19 Jahre Mauerfall

Der Weg nach Bornholm

Wie Rufus Rebhuhn vom Prenzlauer Berg den neunten November 1989 verbrachte. Eine autobiografische Erzählung

Am Abend des neunten November 1989 saß der seit Kurzem freiberufliche Ex-Student Rufus Rebhuhn in seiner abgedunkelten Altbauwohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg und sah im Fernsehen die wohl folgenreichste Nachrichtensendung seines Lebens. Er war allein und noch etwas betäubt von dem wiedergewonnenen Status des Junggesellen, nachdem er sich gerade von einer Frau losgemacht hatte. Vorläufig hatte er nun die Nase voll von Liebesbeziehungen; es war die Geschichte, die ihn in diesem Spätherbst in Anspruch nahm. Wie viele seiner Landsleute konnte er an nichts anderes mehr denken.

Es war alles auf einmal gekommen in den letzten Monaten. Erst hatte es diese quälenden Kommunalwahlen gegeben mit einem unverschämten Rekordergebnis von fast 99 Prozent Zustimmung zur einzig herrschenden Partei, was dem Begriff Demokratie einen beinah nordkoreanischen Glanz verlieh. Dann hatten die Ungarn den Eisernen Vorhang geöffnet (der in ihrem Fall nur eine Art Hühnerstalldrahtzaun war, leicht zu zerschneiden), woraufhin sofort Frischluft hereindrang, die bis in die äußersten Ecken des Ostblocks zu spüren war – für die einen als Schauder, für die andern als Sog. So war in der schönsten Urlaubszeit ein besonders mobiler Teil der Bevölkerung abtrünnig geworden, junge Leute und Langzeitausreisewillige. Ganze Familien verschwanden über die ungarische Grenze in den Westen oder suchten in den Botschaften Westdeutschlands in Prag und Warschau Zuflucht. Dies zog die ersten faszinierenden Fernsehbilder nach sich, die mitten im Sommer einen Schneeballeffekt auslösten. Dann hatte die angeschlagene Arbeiter-und-Bauern-Republik ihr vierzigjähriges Jubiläum gefeiert, mit grimmigem Pomp und einer besonders trauervollen Variante der üblichen Militärparaden. Es war ein Trauermarsch mit Raketenfahrzeugen, allerlei Pioniergerät und feschen Panzerkommandanten, die passend dazu in ihren schwarzen Overalls salutierten. Dieser Staatszirkus brachte das Fass zum Überlaufen.

Man hatte versäumt, ihn aus dem Weg zu räumen. Nun war es zu spät

In den größeren Städten, die immer durch ihre solide nächtliche Friedhofsruhe bestachen, gab es mit einem Mal Straßenszenen und Demonstrationen, die schnell zur Regel wurden, Zusammenstöße der Unzufriedenen mit Polizei und Sicherheitskräften. Grund für die Eskalation war ein ganzes Paket unlösbarer Widersprüche, angefangen von den miserablen Zukunftsaussichten der meisten Bürger (bei unverminderter historischer Mission), der Stagnation einer ganzen Gesellschaft (die den Fortschritt nur als Ideologie kannte) über die Zerstörung des Selbstbewusstseins aller ihrer Mitglieder (ein Volk von Weltverbesserern in der Krise) bis hin zum lebenslänglichen Freiheitsentzug (dermaleinst angeordnet, um die Leute vor sich selbst und ihrem falschen Begehren zu schützen). Von alldem war es besonders das Problem der Reisefreiheit, das den Aufruhr entzündete. Es schien so, als wäre den meisten erst jetzt die Perspektive dauernden Eingesperrtseins zu Bewusstsein gekommen in einer jäh aufwallenden Retrospektive ihres bisherigen Lebens, was bei denen, die nichts zu verlieren hatten als dieses Leben, buchstäblich zu Torschlusspanik führte.

