China Im Notfall gegen Amerika

Mit dem größten Konjunkturpaket aller Zeiten signalisiert China seine neue ökonomische Macht in der Welt

Bereits bei den Olympischen Spielen zeigte sich China als aufstrebende Macht. Nun legt das Land ein milliardenschweres Konjunkturprogramm auf

Bereits bei den Olympischen Spielen zeigte sich China als aufstrebende Macht. Nun legt das Land ein milliardenschweres Konjunkturprogramm auf

China hat die Weltwirtschaft bewegt wie niemals zuvor. Keiner weiß, ob die Wirkung nachhaltig ist. Aber weltweit wurde aufgehorcht, als die Regierung vergangenen Sonntag verkündete, dass sie ein rund 460 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket bis 2010 abarbeiten wird. Damit will sie neue Straßen und Bahnlinien bauen, aber auch die mittelständische Wirtschaft fördern. In der absoluten Summe ist das Konjunkturpaket das größte in der globalen Wirtschaftsgeschichte. Wohlgemerkt, hier handelt ein Entwicklungsland, das gleichzeitig die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt ist und das ganz allein 27 Prozent des Wachstums der Weltwirtschaft erzeugt. Damit haben die Chinesen seit Beginn dieses Jahrzehnts genauso viel dazu beigetragen wie Russland, Indien und Brasilien zusammen.

Die Börsen honorierten den chinesischen Alleingang mehr als den Wahlsieg von Barack Obama in den USA. Denn die Aktienhändler wissen, change ist in der Regel nur mit Geld möglich. Das jedoch müssen die USA sich leihen und gehen damit erneut Risiken ein, die die ganze Welt betreffen. Was, wenn die Wirtschaft dort trotz neuer Programme nicht wächst und der Dollar abstürzt? Was, wenn das Land in einen Zustand aus Stagnation und Inflation abgleitet?

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Das chinesische Paket kann der Welt hingegen auf keinen Fall schaden. Denn Peking geht damit nur geringe Risiken ein. Zwei Prozent ihres Bruttoinlandsproduktes wollen die Chinesen investieren. Auf diese Weise läuft das Land keine Gefahr, sich zu übernehmen. Sogar die Deutschen haben in Relation schon einmal mehr ausgegeben. In der Wirtschaftskrise 1967 hat der deutsche Staat 3,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes investiert. Das waren damals umgerechnet 75 Milliarden Euro. China hat keine großen Schulden in der Welt und mit fast zwei Billionen Dollar die höchsten Devisenreserven aller Länder. Die Immobilienkredite im Land machen nur 20 Prozent des Bankengeschäfts aus – und nicht wie in den USA über 50 Prozent. Auch der Anteil der faulen Kredite ist viel geringer.

Allein von Januar bis September hat China Exportüberschüsse von 181 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Die schmelzen allerdings hinweg, weil vor allem die Amerikaner weniger konsumieren als früher. Auch China wird sich deshalb mehr Geld leihen müssen. Doch das Riesenland möchte sich 2009 auf keinen Fall mit mehr als einem Prozent der Wirtschaftsleistung neu verschulden. Zum Vergleich: In der EU sind normalerweise höchstens drei Prozent erlaubt, und die USA dürften im kommenden Jahr auf mehr als fünf Prozent kommen.

China geht trotzdem ein Risiko ein. Es wettet rund eine halbe Billion Euro darauf, dass es schnell von Export auf Binnenkonsum umstellen kann. Doch die Frage ist, ob ein Land mit 1,3 Milliarden Menschen, das sich ans Sparen und an große Ausfuhren gewöhnt hat, von jetzt auf gleich zur Konsumnation werden kann. Nicht nur die Verbraucher müssen ihr Verhalten ändern. Auch der Strukturwandel wäre gewaltig: Millionen von Menschen müssten innerhalb von Monaten aus den Fabriken in die Bauwirtschaft wechseln.

