Ausbildung "Es fehlt an Wissen und Moral"
Schon während ihrer Ausbildung geht zukünftigen Bankern der Bezug zur Realität verloren. Eine kritische Grundhaltung bringe ihnen keiner bei, sagt der Finanzexperte Sven Remer

© Norbert Bayer für DIE ZEIT
Ist Wachstum alles? Nachwuchsbanker diskutieren an den Unis zu wenig über Werte
DIE ZEIT: Seit Wochen regt sich die Republik über die »Dummbanker« auf. Sind unsere Banker wirklich zu dumm?
Sven Remer: Nicht wenn man bedenkt, dass viele von ihnen Spezialisten mit einer anspruchsvollen Ausbildung sind. Zu dumm aber insofern, als sie das große Ganze aus den Augen verloren haben. Es wurde ihnen allerdings auch nie beigebracht.
ZEIT: Was stimmt mit der Ausbildung nicht?
Remer: Banker durchlaufen Spezialistenausbildungen. Sie befassen sich nur mit monetären Werten, und das mit einem kurzfristigen Horizont. Alle nicht in Geld darstellbaren Werte bleiben außer Acht, allenfalls rechnet man sie noch als Risikofaktoren ein. Aber in seinem ganzen Denken orientiert man sich nur an quantitativen Größen.
ZEIT: Es geht ja auch um Zahlen und Geld.
Remer: Ja, aber Geld wird in der Ausbildung immer nur abstrakt gesehen. Es wird – und das ist ein wesentlicher Teil, der jetzt zur Krise beigetragen hat – nur in Millionen- und Milliardenbeträgen gesprochen. Für die meisten Menschen sind zehntausend Euro viel Geld. In einem MBA-Studium hört man einen solchen Betrag überhaupt nicht. Es wäre wichtig, ökonomische Vorgänge in der Ausbildung wieder auf eine Ebene zu holen, auf der wir einen persönlichen Bezug dazu finden.
ZEIT: Wie sollte der ins Curriculum eingebracht werden?
Remer: Über Case-Studies, die ohnehin eine immer größere Rolle spielen.
ZEIT: Gerade Fallstudien sind doch schon sehr konkret, da geht es immer um echte Unternehmen und realistische Zahlen.
Remer: Aber meistens nur um große, internationale Unternehmen und nicht um die vielen kleinen. Und schon gar nicht um Menschen.
ZEIT: Was ist falsch an Fallstudien, die die Konzernwelt abbilden? Diese sind ein nicht unerheblicher Teil unserer Wirtschaft.
Remer: Absolut. Nur gibt es da eine enorme Einseitigkeit. Natürlich ist Wirtschaft nicht nur der Gemüsehändler um die Ecke oder der Fahrradkurier. Das sind auch Daimler, Citibank und so weiter. Nur hängen die alle miteinander zusammen. In der wirtschaftlichen Ausbildung geht es aber meist nur um die Großen, deren Geschäfte jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. Die großen Finanzströme sind sogar, wie wir gesehen haben, jenseits der Vorstellungskraft der meisten Banker.
ZEIT: Es geht um ein paar Nullstellen weniger in den ökonomischen Beispielrechnungen?
Remer: Ja, weil diese Summen für uns als Privatmenschen keine Bedeutung haben. Es klingt vielleicht lächerlich, aber ich denke schon, es macht etwas aus, wenn ich in meinem Studium immer mit etwas Abstraktem zu tun habe. Ich kann das auch aus biologischer Sicht sagen: Wenn man sich als Biologe nur um die DNA kümmert, dann verliert man leicht den Blick für den Zusammenhang zum menschlichen Leben. Man forscht in einer abstrakten Scheinwelt. Und ich glaube, dass man entsprechend auch viel leichter Nonsens macht: weil die Hemmungen und Wertesysteme, die man in seiner normalen Umwelt mit sich trägt, nicht mehr greifen.
ZEIT: Was sind für Sie die wichtigen, aber vernachlässigten Werte?
Remer: Die klassischen Werte der nachhaltigen Entwicklung, eine Haltung, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, das Bewusstsein um die Endlichkeit unserer Ressourcen…
ZEIT: Mangelndes ökologisches Bewusstsein ist nun nicht das Kernproblem der Bankenkrise.
Remer: Nein, aber ein entscheidender Punkt ist, dass die Leute nur kurzfristig am eigenen Gewinn orientiert waren. Dabei haben sie sogar wesentliche Geschäftstechniken außer Acht gelassen, die auch im klassischen Bank- und Finanzgeschäft üblich sein sollten: dass man nämlich weiß, wem man Geld leiht. Man hat gedacht, man könnte seine schlechten Kredite immer weiter abgeben, bis es keiner mehr verstanden hat.