Auch Rufus R. war über diesen Punkt zeitlebens nie hinweggekommen. Als seine Mutter mit ihm schwanger ging, stand die Berliner Mauer bereits fix und fertig da, als ein etwas zu groß geratenes Taufgeschenk für den Ungetauften, etwas, das er von da an nie mehr loswerden sollte. Die offizielle Begründung für ihren Bau war zugleich ihre Geburtslüge gewesen. Um die Wühltätigkeit von Seiten des Westens zu unterbinden, verstopfte man der Bevölkerung im Osten sämtliche Löcher. Das Ganze ergab keinen rechten Sinn, und die ursächlichen Zusammenhänge waren etwas durcheinandergeraten. Man hatte versäumt, zu klären, wo denn nun die Wühlmäuse saßen, drinnen oder draußen; die großen Fluchttunnel jedenfalls wurden alle von drinnen gegraben. Die Mauer war denn auch der reinste, Beton gewordene Selbstwiderspruch, ein Monument des Unsinns und der grandiosen Verirrung. Das Symptom, das sich dahinter verbarg, eine tief reichende Identitätsspaltung, wurde zuerst verschleiert, später geleugnet. Die Sprache der DDR, jenes schauerlich spaltungsirre Kauderwelsch, entströmte seither dem Riss in ihrer inneren Logik. Dass man nie darlegen konnte, wo denn nun eigentlich die Wühlmäuse (oder kapitalistischen Ratten) saßen, ob innen oder außen, war ihre Infragestellung von Anfang an. Und so attraktiv war die Idee des Sozialismus, dass nur Gefängnis-Architektur sie vor dem Schlimmsten bewahren konnte. Einmal war Rufus auf Gedichtzeilen gestoßen (bei Robert Frost), die ihm das ganze Paradox des Mauerbaus zu bedenken gaben: »Before I built a wall I’d ask to know / What I was walling in or walling out…«

Nun aber war die Situation unhaltbar geworden, mit jedem Tag stieg der Kesseldruck. Die Regierung stand mit dem Rücken zur Wand, und es war die Wand, die sie selber errichtet hatte. Es nützte ihr wenig, dass sie in letzter Minute einige Figuren an der Spitze austauschte, auch die Entmachtung des Generalsekretärs und des Anführers des Staatssicherheitsdienstes war nur ein Bauernopfer, das niemanden mehr beeindruckte. Einige Genossen waren in eine Schockstarre verfallen beim Blick auf die wachsende Flut, andere hatten glasige Augen bekommen, aber geweint hatte keiner.

Rufus R. war mit dem allgemeinen Zustand zufrieden. Die Krise hatte ihn froh gestimmt, er wusste, es ging jetzt zu Ende. Ein Gefühl von Genugtuung breitete sich in ihm aus, ein ruhiges inneres Feuer, vergleichbar der Wirkung von Scotch Whisky, der wie Öl manchmal vom Glasrand herabfloss. Aus der Sicht der staatlichen Organe galt einer wie er als Randalierer. Für die Bonzen war er ein »feindlich-negatives Element«. Und das war nur korrekt: Er hatte selbst an der ersten Zusammenrottung teilgenommen, damals, als in Berlin auf dem Alexanderplatz unter der Weltzeituhr die Sache ins Rollen kam. Er war ein Protestler der ersten Stunde, und mit Freunden war er nachts einmal an eine Straßensperre geraten, hatte in schönster Geburtstagsfeierlaune die Uniformierten verhöhnt. Die Falle war zugeschnappt, man hatte sie alle festgenommen, auf Lastwagen verladen, in schwankender Kurvenfahrt durch die Stadt karriolt, schließlich aufs Revier geschleppt zu Verhör und Stehfolter bis in die Morgenstunden. Er hatte den Spießrutenlauf mitgemacht, war auf einem Garagenhof im Flutlichtschein aus nächster Nähe angebrüllt und von kläffenden Wachhunden bedrängt worden. Die älteren Polizisten waren die schlimmsten gewesen. Wütende Großväter im Hauptmannsrang hatten, am Koppel wild baumelnd die Makarow-Dienstpistole, mit Schlagstöcken auf ihn eingedroschen, ihn als konterrevolutionäres Schwein beschimpft. Einer hatte seinen Personalausweis wie eine speckige Spielkarte auf den Tisch geklatscht, dass er ihm vor die Stiefel segelte. »Aufheben!« Es gab Schläge in die Kniekehlen, wenn einer im Stehen einnickte. Die Mädchen sahen wie Punk-Gespenster aus mit ihrer vom Heulen verlaufenen Wimperntusche. Das rote Preußen hatte ihm eine Abschiedsvorstellung gegeben. Weiß Gott, er hatte das alles satt. »Wie unangenehm, wie unangenehm«, hatte er während der langen dumpfen Wartezeit auf dem Gang im Polizeirevier Weißensee still vor sich hin gereimt: »Wie unbequem – euer Schlägersystem«.