Das wird umso schwerer, als die Pekinger Regierung seit vergangenem Jahr versucht, einen anderen Wandel künstlich zu beschleunigen. Indem sie unter anderem die Löhne der Arbeiter im Süden auf höhere Sätze festgelegt hat, wollte sie erreichen, dass die T-Shirt-, Eimer- und Badelatschenhersteller die Region in Richtung Westen des Landes verlassen. Die jüngst pleitegegangenen Spielzeughersteller sind vor allem ein Opfer dieser Politik – nicht nur der amerikanischen Krise. Die Regierung wollte mit ihrer Initiative mehr Industrie im armen Westen ansiedeln und gleichzeitig Raum schaffen für neue Hightech-Industrien in der relativ reichen Südprovinz. Doch jetzt droht die Exportkrise den Wandel auf halbem Weg zu ersticken. Die Folge: Millionen von Menschen verlieren im Süden ihre alte Arbeit, ohne eine neue zu finden.

Die Pekinger Strategen wissen auch, dass sie weiter von den USA abhängig sind – und umgekehrt. Wenn Amerika tief und lange fällt, zieht es China mit. So gesehen, sitzen beide in einem Boot: Wenn Barack Obama ein großes Konjunkturpaket für die USA schnürt, muss er mehr Geld im Ausland leihen und sich vom Rest der Welt abhängig machen. Das chinesische Konjunkturpaket verringert zwar einstweilen die chinesische Abhängigkeit. Doch ohne ein wieder erstarkendes Amerika hat auch China nicht die Kraft, die Welt zu retten. Dafür ist die Volkswirtschaft mit einem Anteil von deutlich unter zehn Prozent an der globalen Ökonomie zu klein.

Trotz der gemeinsamen Probleme lässt sich China nicht vereinnahmen. Dass die Regierung nicht an ein schnelles Ende der US-Krise glaubt, zeigt sie durch das nun gefeierte Konjunkturpaket. Denn das zeugt von einem grundlegenden wirtschaftspolitischen Wechsel. Bisher haben die Chinesen sich des Durchlauferhitzers USA bedient, um ihre Wirtschaft boomen zu lassen. Sie haben den Amerikanern Geld geliehen, damit diese die in China hergestellten Produkte kaufen können. Das war der Kern ihres Wirtschaftswunders in den vergangenen Jahren. Das Risiko war immer schon hoch, aber die Gewinne waren es auch.

Doch die Zweifel sind gewachsen. Die Lenker des reichen chinesischen Staatsfonds investierten in US-Banken und US-Investmentgesellschaften – und mussten zusehen, wie sich der Wert ihrer Anlagen in Luft auflöste. In den vergangenen Wochen debattierten die Verantwortlichen in Peking hitzig über den besten Weg: Ist es günstiger für China, den amerikanischen Schuldenkapitalismus weiter mit Krediten zu stützen – oder ist es sicherer, das Geld direkt im eigenen Land zu investieren? Das Politbüro entschied sich gegen die USA. Zwar wird man den Vereinigten Staaten weiter Geld leihen, alles andere wäre auch das Aus des chinesischen Wachstums. Doch das politische Signal ist klar: Wir trauen unserer Wirtschaft mehr zu als eurer!

Niemand weiß derzeit, ob das historisch einmalige Konjunkturpaket die Wende bringt. Jedenfalls hat der chinesische Premier Wen Jiabao kurz vor der Weltfinanzkonferenz in Amerika bewiesen, wer in der globalen Wirtschaft in diesen Tagen handlungsfähig ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Drei Fragen hierzu:
    Warum sollte sich auch China Geld leihen muessen? Es hat 2 Billionen Dollar. Sein Konjunkturprogramm benoetigt nur ein Viertel davon.
    Wieso wird es abhaengig wenn es nur mehr zwischen 100 und 200 Milliarden Dollar Exportueberschuss erzielt?
    Wie genau ist der Anteil von nur zehn Prozent des Weltprodukts zu nehmen, wenn man weiss, dass eine Aufwertung des Yuan um 100 % den Anteil sofort verdoppelt. Der Anteil der USA am Weltprodukt koennte uebrigens erheblich sinken, wenn nach all den Geldspritzen der inflationaere Effekt wirksam wird.
    Wir sollten ein neues Augenmass fuer die Realitaet entwickeln.

