Anti-AKW-Bewegung Hintern auf die Straße

Jahrelang hielten die Grünen Distanz zum Castor-Protest im Wendland. Nun rufen sie wieder zu Sitzblockaden auf

Wer derzeit die Homepage der Grünen aufruft, wird von einem großen Banner begrüßt. »Auf nach Gorleben«, heißt es da in bestem Aktivistendeutsch. Und weiter oben: »Wir treffen uns in Gorleben!«. Gorleben meint den Atomendlager-Standort im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg. Dort werden am kommenden Wochenende wieder Castor-Transporte aus dem französischen La Hague erwartet. Deutscher Atommüll, der dort aufbereitet wurde und jetzt im Forst des Grafen Bernstorff in einer oberirdischen Halle zwischenlagert, im wendländischen Volksmund »Kartoffelscheune« genannt. Und wie jedes Mal werden Atomgegner aus dem Landkreis demonstrieren, Bauern ihre Trecker auf die Straße stellen, Aktivisten von Greenpeace und Robin Wood ihr Spektakel veranstalten und Autonome versuchen, die Gleise zu blockieren. Aber dass die Grünen ganz hochoffiziell wieder dabei sind, dass der Bundesvorstand gar alle aufruft hinzufahren, mit dem ausdrücklichen Auftrag »Den Castor stoppen«, dass die Spitze der Grünen, die Parteivorsitzenden Reinhard Bütikofer und Claudia Roth, dazu Renate Künast und Fritz Kuhn, die Vorsitzenden der Bundestagsfraktion, sowie Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt dort wieder Gesicht zeigen, das ist neu.

Es gab eine Zeit, da lautete die Botschaft ganz anders. Im Frühjahr 2001 verhängte der Bundesvorstand der Grünen über seine Mitglieder quasi ein Demonstrationsverbot für Gorleben. Jürgen Trittin hatte als Umweltminister der rot-grünen Regierung seinerzeit gerade den Kernkraftwerksbetreibern den Atomausstieg abgetrotzt. Teil des Kompromisses war, dass der Müll aus Frankreich wieder zurück nach Deutschland gebracht werden sollte. Demonstration von Atomkraftgegnern konnten die Grünen damals nicht gebrauchen. Also wurde in Berlin kurzerhand entschieden, dass Grüne nicht nach Gorleben fahren sollten, um an den Protestaktionen teilzunehmen. Gegen den Willen der Grünen vor Ort. Jürgen Trittin schrieb im Januar 2001 einen Brief an die Kreisverbände, der eigenwillige Berühmtheit erlangte. »Bloß weil jemand seinen Hintern auf die Straße setzt«, heißt es darin, müssten Grüne das nicht richtig finden. Und weiter, man habe nichts gegen »Sitzblockaden, Latschdemos oder Singen«, allerdings sei das Anliegen falsch. Die Grünen saßen in der Regierung und hatten einen Abwehrreflex gegen jegliche außerparlamentarische Opposition. Das traf in diesen Regierungsjahren nicht nur AKW-Gegner. Außenminister Joschka Fischer warf im Herbst desselben Jahres den Demonstranten gegen den Weltwirtschaftsgipfel in Genua »abgestandenen linksradikalen Antikapitalismus« vor. Demonstriert wurde damals übrigens gegen wild wuchernde internationale Finanzmärkte.

Was aber hat den Wandel in der grünen Seele erzeugt? Woher kommen sieben Jahre nach dem »Demonstrationsverbot« für Gorleben die neue Lust am Widerstand, die Leidenschaft, in nasser Novemberkälte mit Tausenden von Atomkraftgegnern und einer Vielzahl von Polizisten an der Transportstrecke zu frieren?

Fragt man Grüne, so heißt es, die Lage sei heute »anders«. Der Atomkonsens sei in Gefahr, von der CDU aufgekündigt zu werden. Man müsse gegen den »Ausstieg aus dem Ausstieg« demonstrieren. Es stimmt, die Lage ist »anders«. Aber anders scheint vor allem die Lage der Grünen. Seit die Partei sich fragt, wie im kommenden Jahr gegen eine Große Koalition Wahlkampf zu machen ist, haben die Grünen die Regierungsreflexe abgelegt und entwickeln wieder Lust an der Opposition.

Nun weiß man ja nie, was passiert, wenn Politik auf Wirklichkeit trifft. Vielleicht wird sich der eine oder andere Grüne beim Zusammentreffen auf den »Latschdemos« oder beim »Singen« darüber klar, was ihm auf dem Weg durch die unterschiedlichsten Sphären der Politik verloren gegangen ist. Im besten Falle wird also in Gorleben gelernt. Und so sollten es auch die Lüchow-Dannenberger sehen, die von der Invasion der grünen Bundesprominenz nicht begeistert sind: als Modellversuch für lebenslanges Lernen.

 
Leser-Kommentare
  1. Die GRÜNEN sind - wie auch die Koalition in Hamburg beweist - etabliert. Es fehlen jetzt nur noch Schmiergeld- und andere Skandale!

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    Bekommen die Grünenpolitiker keine Lustreisen mit BW - Flugzeugen. Bekommen die keine Vielfliegermeilen. Bekommen die keine Benzingutscheine, keine erschlichenen Sitzungsgelder in Brüssel, keine fingierten Heimatflüge und nicht die skandalöste aller legalisierten Korruptionsarten, den überflüssigen Gefälligkeitsjob in der Privatwirtschaft als Dank für "braves" politisches Verhalten im Sinne der Wirtschaft? Letzteren haben nicht nur Clement, Schröder, Müller etc. bekommen.

    • keox
    • 11.11.2008 um 18:54 Uhr

    Demos gegen Castor, gegen Akw? Toll, bringt ein paar Punkte, lenkt aber nur von der konkreten Politik ab.

    Wo bleibt die grüne Basdisdemokratie - ich wiederhol jetzt nur die Propaganda - wenn es um unmittelbare Gefährdung jeder Rechtsstaalichkeit geht? Wo bleiben die Basisdemokraten, wenn nach dem Sozialstaat nun auch der Rechtsstaat geschreddert wird?

    Wo sind die Züge und Busse, die unter der Parole: "Auf nach Berlin - weg mit dem BKA-Gesetz - Bürgerrechte schützen" in Gang gesetzt werden, wo bleibt denn da das basisdemokratische Potential?

    Aber geschenkt. Grüne halt.

    Daß alle anderen Parteien, die Gewerkschaften, die Kirchen und sonstigen Volksbeglücker die weitgehende Entrechtung ihrer Wähler, Mitglieder - ihrer Klientel also - einfach so hinnehmen ist der gesellschaftliche Bankrott.

    Jedem Historikerstreit über die gesellschaftlichen Bedingungen des ersten deutschen Faschismus geht hier endgültig die Luft raus.

    (Denn)* Du bist Deutschland.

    *in der ersten Fassung des deutschen Faschismus wurde der heutigen Parole ein Denn vorangestellt.

    Bekommen die Grünenpolitiker keine Lustreisen mit BW - Flugzeugen. Bekommen die keine Vielfliegermeilen. Bekommen die keine Benzingutscheine, keine erschlichenen Sitzungsgelder in Brüssel, keine fingierten Heimatflüge und nicht die skandalöste aller legalisierten Korruptionsarten, den überflüssigen Gefälligkeitsjob in der Privatwirtschaft als Dank für "braves" politisches Verhalten im Sinne der Wirtschaft? Letzteren haben nicht nur Clement, Schröder, Müller etc. bekommen.

    • keox
    • 11.11.2008 um 18:54 Uhr

    Demos gegen Castor, gegen Akw? Toll, bringt ein paar Punkte, lenkt aber nur von der konkreten Politik ab.

    Wo bleibt die grüne Basdisdemokratie - ich wiederhol jetzt nur die Propaganda - wenn es um unmittelbare Gefährdung jeder Rechtsstaalichkeit geht? Wo bleiben die Basisdemokraten, wenn nach dem Sozialstaat nun auch der Rechtsstaat geschreddert wird?

    Wo sind die Züge und Busse, die unter der Parole: "Auf nach Berlin - weg mit dem BKA-Gesetz - Bürgerrechte schützen" in Gang gesetzt werden, wo bleibt denn da das basisdemokratische Potential?

    Aber geschenkt. Grüne halt.

    Daß alle anderen Parteien, die Gewerkschaften, die Kirchen und sonstigen Volksbeglücker die weitgehende Entrechtung ihrer Wähler, Mitglieder - ihrer Klientel also - einfach so hinnehmen ist der gesellschaftliche Bankrott.

    Jedem Historikerstreit über die gesellschaftlichen Bedingungen des ersten deutschen Faschismus geht hier endgültig die Luft raus.

    (Denn)* Du bist Deutschland.

    *in der ersten Fassung des deutschen Faschismus wurde der heutigen Parole ein Denn vorangestellt.

  2. Bekommen die Grünenpolitiker keine Lustreisen mit BW - Flugzeugen. Bekommen die keine Vielfliegermeilen. Bekommen die keine Benzingutscheine, keine erschlichenen Sitzungsgelder in Brüssel, keine fingierten Heimatflüge und nicht die skandalöste aller legalisierten Korruptionsarten, den überflüssigen Gefälligkeitsjob in der Privatwirtschaft als Dank für "braves" politisches Verhalten im Sinne der Wirtschaft? Letzteren haben nicht nur Clement, Schröder, Müller etc. bekommen.

    Antwort auf "Willkommen im System!"
  3. Das grundgesetzlich geschützte, demokratische Demonstrationsrecht ist nicht vom Geldbeutel abhängig.
    Und das ist gut so!
    "Wer muss diese sinnlose Aktion bezahlen?" Wer muss die horrenden Verluste der Zocker-Banken bezahlen usw.?
    Und mit dem Fahrad mal eben so ein paar hundert Kilometer zur Demo anreisen dürfte ohne gezieltes Doping nun wirklich schwierig sein.
    rheinelbe

    Antwort auf
    • Anonym
    • 08.11.2008 um 16:04 Uhr

    und die haben in Deutschland alle Farben, so auch Grün und davon eine ganze Menge.
    Herzlichst
    Le Routier

  4. Erst protestiert man mit aller Macht und Kraft gegen die Schaffung von sicheren Endlagern. Dann richtet man die Kräfte des Protestes auf die Verhinderung der Einlagerung atomaren Restmülls in Zwischenlagern. Denn eine sichere Endlagerung ist ja nicht möglich. Und ihr Grünen wollt wirklich noch ernst genommen werden? In Brandenburg hat man Euch durchschaut und hält Euch demokratisch aus der Regierung fern. Umweltschutz können wir auch allein und ohne sinnloses Geldverschleudern in Rangeleien mit genervten Polizisten.

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    wie Asse II? Das mit den Zwischenlagern wäre sicher unproblematischer, wenn es sich um Brennstäbe und nicht um hochkonzentrierten Atommüll aus einer Wiederaufbereitungsanlage handeln würde, die hier durch die Gegend gefahren werden.

    wie Asse II? Das mit den Zwischenlagern wäre sicher unproblematischer, wenn es sich um Brennstäbe und nicht um hochkonzentrierten Atommüll aus einer Wiederaufbereitungsanlage handeln würde, die hier durch die Gegend gefahren werden.

  5. Der Mensch stand damals im Mittelpunkt ihres Interesses und das Abschütteln verknöcherter Herrschaftsstrukturen, die oft nur eines im Sinn hatten - Pures persönliches Profitstreben, koste es was es wolle und sei es eine vergiftete Umwelt als Grundlage für uns Menschen.

    Sie haben anfänglich gegen innerparteiliche Oligarchiebestrebungen durch Rotation gekämpft und verloren. Sie haben für (Basis-) Gerechtigkeit und Demokratie gekämpft und verloren.

    Wenn ich daran denke, welche ständig neue Instrumente Schäuble zur Bürgerüberwachung und Kontrolle zur Verfügung stehen, dann wundere ich mich schon, wie wenig auf die Basisdemokratie (wenigstens innerhalb der Grünen) zurückgegriffen wird. Da sollte doch eine Modernisierung des Parteienapparates möglich sein.

    Schreitet voran! Macht unmögliches möglich. Seid Vorbilder.

    Scheint wohl nichts zu werden. Bedauerlicherweise. Die Luft ist raus und die Kohle ist drin.

    Schön wäre es, wenn die Grünen sich darauf besinnen würden, dass es noch Menschen in Deutschland gibt. Menschen, die gebraucht werden und die Bedürfnisse haben am Leben auch finanziell teilzuhaben.

    Es gibt bereits Endlagerstätten für Menschen, die man immer wieder in prekäre Arbeitsplätze einrührt um dann doch wieder (oder immer noch) im Leistungsbezug unter besonderer staatlicher Kontrolle unter Einschränkung von Freiheit leben müssen. Da haben wir eine reaktive Masse, die kritisch werden kann.

    Ich bin gespannt wann dieser Kessel platzt - Ich vermute Frühjahr 2010, wenn sich nach der Wahl wieder nichts geändert hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist die Diktatur Einzelner über die Mehrheit. Wir, die schweigende Masse, müssen für dieses meiner Meinung nach völlig sinnlose Theater die Rechnung bezahlen. Es würde mich mal schwer interessieren, was bei einer Volksabstimmung über das Endlager herauskommen würde. Dem Bürger muss doch klar sein, dass das Zeug irgendwo hin muss. Dann doch besser nach Gorleben unter Tage, als in eine Wellblechhütte über Tage.

    Die Atomkraft mag eine sehr schlechte Art der Energieerzeugung sein, es gibt leider nur noch schlechtere Alternativen. Von fossilen Energieträgern brauche ich wohl garnicht erst anfangen. Die unsichere Versorgungslage sowie die Umweltproblematik sind wohl hinreichend bekannt. Eine "regenerative" Energiequelle, welche die Lücke, die durch einen Verzicht auf Fossile- und Atomenergie gerissen würde, schließen würde, sehe ich leider nicht. Ich wäre sehr erstaunt, wenn Windenergie jemals über 20 Prozent des Energievverbrauches herauskommen würde. Photovoltaik ist ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. (Energieaufwand und Kosten der Herstellung von Solarzellen...) Wasserkraft ist weitgehend ausgereizt, Gezeitenkraft könnte auch nochmal ein bisschen was bringen aber alles zusammen reicht trotzdem bei Weitem(!) nicht.

    Dann also doch Atom...

    Grüße
    Trench

    Es ist die Diktatur Einzelner über die Mehrheit. Wir, die schweigende Masse, müssen für dieses meiner Meinung nach völlig sinnlose Theater die Rechnung bezahlen. Es würde mich mal schwer interessieren, was bei einer Volksabstimmung über das Endlager herauskommen würde. Dem Bürger muss doch klar sein, dass das Zeug irgendwo hin muss. Dann doch besser nach Gorleben unter Tage, als in eine Wellblechhütte über Tage.

    Die Atomkraft mag eine sehr schlechte Art der Energieerzeugung sein, es gibt leider nur noch schlechtere Alternativen. Von fossilen Energieträgern brauche ich wohl garnicht erst anfangen. Die unsichere Versorgungslage sowie die Umweltproblematik sind wohl hinreichend bekannt. Eine "regenerative" Energiequelle, welche die Lücke, die durch einen Verzicht auf Fossile- und Atomenergie gerissen würde, schließen würde, sehe ich leider nicht. Ich wäre sehr erstaunt, wenn Windenergie jemals über 20 Prozent des Energievverbrauches herauskommen würde. Photovoltaik ist ökonomischer und ökologischer Wahnsinn. (Energieaufwand und Kosten der Herstellung von Solarzellen...) Wasserkraft ist weitgehend ausgereizt, Gezeitenkraft könnte auch nochmal ein bisschen was bringen aber alles zusammen reicht trotzdem bei Weitem(!) nicht.

    Dann also doch Atom...

    Grüße
    Trench

  6. wie Asse II? Das mit den Zwischenlagern wäre sicher unproblematischer, wenn es sich um Brennstäbe und nicht um hochkonzentrierten Atommüll aus einer Wiederaufbereitungsanlage handeln würde, die hier durch die Gegend gefahren werden.

    Antwort auf "Ach so!"
    • Anonym
    • 08.11.2008 um 18:37 Uhr

    und dieser selbst bringt uns nicht um, so wird dieses aber die freigesetzte Strahlung, irgendwelcher Atomwaffen, Kraftwerke oder Endlager schaffen. So wird der Fluch des Atoms und dennoch treffen.
    Herzlichst
    Le Routier

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
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  • Schlagworte Atommüll | Kernkraftwerk | Endlager | Grüne
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