Lyrik Der Strahl eines anderen Lichts

Eine Entdeckung: Der große Prosaschriftsteller W. G. Sebald hat Gedichte geschrieben, die bisher unbekannt waren

Dass der Schriftsteller W. G. Sebald, der fraglos zu den wenigen großen Prosastimmen der deutschen Literatur nach 1945 gehört, zuerst in England und Amerika wahrgenommen und gerühmt wurde, hat nicht nur damit zu tun, dass Sebald die längste Zeit seines Lebens (er starb 2001 bei einem Verkehrsunfall) in England lebte und lehrte. Es war Susan Sontag, die seine Bedeutung erkannt hatte, und was sie sagte, hatte Gewicht und Folgen. Die deutschen Leser aber in ihrer Mehrheit brauchten eine Weile, um sich an Sebalds ferne, fremde Welt zu gewöhnen. Noch an den sonnigsten Stellen in seiner Prosa streift einen die kalte Luft einer unsichtbaren Gruft; und noch in die kühlsten fällt ein Strahl anderen Lichts.

Wie oft hat W. G. Sebald sich nicht verwandelt von seinem wie aus alten Zeiten stammenden Anfang mit dem erzählenden Langgedicht Nach der Natur (1988) bis zu seinem letzten Roman Austerlitz (2001), von den Wandlungen seiner essayistischen Prosa vom akademischen Carl Sternheim (1969) bis zum essayistisch verträumten Logis in einem Landhaus (1999) ganz zu schweigen. Man hatte sich an Sebalds Verwandlungen gewöhnt und auch daran, dass er sich dabei nur immer ähnlicher wurde. Mit der neuesten, postumen Verwandlung hat aber kaum jemand gerechnet. In einem überraschend aus dem Nachlass veröffentlichten Band steht Sebald aufs Mal mit 61 sorgfältig geformten Gedichten als Lyriker vor uns.

Alles hätte man aus diesem Nachlass erwartet, erzählende oder essayistische Prosa, auch eine Auswahl von Sebalds wunderbaren Briefen und Karten – und genau das kriegt man auch in den Wandernden Schatten, dem schön gestalteten Katalog der aktuellen Sebald-Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Der Marbacher Katalog führt uns durch die Postkartensammlung des Reisenden Sebald, und er bietet in kritischer Edition zwei wunderbare Prosatexte über Sebalds Korsikareise. Aber auch dieser aus dem Nachlass gearbeitete Katalog erwähnt mit keinem Wort, dass es in Sebalds Hinterlassenschaft auch zwei fein säuberlich zum Druck eingerichtete maschinenschriftliche Konvolute mit Gedichten gibt.

Natürlich kannte man das »Elementargedicht« Nach der Natur (1988), mit dem Sebald noch vor seinem Prosaerstling Schwindel. Gefühle (1990) debütierte. Doch das war ein eher erzählerisches Poem, das man als Vorstufe zu Sebalds Hauptgeschäft, der Prosa, betrachten durfte. Und doch verbarg sich, ohne dass man es wahrgenommen hätte, hinter dem Erzähler Sebald ein Schreiberleben lang ein Lyriker. Im Nachwort zu den Gedichten weist der Herausgeber Sven Meyer, dem wir schon Campo Santo (2003), den feinen Prosaband aus dem Nachlass, verdanken, darauf hin, dass Sebald »bis zur Mitte seines fünften Lebensjahrzehnts kaum ein Stück erzählender Prosa« veröffentlicht habe, »Lyrik aber schreibt Sebald sein Leben lang«. Müssen wir also unser Bild von Sebald revidieren?

