James Bond Der Spion, dem ich nachflog
15 Jahre lang hat Martijn Mulder die Drehorte aller 22 James-Bond-Filme bereist. Im Interview verrät er, wo es am spannendsten ist.
DIE ZEIT: Sie sind ein Location Hunter, ein Drehortjäger. Was ist das?
Martijn Mulder: Location Hunters sind Leute, die auf den Spuren berühmter Filme unterwegs sind. Sie machen die Drehorte ausfindig und fahren dann hin. Ich selbst reise James Bond hinterher.
ZEIT: Da haben Sie viel zu tun. Eben kommt der 22. Film in die deutschen Kinos. Warum gerade 007?
Mulder: Er führt einen in die spannendsten Länder und die tollsten Hotels. Ich kenne keine andere Filmreihe, deren Drehorte so clever gewählt sind. Das war schon am Anfang so, in den Sechzigern, als es noch kaum Auslandstourismus gab. Die ersten Filme profitierten von der wachsenden Reiselust der Leute, kurbelten sie aber auch an. Viele Orte boomten, nachdem die Leute in Bond-Filmen gesehen hatten, wie schön es dort ist: Jamaika zum Beispiel oder die Bahamas. Auf Phuket in Thailand nennt sich jede zweite Tauchschule nach James Bond, seit dort 1973 Der Mann mit dem goldenen Colt gedreht wurde.
ZEIT: Von Hamburg bis zur Atacama-Wüste war James Bond schon ziemlich überall. Gibt es noch Orte, die vor ihm sicher sind?
Mulder: Ja, alle Ziele des Massentourismus. Die Costa Brava wäre ihm zu vulgär.
ZEIT: Für Ihre Heimat, die Niederlande, hat er offenbar auch nicht viel übrig.
Mulder: In Amsterdam haben sie mal eine Szene für Diamantenfieber gedreht, aber nur sehr kurz. Das Filmteam kam morgens an und fuhr am Abend schon zurück nach England. Als ich darüber nachdachte, musste ich ihnen recht geben: Es gibt bei uns wohl nicht viele Bond-taugliche Ecken.
ZEIT: Ist James Bond ein gutes Vorbild für Touristen? Er tritt im Ausland arrogant auf und erklärt auch gern mal Japanern, wie man Sake trinkt.
Mulder: Das gehört zu seiner Rolle. Er ist immer der, der es besser weiß. Mit diesem Wissen überlebt er auf seinen Reisen. Aber es ist schon ein bisschen Kolonialherrenstil dabei, jedenfalls in den frühen Filmen. In manchen Ländern kamen Einheimische nur in einer Funktion vor: als die willenlosen Lakaien des Schurken, den Bond gerade jagte.
ZEIT: Vielleicht wurden darum die Filmteams nicht überall mit offenen Armen empfangen.
Mulder: In Griechenland gab es mal einen Zwischenfall bei den Dreharbeiten zu In tödlicher Mission. Sie wollten eins der Meteora-Klöster von außen filmen. Aber den Mönchen passte es anscheinend nicht, dass ihr Zuhause als Kulisse für einen Actionfilm herhalten sollte. Also hängten sie am Produktionstag alle ihre Wäsche aus dem Fenster, um die Aufnahmen zu verderben. Aber das war eine Ausnahme. Die meisten Menschen freuen sich, wenn ihr Ort in einem James-Bond-Film vorkommt.
ZEIT: Sie haben eben einen Reiseführer On The Tracks Of 007 vollendet. Was ist so interessant daran, einem Filmhelden nachzustellen?
Mulder: Für mich ist das Spannendste die Detektivarbeit. Besonders bei den älteren Filmen erfährt man nicht so leicht, was wo aufgenommen wurde. Da muss man den Film durchlaufen lassen, bis irgendein Verkehrsschild oder Landschaftsmerkmal auftaucht. Das fotografiert man ab. Dann grenzt man auf der Karte die Gegend ein, fährt hin, zeigt die Bilder rum und fragt sich durch. Das kann schon mal ein paar Wochen dauern. Die Orte sind ja nicht immer da, wo der Film es behauptet. Die Straßen von St. Petersburg haben sie in London gedreht. Albanien war in Wirklichkeit Korfu.
