Noch heute leuchten Carel van Schaiks Augen, erinnert er sich an Anni, die Orang-Utan-Dame. »Die war wirklich schlau«, erzählt der Anthropologe, »und sie war zauberhaft gut mit Werkzeug.« Wann immer sie im indonesischen Urwald eine stachelige Frucht zu öffnen hatte oder an Honig gelangen wollte, setzte sie ihr Tüftlergesicht auf, überlegte eine Weile und fing dann an, sich ein Werkzeug zu basteln. »Anni war nicht einfach ein Tier«, sagt van Schaik. »Sie ähnelte uns Menschen viel mehr, als wir gedacht haben.«

Jahrelang lebte Carel van Schaik im Suaq-Sumpf an der Westküste Sumatras und beobachtete Orang-Utans. Was für ihn und sein Team die Hölle war – brütende Hitze, stinkender Morast, Moskitos ohne Ende –, war für die Affen ein Paradies. Heute hat er es einfacher. Der 55-jährige Niederländer ist Direktor des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich, und die Primatenstation mit den Affen liegt nur ein paar Schritte entfernt. Schon hat er neue Lieblinge: südamerikanische Weißbüscheläffchen. »Die sind richtig nett«, schwärmt van Schaik. Nicht dass sie so erfinderisch wären wie Anni. Aber die possierlichen Tiere mit den lustigen Haarbüscheln um die Ohren tun etwas, was Affen sonst nicht tun: Sie ziehen ihre Jungen gemeinsam auf.

Ob im wilden Sumpf oder im beschaulichen Zürich, immer geht es van Schaik um ein großes Ziel: Mit seinen Verhaltensstudien an Affen will er erklären, wie sich die menschliche Evolution vollzog. Und er glaubt zu wissen, wie es unseren Vorfahren gelang, ihre äffische Verwandtschaft mental zu übertrumpfen und den Globus zu erobern.

Den ersten Baustein für seine Erklärung lieferten ihm Anni und die anderen Orang-Utans im Urwald von Suaq. Sie verhielten sich anders, als man das sonst von den roten Affen gewohnt war: Sie waren keine Einzelgänger, sondern äußerst gesellig, und sie benutzten Werkzeuge. Etwa wenn es darum ging, an die Samen der stachligen Neesia-Frucht zu gelangen: Mit Holzstöckchen stocherten sie die Leckereien heraus. So etwas hatte man bei Orang-Utans in der Wildnis noch nie beobachtet.

Orang-Utan-Populationen andernorts ließen nämlich die Früchte hängen, weil sie kein Mittel kannten, um die Schalen zu öffnen. Waren sie dümmer? Wohl kaum. »Es gibt nur eine Erklärung«, sagt van Schaik. »Einer der Affen in Suaq muss die Technik erfunden haben, und seine Kollegen haben sie sich abgeschaut.« Barrieren wie breite Flüsse oder unwegsames Gelände verhinderten aber, dass sich der Stöckchentrick überall im Dschungel herumsprach.

»Von Schimpansen wussten wir bereits, dass sie etwa mit Steinen Nüsse knacken können«, sagt Carel van Schaik. Die Entdeckung erfinderischer Orang-Utans beweist nun, dass auch andere Menschenaffen Verhaltensformen besitzen, die nicht genetisch fixiert sind, sondern auf individuellen Erfindungen beruhen, die von Affe zu Affe weitergegeben werden. Also verfügen nicht nur unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, über Kultur, sondern Menschenaffen allgemein.