Barack Obama Die Gelassenheitsmaschine

Warum der junge Demokrat ein großer Präsident werden könnte

Barack Obama: Ein gelassener Kandidat - ein gelassener Präsident?

Barack Obama: Ein gelassener Kandidat - ein gelassener Präsident?

Seit zwei Jahren beobachten wir nun Barack Obama im Wahlkampf, und in all der Zeit hat er in der Öffentlichkeit nie die Selbstkontrolle verloren. In Lärm und Kampf, trotz Erschöpfung und Krise zeigte er nicht ein einziges Mal Zorn, Angst, Unruhe, Bitterkeit, Tränen, Aufregung, Selbstmitleid oder impulsive Ausbrüche.

Manche Präsidentschaftskandidaten lassen sich gerade durch das antreiben, was ihnen fehlt. Bei Lyndon B. Johnson war es Respekt, bei Bill Clinton Bewunderung. Diese Politiker versuchen, den Mangel auszugleichen. Sobald sie im Amt sind, müssen sie lernen, sich in den Griff zu bekommen. Wie werden sie es schaffen, die Dämonen, die Selbstzweifel und Sehnsüchte zu kontrollieren, aus denen ihr Ehrgeiz sich gespeist hat?

Andere Kandidaten dagegen motiviert eine Eigenschaft, die von manchen Psychologen als »Selbstwirksamkeit« bezeichnet wird, die ruhige Gewissheit, dass sie alle Anforderungen bewältigen können, mit denen sie in Zukunft konfrontiert werden mögen. Solche Kandidaten – Franklin D. Roosevelt etwa oder Ronald Reagan – trägt das Verlangen nach oben, die ihnen gegebenen Fähigkeiten zu entfalten und einzusetzen. Sie machen Karriere mit einer unerschütterlichen Gelassenheit, die ihre Kritiker nicht erklären können und die ihre Gegner wütend macht.

Obama vereinigt in sich die Biografie der ersten mit der Persönlichkeit der zweiten Gruppe. Er wuchs ohne Vater auf, seine Mutter zog häufig um. »Schon vor langer Zeit lernte ich, meiner Kindheit zu misstrauen«, schreibt er in seiner Autobiografie Dreams from My Father (deutsch: Ein amerikanischer Traum). Man könnte erwarten, dass ein unter solchen Bedingungen aufgewachsener Politiker sich mit ungestillten seelischen Bedürfnissen und verborgenen Wunden herumzuschlagen hat.

Obama hat nie etwas Derartiges erkennen lassen. Stattdessen zeigt er jeden Tag das gleiche ungetrübte Selbstvertrauen. Zumindest in der Öffentlichkeit lässt nichts auf einen inneren Aufruhr schließen. Dabei zeigt er nicht so sehr Willenskraft oder Selbstdisziplin als vielmehr ein strukturiertes Unbewusstes. Durch irgendeine tiefreichende kognitive Verarbeitung hat er sich Strategien der Ausgeglichenheit erarbeitet und ist so zu einer Gelassenheitsmaschine geworden.

Als der Fernsehmoderator Bob Schieffer ihm in der letzten TV-Debatte mit John McCain vor zwei Wochen mit direkten Fragen zusetzte, trat Obama gleichsam einen Schritt zurück und entwarf ein größeres Bild. Auf McCains Angriffe – darunter sogar die Behauptung, lebensfähige Föten lasse man nach der Abtreibung einfach sterben – reagierte er mit einem Lächeln, in dem sich Erheiterung über dieses politische Spiel ausdrückte. Auf jede Herausforderung nahm er sich instinktiv zurück und wechselte in die Beobachterperspektive.

Während der ganzen Debatte wirkte er ausgleichend und gesammelt. Während der erfahrene McCain vor Anspannung wütend mit den Augen rollte, ließ Obama nicht einmal unbewusste Signale der Nervosität erkennen. Es gab bei ihm nicht den kleinsten Hinweis auf unkontrollierte Gefühle.

Anscheinend werden wir von unserer Umwelt geformt, doch Obama, der Gast, scheint die unterschiedlichsten Situationen zu durchleben, ohne sich allzu sehr davon berühren zu lassen. In den vergangenen beiden Jahren wurde er von der Öffentlichkeit verehrt wie kaum jemand vor ihm, er jedoch ließ sich davon nicht beeindrucken, und im Lauf des Wahlkampfs legte er sogar viel von seinem rhetorischen Pathos ab.

Bill Clinton versuchte im Wahlkampf, sein Publikum zu verführen. Obama dagegen wirbt weniger, als dass er umworben wird. Er scheint die Liebe seiner Zuhörer nicht zu brauchen. Aber sie brauchen seine Liebe. Sie hungern nach seiner Zuneigung, während er ruhig, verständnisvoll, didaktisch bleibt.

Roosevelts heiteres Naturell und Reagans lebensfrohes Auftreten gehen ihm ab, stattdessen ist er analytisch. Deshalb perlte der Versuch, ihm eine Verbindung mit dem radikal linken Theoretiker William Ayers nachzuweisen, völlig an ihm ab. Obama mag vorurteilslos sein, aber er ist nie stürmisch. Seine Familie ist bürgerlich. Gefühlsmäßig vermeidet er die revolutionäre Geste zugunsten des Sechs-Punkte-Plans.

Das war noch nicht so deutlich in den Tagen, als Obama von der »brennenden Dringlichkeit des Wandels« sprach, doch heute ist es klar. Und ohne Weiteres lässt sich ein Szenario entwerfen, in dem er ein großer Präsident sein könnte. Weder selbstzerstörerische Dämonen noch Disziplinlosigkeit würden ihn verfolgen. In seiner coolen Art würde er die Wirklichkeit ungefiltert wahrnehmen. Er könnte, wie er es bereits angefangen hat, einige der klügsten Köpfe um sich scharen und ihnen freie Hand lassen, da intellektuelle Unsicherheit ihm fremd ist. Trotz seiner Jugend kann man sich gut vorstellen, wie er im Kabinett eine anspruchsvolle, nuancenreiche Diskussion über ein langfristiges Problem leitet.

Natürlich kann man sich auch ein Szenario denken, in dem er keine Insel der Vernunft in einem Ozean des Aufruhrs bildet, sondern einfach nur eine Insel. Frisch gekürte Präsidenten müssen immer wieder mit Erstaunen erleben, wie wenig ihre Anweisungen befolgt werden, wie sehr passiv-aggressives Verhalten ihren Vorhaben zuwiderläuft.

Es wäre ebenfalls möglich, dass Obama ein Beobachter, nicht ein Anführer wird. Vielleicht wird er sich eher zurückhalten, statt sich leidenschaftlich für seine Ziele einzusetzen. Es könnte sein, dass wichtige Abgeordnete sich von seiner intellektuellen Überlegenheit abgestoßen fühlen und lieber ihre eigenen Wege gehen. Nicht ausgeschlossen ist es auch, dass er sich in Feinheiten verliert und damit passiv und ineffizient wird, dass fehlende Leidenschaft zu fehlendem Mut führt, dass Obamas Größe zu Obamas Abstieg wird.

Wir können spekulieren, wie die Geschichte ausgeht. Doch in den letzten beiden Jahren hat Obama sich im Umgang mit den Wählern eindeutig gut gehalten. Er ist alles andere als ein modischer Star, sondern souverän, selbstbeherrscht und vielleicht sogar ein bisschen langweilig.

Aus dem Englischen übersetzt von Elisabeth Thielicke

 
Leser-Kommentare
  1. ... einfach und doch voller Esprit, sicherlich hervorragend übersetzt. Mehr davon, auch oder gerade online. Beste Grüße.

  2. David Brooks ist, das wissen vielleicht einige deutsche Leser nicht, einer der führenden Konservativen bei der NY Times und ein regelmäßiger Gast auf PBS, dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Dort vertritt er einen klugen und gemäßigten Konservatismus in Wahlkampfdiskussionen. Möchtegern-konservative Wadenbeißer wie Thomas Kleine-Brockhoff sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen. Er zeigt, daß in den Anfängen einige der konservativen Kategorien der US-Politik durchaus in Maßen Sinn machen: die Konzentration auf die Frage der Persönlichkeit zum Beispiel. Hut ab, auch wenn ich ihm regelmäßig in Meinungsfragen widersprechen möchte.

  3. So jung ist Obama mit seinen 47 Jahren eigentlich gar nicht. Sowohl Clinton als auch Kennedy waren beide ein Jahr jünger als er. Wenn er allerdings neben dem ältlichen McCain steht, dann wirkt er in der Tat jung, abgesehen davon, dass er auch noch einen halben Kopf größer ist.

    Aber gelassen ist er, das muss man ihm schon lassen. Hitzköpfe à la Schröder oder McCain bringen ihn nicht aus dem Konzept. Bei allem, was als Präsident auf ihn zukommen wird, kann man ihm nur gratulieren, wenn er stets cool bleibt.

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    • hagego
    • 05.11.2008 um 16:55 Uhr

    Für dieses Amt ist er m.E. "verhältnismäßig" jung. Jedenfalls glatte 25 Jahre jünger als sein republikanischer Gegenkandidat John McCain. 13 oder 14 Jahre jünger als seine härteste innerparteiliche Gegenkandidatin Hillary Clinton.

    Übrigens: John F. Kennedy war 43 Jahre alt, als er 1960 zum Präsidenten der USA gewählt wurde.

    Wenn man an die Auftritte Barack Obamas während seiner Wahlkampfveranstaltungen denkt, spielt es fast keine Rolle, ob er noch jung oder schon etwas älter ist. Er wirkt einfach frisch und überzeugend!

    • hagego
    • 05.11.2008 um 16:55 Uhr

    Für dieses Amt ist er m.E. "verhältnismäßig" jung. Jedenfalls glatte 25 Jahre jünger als sein republikanischer Gegenkandidat John McCain. 13 oder 14 Jahre jünger als seine härteste innerparteiliche Gegenkandidatin Hillary Clinton.

    Übrigens: John F. Kennedy war 43 Jahre alt, als er 1960 zum Präsidenten der USA gewählt wurde.

    Wenn man an die Auftritte Barack Obamas während seiner Wahlkampfveranstaltungen denkt, spielt es fast keine Rolle, ob er noch jung oder schon etwas älter ist. Er wirkt einfach frisch und überzeugend!

  4. Barack Obama, anders als Roosevelt, Reagan, ein Ideenspender deeskalierender Beharrung!?

    Liebe Frau Thielicke,

    es gibt die Entdeckung der Langsamkeit.
    Ihre Entdeckung, an der Sie uns hier in Ihrem Artikel, mitten in der Finanzkrise teilhaben lassen“Nachtigall, ich höre dir trapsen!“ ist“ Die Gelassenheitsmaschine“, deren Wirkungsweise Sie für mich überraschend nicht auf die Verfolgung einer Idee herunterbrechen, sondern bekunden, dass diese als „»Selbstwirksamkeit« bezeichnet wird, die ruhige Gewissheit, dass ihe Darsteller alle Anforderungen bewältigen können, mit denen sie in Zukunft konfrontiert werden mögen. Solche Kandidaten – Franklin D. Roosevelt etwa oder Ronald Reagan – trägt das Verlangen nach oben, die ihnen gegebenen Fähigkeiten zu entfalten“.

    Bei Franklin D. Roosevelt war,nben allen Fähigkeiten, ein gerüttelt Maß des politschen „Vabanque Spielers“ dabei, der sich in die ökonomische Intervention des „Social New Deal“ ohne monetäres Netz und Boden traute, die erwartungsgemäß in einer horrenden Staatsverschuldung landete und nur glückhaft für die USA durch den Eintritt in den Weltkrieg II, zunächst auch als Finanzier der Rüstung des Deutschen Reiches, dann vor allem seit dem 01.09. 1939 Beginn des Weltkrieges II Großbritanniens, ab 1941 selbst als Crusader- Kriegsteilnehmer gegen Japan und das NS- Regime gewendet werden konnte.
    Ronald Reagan war der US- Präsident, dem es als Reagonomic durch die exessive Hochrüstung gegenüber dem Warschauer Pakt im Kalten Krieg gelungen ist, einen heissen Krieg gegen die Kühe und Rindviecher der UdSSR entfachend, den Eisernen Vorhang, wie einen winselnden Hund im Nirgendwo verschwinden lassend, durch einen monetären Wall, einen finanzproduktiven Vorhang asymmetrischer Währungsverhältnisse in der Weltwirtschaft zu ersetzen.
    Beide US- Präsidenten, Roosevelt, Reagan, prinzipiell als nachahmenswerte Erfolgsmodelle vorzuführen, gibt bei näherer Betrachtung die Geschichte kaum her!, oder?

    Agiert Barack Obama nicht stoisch ruhend, wie das stille Auge im Zentrum des Orkan?
    Wie wird Barack Obama sein, wenn sich der Sturm gelegt?
    Barack Obama wirkt zentriert auf das Bemühen deeskalierender Beharrlichkeit in einer politischen Landschaft gesteigert pathetischer Bereitschaft permanenter Eskalation hin zur Panik- Kultur auf der Titanic des vagabundierend bizarren Sicherheitsbedürfnis als Lebensgefühl in unserer Zeit kurz vor dem gefühlten Aufprall?

    Wird Barack Obama also mehr als Roosevelt, Reagan ein patenter wie global gut vernetzter Ideenspender sein, als ein Vertreter, ein Handlungsreisender der „Gelassenheitsmaschine“ Marke „»Selbstwirksamkeit«!?

    tschüs
    Joachim Petrick

    • hagego
    • 05.11.2008 um 16:55 Uhr

    Für dieses Amt ist er m.E. "verhältnismäßig" jung. Jedenfalls glatte 25 Jahre jünger als sein republikanischer Gegenkandidat John McCain. 13 oder 14 Jahre jünger als seine härteste innerparteiliche Gegenkandidatin Hillary Clinton.

    Übrigens: John F. Kennedy war 43 Jahre alt, als er 1960 zum Präsidenten der USA gewählt wurde.

    Wenn man an die Auftritte Barack Obamas während seiner Wahlkampfveranstaltungen denkt, spielt es fast keine Rolle, ob er noch jung oder schon etwas älter ist. Er wirkt einfach frisch und überzeugend!

    Antwort auf "Cool und gelassen"

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