Rezession Fünf Gründe gegen die TrübsalLektion gelernt?

Der Abschwung kommt. Aber in Deutschland sind Unternehmen und Bürger besser auf die Krise vorbereitet als beim letzten Mal

Schlechte Nachrichten lasten wie ein Tiefdruckgebiet auf dem Gemüt. Wie tausend kleine Tröpfchen im November die Messröhrchen vom Wetterdienst füllen, so bleibt, von Mal zu Mal, mehr Pessimismus in aktuellen Umfragen hängen. Für den monatlichen Unternehmens-Index (ifo) gilt das wie für die Meinungsforscher von Allensbach, wenn sie nach der Zustimmung zur Sozialen Marktwirtschaft fragen. Tatsächlich ist die Situation außergewöhnlich: Banken brauchen Staatshilfe, Autofabriken schließen, Leiharbeiter werden entlassen, Werbeausgaben gekürzt, Investitionen verschoben. Die Nachrichten gerinnen zu dem Eindruck, dass es nasskalt wird in Deutschland. Und die Seele wird klamm.

Nur trübt eben dies jeden Blick dafür, wie gut und aussichtsreich die Lage im Vergleich zum Abschwung vor fünf Jahren ist. Hier kommen fünf Argumente gegen den Trübsinn.

Argument 1: Deutsche Unternehmen sind viel wettbewerbsfähiger als zu Beginn des Abschwungs vor fünf Jahren. Die Lohnstückkosten sind im Vergleich zu fast allen anderen Industrienationen gesunken, das wird sich beim Exportgeschäft auch in einem globalen Abschwung auszahlen.

Argument 2: Viele Unternehmer und Manager wissen, dass sie in der Rezession von 2002 bis 2005 zu viele gute Mitarbeiter entlassen haben. Infolgedessen haben sie in den beiden vergangenen Jahren Aufträge ablehnen müssen, weil sie niemanden finden konnten, der ihnen die Arbeit macht: So beschreibt Management-Professor Horst Wildemann die Erfahrung seiner Kunden. Er lehrt an der Technischen Universität München und arbeitet als Berater für Unternehmen wie Audi, Bosch, Pfleiderer und Südzucker. Er unterstützt die Konzerne wahlweise bei Unternehmensführung, Logistik oder Produktionsplanung.

Wildemann ist der Ansicht, dass viele Unternehmen versuchen werden, in diesem Abschwung mehr Mitarbeiter zu halten, mit ihnen aber größere Flexibilität auszuhandeln: noch üppigere Arbeitszeitkonten etwa, um in der Flaute Hunderte von Arbeitsstunden anzusammeln, die jetzt bezahlt und im nächsten Aufschwung abgearbeitet werden. Das kann den Arbeitsmarkt stabilisieren – und schafft jedem Einzelnen den Raum für neue Ideen.

Argument 3: Dass Zeitalter der Massenproduktion ist nicht vorbei, aber durch technischen Fortschritt und verändertes Verbraucherverhalten wachsen die Chancen für eigenständige Anbieter kleiner und kleinster Mengen. Designer und Kunsthandwerker erreichen über Internetmarktplätze wie DaWanda ein nationales Publikum. Sie müssen nicht mehr nur auf einen Job bei adidas, Hugo Boss und Tupperware hoffen. Weiteren Schwung wird dieser Trend zu kleinen Design-Schmieden in den nächsten Jahren durch sogenannte Fabrikatoren bekommen. Diese Geräte erlauben die Fertigung von Kleinserien quasi neben dem Wohnzimmertisch, und wer nicht gleich investieren will, kann sich eine Kleinserie längst bei Dienstleistern fertigen lassen.

Anders ausgedrückt: Die Hürde für den Markteintritt neuer Unternehmen sinkt. Ideen können schneller und selbstbestimmter verwirklicht werden. Und zwar nicht nur bei Plastikschüsseln oder Designerstühlen. Software lässt sich zunehmend aus bekannten Bausteinen zusammensetzen. Der Markt für Frühstücksflocken ist keine Angelegenheit mehr für Kellogg’s, sondern bietet auch kleinen Unternehmen wie MyMüsli Platz.

Auch eine Zeitschrift zu gründen, das Missy Magazine etwa, kostet heute ein Bruchteil dessen, was es noch vor fünf Jahren brauchte – digitalem Druck, digitaler Bilddatenbanken und preiswerterer Software sei Dank.

