Barack Obama: Der Fleck
Es gibt zahlreiche Romane über das Schicksal der Schwarzen. Jetzt haben sie offenbar endlich geholfen. Was die Literatur zum Wahlsieg Obamas beigetragen hat.
Das englische Wort stain bedeutet so viel wie Fleck oder Schmutz. The human stain ist der Fleck, der Schmutz, der Makel, den ein Mensch mit sich herumträgt, und im Falle eines Schwarzen ist das nichts anderes als seine Hautfarbe. Coleman Silk, die Hauptfigur in dem Roman Der menschliche Makel (2002) von Philip Roth, will diesen Fleck loswerden: »Seit frühester Kindheit hatte er sich nichts anderes gewünscht, als frei zu sein: nicht schwarz, nicht weiß, sondern einfach frei und er selbst.« Einmal verliebt sich der hochbegabte Coleman in die schwedisch blonde Steena, und als er sie seiner Familie vorstellt, erlebt er ein Fiasko.
Da er erstaunlich hellhäutig ist und aussieht wie ein Weißer, wie ein Jude, wusste sie nicht von seiner schwarzen Herkunft, und als sie beim sonntäglichen Kaffee die Eltern, die Geschwister sieht, läuft sie schluchzend davon und stammelt nur: »Ich kann das nicht!« So beschließt Coleman, das Erbe seiner Väter zu verleugnen, gibt sich als Weißer aus, macht Karriere und bringt es bis zum Dekan eines College. Aber er wird den Fleck nicht los. Wegen einer Lappalie macht man ihm den Vorwurf, Schwarze diskriminiert zu haben. Die wirksamste Verteidigung bestünde darin, seine Lebenslüge offenzulegen und zu bekennen, dass er selber ein Schwarzer ist. Weil er das nicht vermag, wird er relegiert, und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Der Roman von Philip Roth gehört in die beeindruckende Reihe literarischer Zeugnisse, mit denen amerikanische Autoren von Anbeginn gegen rassische Diskriminierung Stellung bezogen haben. Es sind und waren nicht nur Schwarze wie James Baldwin, Ralph Ellison, Charles Johnson oder Toni Morrisson, sondern auch ein scheinbar harmloser weißer Südstaatenautor wie Mark Twain. Als wir in zarter Jugend den grandiosen Huckleberry Finn lasen, fanden wir den Neger Jim faszinierend, begriffen aber den politischen Skandal nicht ganz: dass es in dem Buch auch um die Befreiung Jims ging und dass in einigen Staaten die Sklaven noch immer nicht die kleinsten Rechte hatten.
Der Philosophieprofessor und Romancier Charles Johnson, hier nicht sehr bekannt, in den USA aber mit seinem Roman Middle Passage ein Schulbuchklassiker (1995 auf Deutsch unter dem Titel Die Überfahrt), hat in einem Gespräch vor etwa zehn Jahren gesagt, die African-Americans hätten mit Afrika am wenigsten zu tun und seien allein wegen der viele Generationen währenden Dauer ihres Daseins in höherem Maße Amerikaner als die meisten anderen. »Die ersten Schwarzen kamen 1619 hierher.« Er fügte hinzu: »Wenn man die Geschichte der Schwarzen kennt, dann sieht man, dass die African-Americans hier etwas erreicht haben, was eine Inspiration für die ganze Welt bedeutet.« Eigentlich alle Emanzipationsbewegungen hätten davon profitiert.
Es blieb aber immer dieser Fleck. Die Tatsache, dass nun ein Schwarzer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden ist, gibt Johnsons Optimismus nachträglich recht, und vielleicht kann man sagen, dass seine eigenen Romane über das Schicksal der Schwarzen wie auch all die anderen großen Bücher so lange auf den Fels des Rassismus herniedergetropft sind, bis er endlich nachgab, jedenfalls für diesen historischen Augenblick.





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