Dann hatten sie ihn in ihren Behandlungsraum befohlen. Ein untersetztes Männchen in blauer Montur, das ihn an seinen Werkkundelehrer erinnerte, hatte ihm die Fingerabdrücke abgenommen, ein anderer Zivilist ihn von drei Seiten fotografiert, frontal, linkes Profil, rechtes Profil: So war er in die Datei für Politstraftäter einsortiert worden, so war er zu einem der Kandidaten geworden für die noch einzurichtenden Internierungslager, von denen er später staunend im Rundfunk erfuhr. Man hatte ihm eine Geldstrafe aufgebrummt (500 Mark), ihn noch einmal mit feinem Zynismus über seine historische Chancenlosigkeit belehrt und dann entlassen. Daraufhin war er nicht etwa nach Hause getrabt, sondern hatte sich als Erstes in Kirchenasyl begeben, zu den Idealisten der Stunde und seines Vertrauens, vernünftigen Leuten in Parkas und Wollpullovern, die jeden Unrechtsfall getreulich in ihren Listen eintrugen, so auch den seinen. Wenige Schritte vor dem Altar, über dem ein Bettlaken hing zum Zeichen der Mahnwache für die zu Unrecht Inhaftierten, hatte er sich niedergebeugt, dankbar, und im flackernden Kerzenlicht seinen Namen eingetragen – und war am nächsten Tag wieder auf der Straße, um weiterzudemonstrieren. Die Wasserwerfer, das Ballett der Einsatzkräfte, die von keinem zu begreifende Choreografie der Ereignisse zogen ihn magisch an.

Man hatte es versäumt, Leute wie ihn rechtzeitig aus dem Weg zu räumen. Nun war es zu spät, in seinesgleichen verkörperte sich der pure Überdruss als Opposition, das Maulen und Motzen als neue Schwerkraft der Verhältnisse. Dabei war Rufus Rebhuhn, angehender Autor, ein politisch durch und durch harmloser Mensch. Wie jeder Schreibende wollte er zunächst nichts als einen Platz an der Sonne erobern – an der Sonne der Erinnerung.

Und dann geschah es: Ein Versprecher, ein Lapsus, eine Riesenlachnummer

So saß er denn im großen Berliner Zimmer seiner Studentenbude, der spartanisch eingerichteten, an einem windschiefen Tapeziertisch, im trüben Licht eines Reisballons, und hämmerte auf seine elektrische Schreibmaschine ein, als unterm Fenster die Geräuschkulisse merklich wechselte. Er war in diesen Tagen immer mit einem halben Ohr auf der Straße, seit jene sich zur Theaterbühne erweitert hatte, dort spielten jetzt die verbotenen Stücke mit Massenszenen und plötzlichen nächtlichen Sprech-chören, es konnte jederzeit zu Überraschungen kommen. Ein Barometer in seinem Inneren registrierte die kleinste atmosphärische Schwankung dort draußen, jeden Passantenwirbel, jeden Druckabfall im Verkehrsstrom. Doch was er jetzt hörte, war vollkommen neu, es beunruhigte ihn. Er starrte eine Weile ins Leere, lauschte dem blubbernden Rumoren, das sich da unten zusammenbraute und etwas Mitreißend-Heiteres, beinah schon Feierliches hatte, eine Volksfest-Stimmung, sozialistische Kirmes – und schaltete den Fernseher ein.

Das Gerät war so ziemlich der einzige Wertgegenstand in seinem Haushalt, und ein Erinnerungsstück dazu. Ein befreundeter Künstler hatte ihn dagelassen, bevor auch er sich mit Frau und Kind in Richtung Ungarn davongemacht hatte. Nun sah Rufus R. in dem kleinen Farbfernseher der Marke Sony die Tagesthemen, verfolgte ungläubig eine Pressekonferenz des DDR-Fernsehens, auf der es, bla-bla-bla, um die letzte Sitzung des Zentralkomitees der Einheitspartei ging, um neue Reiseregelungen, ständige Ausreise, Privatreisen nach dem Ausland, bla-bla-bla, bis das Politbüromitglied Günter Schabowski, offenbar ein Witzbold unter den Betonköpfen, jenen läppischen, später legendären, ja geradezu geschichtsträchtigen Zettel hervorzog, ihn glatt strich, wie gehetzt ablas, ins Stottern geriet, umständlich in Papieren kramte, alles vor laufender Kamera. Und dann geschah es: ein Versprecher, ein Lapsus, die gigantischste Fehlleistung der Regierungsgewaltigen seit der Gründung des Staates, eine Riesenlachnummer für alle künftigen Schulbücher. Und er hörte, wie der Nachrichtensprecher, ein kerniger Hanseat, mit rollendem r verkündete: »DDRrr öffnet Grrrenze!« Drei Wörter nur, doch die waren so unmissverständlich, dass natürlich keiner sie fassen konnte, keiner seinen Ohren traute.

