Bestseller Mit König Kitsch ins Nirgendwo
Wem die ernste Literatur zu viel wird, dem hilft die Parallelwelt des Fantasy-Romans »Eragon«.
Wenn die Bestsellerliste etwas verrät über den allgemeinen literarischen Geschmack, dann können wir sehen, wie König Kunst und König Kitsch sich einen zähen Kampf liefern. Siegfried Lenz mit seiner wunderbaren Erzählung Schweigeminute ist in den wahrhaft morastigen Feuchtgebieten von Charlotte Roche heldenhaft untergegangen, und kaum hat sich Uwe Tellkamps großartiger Turm daraus erhoben, kommt der Drachenreiter Eragon und umhüllt ihn mit den Schwaden seines Hexengebräus.
Wer, um Himmels willen, ist Eragon? Leser des Herrn der Ringe werden sich an den König Aragorn erinnern, und in der Tat verdankt die Eragon-Trilogie des amerikanischen Fantasy-Autors Christopher Paolini seiner Vorlage eine ganze Menge. Tolkiens 1955 erschienener Roman ist längst zu einem Quelltext verzweigter Um- und Weiterdichtungen geworden. Wer jetzt unvorbereitet in den dritten Band der Eragon-Saga einsteigt, erkennt trotz all der bizarren Namen und Landschaften bald das vertraute Ensemble aus Drachen und Hexen, Elfen und Zauberern. Und natürlich, wie bei Tolkien, gibt es jede Menge abartiger Wesen, es gibt die Inkarnation des Bösen, den König Galbatorix, der sich die ganze Welt unterwerfen will. Interessant an Paolinis Kunstmärchen ist die Rückübersetzung der digitalen Epoche ins Mittelalter. Die Schlachtbeschreibungen wirken wie ein Abbild computergestützter Animation, und die Möglichkeiten, die der Datenverkehr bietet, werden von Eragon und den Seinen souverän telepathisch beherrscht. Weil es dem Autor an Poesie mangelt, häuft er Detail auf Detail und Effekt auf Effekt, sodass der Roman wie ein riesiges Wimmelbild wirkt, in dem nur der Kenner sich zurechtfindet. Gerade aber für den Kenner, der die Parallelwelt studiert wie der Lepidopterologe das Leben der Schmetterlinge, ist die Saga geschrieben, und man fragt sich, weshalb so viele Leser, jugendliche vor allem, diese nicht geringe Mühe auf sich nehmen. Sicherlich hat es mit Eskapismus zu tun, mit dem Wunsch, jenem Alltag zu entkommen, der immer größere Anforderungen an Geistesgegenwart und Selbstverleugnung stellt.
In einer zentralen Zweikampfszene bringen sich die Antagonisten so oft Schnitte in den eigenen Unterarm bei, bis einer von beiden umfällt. Jenen Mädchen, die an der Lust zur Selbstverletzung leiden, wird das vertraut vorkommen. Es scheint, als wachse, je tiefer der Frieden, der Wunsch nach Blut, und in der Tat ist Eragon, nicht anders als der Herr der Ringe, voll von Todesbildern. Aber es sind eben Bilder, keine wirklichen Tode, sie ereignen sich auf einem anderen Planeten, der gerade so viel Ähnlichkeit mit dem unsrigen hat, dass wir uns mit den Helden identifizieren können. Und schön ist, dass wir wissen, auf welcher Seite wir zu sein haben.
Im Grunde ist jeder Leser ein Eskapist, mit dem Unterschied allerdings, dass Uwe Tellkamps Turm oder Uwe Timms Halbschatten, um zwei der wichtigsten Bücher dieses Herbstes zu nennen, eine Geschichte vergegenwärtigen, die uns unmittelbar angeht, nämlich die deutsche. Manchmal aber, wenn einem alles zu viel ist, nimmt man Bücher zur Hand, um sich den Kopf freizulesen und gewissermaßen verantwortungslos abzutauchen in ein Nirgendwo.
