Am Rand der Grube hat man das Gefühl, die Erde tue sich auf. Eine schwarze Mondlandschaft, so weit das Auge reicht, unterbrochen nur von winzigen Farbtupfern: weiße Schaufelbagger und gelbe Laster, die sich wie Spielzeug in der endlos scheinenden Einöde verlieren. Wenn man sich den Fahrzeugen nähert, gewinnt man ein neues Gefühl für die Proportionen. Die Bagger ragen so hoch auf wie siebenstöckige Häuser. Die Reifen der Lastwagen – 35 Caterpillar 797B, das größte Lkw-Modell der Welt – sind doppelt so hoch wie ein ausgewachsener Mann und so breit wie seine ausgestreckten Arme.

Die Fahrer sitzen hoch oben hinter dunklem Glas, zwergenhafte Gestalten, deren Gesichtszüge kaum auszumachen sind. Die in noch schwindelnderer Höhe sitzende Führerin des Schaufelbaggers 495 Bucyrus mit der Laufnummer 04 zieht das Signalhorn, es klingt wie die Sirene eines Ozeandampfers. Ein Truck rollt unter den Baggerarm. Die Schaufelklappe öffnet sich, hundert Tonnen schwarzer Kneterde donnern auf seine Ladefläche. Der Bagger schabt drei weitere Ladungen aus der gut fünfzig Meter hohen Schachtwand, der Motor des Trucks heult auf. Als er Fahrt aufnimmt, verformt sich der Boden vor seinen Reifen wie eine Bugwelle. »Das«, schwärmt Brian Patey, »ist Extrembergbau.«

Patey, geborener Neufundländer und Chefmaschinist, hat zwei Jahrzehnte lang in Gold- und Kohlebergwerken in Kanada und den USA gearbeitet, unter Tag und im offenen Abbau. Doch hier in der Muskeg River Mine im hohen Norden der kanadischen Provinz Alberta spielt sich alles in anderen Größenordnungen ab. 40 Grad Hitze im Sommer, minus 40 Grad im Winter. Nahe der Mine kommt nichts mehr außer Sümpfen und Wald.

Was in dieser Einöde abgebaut wird, ist weder Kohle noch Erz. Bis zu 15 Prozent der aus der Mine geschafften Lkw-Ladungen bestehen aus Öl – jeweils 23.000 Liter des Schmierstoffes der Wohlstandsgesellschaft. Wenn die Sonne in die von den Baggern aufgerissenen Wände scheint, quillt es an manchen Stellen wie Asphalt aus dem Gestein.

Das 2003 von Shell in Betrieb genommene Bergwerk ist die neueste von drei Gruben, in denen Teersand aus der Tundra geschürft wird; die beiden anderen werden von den kanadischen Konsortien Syncrude und Suncor betrieben. Bis zu einer halben Million Tonnen Erdreich bewegen die Bagger in jeder dieser Minen am Tag – ein schier unvorstellbares Volumen.

Nachdem die mit 400 Tonnen beladenen Trucks die Straße aus der Grube hochgekrochen sind, kippen sie ihre Last in ein riesiges Brechwerk. Darin wird das mürbe Gestein zerkrümelt und gelangt über das angeblich stabilste Förderband der Welt in riesige Behälter, in denen ihm warmes Wasser und ein paraffinartiges Lösemittel beigemengt werden. »Hitze zuführen und umrühren«, so werden die Ölpartikel vom Sand getrennt.

© ZEIT GrafikAus den Behältern fließt das Gemisch in einen Absetzkessel. Oben schwimmt das Öl, in der Mitte das Wasser, und unten lagert sich der Sand ab. In der Theorie jedenfalls. In der Praxis bleibt eine riesige Menge öligen Schlicks zurück, der in einen Klärteich gepumpt wird. Der »Teich« ist ein 26 Meter tiefer See, der ihn einfassende 50 Meter hohe Deich ist zwölf Kilometer lang, das jenseitige Ufer schimmert in weiter Ferne. Das Gewässer ist so groß wie der bayerische Sylvensteinspeicher bei mittlerer Stauhöhe.