Rufus R. trat auf den Balkon hinaus. Zwei Stockwerke unter ihm war inzwischen ein Menschenstrom unterwegs, der sich aus allen umliegenden Seitenstraßen speiste. Doch wälzte er sich nicht, wie sonst immer, aufs Zentrum zu, von der hoch über allem schwebenden Sputnik-Kugel des Fernsehturms angezogen, sondern stadtauswärts, in nördliche Richtung. Die Temperatur war auf null gesunken, die Luft neblig-feucht. Über dem Umspannwerk auf der anderen Straßenseite, einem roten Backstein-Industriebau aus Weimarer Zeiten, aus dem Grau geschnitten wie eine Feininger-Zeichnung, stand ein anämischer Mond. Dort hinten irgendwo, jenseits der großen Transformatorenhalle, die nachts wie ein Bienenstock summte, lag West-Berlin, eine Fantasiestadt, so nah und doch unerreichbar wie Honolulu oder Xanadu.

Es war keine grölende Menge, aber auch kein ganz ungefährlicher Haufen

Der Anblick verursachte ihm Gänsehaut, doch er musste auch lachen. Etwas Herzerwärmendes war von der unbefangenen Frage des Westreporters ausgegangen: »Herr Schabowski, was wird mit der Berliner Mauer jetzt geschehen?« Er hatte vorge-habt, den Abend allein zu verbringen, ungestört schreibend, Wurstbrote kauend, die Beine auf den Tisch gelegt, Flaubert lesend (der damals sein Hauptstern war), doch daran war nun nicht mehr zu denken. Er war schon spät dran, als er die Treppen hinaufstieg zu den einzigen Bekannten in dieser klassischen Altberliner Mietskaserne, einem Physikerehepaar, mit dem er sich hin und wieder gern austauschte. Was ihn antrieb, war die dumpfe Besorgnis aller Schaulustigen, gerade das Beste zu verpassen. Doch es ging offenbar nicht nur ihm so in dieser Nacht, er hätte überall klingeln können, und beinah jeder wäre ihm willig gefolgt, ausgenommen Militärangehörige, hartgesottene Parteisekretäre oder das lichtscheue Personal der diversen Staatssicherheitszweigstellen. Von denen aber schien es in der Nachbarschaft nicht allzu viele zu geben.

»Hast du die Nachrichten gesehen?«, fragte man einander.

»Das kann nicht sein. Die verarschen uns doch, oder?«

»Aber er hat gesagt: sofort, unverzüglich

»Ist euch aufgefallen, wie er mit den Augen gerollt hat? Wenn das nicht der Wodka war. Vollkommen irre das Ganze.«

»Das kann nicht sein.« Seine lieben Nachbarn waren, wie alle Naturwissenschaftler, geborene Skeptiker. Rufus R. dagegen hielt mittlerweile alles für möglich. Er war in dem genießerisch desolaten Stadium angelangt, wo die Zerrüttung, der Bankrott, der absolute Macht-und-Prinzipien-Zerfall oder was immer da vor sich ging, ihn wohlig schwindeln ließ und seine Neugier erregte. Er brannte darauf, etwas zu sehen, was er sein Lebtag nie wieder vergessen würde.