ZEIT: Und nun kommt Ihr Buch und verrät alles.
Mulder: Das stimmt. Location Hunters sollten es lieber nicht lesen. Es würde ihnen den Spaß verderben. Ich richte mich an 007-Fans, die keine Zeit haben, lang nach einem Drehort zu suchen. Es kommen schon die ersten Dankesbriefe von den Freundinnen dieser Leute: Gott sei Dank, dass es Ihr Buch gibt. Nun muss ich mich nicht mehr jeden Urlaub durch die Straßen zerren lassen auf der Suche nach irgendeiner Spur.
ZEIT: Welcher Drehort hat Ihnen bis jetzt am besten gefallen?
Mulder: Das war ein Vulkankrater in Japan. Was ihn schön macht, ist seine Abgeschiedenheit. Ich musste zwei Stunden durch Niemandsland laufen und wollte schon umkehren, da stand ich plötzlich am Rand dieses wunderbaren grünen Vulkans und war glücklich. Das ist der Krater aus Man lebt nur zweimal , dessen Boden plötzlich aufklappt. Darunter kommt dann die Raketenbasis des Schurken Blofeld zum Vorschein. Die Set-Designer der 007-Filme sind sehr gut darin, einen Ort überraschend in Szene zu setzen.
ZEIT: Und Ihre Entdeckungen feiern Sie dann mit einem geschüttelten Martini im Casino Ihres Fünfsternehotels?
Mulder: Einige Location Hunters machen das wirklich. Aber ich habe nicht das Reisebudget von James Bond und auch kein Bedürfnis, mich in seiner Luxuswelt einzunisten. Es mal gesehen haben, ein Foto und weiter – das ist mir vollkommen genug.
ZEIT: Aber ein wenig von den Spionagefilmen hat doch auf Sie abgefärbt. In manchen Ihrer Wegbeschreibungen reden Sie von Bestechung oder Löchern im Zaun.
Mulder: Ja, aber das bezieht sich vor allem auf Jamaika, wo die Leute für jede Gefälligkeit Geld wollen. Anderswo genügt es erstaunlich oft, brav an der Tür zu klingeln. Auf den Bahamas entdeckte ich diese tolle Villa mit den zwei Schwimmbecken, die sie in Thunderball benutzt hatten. Das Anwesen wirkte verlassen, aber nachdem ich es ein paarmal umkreist hatte, sah ich im Garten einen älteren Mann. Als ich ihm sagte, weshalb ich gekommen war, ließ er mich rein und zeigte mir alles. Es stellte sich heraus, dass er einer der reichsten Männer auf den Bahamas war. Seine Frau war gerade gestorben, und er sehnte sich nach Gesellschaft. Er sagte: »Nimm dir was aus dem Kühlschrank, das Mädchen hat frei.« Und erzählte mir die Geschichte seines Lebens.
ZEIT: Können Sie sich den neuen James-Bond-Film noch wie ein normaler Zuschauer ansehen?
Mulder: Aber ja. Die ersten ein, zwei Male achte ich auf die Handlung. Erst danach beschäftigen mich die Anhaltspunkte für meine Spurensuche. Und wenn ich zurück bin, sehe ich mir die Filme wieder mit anderen Augen an. Bis jetzt habe ich jeden davon dreißig-, vierzigmal gesehen. Andere gucken Fotos, um sich an ihre Reisen zu erinnern. Ich schaue mir James-Bond-Filme an.
Interview: Michael Allmaier
Den englischsprachigen Reiseführer kann man unter www.onthetracksof007.com bestellen
- Datum 06.11.2008 - 06:17 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
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