Dies sind nur ein paar Beispiele dafür, wie neue Chancen jenseits der Konzerne entstehen, und es sei noch ergänzt um den Trend, dass Supermärkte mehr Produkte aus lokaler Herstellung in ihr Sortiment aufnehmen, weil Verbraucher danach verlangen.

Argument 4: Langfristige Trends und technische Sprünge sind für die Zukunft von Unternehmen wichtiger als das zyklische Auf und Ab der Konjunktur. Deutsche Unternehmen der Solarbranche etwa entstanden in der Erwartung, dass der Welt im 21. Jahrhundert das Öl ausgehen wird. Ihre Gründer wurden dafür erst verlacht, dann als Nischenanbieter mit Ökopreisen behängt – doch jetzt hat mit Q-Cells ein Solar-Unternehmen gute Chancen, in den Dax aufgenommen zu werden. In der deutschen Wirtschaft gibt es viele ähnlich innovative Firmen: vom Maschinenbauer Trumpf über United Internet zum Biotechunternehmen Qiagen und dem Ökostromanbieter Lichtblick. Auf sie sollte man schauen, nicht nur auf Autokonzerne, deren Manager den Trend zum emissionsarmen Auto verschlafen haben.

Argument 5: Die Deutschen haben sich in den vergangenen Jahren an mehr Unsicherheit gewöhnt, als es ihnen bewusst ist. Und ihr Leben darauf eingerichtet. Zu Hunderttausenden haben sie sich auf ein berufliches Dasein jenseits der Festanstellung eingelassen. Informatiker, Ingenieure und Unternehmensberater finden es inzwischen ganz alltäglich, über Jobbörsen, soziale Netzwerke und private Agenturen von ihrem nächsten Auftraggeber gefunden zu werden. Natürlich lässt sich einwenden, das gelte nur für die Starken. Die Hochqualifizierten. Und es stimmt ja auch. Viele Unternehmer setzen unsichere Arbeitsverhältnisse immer noch mit einem Freibrief für Ausbeutung gleich. Doch gegen diese Haltung half auch vor hundert Jahren keine Festanstellung. Erst die Selbstorganisation der Arbeitnehmer in Gewerkschaften sorgte für eine Zivilisierung der Arbeitswelt. Insofern ist heute durchaus die Frage, ob es die Freiberuflichkeit ist, die das Berufsleben so rau machen kann – und wie viel die mangelnde Selbstorganisation der Freischaffenden dazu beiträgt.

Wird all das dem Abschwung seine Härte nehmen? Nein, nicht alle. Aber die Deutschen müssen den beginnenden Abschwung weniger fürchten als den vorangegangenen.

 
Leser-Kommentare
    • df
    • 06.11.2008 um 15:34 Uhr

    verschärft! 70% des BIP kommen vom Binnenkonsum! Der wurde durch eine Mehrwersteuererhöhung von 3% (würde in den USA zu einem Umsturz führen), der Streichung der Pendlerpauschale, Rentenerhöhungen (eigentlich Kürzungen) unter der Inflationsrate, Aufsplittung von Arbeitspätzen in Mini Jobs und vieles mehr, niedergeprügelt! Und da jetzt der einseitig geförderte Export einbricht hat man ein erheblich größeres Problem als beim letzten Abschwung.

  1. Natürlich gibt es noch viel mehr Gründe gegen Trübsal, z. B.:
    - Hoffen kann man immer (Tschechow)!
    - Mit der Hoffnungslosigkeit fängt der Optimismus an (frei nach Sartre).
    - Wo aber das Bedrängende wächst, wächst auch das Rettende (Hölderlin, sollte man über den Börseneingang schreiben).
    - So lange es Bier gibt, gibt es noch Hoffnung!
    - Wer nichts hat, kann auch nichts verlieren.

    Letztendlich tanzt der Mensch in der Sprache doch über die Dinge hinweg!

    rheinelbe

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    - Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst (Gruß nach Österreich)

    Meine Entgegnung: Schöne Sprüche, besonders dann, wenn man am verhungern ist.

    Die übliche Beschimpfung dürfen Sie sich hinzudenken.

    - Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst (Gruß nach Österreich)

    Meine Entgegnung: Schöne Sprüche, besonders dann, wenn man am verhungern ist.

