Liebe Leser, schauen Sie sich die folgenden Zeilen bitte aufmerksam an: Sie sollen Ihnen einen Eindruck davon geben, wie guter Journalismus in Zukunft aussehen könnte. Denn ewig wird es nicht weitergehen wie bisher. Spätestens im Jahr 2040 läuft die letzte Papierzeitung von der Walze, danach wird Journalismus ausschließlich im Internet stattfinden. Schreibt der amerikanische Zeitungswissenschaftler Philip Meyer in seinem Buch The Vanishing Newspaper, einen Branchenklassiker, der gerade wieder bei einer Tagung der Friedrich-Naumann-Stiftung für junge Journalisten fleißig zitiert wurde. Meyer findet das Ende der Zeitung gar nicht schlimm: »Im Grunde ist das eine phantastische Chance für die gute alte Zeitung, denn das Internet ermöglicht es ihr, die ganzen Kosten für Papier, Tinte und Transport zu umgehen.« Aber wird der Journalismus im Internet noch derselbe sein wie der auf Papier?

Der Journalismus im Netz hat bekanntlich ein Grundproblem: Er rechnet sich nicht. »Es gibt kein selbsttragendes Finanzierungsmodell für Qualitätsjournalismus im Internet«, sagte der Medienwissenschaftler Leif Kramp auf der Tagung. Alle Texte, Bilder, Filme, Hörbeiträge auf den journalistischen Websites weltweit sind kostenlos zu haben, und bislang decken Werbeeinnahmen nur einen Bruchteil der Kosten. Für die meisten Verleger ist Journalismus online ein Millionengrab. Also wird gespart oder erst gar nicht investiert, es kann nicht mehr so gründlich recherchiert und soviel Zeit auf einen schönen Stil verwandt werden. Und da Geschwindigkeit eine der zentralen Tugenden des Onlineschreibens ist, bleibt von den traditionellen Qualitäten des Journalismus im Netz vieles auf der Strecke. Es gibt also eine zweifache Bewegung: ins Internet und nach unten. Wenn in 30 Jahren die Zeitungen verschwunden sein werden, bleibt nur der Journalismus unten übrig.

Qualitätsjournalismus wird also zum Subventionsfall, von der vierten Gewalt zum Liebhaberobjekt. Im Frühjahr wurde in New York das Redaktionsbüro Pro Publica gegründet, ein privater Newsroom unter der Leitung des ehemaligen Wall Street Journal- Chefredakteurs Paul Steiger. 27 investigative Reporter widmen sich hier den ganz großen Themen; pro Jahr bekommen sie dafür zehn Millionen Dollar von sechs Stiftungen. Die fertigen Geschichten bieten sie kostenlos anderen Medien an, »wir unterstützen sie gewissermaßen bei ihrer redaktionellen Arbeit«, sagt Steiger. Journalismus wird outgesourct an Philanthropen, vielleicht auch an Banken, Rüstungskonzerne, Ölgesellschaften, die sich zur Imagepflege ein paar Reporter leisten – wie andere eine Kunstsammlung oder ein Aids-Hilfeprogramm.

Am Ende muss es vielleicht wieder der Staat richten. Die Nationale Initiative Printmedien gibt es schon, ebenso Vorschläge zur Alimentierung der seriösen Presse nach Art des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. In Zukunft enden Artikel wie dieser hier dann so:

Wir danken der gemeinnützigen Stiftung »Ich bin doch nicht blöd«, die den Problemaufriss in den Zeilen 1 bis 21 ermöglicht hat. Die Zeilen 22 bis 43 kamen zustande mithilfe der Organisation »Jede Woche eine neue Welt«. Die pessimistische Perspektive des vierten Absatzes verdankt sich der Großzügigkeit eines privaten Gönners, der ungenannt bleiben möchte. Wir halten Sie mithilfe der Bundesregierung auf dem Laufenden.