen konnen).
Heute haben wir keine echte Alternative, es gibt keinen zusammenhängenden Gesellschaftsentwurf, der den Menschen Hoffnung gäbe, es gibt keinen neuen Marx oder Lenin, keinen Messias, da die Probleme viel zu komplex und vor allem nationalstaatlich nicht zu lösen sind.
Was nutzt CO2 Einsparung in Deutschland, wenn Chinesen jedes Jahr mehr und mehr rausblasen, was nützt Entwicklungshilfe, wenn Menschen sich ungezügelt vermehren, was nützt ein "bail-out", wenn Sarah Palin noch nicht einmal weiss, was das ist, was nützt Obama, wenn er Truppen aus dem Irak abzieht und nach Afghanistan schickt.
Die Revolution kommt auf kleinen Sohlen, nicht durch Fernsehansprachen.
Die Revolution ist schon da, in Vororten, Jugendbanden, die sehr zurecht den Staat kritisieren, aber alle Hoffnung haben fahren lassen, sich langsam aber sicher brutalisieren, Alte überfallen, um Geld zu klauen, sich Rottweiler halten, Gangs bilden mit Ehrenkodex, Viertel, in die die Polizei nur noch ungern geht.
Das, was in Pariser Vororten geschah, es wird sich wahrscheinlich wiederholen, kann völlig aus den Fugen geraten, dann wird geschossen, viele Tote und dann kann es richtig krachen.
Dann wird es wenig zu lachen geben, nein, dann fliesst Blut und viele Tränen.
Wir hätten heute die Chance, den Finanzmarkt radikal zu verändern, ich werde meine Vorschläge zusammenfassen und ausführlicher begründen, ich zweifle aber, dass man auf mich hört.
Allein ein Verbot der Spekulation, dieser auf der Hand liegende Vorschlag, wird schon beschimpft als Teufelswerk, höhere Steuern für Michael Ballack erst recht, die Schweiz trockenlegen, Abrüstung: um Himmels willen.
Es sieht nicht gut aus, doch halte ich mich an Erika Mann, sie hat ja das Hundeklavier erfunden, was ich sehr liebenswert finde:
wir haben die Pflicht zu vorsichtigem Optimismus!
Gerhard Stenkamp
Das Ende der Weimarer Republik hatte viele Gründe - die pure Unfähigkeit der handelnden Politiker/innen gehörte eher nicht dazu.
Und heute?
Unser Gesundheitssystem wird gerade zu einem bürokratischen Moloch umgebaut.
Unser Steuersystem wird nicht mal mehr von Fachleuten verstanden.
Unser Sozialsystem kostet nach wie vor Unsummen - und entlässt jahrelange Beitragszahler nach kurzer Karenzzeit in Harz IV.
Wir werden bespitzelt und überwacht, unsere Konten werden durchleuchtet und die Mehrwersteuer mal eben um 3% erhöht. Den Banken, den Bahn- und den Postvorständen bläst man es dafür doppelt hinten rein und KFW und IKB dürfen unter Aufsicht der Politik Milliarden verschleudern.
Eine Revolution wäre nicht das schlechteste. Oder gibt es irgendwo Hoffnung?
läßt vermuten, daß Sie nicht in einer Saft-Bar für Vegetarier waren. Gut so, sonst hätten Sie das Ganze sicher als verschwurbelten Mumpitz erkannt. Aber nach ein paar Getränken ist man in Lach-Laune und diese sind hier von Nöten.
Wer eine Satire als Solche ankündigen muß, hat entweder eine sehr geringschätzige Meinung vom Leser oder schon beim Schreiben das Gefühl, daß das Ding in die Hose gehen wird. Also Danke an die Redaktion, jetzt wissen wir, wie man's nicht machen sollte.
Darf ich noch persönlich werden? Warum suchen Frauen zum Stillen ihres Kindes bevorzugt Großmärkte, Bahnhofs- oder andere hallen auf? Warum setzt Frau sich mit der ZEIT in eine Arbeiterkneipe?
Wer Aufmerksamkeit erregen will (lautes Lachen!!), dem ist letztlich egal womit. In sofern hat der Beitrag doch noch einen positiven Zweck erfüllt.
daß ich in einer Arbeiterkneipe war? Und daß ich ein Kind zu stillen hatte? Und bei der Lektüre des Artikels bereits Alkohol getrunken hatte - womöglich mit dem Kind auf dem Arm?
Und außerdem Aufmerksamkeit erregen wollte mittels lautem Lachen?
Ihr Kommentar, verehrter hasepremium*g* birgt auch allerlei zum Lachen...
...ist meiner Meinung nach eine Revolution. Schlecht deshalb, weil nicht kontrollierbar und Menschenverachtend. Da würden erstmal Säuberungswellen auf uns zukommen, die sicherlich niemand will. Eine Revolution durchzuführen um eine gerechtere Ordnung aufzubauen bzw. einzurichten ist ein Witz und nicht realisierbar. Allen Revolutionsgedankensymphatisanten kann ich nur ernsthaft empfehlen davon abzulassen. Das beste Mittel um Widerstand zu leisten (wenn überhaupt) bzw. Veränderungen herbeizuführen ist meiner Auffassung nach der eigene Wille. Der Wille der sagt, "das mache ich nicht" oder "ich möchte lieber nicht" oder "mach das doch selbst" usw.
Aber vermutlich auch das würde nichts helfen, weil dann viele willensmotivierten und aufgeputschten Menschlein sich in Bestien verwandeln würden ;-)
@ Anke S.
