Platte meines Lebens (29) Geknödelt und geröhrt

Unsere Autorin dachte, sie sei unerschütterlich, und zog nach Venedig. Jetzt wünscht sie sich eine Pistole, um den Gondelserenadensängern das "Ciao Venezia" auszutreiben

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie es war, als ich es zum ersten Mal hörte. Es war November, gegen Abend, in einer venezianischen Wohnung, in der ich zu Besuch war. Plötzlich hörte ich Akkordeonmusik. Ich lief zum Fenster und sah eine Gondel, die unten im Kanal vorbeifuhr, und aus der wie aus einer unermesslichen Ferne »ciao Venezia, ciao Venezia, ciao Venezia, ciao Venezia, ciao, ciao, ciao« heraufschallte. Ich seufzte. Der Venezianer, der neben mir stand, seufzte ebenfalls. Er stand so nah neben mir, dass ich sein Parfüm riechen konnte. Er roch nach Sandelholz. Hier singt man also tatsächlich in den Kanälen!, sagte ich, vom Sandelholzduft berauscht, und der Mann sagte: Hm. Diese Musik hat etwas Fellineskes, bemerkte ich, aber der Mann entgegnete nichts, sondern verriegelte nur das Fenster.

Als wir uns schon etwas besser kannten, klärte er mich darüber auf, dass die Gondolieri im Allgemeinen und die Gondelserenadensänger im Speziellen zu den meistgehassten Berufsgruppen in Venedig gehörten – was nicht zuletzt damit zu tun habe, dass sie die unschuldigen Venezianer von morgens bis abends mit Ciao Venezia folterten. Oder mit Gondola gondoli. Oder mit La biondina in gondoleta.

Während er sprach, dachte ich: Der Mann ist vielleicht etwas verzärtelt, aber er riecht sehr gut. Ich lächelte ihn an. Denn ich war überzeugt, dass eine, die in Paris den Boulevard Periphérique überlebt hatte, eine siebenspurige Stadtautobahn, neben der man nur mit Ohrenstöpseln schlafen kann, nichts mehr schrecken könnte.

Wenige Monate später zog ich zu ihm nach Venedig. Um den ersten Abend in unserer gemeinsamen Wohnung zu feiern, hatte ich auf dem schmalen Balkon einen Tisch gedeckt. Kaum saßen wir bei Kerzenlicht, schwappte aus dem Kanal ein Ciao Venezia nach dem anderen über uns hinweg. Auf ein nasal geknödeltes Ciao Venezia folgte ein gejodeltes, auf das gejodelte folgte ein geröhrtes – das von den Gondelinsassen nicht nur mitgesungen, sondern auch im Takt mitgeklatscht wurde. Auf unserem Balkon haben wir seitdem nie mehr gesessen.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Inzwischen rauscht das Blut in meinen Ohren, wenn ich Ciao Venezia höre. Und ich höre Ciao Venezia sehr oft. Und das, obwohl wir die Fenster, die zum Kanal hinausgehen, stets verriegelt halten – dreifach isolierverglast –, die uns vielleicht vor der nächsten Eiszeit, nicht aber vor Ciao Venezia schützen, nicht vor dem auf jede Strophe folgenden entfesselten Applaus, nicht vor dem Kreischen am Ende. Ich höre Ciao Venezia, wenn ich schlafe und wenn ich aufwache, ich höre Ciao Venezia, wenn ich mir die Zähne putze, ich höre Ciao Venezia, wenn ich in meinem Arbeitszimmer sitze und nach dem richtigen Wort suche, ich höre Ciao Venezia, wenn ich den Mann an meiner Seite küsse, ich höre Ciao Venezia, wenn ich mit Fieber im Bett liege, ich höre Ciao Venezia, wenn ich in der Küche zu Abend esse. Und da lauere ich ihm auf. Denn unter unserem Küchenfenster ist der Kanal so schmal, dass ich ohne Mühe vom Fenster aus Wasser auf den Gondelserenadensänger kippen kann. Lieber aber hätte ich eine Pistole. Mit Schalldämpfer.

Sie wollen wissen, warum in Venedig keine Venezianer mehr wohnen? Hören Sie sich nur ein Mal Ciao Venezia an.

Umberto Da Preda/Umberto Marcato: Ciao Venezia, Duck Records

 
Leser-Kommentare
  1. Dieser Aufsatz fällt unter die Rubrik "Jeder darf schreiben, keiner will es lesen".
    Wieso zieht die Autorin nicht um, wenn es in Venedig so unerträglich ist?

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  • Quelle DIE ZEIT, 13.11.2008 Nr. 47
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  • Schlagworte Wasser | Venedig | Oder | Paris
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