- Datum 07.11.2008 - 14:14 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
- Kommentare 9
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Wenn einem als Kritiker nichts besseres einfällt als ein derart überheblicher, oberflächlicher und letztlich auch einfach dümmlicher Verriss, dann sollte man es vielleicht besser ganz lassen.
Keiner, der "Eragon" liest, wird annehmen, dass das ganz große Literatur ist, und Fantasy-Fans werden ihre Kaufentscheidung auch nicht von Herrn Greiners Meinung abhängig machen. Somit hat diese Glosse offenbar keine andere Funktion, als jenen Möchtegern-Bildungsbürgern ein warmes Gefühl zu verschaffen, die sich zwar mit Lenz oder Tellkamp lediglich gelangweilt haben - falls sie tatsächlich Bücher lesen und nicht bloß ins Regal stellen -, die es aber nötig haben, ihre Zugehörigkeit zur Elite dadurch zu beweisen, dass sie das verachten, was der breiten Masse gefällt.
Liebes Zeit-Team: Ich lese euch gern, aber bitte verzichtet doch alle auf derart primitive Zurschaustellungen Eurer Intellektualität. Danke.
Liebe(r) dustpuppy,
über Geschmack lässt sich ja bekanntlich (nicht) streiten. Insofern ist Ihr Hinweis auf das, was der "breiten Masse gefällt", natürlich völlig berechtigt.
Vielleicht fragen Sie sich trotzdem einmal, wie ein Roman wie "Feuchtgebiete", der nur einem geringen Teil seiner Leserschaft wirklich "gefällt" (man siehe z.B. die Reaktionen auf Amazon), seit Wochen die Bestsellerliste besetzt. Haben wir es nicht vielleicht weniger mit dem Geschmack der Massen zu tun, als mit einem Kulturbetrieb, der noch aus den geschmacklosesten Machwerken einen Gewinn zu destillieren weiß, indem er sie einer Logik der Vermarktung und Ökonomisierung unterwirft, von denen die Bücher von Lenz und Co. weitaus weniger profitieren?
Lesen, das hat auch mit "Medienkompetenz" zu tun und besteht eben nicht nur - wenn auch zu einem erheblichen Teil - aus schnellebiger Unterhaltung und Zerstreuung. Gut möglich, dass die anderen Qualitäten der Erzählliteratur, die auch und vor allem in Texten jenseits von "Eragon" und "Feuchtgebiete" beheimatet sind (Schulung des ethisch-moralischen, emotionalen und intellektuellen Reflexionsvermögens, Abbau von Ignoranz, die Vermittlung von Wissen und Erfahrung usw.) durch die zunehmende und beschleunigte Infantilisierung des Literaturmarktes ins Abseits geraten.
Übergeschmack lässt sich (nicht) streiten. Streiten lässt sich allerdings sehr wohl über die Frage, ob Geschmack das EINZIGE Kriterium ist, das hinsichtlich der eigenen Lesegewohnheiten zu berücksichtigen ist. Womöglich bedarf es, um dem Unterhaltungsanspruch nicht vollständig zu erliegen, gelegentlich auch der bewussten Arbeit am eigenen Geschmack. Diesen verfeinert man vor allem dadurch, dass man Bücher liest, die dem eigenen Geschmack zunächst nicht entsprechen. Man isst ja schließlich auch nicht jeden Tag Pommes, Pizza und Spaghetti.
Liebe(r) dustpuppy,
über Geschmack lässt sich ja bekanntlich (nicht) streiten. Insofern ist Ihr Hinweis auf das, was der "breiten Masse gefällt", natürlich völlig berechtigt.
Vielleicht fragen Sie sich trotzdem einmal, wie ein Roman wie "Feuchtgebiete", der nur einem geringen Teil seiner Leserschaft wirklich "gefällt" (man siehe z.B. die Reaktionen auf Amazon), seit Wochen die Bestsellerliste besetzt. Haben wir es nicht vielleicht weniger mit dem Geschmack der Massen zu tun, als mit einem Kulturbetrieb, der noch aus den geschmacklosesten Machwerken einen Gewinn zu destillieren weiß, indem er sie einer Logik der Vermarktung und Ökonomisierung unterwirft, von denen die Bücher von Lenz und Co. weitaus weniger profitieren?
Lesen, das hat auch mit "Medienkompetenz" zu tun und besteht eben nicht nur - wenn auch zu einem erheblichen Teil - aus schnellebiger Unterhaltung und Zerstreuung. Gut möglich, dass die anderen Qualitäten der Erzählliteratur, die auch und vor allem in Texten jenseits von "Eragon" und "Feuchtgebiete" beheimatet sind (Schulung des ethisch-moralischen, emotionalen und intellektuellen Reflexionsvermögens, Abbau von Ignoranz, die Vermittlung von Wissen und Erfahrung usw.) durch die zunehmende und beschleunigte Infantilisierung des Literaturmarktes ins Abseits geraten.
Übergeschmack lässt sich (nicht) streiten. Streiten lässt sich allerdings sehr wohl über die Frage, ob Geschmack das EINZIGE Kriterium ist, das hinsichtlich der eigenen Lesegewohnheiten zu berücksichtigen ist. Womöglich bedarf es, um dem Unterhaltungsanspruch nicht vollständig zu erliegen, gelegentlich auch der bewussten Arbeit am eigenen Geschmack. Diesen verfeinert man vor allem dadurch, dass man Bücher liest, die dem eigenen Geschmack zunächst nicht entsprechen. Man isst ja schließlich auch nicht jeden Tag Pommes, Pizza und Spaghetti.
Im großen und ganzen kann ich mich den aussagen von dustpuppy nur anschließen...
Ich habe die beiden ersten Eragon-Bände mit großer Begeisterung gelesen und werde mir auch sehr bald den dritten Band zulegen, über den ich bis jetzt eigentlich auch nur gutes gehört habe.
Trotzdem mische ich mich in diese Diskussion ein, denn diese kann/darf man nicht so stehen lassen...
Natürlich ist Eragon keine GROßE Literatur, aber wohl eine der besten, kurzweiligsten Fantasyromanreihen der letzten Jahre!
Und die Leser/innen dieses Buches mit sich ritzenden "Emos" zu vergleichen grenzt an Beleidigung. Und das man sich nicht in jeder freien minute zusätzlich mit geschichtlichen Problemen befassen will kann auch nich ernsthaft gefordert werden (das soll nicht heißen, dass man sich nicht mit der Geschichte, vor allem mit der eigenen befasse sollte!). Der jugend scheinbar einen Vorwurf daraus zu machen sich in Fantasy-Welten ein zu lesen und zu denken (was Fantasie etc. benötigt) ist eigentlich ein Widerspruch in sich...
Auch ist ein gewisser Eskapismus notwendig um einen klaren Kopf für die wichtigen Dinge (schule, beruf usw.) im leben zu bekommen und dafür ist lesen immer noch eine der besten methoden und eragon im besonderen ;)!
Mit freundlichen Grüßen und im Vertrauen darauf, dass die Qualität der Zeitberichte ansonsten auf dem gewohnt hohen niveau bleibt!
Geschichten sind doch eigentlich immer nur Beispiele für Lebenssituationen. Man sollte jetzt aber nicht meinen, je ähnlicher die Welt, in der sie spielen, der unsrigen ist, desto lebensnaher und hilfreicher ist die Geschichte. Grade bei erdachten Welten hat man viel mehr Möglichkeiten für Beispiele und Situationen, die anschaulicher sind, als sie es in einer Welt wie der wirklichen wären. Und das ist schon bei den ersten erdachten Geschichten überhaupt zu erkennen. Wie kann zum Beispiel ein König Midas in einer realistischen Wirklichkeit beschrieben werden? Es funktioniert hier nicht, dass jemand durch einen Zauber alles, was er berührt, in Gold verwandelt. Aber es funktioniert, die alte Weisheit, dass man Geld nicht essen kann, in dieser Geschichte deutlicher rüberzubringen, als es jede realistische Geschichte könnte.