»Schwer zu verstehen / ist nämlich die Landschaft…«

Zunächst gilt auch für die neueste Wandlung, dass sie uns den Sebald zeigt, den wir kennen, wenngleich in gänzlich neuer Verpuppung. Zwar ist den Gedichten, mit denen der zwanzigjährige Sebald in der Freiburger Studentenzeitung 1964 seine schriftstellerische Laufbahn beginnt, deutlich der Einfluss Hölderlins und Hofmannsthals anzuhören. Aber epigonal wird man diese frühesten Gedichte nicht nennen. Das Weitschweifige, dem Epigonen so leicht verfallen, ist ihnen fremd. Sebald beherrscht von Anfang an den knappen, lakonischen Ton. »Schwer zu verstehen / Ist nämlich die Landschaft, / wenn du im D-Zug von dahin / nach dorthin vorbeifährst, / während sie stumm / dein Verschwinden betrachtet« So geht Sebalds allererste Veröffentlichung. Und vieles ist in ihr schon vorhanden: Zu der Leitvokabel des »Verschwindens« treten die des »Verbrennens«, »Vergessens«, »Versterbens« und »zu Ende Gehens«. Epitaph ist dann, gleichsam resümierend, das sechste, schon aus dem Jahr 1965 stammende Gedicht überschrieben.

Um die Leitvokabeln fügt sich gleichfalls von Beginn weg der Einbildungsraum (l’imaginaire, wie die Franzosen sagen würden), in dem sich Sebald zeitlebens bewegen wird. Herbst, Abend und Todesnähe sind die Endzeiten, die er bevorzugt. Dunkelgrau, schattig und dämmrig ist das Licht, das sie begleitet, wenn nicht gerade von Sonne zerrissene Wolkengebirge nach der Art Altdorferscher Gemälde es aufhellen. Schlaflosigkeit, schweres Träumen und ebensolches Erwachen sind der Modus, in dem das meiste durchlebt wird. Auch der Marbacher Katalog veranschaulicht in seinen Bildbeigaben mannigfach diesen Einbildungsraum der Lyrik. Wer ihn mit der Lupe liest, wird auf einem in Goethes Gedichte eingelegten grauen Karton auch den Vers Ist dies die graue Farbe der Nacht entdecken, der verwandelt ins Gedicht Das vorvergangene Jahr eingegangen ist.

Schon im achten der Gedichte steht, grad einundzwanzig Jahre alt, erstmals der schwermütige, fremd ein- und ebenso ausziehende Reisende, Wanderer und Zeichendeuter vor uns, als den wir Sebald aus all seinen Büchern kennen. Erinnertes Triptychon einer Reise aus Brüssel heißt das Gedicht, das erste, in dem die (neben dem Lakonischen) andere Stärke des Lyrikers Sebald zum Vorschein kommt, die des erzählenden Reisegedichts. Das »Brüsseler Triptychon« liest sich wie eine erste Skizze des späteren Prosaerstlings Schwindel. Gefühle, der ja auch, mit Sebald, Kafka und Stendhal als Helden, dreiflügelig angelegt war. Die Verwandtschaft besteht freilich weniger der Sache als der Verfahrensweise nach, obgleich ein Napoleonisches Schlachtfeld und eine Reise nach Mailand auch hier schon vorkommen. Ein autobiografisch grundiertes Ich reist durch ein aus Gegenwart und Erinnerung, Gefundenem und Erfundenem geheimnisvoll gemischtes Europa. Sein Blick ist so farb- und formbewusst wie der eines Malers, und er sieht in und neben sich allenthalben Zeichen und Wunder.

»Ein Scherenschnitt / ein Fingerhut / eine Nadelöhr…«

Skizzen späterer erzählerischer Motive entwerfen – das dürfte wohl die wichtigste Funktion der Lyrik in Sebalds Imagination gewesen sein. »Ein Scherenschnitt / ein Fingerhut / ein Nadelöhr // Ein Wallfahrtsort / ein Stein im Gedächtnis / ein versetzter Berg // Ein Drudenfuss / und ein Würfelchen Eis / gefärbt von einem Jota / Berliner Blau«, so lautet etwa – reimlos und rhythmisch frei wie alles und ohne Satzzeichen wie das meiste – das Gedicht Panazee aus dem Jahr 1974. Es gewinnt an Zugänglichkeit durch die Montage, mit der Sebald es in seine lyrische Lebenserzählung im Band Nach der Natur eingefügt hat. Die Verse werden dort zu »magischen Kreuzwörtern«, die Sebald einem »zwergwüchsigen Tataren«, für ihn »die Sinnfigur der nicht näher / identifizierbaren Katastrophe«, in den Mund legt. Und er kommentiert sie, unter Zuhilfenahme einer Wendung, die er in einem anderen Gedicht eingeübt hat: »Eine lange Reihe winziger Schrecken / aus der ersten und zweiten Vergangenheit, / nicht übersetzbar in die gesprochene / Sprache der Gegenwart«.

