Wir lebten in einer Diktatur, sogar in dem am besten durchleuchteten Teil des Landes, aber meine Eltern taten so, als hätte sich der Überwachungsstaat mit seinen Polizisten, Soldaten und Stasimitarbeitern für unsere Augen unsichtbar gemacht. Die Grenze, die das Dorf von drei Seiten einzäunte, die Wachtürme, die Armeefahrzeuge: von überall aus zu sehen, aber für uns nicht da. Die grellen Scheinwerfer, die die Grenze im Dunkeln beleuchteten: Nachts gehören Kinder ins Bett.

Meine Kindheit war eine Welt, die schön sein sollte, auch wenn die Diktatur es meinen Eltern mit diesem Anspruch nicht gerade leicht machte. Wir spielten im Kinderzimmer stundenlang Monopoly, und draußen bewachten die Soldaten die Grenze, damit das Volk vor dem Kapitalismus geschützt werde (und außerdem niemand in den Westen flüchten konnte). Wir kletterten im Garten auf unsere Lieblingsbäume mit der besten Aussicht, doch die Armeefahrzeuge, die auf der Straße vorbeifuhren, gab es in unserer Welt nicht. In unserem kleinen Dorf existierte beides gleichzeitig: die idyllische und die harte Seite der Diktatur. Aber in unseren Köpfen sollte nur das Schöne seinen Platz haben.

Ich wuchs auf mit der Schizophrenie derer, die versuchen, für sich eine heile Welt einzurichten, auch wenn draußen die Soldaten mit Maschinengewehren bewaffnet sind. Denn wer wollte schon in Angst und Bedrohung leben, im Angesicht der übermächtigen Staatsgewalt, wenn es sich im Eigenheim mit kleinem Garten so beschaulich wohnen ließ. Wer wollte andauernd die Kraft aufbringen müssen, das Paradox des real existierenden Sozialismus auszuhalten, in sein friedliches und zugleich bedrohliches Gesicht schauen zu müssen.

Die DDR hat den Blick jedes Einzelnen kontaminiert mit Sehverboten, deren Wirkung häufig bis in die Gegenwart reicht. 19 Jahre nach dem Mauerfall könnte man meinen, die Vergangenheit in unseren Köpfen müsste sich verflüchtigt haben. Tatsächlich aber wirken die mentalen Folgen der Diktatur bis heute nach, selbst bei uns, die wir 1989 noch nicht erwachsen waren. Die DDR war wie ein Vexierbild: aus dem einen Blickwinkel ein junges, vielversprechendes Mädchen, aus dem anderen eine alte Hexe.

Schwierig wurde es immer nur dann, die beiden Welten voneinander zu trennen, wenn sich das vermeintlich Unsichtbare partout seinen Weg in die Idylle bahnen wollte. Einmal spielten wir Kleineren mit den großen Jungs ganz nah an der Grenze, wo es einen Bach gab und wir Staudämme bauten. Während wir Steine und Stöcke aufschichteten und unsere eigenen Grenzen gegen das Wasser sicherten, bellten hinter dem Zaun nervös die Wachhunde, und ab und zu fuhr ein Lkw in Tarnfarben vorbei. Unsere Eltern waren entsetzt, als wir ihnen davon erzählten: Wir sollten nicht noch einmal so nah an den Zaun gehen. Wer sich der Grenzverletzung verdächtig machte, riskierte eine Gefängnisstrafe, und ob davon Kinder ausgenommen waren, das war nicht ganz sicher. Die Wachhunde hinter dem Grenzzaun waren kein Streichelzoo. Wir hatten das Böse mit unserem Kinderspiel herausgefordert, und ich wusste nicht, ob ich Angst haben sollte oder triumphieren. Erst war das Böse unsichtbar, und als wir genauer hinsahen, war es für uns verboten.

Häufig hatte ich Zweifel darüber, mit welchem Verhalten ich meine Eltern erfreute und gleichzeitig ein guter Staatsbürger war. Galt zum Beispiel auch für den Soldaten, dem ich auf der Straße begegnete, das Gesetz der Höflichkeit, sich einander einen »Guten Tag« zu wünschen? Meine Mutter, die ich danach fragte, riet mir das Unfassbare, nämlich grußlos am Soldaten vorbeizugehen. Nicht als ein Akt des Widerstands gegen die Staatsgewalt, sondern einfach, weil dieser Soldat zu einer Parallelwelt gehörte, die für mich nicht existieren sollte. Der Soldat war für mich genauso unsichtbar wie ich für ihn. Das erfuhr ich allerdings erst später, als sich mein Bruder und ich einen Spaß daraus machten, das Verbotene zu tun und über den Gartenzaun die Soldaten auf der Straße zu grüßen. Auch sie antworteten nicht, der Kontakt mit der Dorfbevölkerung war ihnen verboten.

Eigentlich hätten wir ja auch nicht da sein sollen, wo wir lebten. In den ersten Jahren nach dem Bau der Grenzmauer 1961 hatte die DDR-Führung versucht, die Sperrgebiete zu entvölkern, Einwohner umzusiedeln und Neubauten zu verhindern. Wohnungsnot und familiäre Bindungen ließen sie von diesem Vorhaben absehen, dennoch durften in dieses Gebiet entlang der Grenze nur die Bewohner und deren engste Verwandte kommen.