James Bond, seit er von Daniel Craig gespielt wird, ist nicht mehr der Bond, den wir kannten. Er ist kein Gentleman, er ist kein Ironiker, ihm ist es egal, ob der Martini-Cocktail gerührt oder geschüttelt wird. Geblieben ist nur die berühmte »Lizenz zum Töten«. Sie hatte aber schon in Casino Royale, wo Craig zum ersten Mal als Agent 007 auftrat, alle übrigen Lizenzen verdrängt, die Lizenz zur Schürzenjägerei, zum Tragen von Maßanzügen, zu Scherzen und unangebrachter Ironie in Extremsituationen. Der neue Bond ist ein Mann mit Vorgeschichte, mit seelischen Verletzungen, er ist einsam, vielleicht sogar verbittert (seine große Liebe wurde in Casino Royale zum Verrat erpresst), auf keinen Fall ist er noch daran interessiert, gute Miene zum bösen Spiel zu machen und die Haltung des Dandys unter allen Umständen zu wahren.

Craig gewinnt an emotionaler Wucht und physischer Präsenz, was er an Glamour verliert; aber seine Bond-Figur wechselt damit auch das filmische Genre, er ist Bruce Willis in Die Hard näher als Sean Connery in Goldfinger – von der Lässigkeit Roger Moores ganz zu schweigen. Die Reihe gerät in eine Konkurrenz zu anderen Actionklassikern, die niemals vorgesehen war und vielleicht nicht zu gewinnen wäre, wenn Marc Forster, der Regisseur der neuesten Folge Ein Quantum Trost, sich nicht auch eine neue Ästhetik hätte einfallen lassen.

Es ist die Ästhetik des Musikvideos, die nicht nur einzelne Szenen, sondern den ganzen Film in der Art einer atemlosen Montage erzählt. Der Schnitt folgt nur mehr nebenbei einem Rest von Handlung, im Wesentlichen folgt er, in manchen Actionszenen taktgenau, der Musik von David Arnold. Es ist eine üppig orchestrierte, hoch eklektizistische Pop-Sinfonie, die das eigentliche Erzählen übernimmt. In der Art von Prokofjews Peter und der Wolf, aber ohne Stimme aus dem Off berichtet sie von 007 und einem ökologisch getarnten Bösewicht. Der fiese Franzose Dominic Greene (Mathieu Amalric) schleicht sich wie der Wolf auf Samtpfoten ein, nur Prokofjews souveräner Großvater ist durch eine hektische Großmutter, nämlich Bonds Vorgesetzte M (Judi Dench), ersetzt.

Das alles ist glänzend komponiert, rasant bebildert, ja der ganze Film ist eine Art Light-and-Sound-Show, und die Schießereien, Prügel- und Verfolgungsarien sind nur das Ballett dazu, nicht logisch, sondern rhythmisch motiviert. Und wie bei einem Ballett, das keinen sichtbaren Erzähler hat, gibt es auch hier keine Person, aus deren Blickwinkel sich die Geschichte entfaltet. Das Material entfaltet sich selbst. Der Film beginnt mit einer rasenden Kamerafahrt übers Wasser auf eine Uferstraße zu, für einen Moment denkt man, aus der Perspektive eines Torpedos oder niedrig fliegenden Hubschraubers zu schauen, aber es ist nur die Kamera, die sich gierig auf das Autoverfolgungsgemetzel stürzt, das auf der Straße tobt. Und dann explodieren die Bilder schon, sie spritzen uns förmlich um die Ohren. Es gibt die Musik und das gefilmte Material, mehr gibt es nicht, es ist aber mehr als genug, fesselnd, brillant, sinn- und ironiefrei, das gloriose Ende der Tradition Bond.