Animationsfilm "Waltz with Bashir" Kampf im KopfSeite 2/2

Man wünscht dem Film vor allem junge Zuschauer

Irgendwann kriegt Folman heraus, dass er mit Leuchtpistolen für die Helligkeit sorgte, die die falangistischen Schlächter für ihren Rachefeldzug brauchten. Nun kann er sich den (real gefilmten) Bildern stellen, die ein ausgiebig zu Wort kommender israelischer Fernsehjournalist gemacht hat. Am Ende kriegen auch wir diese Bilder zu sehen; sie sind so hart, dass Waltz With Bashir in vielen Ländern für Jugendliche nicht freigegeben wurde (was äußerst ungewöhnlich ist für einen zu 99 Prozent aus animierten Bildern bestehenden Film).

Diese Altersbeschränkung ist schade. Denn Krieg ist hier einerseits der große, unerträgliche Zivilisationsbruch. Andererseits geschieht er mitten in einem alltäglich-westlichen Jugendleben zwischen New Wave, Ausgehen und Liebeskummer. Krieg, das weiß Folman, ist nicht repräsentierbar, und deswegen kann man ihn nicht in einer individuellen Geschichte unterbringen. Aber man kann doch Bilder davon machen und konkret davon erzählen – wenn man die Abstraktion, die jedem Bildermachen zugrunde liegt, nicht hinter dem unmarkierten Realismus der Spielfilmfotografie versteckt. Diesem Grundgedanken wird hier mit größter Genauigkeit und nachgerade didaktischer Klarheit gefolgt. Man wünscht dem Film daher vor allem: junge Zuschauer.

Auf dem Love Boat hören die zukünftigen Soldaten einen Hit jener Jahre, Enola Gay von Orchestral Manoeuvres in the Dark. Dazu manövriert tatsächlich ein Boot durch das mediterrane Dunkel. Das Lied handelt mit bizarr melancholischer Euphorie von dem Piloten, der die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen hat. Er artikuliert das globale New-Wave-Gefühl, sich nach all den siebziger Jahren des Protests und der klaren moralischen Positionierungen einem ambivalenten Gefühl hingeben zu wollen. Genau diese Ambivalenz wird aber von der Groteske der Kriegswirklichkeit weit überholt, wo mit schrillen Ausflugsdampfern eine echte Invasion durchgezogen wird und sensible Spätpubertäre bis zum Rand voller Todespanik ihre MPs hektisch in alle Richtungen entleeren. Diese zum Ernstfall gewordene Absurdität gönnt niemandem mehr den Genuss ambivalenter Momente.

Folman hält sich mit politischen Positionsbestimmungen, etwa zur innenpolitischen Aufarbeitung des Massakers oder zur generellen Rolle der seinerzeit von Ariel Scharon befehligten Armee, zurück. Er bleibt beim vorpolitischen Moment des pazifistischen Entsetzens, dem er aber maximale Kraft gibt: lakonisch, distanziert, zuweilen komisch. Die ratlose Verlorenheit, die seine Charaktere noch Jahrzehnte nach den Ereignissen mit ihren Comic-Gesichtern ausstrahlen, steht für eine innere Distanz, die hier braucht, wer dem erzwungenen absoluten Distanzverlust ausgesetzt war.

 
Leser-Kommentare
  1. Leider scheint es sich hier um einen Film zu handeln, der den US-Produktionen zu Vietnam in einer entscheidenen Hinsicht gleicht: der "Feind" - Libanesen, Palaestinenser - kommt nur als Objekt vor. Das Problem, so lernt man, ist nicht die brutale Aggression (Israels, in diesem Falle) - das Problem ist die psychologische Wirkung dieser Brutalitaet auf den Taeter.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Leider scheint es sich......... Das sagt mir, dass Sie diesen Film nicht gesehen haben. Dann ist ihr nachfolgender Text lediglich eine Ansammlung von Vorurteilen. Erst ansehen, dann urteilen. Diese Reihenfolge ist die richtige. Ehe ich’s vergesse: Sehr guter Film!

    Keine Welt braucht Signaturen.

    Leider scheint es sich......... Das sagt mir, dass Sie diesen Film nicht gesehen haben. Dann ist ihr nachfolgender Text lediglich eine Ansammlung von Vorurteilen. Erst ansehen, dann urteilen. Diese Reihenfolge ist die richtige. Ehe ich’s vergesse: Sehr guter Film!

    Keine Welt braucht Signaturen.

  2. Leider scheint es sich......... Das sagt mir, dass Sie diesen Film nicht gesehen haben. Dann ist ihr nachfolgender Text lediglich eine Ansammlung von Vorurteilen. Erst ansehen, dann urteilen. Diese Reihenfolge ist die richtige. Ehe ich’s vergesse: Sehr guter Film!

    Keine Welt braucht Signaturen.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Und die Libanesen?"
    • Gafra
    • 25.11.2010 um 12:23 Uhr

    in der Arte-Mediathek zu sehen und nein, er zeigt die "Feinde" nicht als Objekte, sondern alle Beteiligten als Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen mit Krieg machen (müssen) und letztlich alle in der einen oder anderen Art traumatisiert sind.
    http://videos.arte.tv/de/...

  3. Leider trifft der Vorwurf der weitgehend unsichtbar gemachten Gegner zu, auch wenn er hier seinerzeit unqualifiziert gepostet wurde.
    Der Libannon-Krieg war keiner von Israelis gegen Libanesen, die Gemengelage war viel, viel unübersichtlicher, da es ein Eingriff Israels in einen libanesischen Bürgerkrieg war, da in diesen wiederum die palästinensische PLO verwickelt war (eine Hisbollah gab es damals noch nicht). Zwischendurch bekämpften sich auch Schiiten und Sunniten.....
    Der erste Komentar hier zeugt also nicht nur von Unkenntnis des Films sondern auch von Unkenntnis der Materie.

    Leider kann dennoch der Vorwurf der in ihm mitschwingt (und in die postkolonialistische Kerbe schlägt) nicht gänzlich entkräftet werden. Der Film zeigt nämlich in der Tat keinen der Gegner als Subjekt.
    Das will und kann er aber auch gar nicht leisten.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
  • Kommentare 4
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Kino | Libanon | Israel | Krieg | Soldat
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service