Kramer Junction heißt einer jener gottverlassenen Flecken tief im Westen der Vereinigten Staaten, die ein besonderer Charme umgibt. Er ist kaum mehr als eine Straßenkreuzung mitten in der Mojave-Wüste, trocken und heiß. Trucker halten hier nur an, weil es ein paar Restaurants gibt. Das Roadhouse zum Beispiel oder das Desert King.

Das allein aber würde nicht reichen, Kramer Junction einen Namen zu verschaffen, der über die Grenzen Amerikas hinaus bekannt wurde. So weit konnte es nur kommen, weil in unmittelbarer Nähe der Straßenkreuzung das größte Solarkraftwerk der Welt steht: Mehr als 900.000 Spiegel auf fast sieben Quadratkilometer Wüstenboden, eine vom Menschen geschaffene Einöde in der öden Natur. Seit rund 20 Jahren produziert die Anlage Strom aus Sonne, ohne dabei auch nur ein Gramm klimaschädliches Kohlendioxid in die Luft zu blasen.

Weltweit gibt es nicht viele solcher Kraftwerke. Dabei hat die Solartechnik immenses Potenzial. Sie könnte die Stromversorgung revolutionieren, nicht nur in den Vereinigten Staaten, zu deren Territorium sonnenreiche Gegenden wie die Mojave-Wüste gehören. Selbst in den trüberen Gefilden Mittel- und Nordeuropas könnte Ökostrom reichlich und billig fließen – wenn er beispielsweise aus Nordafrika und dem Nahen Osten importiert würde. Sollen Energiesicherheit und Klimaschutz keine frommen Wünsche bleiben, gebe es zu einem solchen interkontinentalen Stromverbund gar keine Alternative, behauptet der Kasseler Physiker Gregor Czisch, der die Idee der grenzenlosen grünen Elektrizität maßgeblich entwickelt hat.

Regenerativ erzeugter Strom aus der Sahara könnte in absehbarer Zukunft sogar deutsche Fabriken und Haushalte rund um die Uhr mit Elektrizität versorgen. Technisch sei die Umwandlung der Sonnenenergie in Strom ebenso wenig ein Problem wie der Transport der Elektrizität über mehr als 3.000 Kilometer, bestätigt Hans Müller-Steinhagen, Ingenieur in Diensten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Verlockend ist die Sache, weil laut einer Studie der Denkfabrik der grüne Saft aus dem Süden in einigen Jahren sogar konkurrenzfähig sein könnte: Eine Kilowattstunde davon würde dann hierzulande inklusive Transport nicht einmal sieben Cent kosten, weniger als der heutige Großhandelspreis für Strom. Der Vorteil würde sogar mit der Zeit wachsen. Denn aller Voraussicht nach wird der Preis von Kohle, Erdgas und Uran steigen, während die Massenproduktion Solarkraftwerke billiger machen dürfte; die Sonnenenergie selbst kostet ohnehin nichts. Energieprobleme? "Haben wir nicht", sagt Müller-Steinhagen.

Tatsächlich sind die Wüsten im Sonnengürtel der Erde eine nie versiegende Quelle kostenloser und obendrein klimaverträglicher Energie. Wegen der üppigen Sonnenstrahlung, aber auch wegen des in der Sahara stets kräftig wehenden Passatwindes, lässt sich grüner Strom dort billiger erzeugen als in den meisten Industrieländern des Nordens. Doch bisher wird diese Quelle fast gar nicht angezapft. In den Vereinigten Staaten erlahmte das Interesse am Bau von Kraftwerken wie dem in Kramer Junction Ende der 1980er Jahre, als der Erdölpreis in den Keller rutschte. Erst seit der Club of Rome 2003 gemeinsam mit dem Hamburger Klimaschutzfonds und dem Nationalen Energieforschungszentrum Jordaniens ein internationales Expertennetzwerk namens TREC (Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation) ins Leben rief, nahm die Vision vom sauberen, unerschöpflichen und erschwinglichen Wüstenstrom Gestalt an. Ihr Name: Desertec.