Natürlich sind jetzt Romane wie Eragon nicht grade mit alten Sagen zu vergleichen. Natürlich ist es langweilig, dass man weiß, wie das Buch ausgehen wird. Und man wird es vielleicht auch irgendwann überdrüssig, wie sich die einsamen Helden durch die entlegensten feindlichen Gebiete quälen, auf einer hoffnungslosen Mission, und am Ende trotzdem gewinnen.
Natürlich bestünde für uns Menschen die Möglichkeit, viel mehr Welten mit viel mehr Möglichkeiten zu erschaffen für unsere Geschichten, und nicht immer wieder eine die fast genauso wie die andere ist, und wo dann auch noch drei, in manchen Fällen, wie zum Beispiel in Hogwart, auch noch viel mehr Bücher, also Geschichten erzählt werden. Aber die Verlage denken eben: der Wiedererkennungswert bringt uns mehr Geld. Also müssen die gleichen Welten wieder und wieder kehren. Vielleicht sollten die Verlage mal auf das viele Geld verzichten, und die Kultur fördern, auf dass mehr Welten entstehen. Auch wenn die Leute das dann nicht Wiedererkennen, kann es ihnen doch trotzdem gefallen.
Und so manchen Lichtblick hatte ich schon bei den erdachten Welten. Da wäre so fantastische Was-Wäre-Wenn-Welten wie die von Ransmayr in der letzten Welt, um hier vielleicht auch die Metamorphosen nochmal einzubauen, oder in seinem Morbus Kitahara, das in einer lustigen Amazon-Kundenrezension als Fantasy in Mogelpackung bezeichnet wird. Da wären Dystopien von Chuck Palahniuk, den Franzosen Michel Houllebecq und Didier van Cauwelaer, alles erdachte Welten.
Und da vermischen sich im Trivialen auch oft genug historischer Roman und Fantasy-Elemente. Auch hier gibt es Leute, die durchaus gut schreiben können, wie zum Beispiel ein Kai Meyer. Hier könnte man auch so märchenhafte Geschichten wie Süßkinds Parfum einordnen.
Und im Fantasy-Bereich selbst gibt es auch wenn man tief gräbt viel interessantere Dinge, als einen Eragon. Die anmutig geschriebenen Bücher von Ursula LeGuin zum Beispiel. Herrlich verrückte und schrille Fantasywelten wie die von einer Engländerin namens Steph Swainston. Oder, und den will ich hier am wärmsten Empfehlen, ein Tobias O. Meißner. Dessen Roman "Das Paradies der Schwerter" hat nicht einmal groß Zauberei nötig. Und sein letztes Werk, die Dämonen, ist ein Spektakel in wieder einer völlig anderen, aber genial erdachten Welt, und beide Romane haben durchaus Tiefgang, da es hier keinen guten Helden, der gegen die bösen Horden gibt, anrennt. Es gibt nur extrem gut dargestellte kontrastreich gegensätzliche Charaktere, die in einer komplexen Geschichte aufeinandertreffen.
Man weiß also nicht wie es ausgehen wird.
Und ich weiß bei manch vermeintlichen anspruchsvollen Büchern durchaus genauso, wie sie ausgehen. Nämlich damit, dass die Hauptperson stirbt. Fast hab ich immer das Gefühl, und das könnte man zu einem Aphorismus machen, anspruchsvolle Bücher sind die, die schlecht ausgehen, unterhaltende Bücher sind die, die gut ausgehen. Aber das stimmt so nicht. Es gibt nur gute und schlechte Bücher. Ob das Ende nun vorhersehbar ist oder nicht. Ob es nun gut ist oder schlecht. Das entscheidet nicht über die Klasse des Romans. Es zählt ganz allein, ob die Grundidee der Geschichte gut ist, und ob sie gut erzählt ist.