Keine fünf Minuten später war man zu dritt auf der Straße. Der Zug, dem sie sich anschlossen, hatte etwas von dem Tross fröhlich watschelnder Gestalten, die im gleichnamigen Märchen der Goldenen Gans hinterherlaufen. Es waren einige Hundert, als sie, am Ende der Sonnenburger Straße angelangt, die S-Bahn-Brücke überquerten (in dem besagten albernen Gänsemarsch), und einige Tausend, als sie nach einem exakten, planquadratisch orientierten Zickzacklauf den Kontrollpunkt Bornholmer Straße erreichten. Aus jedem zweiten Hauseingang traten nun weitere Blitzwallfahrer hervor, manche die Hände in den Manteltaschen, dick eingemummt, in bester Entdeckerlaune, als machten sie sich auf eine Mondfinsternis, einen Kometenvorbeiflug gefasst. Einige schauten wirklich zum Himmel, wie auf der Suche nach einem Widerschein großer künftiger Ereignisse. Die ganze Nacht durch sah man solche wie sie, den Kopf in den Nacken gelegt, spontane Mystiker. Kneipen leerten sich auf ein Losungswort hin, das einer durch die Tür rief, Versammlungen lösten sich auf, halbe Schulklassen schienen sich verabredet zu haben, zumindest die schlaueren Mädchenfraktionen. Kaum einer hatte die Tasche oder den Rucksack dabei, seinen Dackel oder auch nur eine Kamera. Fast alle kamen sie unbelastet, manche sahen aus, als wären sie beherzt aus dem Bett gesprungen und hätten die Wintersachen nur locker über den Pyjama gezogen. Rufus R. und seine Begleiter gingen, schon wegen der allgemeinen Kleiderordnung, sofort in der Menge unter. Es waren die landesüblichen gedeckten Farben. Die jungen Männer trugen alle Windjacken, verwaschene Blue Jeans, Turnschuhe, die älteren Herrschaften eher Kunstleder und Polyester, wattierte Kapuzenmäntel in beige, wellblechgrau oder schmutzigweiß.

Was sich dann vor dem Grenzübergang mit dem rotweißen Schlagbaum und dem unfassbaren Nadelöhr in der Ferne staute, war Bevölkerung aller Altersklassen und Schichten. Man sah Rentner mit Schiebermützen, unrasierte Bauarbeitertypen, Akademiker, Studenten, einzelne ältere Damen, die besonders resolut auftraten in ihren Stiefelchen, und darunter nicht einen Arbeitslosen, denn die waren offiziell abgeschafft. So übermüdet und ausgepumpt die meisten auch wirkten, zumal unter der spärlichen Straßenbeleuchtung, jetzt waren sie alle aufgekratzt, und jeder hatte diesen historisch flackernden Blick.

Als die drei hinzustießen, bot sich ihnen das Bild einer weit fortgeschrittenen Belagerung. Mehrere Funkstreifenwagen standen schräg in der Menge verkeilt; ihre Blaulichter drehten sich und verfärbten die Gesichter der Umstehenden zu Karnevalsfratzen. Über Megafon kamen Aufrufe zur Umkehr, zur Besonnenheit, denen niemand Beachtung schenkte. Die Vorderen hatten die Grenzbeamten, von Weitem erkennbar an ihren Schaffnermützen, wie es aussah, in zähe Verhandlungen verstrickt oder wurden bereits abgefertigt in kleineren Schüben, während sich auf der Bornholmer Straße eine kilometerlange Autokolonne gebildet hatte. Rufus R. ärgerte sich über diese lauffaulen Banausen in ihren Wartburgs, ihn nervten nun plötzlich diese kleinen, stinkenden, zweitaktig knatternden Trabanten, in deren Gelärme die Sprechchöre absoffen. Denn gerufen wurde da vorn lautstark, immer wieder versuchten sich einzelne, ungeübte Duckmäuserstimmen an einer Parole. Nach einiger Zeit hatte man sich auf zwei Versionen geeinigt: das etwas umständliche »Macht auf das Tor!«, das ihn seltsam weihnachtlich berührte, und das schon schroffere, aber deutliche »Lasst uns raus!«. Es war keine grölende Menge, aber auch kein ganz ungefährlicher Haufe mehr. Was die Gefängnisleitung bis zuletzt tragisch verkannt hatte: Hier stand ein durch und durch braves, wohlkonditioniertes Volk, eisern in seiner Selbstverleugnung, das doch nur einmal über Nachbars Zaun schauen wollte, so wie noch jeder Dorfbewohner seit Menschengedenken. Nun aber war, auch ohne Randalierer, ohne Provokateure, die kritische Masse weit überschritten, und es gab kein Zurück mehr. Da hatte sich eine Brandungswelle aufgebaut, und mit dem neutralen Verhalten war es endgültig vorbei.