ZEIT: Fehlt es nun an Wissen oder an Moral?
Remer: An beidem. Die Kreditketten umspannen die Welt, und man kann das auch als Spezialist kaum noch nachvollziehen. Insofern fehlt es an Wissen um die Zusammenhänge. An Moral fehlt es aber auch, weil man sich eben nicht mehr darum kümmert. Es interessiert nicht mehr, was hinter den Zahlungsvorgängen steht und welche Wirkungen das hat. Man interessiert sich nur noch für die Zahlen im Hinblick auf die eigene Bilanz. Und in vielen Fällen sogar nur im Hinblick auf den eigenen Bonus.
ZEIT: Sind die jungen Manager heute geldgieriger?
Remer: Vielleicht liegt es nicht in ihrem Wesen, aber die Umwelt macht sie dazu. Die Konkurrenz von hoch qualifizierten Menschen gerade im Finanzwesen ist enorm, man muss sich anpassen in diesem Strom. Dazu kommt, dass die Ausbildung in Finance und Management angelsächsisch geprägt ist. Es gibt die Business-Schools, und die sind sehr teuer. Die Studenten nehmen ungeheure Kredite auf, die abbezahlt werden müssen.
ZEIT: Sie haben nach Ihrem Ökologiestudium einen MBA an einer Business School in London gemacht. Was halten Sie von dieser Ausbildung?
Remer: Der MBA ist heute überbewertet. Als Abschluss ist er inflationär und von seinen Ansprüchen her oft völlig verflacht. Der gute Kern liegt in der Kombination einer wirtschaftlicher Ausbildung mit einem vorausgegangenen anderen Studium. Aber ursprüngliche Elemente der Persönlichkeitsentwicklung spielen kaum noch eine Rolle. Es ist ein Schweinsgalopp durch Wirtschaft und Finanzen, gerade bei den einjährigen Programmen. MBA-Absolventen zeigen, dass sie leidensfähig sind. Aber das tatsächliche Wissen ist sicher nicht tief und auch nicht besonders breit.
ZEIT: Als Student haben Sie erlebt, wie leicht man in den Strudel der Finanzwelt gerät…
Remer: Mein MBA begann 1999 mitten in der großen Technologieblase. In London waren die Business-Studenten wie elektrisiert. Ich war mit einer anderen Motivation gekommen und wollte meine Abschlussarbeit eigentlich auf soziale Verantwortung in Unternehmen ausrichten. Aber daran hatte kein Professor Interesse. So bin ich auf Biotechnologie und Risikokapital umgeschwenkt. Ich fand es faszinierend, wie meine Freunde als Hedgefondsmanager, Derivatehändler und Investmentbanker ihr Geld verdienten. Ich wurde nach und nach von dem Virus befallen und habe mich dann auch bei Risikokapitalgebern beworben. Vielleicht hatte ich aus heutiger Sicht nur Glück, dass die Blase in diesem Augenblick platzte.
ZEIT: Steht ein ambitionierter Student heute nur vor der Wahl, entweder gehe ich ins konventionelle Banking und werde ein schlechter Mensch, oder ich gehe ins soziale Banking und muss auf Karriere verzichten?
Remer: Absolut nicht. Er hat mittlerweile in wachsendem Maße die Möglichkeiten, Karriere im nichtkonventionellen Banking zu machen. Und andersrum geht die Nachhaltigkeitsdebatte auch an den klassischen Banken nicht spurlos vorbei.
ZEIT: Ist jemand, der sich bei einer Ethikbank ausbilden lässt, auch fit fürs normale Geschäft?
Remer: Unsere Nachwuchsbanker machen die theoretische Ausbildung an den Berufs- und Hochschulen mit. Das Handwerkszeug wird ihnen vermittelt wie in jeder anderen Bank. Die Unterschiede treten in der Praxis zutage: Wie geht man mit Projekten und mit Kunden um? Da gibt es eher Probleme, wenn man Leute aus konventionellen in sozial orientierten Banken einsetzen möchte – weil sie sich mit manchen Fragen noch nie auseinandergesetzt haben.
ZEIT: Zum Beispiel?
Remer: Zum Beispiel mit dem Wachstum der eigenen Bank. Müssen wir in Geschäfte einsteigen, die wir gar nicht machen wollen, um das Wachstum zu halten? Solche Fragen wird man in der Kantine der Deutschen Bank kaum diskutieren.
ZEIT: Nachhaltige Finanzmärkte werden trotzdem nur eine Nische bleiben.
