Bahnreise Afrika in einem ZugAfrika in einem Zug
Von der Südküste bis fast an den Äquator: Wer mit Rovos Rail den Kontinent durchquert, erlebt ein Abenteuer im Sitzen.
Neben den Viktoriafällen führt eine Eisenbahnbrücke über den Sambesi. Da habe ich gerade ein Stück Seife verkauft, für 5 Milliarden Dollar. Aber besser, ich erzähle das von vorn, sonst glaubt man mir kein Wort.
Es begann vor einer Woche, an einem regnerischen Wintermorgen in Kapstadt, in einem Wartesaal gegenüber vom Bahnhof. Den Kapstädter Bahnhof sollte man sich nicht wie unsere Bahnhöfe vorstellen, mehr wie eine Markthalle, wenn gerade kein Markt ist. Kaum einer fährt Zug in Südafrika. An den Schaltern lümmeln Uniformierte mit Kindergesichtern. Vor dem Eingang verkauft ein zahnloser Alter auf einer Decke Zitronen. Uns empfängt man in einem kolonialen Prachtbau auf der anderen Straßenseite. Hier residiert Rovos Rail, eine private Bahngesellschaft, die von sich behauptet, ihr gehöre »der komfortabelste Zug der Welt«. Von der Decke des Empfangssaals hängen schwere Kronleuchter und Ventilatoren. Auf den Kaffeetischen liegen ledergebundene Hochglanzmagazine: Golf & Wein, Leadership, Good Taste. Hostessen bringen Silbertabletts mit Gurkensandwiches und Kap-Sekt.
Mittendrin sitzen wir: Pullunder, Polohemden, Polarfleece. Tagesrucksäcke, Duty-free-Tüten, Klettverschlusssandalen. Deutsche unterwegs. Der Reiseveranstalter Lernidee, ein Spezialist für Eisenbahnreisen, hat den Luxuszug für zwei Wochen gechartert. Wir sind die erste deutsche Gruppe, die mit ihm zu einer Fahrt durchs halbe Afrika aufbrechen wird, 5742 Kilometer von der Südspitze des Kontinents bis Daressalam, schon fast am Äquator. Die meisten von uns 60 Passagieren sind im vorgerückten Alter und schon viel herumgekommen, aber doch ein bisschen bang vor diesem Teil der Welt. Vor allem wegen der zwei Tage in Simbabwe machen manche sich Sorgen. Zu viel Schlimmes hört man über den einstigen Volkshelden Robert Mugabe, der sein reiches Land ruiniert hat.
Einer nach dem anderen werden wir ausgerufen, wie Gäste auf einem Ball. Die Hostessen geleiten uns mit riesigen Schirmen zu unserem Gleis, vorbei am alten Zitronenmann, der vergeblich auf Kundschaft wartet. Da steht unser Zug – dunkelgrün, vornehm und einen Kilometer lang. The Pride of Africa hat man ihn getauft. Das mag dann doch übertrieben sein. Aber er ist sicher der Stolz von Rohan Vos. Der südafrikanische Unternehmer, reich geworden im Schrottgeschäft, hat sein Vermögen auch wieder in Schrott angelegt. Er kaufte historische Lokomotiven und Waggons zusammen und renovierte sie nach seinem Traum von der guten alten Zeit. Es sollte ein Privatvergnügen sein – wie die alten Autos und Flugzeuge, mit denen Vos sonst unterwegs ist. Aber nun fährt Rovos Rail schon im zwanzigsten Jahr für jeden, der es sich leisten kann. Eine Suite halten die Angestellten auf jeder Tour frei, falls der Chef einmal zusteigen möchte.
Ich mache es mir bequem in meinem unverschämt großen Abteil. Chantell, das Zimmermädchen, zeigt mir die Einrichtung: den Safe, die Dusche, den beheizbaren Handtuchhalter, die Minibar. Ich frage nach ihren Dienstzeiten. Sie schaut mich verwundert an: »Immer«. Als wir losfahren, geht durch die Waggons ein Quietschen, als ob ein riesiges Akkordeon aufgezogen würde; die Schranktüren klappern im Takt. Am Anfang höre ich sie noch, die Melodie unserer Reise.