Und gut erzählen kann man eine Geschichte egal ob sie in der echten Welt spielt oder in einer erdachten. Ich will eben sogar behaupten, erdachte Welten bieten mehr Möglichkeiten. Es ist nicht nur eine Alltagsflucht, wenn wir in andere Welten eintauchen. Es ist auch eine Erforschung unserer Fantasy, eine Erkundung unserer Vorstellungskraft. Eine gute Geschichte muss man sich gut vorstellen können, ja, aber auch hier zählt, ganz gleich wo sie spielt, sie muss gut erzählt sein dafür. Und diese Welt kann real sein, was vielleicht zumindest den Anreiz gibt, sie zu besuchen und tatsächlich zu erleben. Aber sie kann auch erfunden sein, gar nicht existent, und die Erfahrung einer weiten Reise in einer nicht existenten Welt ist trotzdem die Erfahrung einer weiten Reise, wie sie es auch in einer existenten Welt wäre.
Ein Zitat, das in diesem Zusammenhang eventuell passend sein könnte:
Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne.
Und das stammt nicht vom Star-Wars-Erfinder George Lucas, sondern von Jean Paul.
wenn Sie schreiben:
"Im Grunde ist jeder Leser ein Eskapist, mit dem Unterschied allerdings, dass Uwe Tellkamps Turm oder Uwe Timms Halbschatten, um zwei der wichtigsten Bücher dieses Herbstes zu nennen, eine Geschichte vergegenwärtigen, die uns unmittelbar angeht, nämlich die deutsche. Manchmal aber, wenn einem alles zu viel ist, nimmt man Bücher zur Hand, um sich den Kopf freizulesen und gewissermaßen verantwortungslos abzutauchen in ein Nirgendwo",
würde ich Ihnen prinzipiell ja gerne zustimmen (zu fragen wäre allerdings, warum Sie glauben, in unserer heutigen Welt ginge uns nur die deutsche Geschichte unmittelbar an – falls Sie das tatsächlich so meinten und es nicht nur, wie ich hoffe, eine unglückliche sprachliche Verkürzung war), wenn es bei Ihnen nicht so einen negativen Beiklang hätte. Ein Blick in die Bestsellerlisten zeigt nicht den "allgemeinen literarischen Geschmack", sondern das menschliche Leben im Kleinen. Das spaltet sich nämlich auch in Arbeit und Freizeit, in Konzentrations- und Entspannungszeiten, und nur weil für manche Menschen Sartre die einzig wahre Entspannungsmöglichkeit ist und für andere Paolinis Eragon, sollte man doch nicht mit solcher Borniertheit daherkommen wie Sie. Beim Lesen Ihrer "Glosse" kamen mir schon arge Selbstzweifel, ob ich angesichts der offensichtlichen Spaltung meines Ichs (Germanistikstudentin UND Comic-Liebhaberin, Tagesschau- UND MTV-Zuschauerin Leserin von Timms "Halbschatten" ebenso wie von "Eragon") überhaupt noch glücklich werden kann.
Nun können Sie sich natürlich ins Fäustchen lachen, weil Sie mit ihrem Abriss ja gerade provozieren WOLLTEN und wir alle so wunderbar darauf hereingefallen sind. Dann muss ich Ihnen als freie Journalistin aber leider sagen: In diesem Fall hätte das Glossierende Ihres Artikels doch weitaus deutlicher werden müssen. Denn wer Hyperbel oder Ironie nicht erkennbar macht, schreibt am Ziel vorbei.
Es grüßt Sie herzlichst eine sich wieder in ihre morgendliche "Titanic"-Lektüre zurückziehende Germanistikdoktorandin!
www.happy-hummel.de
Die einzig richtige Pauschalisierung ist, dass alle Pauschalisierungen falsch sind.
Liebe(r) dustpuppy,
über Geschmack lässt sich ja bekanntlich (nicht) streiten. Insofern ist Ihr Hinweis auf das, was der "breiten Masse gefällt", natürlich völlig berechtigt.