Mitten in der Menschenflut standen Offiziere mit mahlenden Kinnladen

An die folgenden Stunden konnte Rufus R. sich schon Tage später nur mehr bruchstückweise erinnern. Noch zwanzig Jahre danach war es vor allem das retardierende Moment, die unklare Befehlslage und die allgemeine Ungewissheit vor der großen Kapitulation, die ihm als schönste Stelle in diesem Requiem in Erinnerung blieb. Er wusste noch, dass er sich mit Bedauern von seinen Physikerfreunden verabschiedet hatte. Sie mussten den Rückzug antreten, der beiden Kleinkinder wegen, die zu Hause geblieben waren in der Obhut der Großmutter. Die Sache war ihnen zu heiß geworden und bekam etwas Unwiderrufliches, jetzt da es wirklich losging. Niemand konnte sagen, ob sie je wieder problemlos würden zurückkehren können. Das Wort »Ausbürgerung« machte die Runde. Es gingen Gerüchte um, dass man hier nur die Spreu vom Weizen trennen wollte. Und dennoch wedel-ten die Leute ungeduldig mit ihren Personalausweisen in der Luft, bettelten wie die Kinder, veranstalteten Freudentänze um die wenigen Uniformierten mit ihren eisigen Mienen. »Die Uniformierten, die Uninformierten…«

Bis zuletzt gab es aufgeregte Telefonate mit irgendeiner Zentrale, man hörte Sektkorken knallen, die einzigen Schüsse, die in dieser Nacht fielen. Einige der überflüssigen Zollbeamten zogen sich diskret hinter ein Absperrgitter zurück. Dann folgte der Dammbruch, die Flutung des Kontrollpunktes, der schließlich unhaltbar geworden war.

Rufus R. wurde mitgerissen, wie in plötzlicher Wachheit sah er den Schlagbaum hochgehen, sah, wie die Menge an den Abfertigungsschaltern vorüberstürmte, den Kontrollturm hinter sich ließ. Es war, als rissen sie sich gewaltsam von etwas los. Die ersten Flaschen waren im Gedränge am Boden zerschellt, im Vorwärtsschieben trat man auf Scherben. Mitten in der Menschenflut standen ein paar Offiziere, mit mahlenden Kinnladen, die Fäuste in die Seiten gestemmt, und schauten dem Treiben fassungslos zu. Sie sahen aus wie Stummfilmdarsteller, denen man soeben den Teppich unter den Füßen wegzog. Das Wort »Existenzgrundlage« war auf einmal sehr anschaulich geworden und dass nun alles seinen Sinn verloren hatte für die Hüter des Status quo. Alle diese Feldwebeltypen, die scharf gedrillten Wachregimentssoldaten und kontrollwütigen Volkspolizisten, diese ganze geschlossene Garde der Mauerwächter und Stasi-Schergen bis hinauf zu dem rüpelhaften Ministerzwerg Mielke – am Abend des neunten November taten sie ihm zum ersten Mal leid. Es war so offenkundig, dass ihre Zeit nun vorbei war. Bald würden sie im Orkus verschwinden, ihre lachhaften Tellermützen, Käppis und Lederkoppeln und die weit weniger lustigen Reithosen der strengen Aufseher an den Grenzübergangsstellen, die den Stallgeruch preußischer Zucht nie ganz verleugnen konnten.

Er fühlte sich wie von einer tiefen, benebelnden Abwesenheit zurückgekehrt

Kurz vor Mitternacht war die Stadt in eine Froststarre gefallen. Abweisend und kellerkalt zog sie sich in die vereisten Korridore ihrer breiten Straßen, die schwarz lackierten Kanäle zurück, strich um die Skelette entlaubter Kastanienbäume, verschanzte sich hinter Friedhofsmauern und wieder bebauten Trümmergrundstücken, kroch in die Bahnsteige und Gleisanlagen. Nur ihre Bewohner waren, dies eine Mal, von der Eiseskälte ausgenommen. Die solide alte Nickelstahlkonstruktion der Bornholmer Brücke trug in dieser Nacht einige Tausend erhitzter Menschen, sie alle aufgeputscht zu einer vorfristigen Silvesterstimmung. Überhaupt, diese Brücke: Glich sie, mit ihren mächtigen Bögen längs und querüber, den zahnartigen Verstrebungen nicht einem Rachen, in den man jauchzend hineinspazierte wie auf dem Rummelplatz in die Geisterbahn? Ein Hauch aus den Sagen und Märchen hatte auch den Namen gestreift, den sie seit der Nachkriegszeit offiziell trug. Der Weg in die Freiheit führte über die Böse-Brücke – benannt nach einem Helden des kommunistischen Widerstands.