Remer: Das glaube ich nicht. Es dauert vielleicht noch, aber wir spüren schon Veränderungen. Es geht dabei auch nicht um die reine Lehre des ethischen Investments. Es geht darum, dass man sich als Banker immer wieder hinterfragt. Um eine Grundhaltung.
ZEIT: Aber man kann das Fehlen dieser fragenden Grundhaltung doch nicht wirklich den Universitäten anlasten?
Remer: Doch. Das ist für mich ein ganz zentrales Element in unserer heutigen Ausbildungslandschaft: Kritische Grundhaltungen und Wertediskussionen werden überhaupt nicht gefördert.
ZEIT: Was könnte aus der sozialen Bankausbildung in die konventionelle Lehre eingehen?
Remer: Die Elemente, die über das rein technische Bankgeschäft hinausgehen, der Bezug zur realen Ökonomie und zu den langfristigen Bedürfnissen der Menschen. Eine Grundfrage ist dabei sicher das Bemühen, Profit nicht ausschließlich monetär zu definieren. Also: Wie könnte nachhaltiger Wert nichtmonetär in der Bilanz dargestellt werden? Das Abrücken von rein monetären Größen würde das Denken ganz gewaltig beeinflussen.
Interview: ALEXANDRA WERDES
Sven Remer, 40, promovierter Finanzwissenschaftler, führt am Institut für Social Banking in Bochum junge Banker berufsbegleitend an Fragen des sozial und ökologisch orientierten Bankwesens heran
- Datum 04.05.2009 - 10:57 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








wie 22/23 jährige Studenten dieser Schulen mit großen Augen "krass" sagen, wenn sie hören, dass die Gehälter auf 500 000 € begrenzt werden sollen, dann fragt man sich in der Tat: was werden da für Roboter heran gezogen?
Aber die entsprechenden Schulen verweisen auf ihre Ethik-Anteile, die ihre Schüler doch zu solch verantwortlichen Menschen heran bildeten!
Tatsache scheint aber eher zu sein, dass ausschließlich der eigene Verdienst zählt und da scheinen die jungen Herren und Damen nur Millionen für angemessen zu halten.
Insofern ist man froh, dass jemand, der in dieser Branche junge Manager bildet, auch über diesen engen Horizont hinaus schaut und hoffentlich mit Anderen bald eine breitere Orientierungsbasis begründet..
Es kommt mir immer so naiv vor, wie an die Dinge rangegangen wird. Natürlich geht es den (angehenden) Finanziers nur um Geld, nicht um Moral, um großes und schnelles Geld. Dabei wird über Leichen gegangen. Auch im wörtlichen Sinne. Wer nicht verstanden hat, wie´s funktioniert, kann sich den Film "Let´s make money" anschauen, dann kommt vielleicht langsam das Begreifen. Das wird sich in dieser Welt auch nicht mehr ändern.
Die Sache mit der Reduzierung auf 500.000,- trifft ausschließlich auf einen kleinen Kreis der Banker zu, all die "Zocker" zocken weiter, jetzt allerdings werden sie dann durch Steuergelder unterstützt, zumindest in Deutschland.
ur
.... naja,ich finde es eher naiv, wenn man sich von Filmen bilden lässt ;-)
Selbstverständlich liegt das Problem in der Anreizgestaltung durch Bonisysteme und Versäumnisse in der Vorbildung. Nicht an einer Boshaftigkeit bzw. Gleichgültigkeit, die durch den Umgang mit Geld hervorgerufen wird. Das macht doch keinen "Sinn", wenn sie mir das Wortspiel erlauben und ich fühle mich ins düsterste Mittelalter zurückversetzt wenn ich Ihre Schuldzuweisungen lese.
.... naja,ich finde es eher naiv, wenn man sich von Filmen bilden lässt ;-)
Selbstverständlich liegt das Problem in der Anreizgestaltung durch Bonisysteme und Versäumnisse in der Vorbildung. Nicht an einer Boshaftigkeit bzw. Gleichgültigkeit, die durch den Umgang mit Geld hervorgerufen wird. Das macht doch keinen "Sinn", wenn sie mir das Wortspiel erlauben und ich fühle mich ins düsterste Mittelalter zurückversetzt wenn ich Ihre Schuldzuweisungen lese.
ZEIT: Aber man kann das Fehlen dieser fragenden Grundhaltung doch nicht wirklich den Universitäten anlasten?
Remer: Doch. Das ist für mich ein ganz zentrales Element in unserer heutigen Ausbildungslandschaft: Kritische Grundhaltungen und Wertediskussionen werden überhaupt nicht gefördert.