    Die übliche Beschimpfung dürfen Sie sich hinzudenken.

  2. Etwas mehr Optimismus bitte! So sehe ich es auch. Sich seinem Schicksal zu ergeben und in Angsstarre zu verfallen, verschärft das Problem höchstens noch mehr. Jeder der kann, sollte weitermachen wie bisher. Geld, was auf die hohe Kante gelegt wird, wird der Wirtschaft entzogen.

    Für schlechte Zeiten sparen, ich wiederhole mich da gerne, beschleunigt die schlechten Zeiten nur noch mehr. Wer kann von sich schon behaupten, mehr als 200 Euro pro Monat für schlechte Zeiten zu sparen. Macht 2.400 Euro im Jahr. Wenn die schlechten Zeiten dann da sind, herbeigespart durch den Angstsparer, wird dieser sicher nicht an seine 2.400 Euro gehen, sondern diese erst recht festhalten. Dann folgt die Arbeitslosigkeit und jetzt wird er noch mehr an seinem Ersparten festhalten, weil man ja nie weiß, ob es nicht noch schlechter kommt. Und dann rutscht man in Hartz IV und darf sein Vermögen aufbrauchen, bevor man Leistungen bezieht. Herzlichen Glückwunsch zu so viel Irrationalität. Selbsterfüllende Prophezeiung genannt.

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    bei Hartz IV, der leider zu niedrig ist. Aber im allgemeinen gebe ich Ihnen Recht: Jedenfalls derzeit lohnt sich das Sparen meist nicht.
    rheinelbe

    Dass Geld, das man spart, der Wirtschaft entzogen wird, stimmt aber so auch nicht. Das ist doch sozusagen ein Kredit, den man der Bank gibt...

    bei Hartz IV, der leider zu niedrig ist. Aber im allgemeinen gebe ich Ihnen Recht: Jedenfalls derzeit lohnt sich das Sparen meist nicht.
    rheinelbe

    Dass Geld, das man spart, der Wirtschaft entzogen wird, stimmt aber so auch nicht. Das ist doch sozusagen ein Kredit, den man der Bank gibt...

  3. bei Hartz IV, der leider zu niedrig ist. Aber im allgemeinen gebe ich Ihnen Recht: Jedenfalls derzeit lohnt sich das Sparen meist nicht.
    rheinelbe

  4. Geschichte wiederholt sich immer (manchmal als Farce).... Die Depression der 30er war schon schlimm, aber diesmal wird es schlimmer werden, denn die vernetzte Welt wird zusammen in die Hyperinflation rutschen, ob da ein Krieg wie der 2. Weltkrieg wieder kommen wird und das Ende der Depression einleitet ist noch nicht abzusehen. Das System der Teilreserve und der freien Wechselkurse ist am Ende, den Menschen fällt es einfach nur schwer das zu akzeptieren, weil Sie das System gar nicht verstehen. Das Schlimmste steht uns eindeutig noch bevor, gerade weil die Politik nichts am System ändert sondern nur Liquidität in den Markt pumpt. Denke, dass wir im nächsten Sommer eine weltweite Währungsreform sehen werden. vielleicht ist dann optimismus angebracht.

  5. Um das mal "Argument" für Argument abzuarbeiten:

    1. Wer eh nichts verdient, hat auch schon gelernt, sich nach der Decke zu strecken.
    2. Wenn es nichts zu arbeiten gibt, schickt man die Leute halt mal einen oder zwei Monate nach Hause.
    3. Heimarbeit ist der Trend, z.B. mit der ganzen Familie Kugelschreiber zusammenschrauben, oder Tüten kleben. Oder eine eigene Fachzeitschrift für Makrameeulen und Salzteigfigürchen herausgeben.
    4. In Subventionsbranchen wie etwa Photovoltaik einsteigen, wenn der Staat die Subventionen nicht mehr zahlen kann, soll er halt Schulden aufnehmen.
    5. (???), einfach nur verschroben.

    Das erinnert mich ein bisschen an die Zeit 1990, als derartig viele arme Ossis dachten, sie könnten mit einer eigenen Würstchenbude reich werden.

  6. die Argumente des Artikels kann ich in meinem Umfeld gut nachvollziehen! Ich möchte aber noch ein wenig Optimismus "draufsetzen":

    Ich gehe davon aus, daß nach 10 Jahren Nullrunden (nominal nicht, aber real) dank niedriger Arbeitslosigkeit zumindest im exportorientierten Breich mittelfristig die Löhne endlich wieder real steigen - mittlerweile sind die in D nämlich im Vergleich zu der anderen europäischen Ländern recht niedrig!

    Also, IG Metall, nicht zu schnell klein beigeben!

    Für die Binnenwirtschaft, insbesondere der oft wertschöpfungsarme Dienstleistungssektor waren die Steuererhöhungen der letzten Jahre bzw. die "kalte Progression" natürlich Gift! Hier gilt: Lohnnebenkosten abbauen, Bürokratismus verringern, in Ausbildung investieren!

    Wiedervereinigung, europäische Währungsunion und Globalisierung sind zwar schwere Brocken, aber nach meiner Überzeugung ist das Schlimmste vorbei, besonders wenn ich die Kommentare hier lese: Wer so elegisch jammern kann, dem geht es in Wirklichkeit garnicht so schlecht! ;-)

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    und Schwächung der sozialen Sicherungssysteme, wo sich noch dazu die Arbeitgeber aus der Zahlungsparität verabschieden dürfen.

    Bei der Krankenversicherung wurde damit begonnen, dann kam die Rente und die Arbeitslosenversicherung dran. Die fehlende Parität darf dann der Arbeitnehmer vom gekürzten Netto selber zahlen, was diesen Rest weiter verringert.

    Auch das gehört zu den Lohnkürzungen der letzten Jahre. Hingegen die Gewinne sind exorbitant gestiegen.

    JJahnke.net Bild 04054

    http://www.jjahnke.net/index_files/04054.gif

    Bei dem Kurvenverlauf fällt einem nicht mehr viel ein, wie die große Masse der Arbeitnehmer betrogen wurde - oder?

    und Schwächung der sozialen Sicherungssysteme, wo sich noch dazu die Arbeitgeber aus der Zahlungsparität verabschieden dürfen.

    Bei der Krankenversicherung wurde damit begonnen, dann kam die Rente und die Arbeitslosenversicherung dran. Die fehlende Parität darf dann der Arbeitnehmer vom gekürzten Netto selber zahlen, was diesen Rest weiter verringert.

    Auch das gehört zu den Lohnkürzungen der letzten Jahre. Hingegen die Gewinne sind exorbitant gestiegen.

    JJahnke.net Bild 04054

    http://www.jjahnke.net/index_files/04054.gif

    Bei dem Kurvenverlauf fällt einem nicht mehr viel ein, wie die große Masse der Arbeitnehmer betrogen wurde - oder?

    • Piepe
    • 06.11.2008 um 17:54 Uhr

    Wir sollten den Spitzensteuersatz auf 25% senken. Nur wenn die Besserverdienenden mehr Geld zum Konsum übrig haben , kann es in Deutschland wieder aufwärts gehen. Drücken wir die Lohnquote auf 50%.
    Denn Gewinne sind die Arbeitsplätze(Investitionen) von morgen. Der Artikel ist schwachsinnig. Immer noch glaubt der Autor, durch Senken der Lohnstückkosten, ließe sich zu Lasten anderer Länder, die Arbeitslosigkeit einfach exportieren. Gegen einen Wirtschaftskrieg und Lohndumping , Wehrt man sich mit hohen Zöllen auf Lohndumping. Also USA , Frankreich,Italien, England, Dänemark verzollt deutsche Waren mit 300%.

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    Die Besserverdienenden haben doch jetzt schon Geld zum Konsum (neben dem Lebensnotwendigsten) uebrig. Wenn man die Steuern fuer sie herabsetzt besteht ja auch eine gewisse Gefahr, dass das Geld eher fuer eine zweite Urlaubsreise ausgegeben wird - entlastet man die Geringverdiener etwas mehr, dann bleibt das Geld eher im Land.

    Die Besserverdienenden haben doch jetzt schon Geld zum Konsum (neben dem Lebensnotwendigsten) uebrig. Wenn man die Steuern fuer sie herabsetzt besteht ja auch eine gewisse Gefahr, dass das Geld eher fuer eine zweite Urlaubsreise ausgegeben wird - entlastet man die Geringverdiener etwas mehr, dann bleibt das Geld eher im Land.

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
  • Kommentare 21
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  • Schlagworte Volkswirtschaft | Inflation
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