Lebensmittel Das große Süßen
Eine Pflanze aus Paraguay könnte dem Zucker Konkurrenz machen: Stevia – süß und fast kalorienfrei, schadet Zähnen nicht und auch nicht der Figur. In Europa tobt der Kampf um ihre Zulassung

© Daniel Caselli/AFP/Getty Images
Die Steviapflanze wird bis zu einem Meter hoch, ihr genügt ein karger Boden
Bremen, im Schatten der Speicherhäuser an der Weser. Die Übergabe geschieht heimlich. Der Sternekoch Wolfgang Pade, ein drahtiger Mann mit geschorenem Schädel, übernimmt von einem ihm unbekannten Journalisten ein Glas mit weißem Pulver. Hastig steckt er es ein. »Ich werde den Stoff testen«, sagt er. Der Bote nickt und verschwindet in einer Seitenstraße.
Die Herren übertreiben maßlos, die Szene ist unangemessen dramatisiert. Schließlich raschelt in dem Glas kein Kokain, auch keine neue Designerdroge. Sondern der kristalline Extrakt einer unscheinbaren Pflanze aus Paraguay: Stevia rebaudiana Bertoni, auch Süßkraut, Süßblatt oder Honigkraut genannt. Ihre Blüten sind klein und weiß, ihre Blätter haarig. Und verblüffend, ja unglaublich süß. Im Nachgeschmack lakritzartig, an Süßholz erinnernd.
Bloß: Stevia ist in Deutschland nicht zugelassen. Noch nicht.
Keine Droge also, aber ein Zauberkraut. Die süßen Inhaltsstoffe sind zuckerähnliche Stoffwechselprodukte der Pflanze mit außerordentlichen Eigenschaften: Sie sind bis zu 300-mal süßer als Fabrikzucker, enthalten aber im Gegensatz zu Rohr- oder Rübenzucker so gut wie keine Kalorien. Und als wären das nicht genug der Wunder: Das Süßkraut verursacht auch keine Karies. In höherer Dosierung soll es darüber hinaus bei Diabetikern den Blutzuckerspiegel senken und bei Hypertonikern den Bluthochdruck mildern.
Hier wäre er doch: der ideale »grüne Süßstoff«. Eine Offenbarung, sollte man meinen. Für Dicke und Diabetiker, für Ökos und um die Zahngesundheit ihrer Kinder besorgte Eltern – und für die Industrie. Sie testet schon. Steht also eine Nahrungsrevolution bevor? Nie mehr dick, nie mehr krank? Nie mehr süße Sünde? Wird das, was heute Zucker ist, bald Stevia sein? Ein Renner, ein Trendartikel, ach was: Kult!
Ist es aber nicht. Nicht hierzulande. Die Japaner süßen mit Stevia schon ihren Tee, dazu Softdrinks, Zahnpasta, Kuchen und Bonbons. Ein Renner ist Pocari Sweat, ein mit Stevia gesüßter Sportlertrank. Stevia ist beliebter als künstliche Süßstoffe wie Aspartam, Saccharin und Cyclamat. Steviaprodukte gibt es in Korea, Malaysia, Mexiko und Israel zu kaufen – und die eifrigen Chinesen sind längst die weltweit größten Produzenten der grünen Süße. 150 Millionen Menschen weltweit nutzen das Honigblatt oder seine Extrakte täglich. In den USA ist Stevia zwar kein zugelassenes Lebensmittel, aber immerhin »Nahrungsergänzungsmittel«. Weiße Steviapillen stehen auf vielen Kaffeetischen. Im Drugstore bekommt man einen mit Stevia gesüßten Trunk namens Zevia – Geschmacksrichtungen: Zitrone, Orange, Ingwer und Cola. Der gilt in Hollywood als schick.
In der Europäischen Union ist Stevia dagegen weitgehend unbekannt. Das Honigkraut ist hier verboten. Der Koch Wolfgang Pade, der in seinem Restaurant in Verden bei Bremen gern kalorienarme, natürlich gesüßte Desserts anbieten würde, hätte Schwierigkeiten, es überhaupt zu finden. Denn Stevia wird in Deutschland tatsächlich fast wie eine verbotene Droge gedealt. Nur Kenner finden den Stoff – getarnt als »Tiernahrung«, »kosmetisches Produkt« oder »Badezusatz« – in Bioläden oder im Internet. In Form getrockneter Blätter, als grünes oder weißes Pulver oder als flüssiges Konzentrat.
