Anna Netrebko: Das Babypauseninterview
Es gibt eine neue CD von Anna Netrebko. Deshalb empfängt sie Journalisten und sagt – nichts
Sie sitzt in der Suite wie in einem Raumschiff. Draußen fließt die Salzach vorbei, Sonnenlicht fällt durch die Blätter der Kastanienbäume, aber hier drinnen ist nichts anderes als Klimaanlage und stilles Wasser, Kaffee und eine kleine Auswahl Pralinés. Und Journalisten, die an Aufnahmegeräten fummeln. Anna Netrebko ist geduldig. Wie oft hat sie das schon erlebt, diese erzwungene Intimität in einer Hotelsuite, den starren Blick der Journalisten auf die Kontrollleuchte des Aufnahmegeräts, das verschämte Blättern im Notizbuch. Draußen sitzt ihr Presseagent und blickt auf die Uhr. Keine Fragen zum Privatleben. Keine Fragen zum uruguayischen Bassbariton Erwin Schrott. Das Interview zur Geburt ist bereits an die österreichische Wochenzeitung News verkauft.
Das hier ist das Babypausen-Interview. In dem weder über das Baby noch über die Pause gesprochen werden soll. Sechs Monate können sehr lang sein im Leben einer Operndiva. Perlend wie Champagner spricht sie über ihr neues Album Souvenirs – welches überhaupt der Grund ist, weshalb wir hier in diesem Raumschiff sitzen. Anna Netrebkos persönlichstes Album, so nennt es die Deutsche Grammophon. Und Anna Netrebko sagt: »Wir wollten etwas anderes aufnehmen, nicht die üblichen Klassiker. Wir wollten etwas Kurzes machen, jetzt ist es ein bunter Strauß geworden, zehn verschiedene Sprachen, ein Schlaflied von Dvořák, auf Tschechisch singe ich es. Es gibt auch ein jüdisches Schlaflied. Ich habe viele Lieder selbst ausgesucht, die beiden russischen sind nie zuvor aufgenommen worden.«
Ob sie manchmal innehält für den Gedanken: Was mache ich hier? Und wofür? Sie blickt auf die Spitzen ihrer Schuhe, sagt, dass ihr der Arzt wegen der Mutterschaft vorübergehend niedrige Absätze verordnet habe, zieht sich das Missoni-Kleid zurecht und lächelt. Sie ist daran gewöhnt, schon nach wenigen Augenblicken Witterung aufzunehmen. Mit den Schüchternen, die sich bei jeder Frage verhaspeln und rot werden, wenn sie ihnen in die Augen blickt. Mit den Jubelpersern, die sie nach Rollendebüts, Gefühlen bei Charitygalas und ihrer Liebe für das Wiener Publikum fragen. Mit den Bedenkenträgern, die sich vorgenommen haben, sie für ihren Auftritt bei Wetten, dass…? zu tadeln. Mit den Netrebko-Exegeten, die mit der Ernsthaftigkeit eines Bibelforschers nach der Bedeutung ihrer blonden Perücke für Manon fragen. Mit den Psychologen, die versuchen werden, ihre Leidenschaft für Shopping mit frühkindlichen Defiziten zu erklären.
Sie versichert, dass man auch als Opernsängerin Familie haben könne
Denjenigen, die sie starrköpfig nach ihrer Mutterschaft fragen, versichert sie, dass man auch als Opernsängerin eine Familie haben könne, vorausgesetzt, man habe ein Kindermädchen und könne am Tage eines Auftritts schlafen. Den Jubelpersern versichert sie ihre Liebe für das Wiener Publikum und ihre Tränen während des Besuches im SOS-Kinderdorf Hinterbrühl. Den Puristen, die sich mit ihr kritisch über ihre Auftritte auf Freiluftkonzerten auseinandersetzen wollen, sagt sie, dass Konzerte Feste seien und man im Freien die Sterne sehen könne, was im Allgemeinen sehr gut tue, speziell im Sommer. Den Koryphäen, die ihr Wissen über ihre Koloraturfarben loswerden wollen, versichert sie, erst in drei Jahren an der Mailänder Scala die Desdemona zu singen, weil ihre Stimme jetzt noch nicht tief genug sei. Den Lebensbeschreibungsverfassern versichert sie, wie dankbar sie ihrem Mentor Placido Domingo sei, der ihr Gott gewesen sei und der sie die Gilda in Washington habe singen lassen, obwohl ihr Vorsingen schrecklich gewesen sei, was sich im Übrigen bis heute nicht gebessert habe, immer zittere sie beim Vorsingen, sie wisse gar nicht, warum man ihr Jobs gebe. Den Amerikafeinden versichert sie, dass sie sich auf der Gala im Weißen Haus fehl am Platz gefühlt habe, als sie Martin Scorsese zu Ehren gesungen habe, weil alle anderen Gäste Popstars gewesen seien und Opernsänger ins Theater gehörten und nicht in Galas. Den Bedenkenträgern versichert sie, dass Auftritte in Wetten, dass…? der Oper nicht helfen – um die Oper zu erleben, müsse man ins Theater gehen, obwohl sie andererseits natürlich Thomas Gottschalk liebe und es lustig sei, in Wetten, dass…? aufzutreten.