Vielleicht fragen Sie sich trotzdem einmal, wie ein Roman wie "Feuchtgebiete", der nur einem geringen Teil seiner Leserschaft wirklich "gefällt" (man siehe z.B. die Reaktionen auf Amazon), seit Wochen die Bestsellerliste besetzt. Haben wir es nicht vielleicht weniger mit dem Geschmack der Massen zu tun, als mit einem Kulturbetrieb, der noch aus den geschmacklosesten Machwerken einen Gewinn zu destillieren weiß, indem er sie einer Logik der Vermarktung und Ökonomisierung unterwirft, von denen die Bücher von Lenz und Co. weitaus weniger profitieren?
Lesen, das hat auch mit "Medienkompetenz" zu tun und besteht eben nicht nur - wenn auch zu einem erheblichen Teil - aus schnellebiger Unterhaltung und Zerstreuung. Gut möglich, dass die anderen Qualitäten der Erzählliteratur, die auch und vor allem in Texten jenseits von "Eragon" und "Feuchtgebiete" beheimatet sind (Schulung des ethisch-moralischen, emotionalen und intellektuellen Reflexionsvermögens, Abbau von Ignoranz, die Vermittlung von Wissen und Erfahrung usw.) durch die zunehmende und beschleunigte Infantilisierung des Literaturmarktes ins Abseits geraten.
Übergeschmack lässt sich (nicht) streiten. Streiten lässt sich allerdings sehr wohl über die Frage, ob Geschmack das EINZIGE Kriterium ist, das hinsichtlich der eigenen Lesegewohnheiten zu berücksichtigen ist. Womöglich bedarf es, um dem Unterhaltungsanspruch nicht vollständig zu erliegen, gelegentlich auch der bewussten Arbeit am eigenen Geschmack. Diesen verfeinert man vor allem dadurch, dass man Bücher liest, die dem eigenen Geschmack zunächst nicht entsprechen. Man isst ja schließlich auch nicht jeden Tag Pommes, Pizza und Spaghetti.
Ich widerspreche der vermeintlichen Medienkompetenz. Die ist auch nicht des Rätsels Lösung. Soll ich deswegen vielleicht im Sommer ein Buch lesen, das im Winter spielt, weil ich dadurch medienkompetenter werde?
Ich widerspreche allerdings nicht, dass man Sommer wie Winter braucht, und nicht nur eines von beidem, also dass man sich beim Lesen nicht an bestimmten Genres festklammern, sondern lieber die Vielfalt ergründen sollte.
...auf die tatsächlich berechtigte Frage, warum Feuchtgebiete noch immer verkauft wird (seit kurzem auch in einer erweiterten Hardcover-Version, in denen die Autorin selbst gemalte Zeichnungen zum Besten gibt...), obwohl es den wenigsten wirklich gefällt. Ich arbeite nebenbei in einem Buchladen und erlebe immer wieder, dass viele der jetzt verkauften Exemplare aus purer Neugier über den Ladentisch gehen: "Ich habe gehört, das soll so furchtbar sein..ich nehme es!" Von daher hat Roche jetzt das große Glück, dass ihr Roman einem Verkehrsunfall gleich geworden ist: man findet ihn furchtbar, kann aber nicht mit dem Gaffen aufhören. Und dies ist ja leider Gottes – der Natur des Menschen sei Dank oder Schuld – mit vielen Katastrophen so. Sei aber noch kurz angemerkt, dass wir ähnliche Tendenzen bei Walsers "Tod eines Kritikers" – also vermeintlich "hoher" Literatur beobachten konnten.
Die einzig richtige Pauschalisierung ist, dass alle Pauschalisierungen falsch sind.
www.happy-hummel.de
Ich widerspreche der vermeintlichen Medienkompetenz. Die ist auch nicht des Rätsels Lösung. Soll ich deswegen vielleicht im Sommer ein Buch lesen, das im Winter spielt, weil ich dadurch medienkompetenter werde?