Als er sich zum letzten Mal umsah, bemerkte Rufus R. den Atem der Grenzsoldaten im gelben Licht der Peitschenlaternen. Im Weitergehen fand er noch Zeit, den Verlauf der Betonmauer genau zu betrachten, die endlose Flucht der Befestigungsanlagen, die an sibirische Weiten und Luftaufnahmen deutscher Konzentrationslager denken ließ, den sauber planierten, böse glitzernden Todesstreifen, ein erschütternder Anblick. Er überlegte auch, welche perversen Sportarten man dort wohl getrieben hatte, zur Abschreckung und Wehrertüchtigung. Dies war die bestgesichertste Staatsgrenze der Welt gewesen. Nun lag das alles hinter ihm. Mit Erstaunen las er, auf der anderen Seite angekommen, das Schild: Bornholmer Straße. Er hatte nie darüber nachgedacht, dass im Stadtplan die Verbindungswege noch immer die alten waren, ununterbrochen, dass es einfach weiterging mit den Bezeichnungen wie vor dem Mauerbau. Und wie verheißungsvoll der Name all die Zeit über geklungen hatte, kam ihm erst jetzt, schmerzlich spät, zu Bewusstsein. Als Kind einmal hatte er, auf einer schmalen Ostseeinsel im Sommer, vom Steilfelsen aus im Dunst hinter dem Horizont etwas grau Verschwimmendes ausgemacht – einen Zipfel von Dänemark, weit draußen im Meer. Doch das war nicht Bornholm gewesen.

Er versuchte nun, möglichst rasch fortzukommen aus der grenznahen Zone, die auch auf der Westseite noch unheimlich genug war. Wie alle anderen nahm er die nächste U-Bahn ins Zentrum, und in den frühen Morgenstunden stand er nach langer zielloser Wanderung auf dem Kurfürstendamm. Um ihn her tanzte, hell erleuchtet, der Westen. Da fiel ihm die höhnische Zeile aus einem Gedicht Heiner Müllers ein (des finstersten Barden jener nun fast schon versunkenen Republik): »Dass die Leiche so bunt ist!«

Tatsächlich war der Beleuchtungswechsel die einschneidendste Erfahrung, alles andere kam danach. Wie im Triumphzug glitt er durch lange Gassen von Westberlinern, gratis mit Applaus und Schulterklopfen bedacht. Doch er kannte hier niemanden, und niemand kannte ihn. Doppelstockbusse drehten sich um ihn her, Platanen, wie vom reflektierten Stroboskoplicht vieler Diskoglitzerkugeln gesprenkelt. Extrablätter wurden verteilt, einmal las er in Großbuchstaben: »Die Tore stehen weit offen!«

War er wütend, traurig, euphorisch? Er fühlte sich wie von einer tiefen, den Geist benebelnden Abwesenheit zurückgekehrt, von einer schlimmen Krankheit genesen. Mehr Dabeisein in einem historischen Augenblick war ihm niemals beschieden, weder vorher noch nachher. Was in dieser Nacht wirklich geschah, lag seither tief in seinem Gedächtnis begraben. Er war keiner von denen, die sich noch einmal umdrehen, nachdem alles entschieden ist.

Gustave Flaubert, nach seiner Rückkehr von einer einjährigen Orientreise, nach Nilfahrt, Pyramidenbesteigung, Besuch der Heiligen Stätten, schreibt in einem Brief an einen Freund: »Zu den ersten Studien, denen ich mich nach meiner Rückkehr widmen werde, gehört bestimmt das All der jämmerlichen Utopien, die unsere Gesellschaft erregen und drohen, sie mit Ruinen zu bedecken.« Und er fügt ungerührt hinzu: »Die Albernheit besteht darin, Schlussfolgerungen ziehen zu wollen.«

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    • Von Durs Grünbein
    • Datum 9.11.2008 - 18:36 Uhr
    • Quelle DIE ZEIT, 06.11.2008 Nr. 46
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    • Schlagworte Unruhen | Politischer Widerstand | Staat | Berlin
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