Die ersten Tage vergehen beschaulich. Manchmal halten wir für einen Ausflug. Aber die eigentliche Attraktion ist, sich mit einer Tasse Tee aufs Bett zu legen und die Landschaft vorbeiziehen zu lassen. Einmal passieren wir einen See, auf dessen Oberfläche ein rosa Teppich schwappt. Beim Näherkommen sehe ich, dass es keine Wasserrosen sind, sondern Tausende Flamingos. Lichtstrahlen fallen durch Wolkenfetzen wie Spots auf ihr Gefieder. Zwei Fotografen hocken versunken neben den Gleisen. Ich glaube, sie bemerken uns gar nicht.
Zu tun gibt es an Bord nur wenig. Man kann vom Salonwagen im vorderen Teil zum Aussichtswagen hinten spazieren. Bei der Länge des Zuges ist man an die zehn Minuten unterwegs. Jeden Mittag und jeden Abend vollzieht sich das gleiche Ritual: Man hört ein Ding-Dang-Dong vom Gang, öffnet seine Abteiltür und sieht eins der Zimmermädchen, das vergnügt auf ein Xylofon einklöppelt. Essenszeit. Hintendrein folgt die Prozession der Hungrigen. Vorn gehen die Gebrechlichsten als Tempomacher. Bei den engen Korridoren wäre es rüpelhaft zu überholen.
In den zwei noblen Speisewagen späht dann jeder nach passender Gesellschaft. Schon komisch, wie sich Gruppen bilden. Mal verbindet Herkunft, mal Trinkfestigkeit oder Gesinnung, und immer die Buchungsklasse. Allgemeinen Unmut erregt die alte Dame aus der sündteuren Royal Suite, die mit versteinerter Miene die Reise über sich ergehen lässt. Weil sie nur selten mit anderen spricht, wird viel über sie geredet: »Die hat eine Badewanne mitten im Zimmer und nutzt sie nicht einmal.«
So ein Zug ist eine Röhre, da gibt es kein Ausweichen. Und gerade die Leute, die man nicht mag, trifft man andauernd wieder. In meinem Fall ist das der Schweizer. Ein lauter, leutseliger Mann mit dem Gemüt eines trotzigen Kindes. Wenn man ihm etwas vorschreiben will, lacht er auf und tut es erst recht nicht. Rauchen nur im Raucherraum? Ha! Er setzt sich davor und raucht. Mobiltelefone und Computer bitte nur im Abteil? Ha! Er sucht den Zug nach dem besten Empfang ab und gibt uns Duckmäusern lautstark Sportergebnisse und Aktienkurse durch.
In Pretoria besuchen wir Rohan Vos auf seinem eigenen Bahnhof. Ein hochgewachsener Mann Anfang 60, dem man ansieht, dass er Untätigkeit hasst. »Vor Ihnen liegt ein Abenteuer«, sagt er. Die meisten seiner Kunden begnügen sich mit ein paar Tagen Südafrika. Wir aber folgen dem größten Wunschtraum der Eisenbahngeschichte: der Route vom Kap nach Kairo. Die Briten wollten sie erbauen, auf dem Höhepunkt der Kolonialzeit. Über sie sollten die Bodenschätze des Kontinents zu den Häfen am Mittelmeer und von dort nach England fließen. Für Afrika war es wohl besser, dass die Strecke nur halb fertig wurde. Vos sagt, viele Gleise stammten noch von damals und seien praktisch stillgelegt. »Wir wundern uns selbst, dass wir da nicht entgleisen. Erwarten Sie viel Klicki-Klacki und ein bisschen Bäng-Bäng.«
An das Rattern gewöhnen wir uns schnell. Manche sagen, sie schlafen schlechter, wenn der Zug nachts stehenbleibt. Und obwohl wir langsam fahren, wandelt die Landschaft sich im Zeitraffer. Auf den Kapstädter Winter folgt ein zaghafter Frühling im kargen Norden der Republik Südafrika. Erste Palmen rücken zwischen die Sträucher, die dürren Akazien und die Termitenhügel, die wie rachitische Riesenfinger meterhoch aus dem Sandboden ragen. Der Sommer kommt am sechsten Tag. Sommer ist, wenn man die Klimaanlage von heiß auf kalt stellt. Wenn die Landschaft hinterm Fenster sich von Blassgrün ins Gelbe verfärbt. Wir erreichen Botswana.
