Karlsruhe
Uwe H. wirkt hellwach, das Gesicht eines großen Jungen, gesund und kräftig. Nichts weist darauf hin, dass sich der 37-Jährige vor einer halben Stunde 120 Milligramm Diamorphin, synthetisches Heroin, in den Fuß gespritzt hat – "geimpft", wie er es nennt. Durch eine kleine Klappe hat ihm die Krankenschwester seine Morgenration in einer fertig aufgezogenen Spritze herübergeschoben. Neben Uwe H. halten sich in dem kargen Raum noch zwei weitere Patienten auf. Streng überwacht von einem Mitarbeiter der Ambulanz.

Und nichts verrät, dass die Ärzte Uwe H. vor sechs Jahren fast aufgegeben hatten. Eine zehnjährige Heroinkarriere hatte ihre Spuren hinterlassen: der Körper ausgemergelt und entzündet, gezeichnet von Hepatitis C und Thrombose. 30 Entgiftungen hatte er damals hinter sich. Uwe H.s letzte Chance war eine Studie, die 2002 in Karlsruhe und sechs weiteren deutschen Städten begann. Synthetisches Heroin für Schwerstabhängige.

Der Eingang der Heroinambulanz versteckt sich im zweiten Stock eines unansehnlichen Baus in der Karlsruher Südstadt. Innen erinnert auf den ersten Blick alles an eine Zahnarztpraxis, wäre der Raum nicht gesichert wie eine Bank. Seit sechs Jahren füllt sich die Ambulanz jeden Morgen mit rastlosen Patienten, die sich hier die Schmerzen des beginnenden Entzuges wegspritzen. Doch im August dieses Jahres kam die Hiobsbotschaft. Karlsruhes Sozialbürgermeister Harald Denecken teilte mit, die 360.000 Euro, die die Diamorphin-Behandlung für 18 Patienten jedes Jahr kostet, seien für die Stadt ohne Bundesförderung "nicht mehr tragbar". Das Projekt sei bis zum Jahresende abzuwickeln. In der Ambulanz herrschte helle Panik.

Nun steht fest, dass es weitergehen wird – durch "Personalverschiebungen" und weil alle Gemeinderatsfraktionen hinter der Heroinabgabe stehen. Doch der Karlsruher Vorfall zeigt, dass die Heroinprojekte auf brüchigem Fundament arbeiten. Jeder neue Stadthaushalt kann das Aus bedeuten. Und dass überhaupt synthetisches Heroin abgegeben werden darf, verdanken die Städte einer befristeten Ausnahmegenehmigung des Bundeskabinetts.

In Berlin blockiert seit fast zwei Jahren eine Mehrheit der Unionsabgeordneten ein Gesetz, das Diamorphin im eng gefassten Rahmen als verschreibungspflichtiges Betäubungsmittel einstufen würde – damit müssten die Krankenkassen die Kosten der Behandlung übernehmen. Alle anderen Fraktionen unterstützen das Gesetzesvorhaben.

Die Ergebnisse der Heroinstudie sprechen für sich: Bei fast allen Patienten, die Diamorphin bekamen, verbesserten sich der Gesundheitszustand und die Lebensumstände deutlich. Die Beschaffungskriminalität ging stark zurück. Für Uwe H. etwa bedeutete der Beginn der Diamorphin- Behandlung den Ausstieg aus dem Hamsterrad von "impfen" und der Suche nach Geld für den nächsten Schuss. "Ich konnte das erste Mal an etwas anderes denken", sagt er. Sein Gesundheitszustand verbesserte sich schnell, auch Kokain und Valium nimmt er nicht mehr. Inzwischen hat er eine eigene Wohnung bezogen und über ein Jahr lang gearbeitet.

Doch solche Erfolge überzeugen die Union nicht. Sie fürchtet ein Heer von bis zu 80.000 Heroinabhängigen, die dauerhaft Stoff auf Kassenkosten erhalten würden – der Staat als Dealer. Experten rechnen dagegen mit nicht mehr als etwa 3000 Schwerstabhängigen in Deutschland.