Grund für die Camouflage: Weder Kraut noch Pulver noch flüssige Auszüge dürfen als Lebensmittel oder Zusatzstoff etikettiert auf den Markt gelangen. Die EU-Lebensmittelüberwacher blockieren seit über zehn Jahren die Zulassung von Stevia. Für den schlichten Stevia-Endverbraucher, der seinen Salat oder seinen Tee süßen möchte, ist das ein absurdes Theater: Die Pflanze – in ihrem Herkunftsland Paraguay seit Jahrhunderten konsumiert und bis in die neunziger Jahre auch hierzulande in Bioläden, Reformhäusern und Teegeschäften erhältlich – gilt im EU-Raum seit 1997 als »neuartiges Lebensmittel«. Nicht weil sich die Pflanze verändert hat, sondern das Gesetz: Seit 1997 fällt Stevia samt allen Extrakten unter die strengen Regeln der so genannten Novel-Food-Verordnung. Importeure müssen seitdem ein Verfahren durchlaufen, das eigentlich für gentechnisch veränderte oder synthetisierte Lebensmittel ersonnen wurde und in seiner Komplexität an die Zulassung eines neuen Medikamentes erinnert. Bis heute ist es noch niemandem gelungen, irgendein Steviaprodukt in der EU als Lebensmittel zugelassen zu bekommen.
Stuttgart-Hohenheim, Hochschulcampus. Die Uni ist für Ackerbau und Viehzucht bekannt. Unter einem agrarischen Aspekt untersucht hier ein Mann seit nunmehr 25 Jahren dieses Stevia; er hat sein ganzes Forscherleben – und große Teile seines Geldes – der Pflanze gewidmet. Udo Kienle war 1983 als Student in Paraguay. Dort lernte er das süße Kraut kennen. In der ihm zugänglichen Literatur konnte er darüber nichts finden. Er trieb lediglich chinesische und japanische Texte auf, die er sich teilweise übersetzen ließ. Es ging um Anbauversuche und toxikologische Studien.
Mehrfach reiste er daraufhin nach Paraguay, um die Stevia zu studieren. »Das Thema hatte mich gepackt«, erzählt Kienle. Er war entschlossen, die Pflanze nach Europa zu bringen. 1987 verschiffte er eine größere Menge von Setzlingen nach Spanien, um auf Versuchsäckern bei Sevilla die Wachstumsbedingungen zu untersuchen. Ergebnis der Steviastudien: Die Pflanze wächst in Südeuropa mindestens so gut wie in ihrer Heimat. Der Süßstoffgehalt ist sogar höher, der Düngebedarf gering. Nur Wasser muss da sein.
Anfangs hatte Kienle noch geglaubt, mit dem natürlichen Süßstoff Geld verdienen zu können. Er gründete ein Unternehmen namens Stevia Natursüßstoff GmbH. Die existiert lange nicht mehr. »Die Firma wurde im Prinzip 20 Jahre zu früh gegründet«, sagt er heute. In der Zwischenzeit war die Novel-Food-Verordnung in Kraft getreten und Stevia aus den Regalen verschwunden.
Trotzdem glückte Kienle noch ein lustiger Coup: Dem Brüsseler Steviabann zum Trotz schaffte er es, EU-Gelder dafür lockerzumachen, ein maschinelles Steviaernteverfahren zu entwickeln. Sein Plan war, den bedrängten Tabakbauern in Griechenland, Portugal und Spanien, denen die EU die Subventionen streicht, eine Alternative anzubieten. Eine Konversion der besonderen Art: Tabakbauern zu Steviafarmern!
- Datum 17.11.2008 - 12:07 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.11.2008 Nr. 47
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Es ist an der Zeit unseren Querulanten, die auch noch von uns Steuerzahlern bezahlt werden, auf's Köpfchen zu schlagen um sie an ihre Aufgaben zu erinnern. Die lieben Beamten, die von uns nach Brüssel geschickt wurden, kommen ihren Aufgaben nicht nach. Statt dessen versuchen sie mit allen erdenklichen Mitteln ein kleine unscheinbare und doch wirkungsvolle Pflanze Namens STEVIA als "Unrecht" dar zu stellen. Hallo?...wird da in Brüssel mal jemand wach?...Hallo?...ist denn keiner zu Hause?
Lest diesen Artikel in der ZEIT (13.11.2008) und ihr wisst wieder was ihr unter anderem zu tun habt.
Legt also diese Zeitung nicht nur ständig neben euch um zu zeigen dass ihr Intelligent seid, sondern blättert auch mal darin herum...vorausgesetzt ihr könnt lesen...
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