Botswana ist ein reiches Land, weil seine Bodenschätze erst nach der Unabhängigkeit gefunden wurden. Wir kommen durch Gaborone, die kleine Hauptstadt. Da haben sie einen Kricketclub und sogar eine Pferderennbahn. Die Frauen tragen gefärbte Ponys wie die schwarzen Popsängerinnen der sechziger Jahre. In den Straßen hängen Plakate: »Haltet Botswana sauber!«, »Null Toleranz gegen Korruption!« Über allem thront der Wolkenkratzer der halbstaatlichen Diamantenhandelsgesellschaft.
Zugegeben, wir sehen nur eine Seite von Afrika. Genau genommen: die linke. Nach links gehen die Abteilfenster raus. Und da ist noch so viel mehr, von dem wir nichts mitbekommen. Wir bleiben ja immer unter uns. Der »Stolz von Afrika« hat draußen keine Klinken. Die Serviceangestellten sind fast alle weiße Südafrikaner mit der undurchdringlichen Freundlichkeit von Fünfsternepersonal. Woran sollen wir erkennen, dass ausgerechnet das propere Botswana die höchste HIV-Rate der Welt hat? Jeder Dritte ist infiziert.
Solche Dinge bringt man uns schonend in Bordvorträgen bei. Andreas Lappe, unser Reiseleiter, kennt auch die andere Seite von Afrika. Einmal erzählt er uns, wie er hier das erste Mal unterwegs war. Mit dem Fahrrad! Ein Jahr lang, 25000 Kilometer weit ist er aus dem Taunus bis nach Kapstadt gefahren. Er hat im Malariafieber gelegen, Bürgerkriegsopfer gesehen und in der Sahara den Tod erwartet. Und doch beschlossen, fortan in Afrika zu bleiben. Nach dem Vortrag lächelt er uns Hinterglasabenteurern aufmunternd zu und sammelt die Hörhilfen ein.
Und dann also Simbabwe. Unser Kilometer Luxus hat die Schwelle zum Elend überschritten. Wir erreichen am Morgen des siebten Tages einen Ort mit dem netten Namen Plumtree. Die Abfertigung dauert vier Stunden lang. Uns Passagiere lassen die Zöllner in Ruhe. Rovos Rail hat für die Grenzformalitäten eine Auswahl Geschenke an Bord. Für die Grenzstadt eines Landes, dessen Bewohner fliehen, wirkt Plumtree verblüffend gemütlich. Ein paar Leute flanieren die Geschäftsstraße am Bahnhof entlang. Erst nach einer Weile merke ich, dass es die gleichen Leute sind, die auf und ab gehen, immer auf und ab, wie Tiere in einem Käfig. Einer tippt auf den Geldautomaten der schmucken Bankfiliale ein. Er scheint nicht überrascht davon, dass nichts herauskommt.
Simbabwe hält einen traurigen Weltrekord: 11 Millionen Prozent Inflation. Es heißt, die Händler schrieben alle paar Stunden eine weitere Null hinter ihre Preise. Ob das wahr ist, bekomme ich nicht heraus, weil auch mit den Geschäften etwas nicht stimmt. Der Bata-Schuhladen, Draper’s Hardware, die Total-Tankstelle sind noch am Mittag geschlossen. Beim genaueren Hinsehen erkenne ich, dass die Türen vernagelt sind. Auf dem Bahnsteig liegen zerrissene Geldscheine herum.