Das ist für mich die zentrale Aussage. Hier muss man man anpacken.
Und das hier ist sicherlich die Aufgabe falls man das Finanzsystem neustrukturieren möchte:
Wie könnte nachhaltiger Wert nichtmonetär in der Bilanz dargestellt werden? Das Abrücken von rein monetären Größen würde das Denken ganz gewaltig beeinflussen.
Hier einen Ansatz zu schaffen würde auch massiv Arbeitsplätze generieren. Nachhaltiges Wirtschaften hat etwas mit "aufbauen" zu tun, während das aktuellen wirtschaften mehr mit "melken" oder "ausbeuten" zu tun hat.
.... naja,ich finde es eher naiv, wenn man sich von Filmen bilden lässt ;-)
Selbstverständlich liegt das Problem in der Anreizgestaltung durch Bonisysteme und Versäumnisse in der Vorbildung. Nicht an einer Boshaftigkeit bzw. Gleichgültigkeit, die durch den Umgang mit Geld hervorgerufen wird. Das macht doch keinen "Sinn", wenn sie mir das Wortspiel erlauben und ich fühle mich ins düsterste Mittelalter zurückversetzt wenn ich Ihre Schuldzuweisungen lese.
Die Forderung nach mehr Überblick in der Ausbildung und mehr Case Studies ist meiner Meinung nach ein Wiederspruch. Mit Case Studies, werden die einzelnen "Erbsen" studiert, ohne sich einmal Gedanken über "Hülsenfrüchte" zu machen.
Ich denke es ist Zeit, die klassischen Ökonomischen Theorien endgültig in die Historische Ecke zu stellen und sich bewußt zu werden, dass die Wirtschaftswissenschaften Sozialwissenschaften sind. Case Studies OK, aber diese solten auch mit sozialwissenschaftlichen Theorien und Konzepten untersucht und gelöst werden, nicht mit rein monetären Zugängen. Außerdem sollten auf allen Ebenen der Unternehmen oder Banken mehr unterschiedlich ausgebildete Leute positioniert werden - auch Leute die nicht aus einer Buisness School kommen - ich denke, wenn man lernt 12 Stunden zu arbeiten, zu leisten in einem Umfeld aus Gleichgeschalteten, dann wird man abgehoben. Dann fehlt der Bezug zum Leben der meisten BürgerInnen und ihrer Probleme.
WISSEN ist kein Substantiv sondern ein TUNWORT, eine angeborene Fähigkeit. Der Mensch HAT die Fähigkeit, zu wissen, und die Aufgabe ist, diese Fähigkeit zu erkennen, anzuerkennen, zu achten und zu schätzen, zu entfalten und zu entwickeln und zu pflegen. WISSEN kommt von griech. IDEIN (/ die Idee) und von lat. VIDERE (/ die Vision) = SEHEN. Wissen / sehen tut man nicht nur mit den Augen sondern mit dem GEÍST.
"Vermitteltes Wissen" ist a) selektiert b) schon veraltet, wenn es aufgeschrieben ist c) "aufgesetzt" usw. Je mehr ich "fremdes" Wissen "behalten" muss, umso weniger komme ich dazu, mein eigenes, originales Wissen zu entfalten. Da genau sehe ich als Ich-kann-Schule-Lehrer das Problem und den Knackpunkt. Es gibt keine Ausbildung, die dir einen sorgfältigen, bewussten Umgang mit deiner Einbildung erspart. Dafür braucht man aber nicht noch perfektere Vorgaben, dafür braucht es jemand, der dich auf deine eigenen Potentiale aufmerksam macht und dir einen effektiven Umgang damit vorlebt. Ein excellentes Beispiel, von dem man das selbst elrnen kann, ist Emil Coué mit seiner Autosuggestion (= eigener Einfluss).
Wenn ich vor-lebe, was ich sage, dann bin ich autentisch und dann ist die Moral, die ich lebe, sichtbar. In der Ich-kann-Schule köme man nie auf die Idee, Moral anzulernen. Moral muss man geistig verstehen und bejahen können, wenn sie einen Sinn ergeben wollen. Ich beoachte nur, dass alle für Moral kämpfen, um offensichtlich dadurch davon abzulenken, dass sie keinerlei praktische Erfahrung haben und gar nicht (mehr) wissen, wie man moralisch handelt.
Es fehlt am Wissen über sich selbst und am Können. In der Du-musst-Schule, in die wir alle gehen mussten, haben wir nur Müssen gelernt. Das "Ich-kann" steht allen als dringende Lernaufgabe an, nicht nur den Bänkern. Ich grüße herzhaft.
Franz Josef Neffe
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren