Pop Gib mir dein Fleisch
Nach 19 Jahren Pause eine neue Platte von Grace Jones: Auch mit sechzig hat die Maschinenfrau nichts von ihrer Wucht verloren
Was hat sie da gerade gesagt? »Today the slave pays to be a slave«. Ein Stück raunender Sprechgesang, mitten im Small Talk über den taumelnden Kapitalismus. Grace Jones mag da sitzen, als wäre nichts, in diesem etwas zu blau dekorierten italienischen Restaurant irgendwo südlich der Themse, und entspannt an ihrem grauen Stretchtop zupfen. Sie mag von ihren Antipasti picken und dröhnend lachen, mit ihrem großen roten Mund, dem dunklen Gesicht. Aber wenn sie das Wort »Sklave« ausspricht, läuft einem ein Schauer über den Rücken. Denn Grace Jones, geboren vor sechzig Jahren in Jamaika, war es, die dem Wort einen neuen Klang gegeben hat.
Weit ausgeholt hat sie damals, mit langen Armen unter breiten Schulterpolstern, und hat uns den slave wie einen stählernen Speer ins Bewusstsein geschleudert: die Botschaft von der erotischen Anziehungskraft der Maschine. Mit Slave to the Rhythm wurde Grace Jones die Ikone der achtziger Jahre – einer Zeit, die Orwells Apokalypse wie einen Phantomschmerz mit sich herumtrug und im New Wave ästhetisch ausagierte. Technik war schön, Künstlichkeit war Glamour. Und Jones, die in den späten Siebzigern als androgyne Prinzessin der Schwulendisco debütiert hatte, wurde mit einer eiskalten Version von La Vie en Rose, dem Clubtrack Pull up to the bumper oder eben Slave to the Rhythm zum Lieblings-Alien des Mainstream.
Der französische Designer Jean-Paul Goude, nebenbei Vater ihres Sohnes, war damals ihr Stylist. Er schickte sie mit Tigern auf die Bühne, fotografierte sie für das Cover ihrer CD Island Life als makellose Ebenholzskulptur, zerstückelte ihr Konterfei zum Roboter-Look und verpasste ihr leuchtende Maschinenaugen. Die Bilder waren prekär: Jones gab ihren Körper für Fotos wie von Leni Riefenstahl, sie riskierte das Klischee, und, o Wunder: Sie ging niemals in ihm unter.
1979 war Grace Jones auf dem Cover des stern, fotografiert von Helmut Newton, kniend und mit Fesseln an den Füßen. Den Domina-Blick der nicht zu zähmenden Schönheit haben die Damen von Emma damals wohl übersehen: Sie verklagten den stern wegen Rassismus und Sexismus. »Wirklich?«, fragt Jones heute lachend. »Aber warum denn? Helmut sah mich in Ketten. Also trug ich Ketten!«
Sie hat sich von vielen gestalten lassen, als Model, als Sängerin, als Schauspielerin. Wenn man mit Künstlern zusammenarbeitet, sagt sie, muss man sich ihnen komplett anvertrauen. Man muss ihren Visionen folgen. Was sie nicht verrät, ist, wie sie es schafft, sich in der Hingabe diese Stärke zu bewahren. Spiegel sein, aber ein Spiegel aus Stahl: Das ist das Geheimnis dieser Frau, gegen deren Talent zur Ikone selbst Madonna wie eine verkleidete Kellnerin wirkt.
Vielleicht hat sie es von Andy Warhol gelernt, mit dem sie in den Siebzigern im Studio 54 Boheme spielte. Über den Umweg Paris startete sie eine Model-Karriere, zu einer Zeit, als schwarze Frauen auf dem Laufsteg noch eine Sensation waren. Von Anfang an begnügte sie sich nicht mit der Rolle als besserer Kleiderständer. »Ich war immer nah an den Designern und damit auch an den Künstlern«, sagt sie. Mit Issey Miyake, dem Techno-Artisten unter den Modemachern, ging sie Stoffe aussuchen. Bei Warhol allerdings, der sie oft fotografierte, muss sie die Idee einer Existenz als Gesamtkunstwerk aufgesogen haben.
Die Oberfläche ist das Kunstwerk – noch heute hält Grace Jones sich daran. Jeder ihrer raren Auftritte in den letzten Jahren war auf Überwältigung angelegt, egal ob sie als karikierte Glamour-Nonne gemeinsam mit Luciano Pavarotti sang oder in einem Kleid nur aus schwarzen Käfigstangen im Londoner Nachtleben erschien. Doch wer dachte, dies wären nur Fingerübungen einer Diva im Ruhestand, der sieht sich in diesem Herbst getäuscht. Grace Jones hat eine neue Platte gemacht, die erste seit 19 Jahren. Hurricane ist mehr als ein nostalgischer Schatten alter Erfolge – sie ist ein echtes Comeback.
Ihren Teil dazu beigetragen haben Sly und Robbie, die beiden Jamaikaner, die ihr 1980 mit dem Album Warm Leatherette den Weg von der Disco in den New Wave zeigten. Einen Reggae-Sound für ein Alien hätten sie damals entwickeln wollen, sagten Sly und Robbie, und dabei sind sie auch für Hurricane geblieben. Gleich im ersten Track Teils is tritt Grace Jones als Herrin einer Bande scharf konturierter elektronischer Dub-Beats auf, mit ihrer Stimme, tiefer und rauer denn je, als Peitsche zum Züchtigen ihrer Untertanen. »This is my voice, my weapon of choice«, raunt sie, um dann weiter die Grammatik ihrer postapokalyptischen Welt zu deklinieren: »This is technology mixed with a band«. Und schon ist alles wieder da: Grace als Amazone im urbanen Dschungel, als sprechsingendes Zentrum tribalistischer Rufe, als stählerner Vamp mit Macho-Allüren.
Allerdings enthüllt das Album dann auch die andere, bislang unbekanntere Seite der Grace Jones. Noch nie ist sie so intensiv auf ihre Familie eingegangen wie hier. Williams’ Blood heißt der zweite Song. »Williams, das ist der Mädchenname meiner Mutter«, erklärt sie. »Mein Vater, von der Jones-Seite, war ein Prediger. Aber der Vater meiner Mutter tourte als Jazzmusiker mit Nat King Cole.« Es war also das Blut der Williams in ihr, das ihr den Drang zur Musik und letztlich zur Boheme mitgab – wobei sie sich nicht so weit vom Rest der Familie entfernt hat, wie man von der für ihr Partyleben berühmten Diva denken könnte. »Ja, ich gehe zur Kirche, in die Kirche meines Bruders, der auch Priester geworden ist«, sagt sie. Und lacht dann wieder dieses tiefe Lachen: »Nur nicht jeden Sonntag. Deswegen denken die ja auch alle, ich komme mal in die Hölle.«
»Can’t save a wretch like me«, singt sie, ein jämmerlicher Tropf wie ich kann nicht gerettet werden. Doch am Ende biegt sich der reggae-infizierte R’n’B der Erlösung zu. Dann singt sie wahrhaftig die warmen Zeilen von Amazing Grace, die von der himmlischen Gnade für alle armen Teufel dieser Welt handeln. Die Unglaubliche kehrt heim und gewährt sich selbst Barmherzigkeit. Und der Gospel-Sopran, der ganz leise im Hintergrund ihren kräftigen Alt umspielt, gehört niemand anders als ihrer Mutter.
So erweist sich Grace Jones als durchaus spiritueller, tief familiär verwurzelter Mensch, mit dem man sogar über Gott reden kann. Sie sei ja auch ruhiger geworden, weiser, mit ihren sechzig Jahren, die man ihr so wenig ansieht wie einem blanken Stein die Gewalt der Wellen, die ihn poliert haben. Trotzdem weiß sie natürlich, was ihre besten Rollen sind, und ihre Produzenten wissen es auch. »I’m a Hurricane«, singt sie im Titelstück der Platte. Frau und Sohn in einem, heißt es im Text, kühl, zerstörerisch und lebensspendend, eine Naturgöttin im wilden Flug auf den Schwingen harter, halliger Maschinenklänge. Und in der Single Corporate Cannibal spielt sie sogar den Kapitalismus selbst.
Der Song ist aus dem Ärger über ihre alte Plattenfirma entstanden. »Ich habe so lange nichts veröffentlicht, weil ich einfach nicht die Platte machen durfte, die ich wollte. Warum nehmen die einen unter Vertrag und geben einem nicht die nötige Freiheit? Also habe ich diesen Song über den Missbrauch durch Unternehmen geschrieben.« Der Trip-Hop-Melancholiker Tricky hat dem Song sein kriechendes Drohen gegeben. Der entscheidende Kunstgriff aber ist, dass Grace Jones sich nicht als Opfer präsentiert, sondern als Aggressor. Komm her, gib mir dein Fleisch, lockt sie, als ewige menschenfressende Maschine. Und macht sich zum Symbol eines Systems, das just zum Zeitpunkt des Erscheinens des Albums seine ganze Abgründigkeit demonstriert.
»Ich bin Schauspielerin. Ich erleide die Dinge nicht, ich werde sie. Das ist viel stärker«, sagt sie. Für das Video zu Corporate Cannibal hat der junge Filmemacher Nick Hooker Grace Jones’ Kopf in ein schwarzes Monster verwandelt, das seine Form ändert wie Quecksilber oder eben wie das freigesetzte Kapital. Grace Jones erzählt, dass ihr Sohn die Bilder viel zu krass findet. »Aber Schönheit ist auch Horror. Ich hasse Mittelmäßigkeit.«
- Datum 05.11.2008 - 19:38 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
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