Wir passieren verödetes Farmland und einen aufgegebenen Nationalpark. Andreas Lappe erzählt, wie es dort zugeht, seit die Regierung die Ranger nicht mehr bezahlt: Hungrige Tiere überfallen umliegende Dörfer; hungrige Dorfbewohner jagen Tiere. Aber auch davon sehen wir natürlich nichts. Wir sehen nur freundliche Menschen. Wo immer wir vorbeikommen, winken sie uns zu. Der Bahnpolizist, der lässig die Linke hebt, während die Rechte noch lässiger den Griff seines Schlagstocks knetet. Der Bauer, den ich für eine Vogelscheuche hielt, weil er so reglos auf seinem Acker stand. Ich frage Andreas Lappe, ob es solche Leute waren, die vor ein paar Jahren unter Kriegsgebrüll die weißen Farmer verjagten. Er denkt lang nach und sagt dann: »Wahrscheinlich.«
Die Hälfte der Fahrt liegt jetzt hinter uns. Wir stehen an den Viktoriafällen, an der Grenze zu Sambia. Das grüne Wasser des Sambesi fällt in zähen Schuppen einen Kilometer herab und steigt als brodelnde Dampfwolke voller Regenbogen wieder empor. »Ein Bild, so schön, dass Engel im Flug es bestaunten«, schrieb der Missionar David Livingstone, der den Wasserfall 1855 nach seiner Königin benannte. Über die simbabwische Seite flog wohl schon lange kein Engel mehr. Auch die Touristen betrachten ihn lieber von Sambia aus, wo sie sich sicherer fühlen. Aber die Andenkenverkäufer sind noch da, und sie stürzen sich auf uns mit dem Mut der Verzweiflung. Zum ersten Mal auf dieser Reise begegnet uns die andere Seite von Afrika. Wir werden bedrängt und angestarrt aus rot unterlaufenen, panischen Augen. Mittendrin ist auf einmal Rohan Vos, eingeflogen mit einem seiner Oldtimer-Flugzeuge. Fluchend vor Zorn hetzt er über den Bahnsteig. »Wenn ihr meine Passagiere belästigt, werde ich es euch zeigen.«
Einer der Händler kriegt mich zu fassen. Er streckt mir seine Giraffe entgegen, »selbst geschnitzt, sehr schön, Mister«. »Ich hab kein Geld«, sage ich. Ich habe wirklich keins bei mir; bei Rovos Rail ist ja alles inklusive. Natürlich glaubt er mir nicht. Er denkt, ich will handeln, und verlangt immer weniger für seine hässliche Giraffe, bis er am Ende nur noch bettelt. Ich finde ein Stück Seife und gebe es ihm; er gibt mir einen wertlosen Schein: 5 Milliarden simbabwische Dollar. »Mehr Seife!«, schreit er mir hinterher. Ich ziehe die klinkenlose Zugtür hinter mir zu und verkrieche mich in meiner Kabine. Mir fällt ein Lied von Bob Dylan ein: »It takes a lot to laugh, it takes a train to cry«.
Hinter der Brücke liegt Sambia. Sambia ist Bilderbuch-Afrika. Zwischen strohgedeckten runden Lehmhütten balancieren Frauen Krüge auf ihren Köpfen. Nun geht es los mit dem Bäng-Bäng, vor dem Rohan Vos uns gewarnt hat. Die Schienen sind hundert Jahre alt, und sie verlaufen nicht parallel. Unser Zug zittert, er ächzt und stampft, als sollten wir spüren, welche Strapazen er uns abnimmt. Durch Sambia fahren wir im Schritttempo. Der Weg in den Speisewagen wird zum Hindernislauf. Jeder entwickelt seine eigene Technik. Meine Abteilnachbarin schwört auf Joggen. Ein Mann mit einem enormen Spitzbauch geht seitwärts, das polstert ihn ab. Ich bewege mich breitbeinig in Cowboymanier. Ich finde, das passt in die Landschaft.