Hallo Frau S.,
oh je, jetzt reden wir schon über Revolutionen verpackt als Satire. An einer Stelle des obigen Artikels konnte ich aber auch lachen und zwar an der Stelle, an der Gerhard Schröder beim Versuch auszubüxen erwischt wird. he he he... Das fand ich witzig!
Bei der Lektüre dieser "prophetischen Satire" werden so manchem konservativen Leser die Haare zu Berge stehen,
andere, die sich eine grundlegende politische Wende wünschen, werden allerlei Anregungen finden, sich Modalitäten und Protagonisten einer solchen Wende vorzustellen.
Dabei gibt es längst tatsächliche Akte der Revolution:
Reich-Ranickis und Elke Heidenreichs radikale TV-Kritik, die mit Heidenreichs Rausschmiss endete und sicher viele Bürger zu politischem Ungehorsam ermutigt hat,
die Aktion von attac in der Frankfurter Börse,
weiter ein Ereignis, das es nur bis in die Junge Welt - und ins PI-Forum geschafft hat (wo man vor Wut über dieses Ereignis schäumte):
Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft NRW´s, der GdP, hat am letzten Wochenende auf dem Parteitag Der Linken in NRW als Gastredner gesprochen und eine Wahlempfehlung für Die Linke ausgesprochen.
Wörtlich äußerte er auf dem Landesparteitag:
"Ihr müsst in politische Verantwortung kommen!"
Wer von Ihnen hat davon gewusst?
Recherchieren Sie selbst (habe keinen Link zur Hand), es ist die Wahrheit!
Die Verhinderung des islam- und integrationsfeindlichen Kongresses in Köln war auch ein - kollektiver - Akt der Revolution,
der tragische, durch eine Verkettung unglücklichster Umstände verursachte Unfalltod Jörg Haiders just nach dem phänomenalen Sieg der Rechtsaußen in Österreich legt ein dunkles Omen auf die ultra-konservative Strömung, deren düsteres und menschenfeindliches Gebaren unser aller Leben bestimmt.
Noch ist es nicht vorbei, aber es erscheint ein Hoffnungsschein am Horizont, dass wir uns davon erlösen können.
Für viele, die nicht so recht wissen, wie ihnen geschieht, wird der jetzt anlaufende Kinofilm "Let´s make money" sicherlich viele Erkenntnisse bereithalten.
Ein schönes Geschenk für alle in unserer Bekanntschaft, die derzeit ins Grübeln geraten...
Soso.
Ich weiss nicht woher die Medienmache vom Linksruck kommt.
Hat keiner die Bayernwahl verfolgt? Der Absturz der CSU hat wohl die Schlagzeilen entsprechend dominiert, aber die Linkspartei ist deutlich nicht in den bayrischen Landtag gekommen. Deutlich. Die "Freien Wähler" hingegen aus dem Stand heraus mehr als deutlich, die FDP ebenfalls wieder nach vielen Jahren Abstinenz.
Die Lektion ist wohl eher dass das derzeitige politische Klima von einem starken Willen zur "Abrechnung" mit den politischen Eliten geprägt ist. Darum blutet die SPD so, es war die Abrechnung für die Schröder'sche Politik. Darum blutet die CSU so, sämtliche Stimmenverluste kamen ausschließlich dem konservativen Lager zu (Freie Wähler, FDP, selbst die Grünen kann man in Bayern eigentlich als konservativ bezeichnen). Die SPD hat sich weiter marginalisiert, die Linkspartei existiert nach wie vor nur in Form von einigen frustrierten Gewerkschaftern und der einfliegenden Ostprominenz zu Wahlkampfzeiten.
Warum wird ein Problem draus gemacht wenn die bundesdeutsche Demokratie endlich aus der Pubertät rausgekommen ist? Wir haben ein Verhältniswahlrecht, dies provoziert ein Vielparteiensystem und starke Verschiebungen bei jeder Wahl geradezu. Wir haben ebenso eine plurale Gesellschaft die sich auch nicht mehr über Klassenzugehörigkeit definiert, die großen Organisationen sind ebenso überaltert wie Parteien, Gewerkschaften, Vereine und Kirchen. Die "Mehrheitsgesellschaft" der 1970er existiert nur noch in den Köpfen jener Generation die in dieser Gesellschaft aufwuchs, aber nicht mehr in der Lebenswirklichkeit.
Dies muss man realisieren, will man die Vorgänge verstehen. Dann braucht man auch keine Dramatik um das Normale zu erklären. Es spricht für die Reife unserer Demokratie dass die Menschen nicht mehr ihr ganzes Leben eine bestimmte Partei wählen, aus Gewohnheit oder dergleichen sondern dass sie sich drastisch umentscheiden wie zB bei der Bayernwahl und so die Politik dazu zwingen die Dinge grundlegend in Frage zu stellen. Diesen friedlichen Machtwechsel, durch den sich Demokratie nicht zuletzt auszeichnet, ist es was wir brauchen. Nicht noch mehr Chaos. Im Übrigen, jeder der es nicht schafft die Mehrheit der Wählerschaft auf seine Seite zu bringen und sich ein ensprechendes Mandat bei der Wahl zu holen - und es gibt nach wie vor freie, geheime und gleiche Wahlen - der hat auch gar keine moralische Legitimation für einen Umsturz.
Es wäre schon ein guter Anfang wenn die Leute wieder anfingen sich über die Dinge zu informieren, die Voraussetzung um mitreden zu können, und zur Wahl zu gehen.
Freie wähler und FDP sind in Bayern Linke Parteien. Bitter, aber wahr...
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Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
Ludwig Wittgenstein
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