Der Morgen in Tokyo beginnt gewöhnlich mit einem heißen Hintern. So warm ist der WC-Sitz im Hotel, dass er locker das ganze Badezimmer mit wohliger Wärme versorgt, dabei ist doch gerade erst Oktober. Das japanische Klo kann noch viel mehr: Zur Begrüßung hat es einladend den Deckel hochgeklappt. Und wem das Örtchen zu still ist, der kann per Knopfdruck einen Spülsoundtrack starten.

Der Wirtschaftsverband Keidanren hat eingeladen, um deutschen Journalisten Japans ökologische Errungenschaften zu präsentieren. Allerdings lassen die Firlefanztoiletten erste Zweifel aufkommen: Ist Japan tatsächlich das Energiesparland par excellence? Ein Vorbild gar?

Immerhin verbrauche Japan nur halb so viel Energie pro erwirtschaftetem Dollar wie die meisten anderen Industrieländer, hat die Internationale Energieagentur (IEA) der fernöstlichen Nation bescheinigt. Auf der anderen Seite hatte der japanische Kollege Kenji Kawase vom Wirtschaftsblatt Nikkei gewarnt: "Witzig, wenn wir übers Energiesparen und neue Umwelttechnologie schreiben, fahren wir immer nach Deutschland."

Beim Keidanren, dem japanischen Pendant zum BDI, gibt man sich alle Mühe, sämtliche Zweifel zu zerstreuen. Nein, nein, sagt Masami Hasegawa, zuständig für Umwelt und Industrieangelegenheiten des Verbands, mit sehr ernster Miene, das mit der heißen Klobrille sei nicht zwingend Energieverschwendung. Die japanischen Ingenieure hätten sich da jüngst etwas einfallen lassen. Klobrillen der neuen Generation, die sich nur erwärmen, wenn auch tatsächlich jemand auf ihnen sitzt. Die Temperatur lasse sich obendrein regulieren. "Der Komfort darf nicht unterm Energiesparen leiden", sagt Hasegawa.

Es ist nur eine Klobrille, aber sie ist durchaus programmatisch, wenn es darum geht, Japans Energiepolitik zu verstehen: Energie sparen wollen alle – aber auf Annehmlichkeiten verzichten will keiner.

Japan war in Sachen Energieeffizienz einmal so etwas wie das grüne Vorbild für die ganze Welt. In den achtziger Jahren hatte das Land geschafft, wonach alle Industriestaaten streben: Japans Wirtschaft wuchs, ohne dass Japans Energieverbrauch das in gleichem Maße tat. Einige Jahre lang sank sogar der Stromverbrauch.

"Das war eine radikale Entkopplung, die Japan mit einem gewaltigen Innovationsschub geschafft hat", schwärmt Martin Jänicke. Der Professor und Gründungsdirektor der Forschungsstelle für Umweltpolitik an der FU Berlin verfasste eine große Vergleichsstudie zu dem Thema. Ergebnis: Der japanische Entwicklungsschub in den Achtzigern kam nicht von ungefähr. Vielmehr hatte die Regierung des rohstoffarmen Landes nach den beiden Ölpreisschocks erkannt, dass Energiesicherheit eine Überlebensfrage ist.