Inzwischen habe ich es geschafft, alle 23 Tischweine zu probieren. Das Essen ist nicht mehr so gut wie am Anfang, was daran liegen mag, dass wir seit Pretoria von Vorräten zehren. Auf das Rezept für den Artischocken-Mandarinen-Salat mit Feta kam der Küchenchef sicher erst beim Anblick seiner eisernen Reserven. Mittlerweile habe ich einen festen Tischgefährten: ein früherer Gürtelhersteller aus Wuppertal, der die Landschaft so sorgsam studiert wie ein Techniker einen Bauplan. Manchmal wendet er sich mir zu und sagt etwas wie »Alles abgeknipst«. Dann schaue ich hinaus und merke, dass die Strommasten neben unseren Gleisen nicht mehr verbunden sind. Jemand hat die Kabel geklaut, über Hunderte Kilometer. Am Nebentisch empört man sich über den Schweizer. Der habe bettelnden Jugendlichen vom Aussichtswagen Geld zugeworfen. Es soll Schlägereien gegeben haben. Süßigkeiten, Spielzeug können sie teilen. Einen Dollarschein nicht.
Der offene Aussichtswagen ist unsere Nahtstelle mit Afrika. Einmal nachts, der Zug tankt Wasser, kommen irgendwoher aus der Dunkelheit Kinder. Erst nur ein paar, dann immer mehr. Wir sehen sie kaum – nur ihre bunten T-Shirts und, wenn sie sprechen, dann auch ihre Zähne. Ich möchte so viel von ihnen wissen, dass ich den Mund nicht aufbekomme. Können sie verstehen, warum jemand um die halbe Welt fliegt, bloß um sich dort einzusperren und rauszugucken? Sind wir für sie nur ein Wanderzirkus mit dicken alten Weißen? Geht es in Ordnung, dass wir in zwei Wochen mehr Geld verjubeln, als sie wohl zeitlebens verdienen? Viel zu große, viel zu deutsche Fragen.
Stattdessen singen wir einander vor: unsere Nationalhymnen, unsere Volkslieder und zum Schluss gemeinsam Happy Birthday. Sie singen viel schöner als wir. Dann fährt der Zug an. Wir setzen uns wieder auf die Bank unseres Aussichtswagens und bestellen die nächste Runde Sekt. Die Kinder verschwinden in der schwarzen Nacht. Nur ihre Stimmen wehen uns eine Weile hinterher.
Wir erreichen Tansania, das ehemalige Deutsch-Ostafrika. Hier sind die Gleise wieder gut. Die Chinesen haben sie in den siebziger Jahren verlegt. Das Entwicklungshilfeprojekt sicherte nebenbei ihren Handelsweg zum sambischen Kupfer. Sie haben auch Bahnhöfe errichtet. Die sollte man Architekturstudenten zeigen, als Musterbeispiele dafür, was passiert, wenn man die Kundschaft erziehen will. Kalkweiß und kantig stehen die Klötze in der Savanne. Unter ihren Dächern nisten Vögel. Es fährt ja nur alle paar Tage ein Zug. Auf die Plastikstühle in Reih und Glied passten vielleicht maoistische Arbeitsbrigaden. Die Tansanier sitzen lieber draußen.
Beim Abendessen höre ich, wie Andreas Lappe der Zugchefin zuraunt, ein Passagier mache Probleme. Ich spitze die Ohren. Jawoll, der Schweizer. Ha!, denke ich. Zwei Wochen Zwangsgemeinschaft bringen nicht das Beste im Menschen hervor. Draußen setzt die Landschaft zum großen Finale an. Wir überqueren tiefe Täler mit Schlammflüssen auf ihrem Grund. Das Wasser lässt alles ergrünen, wobei »grün« hier heißt: grün, gelb und rot, alle Jahreszeiten durcheinander. Die Hügel stehen voller Bananenstauden, Kokospalmen, Papaya- und Affenbrotbäume. Wie ein Lindwurm windet sich unser Zug immer tiefer in den Dschungel.