Ich widerspreche allerdings nicht, dass man Sommer wie Winter braucht, und nicht nur eines von beidem, also dass man sich beim Lesen nicht an bestimmten Genres festklammern, sondern lieber die Vielfalt ergründen sollte.
...auf die tatsächlich berechtigte Frage, warum Feuchtgebiete noch immer verkauft wird (seit kurzem auch in einer erweiterten Hardcover-Version, in denen die Autorin selbst gemalte Zeichnungen zum Besten gibt...), obwohl es den wenigsten wirklich gefällt. Ich arbeite nebenbei in einem Buchladen und erlebe immer wieder, dass viele der jetzt verkauften Exemplare aus purer Neugier über den Ladentisch gehen: "Ich habe gehört, das soll so furchtbar sein..ich nehme es!" Von daher hat Roche jetzt das große Glück, dass ihr Roman einem Verkehrsunfall gleich geworden ist: man findet ihn furchtbar, kann aber nicht mit dem Gaffen aufhören. Und dies ist ja leider Gottes – der Natur des Menschen sei Dank oder Schuld – mit vielen Katastrophen so. Sei aber noch kurz angemerkt, dass wir ähnliche Tendenzen bei Walsers "Tod eines Kritikers" – also vermeintlich "hoher" Literatur beobachten konnten.
Die einzig richtige Pauschalisierung ist, dass alle Pauschalisierungen falsch sind.
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Ich widerspreche der vermeintlichen Medienkompetenz. Die ist auch nicht des Rätsels Lösung. Soll ich deswegen vielleicht im Sommer ein Buch lesen, das im Winter spielt, weil ich dadurch medienkompetenter werde?
Ich widerspreche allerdings nicht, dass man Sommer wie Winter braucht, und nicht nur eines von beidem, also dass man sich beim Lesen nicht an bestimmten Genres festklammern, sondern lieber die Vielfalt ergründen sollte.
...auf die tatsächlich berechtigte Frage, warum Feuchtgebiete noch immer verkauft wird (seit kurzem auch in einer erweiterten Hardcover-Version, in denen die Autorin selbst gemalte Zeichnungen zum Besten gibt...), obwohl es den wenigsten wirklich gefällt. Ich arbeite nebenbei in einem Buchladen und erlebe immer wieder, dass viele der jetzt verkauften Exemplare aus purer Neugier über den Ladentisch gehen: "Ich habe gehört, das soll so furchtbar sein..ich nehme es!" Von daher hat Roche jetzt das große Glück, dass ihr Roman einem Verkehrsunfall gleich geworden ist: man findet ihn furchtbar, kann aber nicht mit dem Gaffen aufhören. Und dies ist ja leider Gottes – der Natur des Menschen sei Dank oder Schuld – mit vielen Katastrophen so. Sei aber noch kurz angemerkt, dass wir ähnliche Tendenzen bei Walsers "Tod eines Kritikers" – also vermeintlich "hoher" Literatur beobachten konnten.
Die einzig richtige Pauschalisierung ist, dass alle Pauschalisierungen falsch sind.
www.happy-hummel.de
"Von daher hat Roche jetzt das große Glück, dass ihr Roman einem Verkehrsunfall gleich geworden ist: man findet ihn furchtbar, kann aber nicht mit dem Gaffen aufhören. Und dies ist ja leider Gottes – der Natur des Menschen sei Dank oder Schuld – mit vielen Katastrophen so."
Ja, der Vergleich mit den Gaffern ist ziemlich passend. Allerdings ist die Verlagsbranche genau wie das (unterirdisch schlechte) Fernsehen ein Geschäft, das den Unfall mit Pauken und Trompeten als mediales Großereignis auf allen Kanälen in die Öffentlichkeit bläst. Das heißt, wenn es nicht gerade bei Harald Schmidt und Co. wiederverwertet wird. Am Verkehrsunfall muss man zum Gaffen immerhin noch vorbei fahren. Wenn es um schlechte Bücher geht, gibt es in den Medien eigentlich gar kein Entkommen. Man wird also absichtlich zum Gaffer gemacht, indem einem von allen Seiten und auf Teufel komm raus der Schwachsinn um die Ohren gehauen wird. Schließlich geht es hier nicht um Literatur, um Qualität oder um Sinn - sondern um Verkaufszahlen und Gewinn. Eine Schande, aber schon immer so gewesen.