Es wird kein Zufall sein, dass die schönsten Gedichte dieses Bandes zugleich solche sind, die Sebald später in seiner Prosa variiert hat – diesen Variationen zuzusehen ist wohl das größte Vergnügen, das der altgediente Sebald-Leser im Gegensatz zum Novizen bei der Lektüre der Gedichte und beim Anschauen des an Variationsmaterial so reichen Marbacher Kataloges findet. Day Return bereitet den Schlussabschnitt von Schwindel. Gefühle vor, New Jersey Journey den Besuch bei Onkel Kasimir in der Adelwarth-Geschichte der Ausgewanderten, Das vorvergangene Jahr die Marienbad-Reise in Austerlitz. Jedes dieser Gedichte hat seiner Romanumformung im Einzelnen Momente bildnerischer Intensität voraus; das Marienbad-Gedicht ist der Romanpassage sogar vorzuziehen.

Zusammengenommen machen aber gerade diese besten Gedichte klar, warum W. G. Sebald ein so erstrangiger Prosaautor und warum er, sozusagen in Tateinheit damit, höchstens ein zweitrangiger Lyriker war. Sebald brauchte den Hallraum seiner charakteristischen langen Sätze, und er brauchte den langen epischen Auslauf, um das Eigentümliche seiner Welt zum Vorschein zu bringen. Dies Eigentümliche war die nicht nur behauptete, sondern in leibhaftige Leseerfahrung umgesetzte abgründige Doppelbödigkeit von allem und jedem.

Gegen Schluss dieses Bandes stehen einige von ihm selbst veröffentlichte Texte, die so plan sind, dass es schmerzt, sie neben den schöneren Gedichten zu sehen. Sie sind nicht viel anderes als zu Versen umbrochene Prosa. Sie werden außer durch die geglückten Gedichte auch durch die ahnungsvollen Zeilen aufgewogen, die – so unheimlich, wie es nicht nur in Sebalds Schreiben, sondern eben auch in seinem Leben zuging – Sebalds Tod präfigurieren. Er fand ihn durch einen auf eine Herzattacke folgenden Verkehrsunfall. Und er hat auch dieses Ende wie so manches ein erstes Mal in seinen Gedichten durchlebt. »Eine zerdehnte Katastrophe / der Strom des Verkehrs / Überholvorgänge die eine Ewigkeit / währen todessüchtige Blickwechsel / mit den wildfremden Menschen / auf der anderen Spur«, heißt es einmal. »Beim Aufwachen / winkt mir / der Herztod / von der anderen Seite / des Abgrunds« ein andermal. Auch: »Auf der Heimfahrt Phantasien / von einem tödlichen Unfall.«

 
Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 12.01.2009 um 7:06 Uhr

    Postelhum

    Leicht zu verwehen
    sind Gedichte,
    wenn sie als D-Zug von mirhin
    nach dirhin vorbeirattern,
    während ich starrstumm
    einen nicht schwindelnden Bennschen
    suchen
    und

    ob früher,
    ob später

    verstorbenen Dichtern
    den Luftkrieg
    abverlangen tu.

    Fahrend
    im kalten Zug
    erwärmt mir
    Zungenhaut

    Blau-
    Flattergedichtnis.

    ~ * ~

    Nun lies mann hin,
    der Se kann bald,
    weil
    zwischen Meisen
    Fink
    er war
    durch Stadt
    und Wald
    auf Reisen:

    reimlos Sinn.

    * ~
    Das gäb Epigrömme,
    wenn er an kömme.

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  • Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
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