Am letzten Tag klebe ich am Fenster, bis mir schwindlig wird. Bewegen wir uns überhaupt? Oder sind wir der ruhende Punkt, und dieser Kontinent schiebt sich seit zwei Wochen an uns vorbei? Im Zimmersafe liegt noch meine Beute, die 5 Milliarden Dollar. Ich wollte sie eigentlich dort vergessen und stecke sie dann doch ein. Den Schweizer habe ich lang nicht mehr gesehen. Sie werden ihm doch keinen Stubenarrest erteilt haben? Beinahe fehlt er mir.
Unsere Ankunft in Daressalam ist kein Ankommen, mehr ein Anhalten. Die Melodie hat aufgehört zu spielen. Kein Klicki-Klacki mehr und kein Bäng-Bäng. Keiner mehr, der Lust hat, uns zuzuwinken. Auf einmal ist Afrika wieder schwül, laut und ein bisschen bedrohlich. Wie einfühlsam, dass Rovos Rail uns nicht ohne Ausklang entlässt. Am Bahnsteig werden wir wie Staatsgäste mit Blasmusik empfangen. Die tansanische Polizeikapelle spielt La Paloma und Alte Kameraden von vergilbten Partituren. Die stammen wohl noch von den Deutschen.
Wir nehmen Abschied, jeder auf seine Art. Manche tanzen auf dem Bahnsteig. Andere schütteln jedem Rovos-Angestellten dankbar die Hand. Die alte Dame aus der Royal Suite schaut steinern wie immer, aber sie wischt sich die Augen. Da ist ja auch wieder der Schweizer. Er trägt all die Schnitzereien heraus, die er an den Viktoriafällen gekauft hat. Und brummt was von »so günstig nie wieder«. Der bisse sich lieber auf die Zunge als zuzugeben, dass er Mitleid hatte. Mein Wuppertaler Tischgefährte überlegt bis zuletzt, ob er mit diesem Zug nicht gleich wieder nach Kapstadt zurückfahren soll: »Die Kabinenfenster gehen ja dann zur anderen Seite hinaus.« Schwer, ihm da etwas zu raten. Ich glaube, es ist leichter, von manchem nur die Hälfte zu sehen.
Veranstalter: Lernidee bietet die Sonderzugreise durch das südliche Afrika 2009 zweimal an: vom 23. Mai bis zum 9. Juni von Kapstadt nach Daressalam und vom 8. bis zum 25. Juni in umgekehrter Richtung. Der Preis beträgt 9560 Euro pro Person bei Doppelbelegung im einfachsten, sieben Quadratmeter großen Abteil. Inbegriffen sind die Anreise aus Deutschland, deutschsprachige Reiseleitung, volle Verpflegung und mehrere Ausflüge mit Übernachtungen in Luxuslodges. (Lernidee Erlebnisreisen, Eisenacher Straße 11, 10777 Berlin, Tel. 030/7860000, www.lernidee.de )
Zug: Wer auf eigene Faust mit dem Rovos Rail fahren will, kann die Reise auch direkt buchen. Die meisten angebotenen Routen verlaufen innerhalb der Republik Südafrika. Die günstigste Fahrt mit einer Übernachtung kostet umgerechnet circa 350 Euro. (Rovos Rail Deutschland, Mary De Ridder, Tel. 02837/6649811, www.rovos.co.za )
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- Datum 05.11.2008 - 10:23 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 30.10.2008 Nr. 45
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Ich empfehle, öfter mal auszusteigen. Weniger Tischweine, aber mehr authentisches Afrika. Simbabwe zum Beispiel. Auf dem Sambesi können Sie von Good News, so heißt der Skipper, erfahren, warum er zu Mugabes Geburtstag nicht auf die Straße gegangen ist. Im Ort Victoria Falls die Elefanten übe die Straße trotten sehen und in der Musterfarm Dimbangombwe hören, was Manager Sahe gegen Lecksalz für seine Wildtiere eintauscht, denn angesichts der Hyperinflation ist man zum Tauschhandel zurückgekehrt. Und am Strand von Bagamoyo nicht weit von Dar es Salam finden Sie vielleicht einen alten Heller des Deutschen Reichs.
Mehr davon in meinem Reisebuch: Edith Werner, Vom Kap bis Kenia, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2009, 400 S., 19,80 €
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