    • RalphS
    • 14.11.2008 um 2:10 Uhr

    Allein von Januar bis September hat China Exportüberschüsse von 181 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Die schmelzen allerdings hinweg, weil vor allem die Amerikaner weniger konsumieren als früher. Auch China wird sich deshalb mehr Geld leihen müssen. Doch das Riesenland möchte sich 2009 auf keinen Fall mit mehr als einem Prozent der Wirtschaftsleistung neu verschulden.

    Hier vermittelt Frank Sieren den Eindruck, dass China sich verschulden müsste. Leider konnte mir das Kapitel "Finanz- und Bankensystem" in seinem Buch "NACHBAR CHINA" auch nicht weiterhelfen. Diese Verschuldung hätte dann wahrscheinlich finanztechnische Gründe, denn China hat mehr als genug Geld. Deutsche Konzerne pumpen sich auch nur darum besonders gerne Geld, weil der Staat den Unsinn des Schuldenmachens steuerlich begünstigt und so das Eigenkapital in die Steueroasen lockt (R.Jungbluth, ZEIT). Sieren schreibt selber:
    China hat keine großen Schulden in der Welt und mit fast zwei Billionen Dollar die höchsten Devisenreserven aller Länder.

    Laut Auswärtiges Amt beträgt die Staatsverschuldung Chinas 2006 intern anteilig am BIP
    17,3% und international anteilig am BIP 1,2% bei einem BIP insgesamt von 2.618 Mrd USD :
    - Staatsverschuldung intern : 453 Mrd $
    - Staatsverschuldung international : 32 Mrd $
    - Staatsverschuldung gesamt : 484 Mrd $
    .
    Devisenreserven minus Staatsverschuldung :
    2000 Mrd $ - 484 Mrd $ = 1516 Mrd $
    .
    Fazit : China könnte sofort die gesamte Staatsverschuldung zurückzahlen und hätte trotzdem noch 1516 Mrd $ auf der hohen Kante.
    Wenn die 600 Mrd $ Rechnung für das Konjunkturpaket bezahlt ist, hat China noch 916 Mrd. $ auf dem "Sparbuch".
    .
    Im Vergleich mit China, sehen die Zahlen für Deutschland sehr traurig aus, denn sie sind fast umgekehrt :
    Devisenreserven : 92,5 Mrd €
    Staatsschulden Deutschland 2007 [Wiki] (Bund, Länder und Gemeinden) : ca. 1500 Mrd. €

    • Rudman
    • 14.11.2008 um 11:50 Uhr
    3. Aber..

    .. Ähnlich wie in der Wirtschaft machen es auch die "finanziell eigentlich Unabhängigen", denn bloß weil man die Barmittelreserven in Form Devisen, Gold o.ä. besitzt gibt man sie doch nicht mit vollen Händen aus.. Immerhin sind sie eine Art der Sicherheit, wenn es der chinesischen Wirtschaft mal bedeutend schlechter geht. Was nutzt es der chinesischen Regierung den im Augenblick, wenn sie mit einem Mal Schuldenfrei ist und nur 1 - 2 Jahre später in ein wirtschaftliches 0 - Loch fällt und dann keine eigenen Reserven mehr hat um dagegen zu halten. Wenn dann die Banken (Staaten, Geldleiher) dann die Chinesische Haushaltskasse neben all den Spinnweben und leeren USA-Versprechungen dann nach Sicherheiten durchsuchen und keine finden, bekommen die Chinesen nur noch Kredite mit wahnsinnigen Zinssätzen aufgedrückt. Logisch oder. ^^

    MfG

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