Und ja, da haben Sie ebenfalls Recht: Auch ein Herr Walser profitiert gerne mal von diesen Mechanismen. Da haben sich die Grenzen zwischen E- und U-Literatur (falls es das überhaupt jemals gegeben hat) mit Sicherheit schon lange verflüchtigt.
Na dann: Gute Unterhaltung!
"Von daher hat Roche jetzt das große Glück, dass ihr Roman einem Verkehrsunfall gleich geworden ist: man findet ihn furchtbar, kann aber nicht mit dem Gaffen aufhören. Und dies ist ja leider Gottes – der Natur des Menschen sei Dank oder Schuld – mit vielen Katastrophen so."
Ja, der Vergleich mit den Gaffern ist ziemlich passend. Allerdings ist die Verlagsbranche genau wie das (unterirdisch schlechte) Fernsehen ein Geschäft, das den Unfall mit Pauken und Trompeten als mediales Großereignis auf allen Kanälen in die Öffentlichkeit bläst. Das heißt, wenn es nicht gerade bei Harald Schmidt und Co. wiederverwertet wird. Am Verkehrsunfall muss man zum Gaffen immerhin noch vorbei fahren. Wenn es um schlechte Bücher geht, gibt es in den Medien eigentlich gar kein Entkommen. Man wird also absichtlich zum Gaffer gemacht, indem einem von allen Seiten und auf Teufel komm raus der Schwachsinn um die Ohren gehauen wird. Schließlich geht es hier nicht um Literatur, um Qualität oder um Sinn - sondern um Verkaufszahlen und Gewinn. Eine Schande, aber schon immer so gewesen.
Und ja, da haben Sie ebenfalls Recht: Auch ein Herr Walser profitiert gerne mal von diesen Mechanismen. Da haben sich die Grenzen zwischen E- und U-Literatur (falls es das überhaupt jemals gegeben hat) mit Sicherheit schon lange verflüchtigt.
Na dann: Gute Unterhaltung!
"Von daher hat Roche jetzt das große Glück, dass ihr Roman einem Verkehrsunfall gleich geworden ist: man findet ihn furchtbar, kann aber nicht mit dem Gaffen aufhören. Und dies ist ja leider Gottes – der Natur des Menschen sei Dank oder Schuld – mit vielen Katastrophen so."
Ja, der Vergleich mit den Gaffern ist ziemlich passend. Allerdings ist die Verlagsbranche genau wie das (unterirdisch schlechte) Fernsehen ein Geschäft, das den Unfall mit Pauken und Trompeten als mediales Großereignis auf allen Kanälen in die Öffentlichkeit bläst. Das heißt, wenn es nicht gerade bei Harald Schmidt und Co. wiederverwertet wird. Am Verkehrsunfall muss man zum Gaffen immerhin noch vorbei fahren. Wenn es um schlechte Bücher geht, gibt es in den Medien eigentlich gar kein Entkommen. Man wird also absichtlich zum Gaffer gemacht, indem einem von allen Seiten und auf Teufel komm raus der Schwachsinn um die Ohren gehauen wird. Schließlich geht es hier nicht um Literatur, um Qualität oder um Sinn - sondern um Verkaufszahlen und Gewinn. Eine Schande, aber schon immer so gewesen.
Und ja, da haben Sie ebenfalls Recht: Auch ein Herr Walser profitiert gerne mal von diesen Mechanismen. Da haben sich die Grenzen zwischen E- und U-Literatur (falls es das überhaupt jemals gegeben hat) mit Sicherheit schon lange verflüchtigt.
Na dann: Gute Unterhaltung!
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