Es sind Sätze, die sie sich schon in vielen Hotelsuiten sagen gehört hat. Sie hat sie feierlich vorgetragen oder nebenbei bemerkt, sie hat dabei gekichert oder sehr ernst geblickt. Sie kann inzwischen Interviews geben und an etwas ganz anderes denken. Sie ist auf alles vorbereitet, auch auf diejenigen, die eigentlich keine Fragen stellen, sondern nur Stichworte liefern wollen – in der Hoffnung, dass sie wie eine Billardkugel durch die Interviewstunde rollt. An zusammengepressten Knien, an der gespannten Haltung am äußersten Rand des Sessels, an lässig übereinandergeschlagenen Beinen erkennt sie, welche Antworten von ihr erwartet werden. Sie ist auch auf Journalisten vorbereitet, die ihre Antworten gar nicht mehr hören, weil sie damit beschäftigt sind, im Notizblock kleine Häkchen hinter ihren Fragen zu machen. Und die deshalb auch nicht merken, dass sie sich darum bemüht, auf charmante und ausgeglichene Weise nichts zu sagen. Jedenfalls nichts, was auf eine Meinung deuten könnte. Selbst bei Äußerungen über das Wetter wird sie sich zurückhaltend zeigen, sie wird nicht sagen, dass sie kein schlechtes Wetter mag, weil es die Gefühle von Opernfans verletzen könnte, die in meteorologisch benachteiligten Gefilden leben müssen. Sie hat gelernt, auf ihre Ratgeber zu hören. Keine Ironie zu gebrauchen, weil Ironie nicht mehrheitsfähig ist. Nie mehr zu sagen, dass sie davon träume, nackt zu singen. Schließlich gehört sie nicht mehr sich selbst, sondern der Welt. Und der Deutschen Grammophon.
Vermutlich befürchtet sie, der Oberflächlichkeit bezichtigt zu werden
Eigentlich will ich mit ihr über spitze Schuhe reden. Und über hohe Absätze. Aber ich spüre schnell, dass zumindest das Absatzthema heikel werden würde, weil dieser Gesprächsgegenstand die Gefühle von einigen Schuhherstellern verletzen und Frauen diskriminieren könnte, die sich aus gesundheitlichen Gründen für flache Schuhe entscheiden müssen. Schließlich versuche ich das Thema etwas auszuweiten und auf Mode allgemein auszuweichen. Ich hoffe, mit ihr etwas über Prada-Mode zu lästern, über Röcke, die so geschnitten sind, dass sie Depressionen auslösen, über die schauerliche Mode der Daisy-Duck-Schuhe und über die ewige Wiederkehr der siebziger Jahre mit den erbswurstfarbenen Schlabberpullovern. Aber vermutlich befürchtet sie, der Oberflächlichkeit bezichtigt zu werden, wenn sie mehr als einen Satz über Mode verliert, weshalb sie nur die große Auswahl in den Geschäften der Fifth Avenue preist. Bis ich sie nach St. Petersburg frage. Ich hoffe, gegenüber den anderen Journalisten einen Wettbewerbsvorteil ins Feld zu führen, schließlich kann nicht jeder von sich behaupten, Anna Netrebkos Gesangslehrerinnen erlebt und die Ölfarben an den Wänden der Musikfachschule Rimski-Korsakow mitsamt den darauf hängenden vergilbten Fototafeln hochdekorierter Veteranen gesehen zu haben. Und bei gefühlten minus fünfzig Grad per Anhalter zu dem Studentenwohnheim am Rande von St. Petersburg gefahren zu sein, in dem Anna Netrebko gewohnt hat. Von den gefühlten minus fünfzig Grad und dem Per-Anhalter-Fahren aber sage ich nichts, weil es unhöflich ist, wenn Journalisten von sich selbst reden.
Und dann, als ich schweige, da sagt sie, dass man in Russland glaube, sie hätte einfach nur Glück gehabt. Und dass ihr Erfolg jedoch harte Arbeit sei, weil es nicht reiche, ein Mal gut zu sein, sie könne sich nie entspannen, denn wenn sie sich entspanne, dann verliere sie ihre Qualität, sie sei immer live auf der Bühne. Und damit meine sie nicht die Medien und die Tatsache, populär zu sein. Jemand anderes könne populär sein, das sei keine Kunst. Aber nicht jede könne auf dem Niveau singen, auf dem sie singe. »Es ist nicht einfach«, sagt sie, und ihre Stimme klingt plötzlich, als würde eine Stahlklinge auf Marmor fallen. »Du brauchst dafür Jahre.« Yearrrs, sagt sie, und in den gerollten Rs stecken jede Menge Ölstrich, vergilbte Veteranen und strenge Gesangslehrerinnen. Und gefühlte minus fünfzig Grad. Sicher, auf den Bühnen tauchten ständig viele junge Sänger auf. Aber zu bleiben – das sei hart: »Und ich bin noch nicht am Ende, ich mache weiter, muss noch viele Stufen hochsteigen, ich muss noch weiter lernen, und in zehn Jahren werden wir sehen, wie es war.«
Im Januar 2009 tritt sie wieder auf. In der Londoner Royal Covent Garden Oper. In La Traviata. Ihr Baby heißt übrigens Tiago Aruã Schrott.
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Falls der Inhalt dieses Artikels genauso gut recherchiert ist wie der Hinweis am Schluss, dass Anna Netrebko im Januar 2009 angeblich in Covent Garden in La Traviata auftreten soll, dann wäre die Lektüre verschwendete Zeit. Tatsächlich hat sie ihren ersten Auftritt nach der Babypause im Mariinsky Theater in St. Petersburg und danach an der Met in New York, beide Male in Lucia di Lammermoor. Richtig ist also nur das Datum, Januar 2009. Übrigens: Die Traviata sang sie in London im Januar 2008.... - Recherchen könnten so einfach sein, aber wenn man natürlich an dem ganzen Thema kein Interesse hat, dann merkt man es dem Artikel eben an.
Ich bin sozusagen fachfremd im Thema Oper. Doch trotzdem war es ein Vergnügen den Artikel zu lesen. Einfach schön geschrieben. Genau diese Artikel sind es, die für mich Die Zeit zur einzig wirklich lesbaren Zeitung Deutschlands machen.
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