Der Mann, den sie eine Hure nennen, bekommt im Augenblick sehr viel Post, jeden Morgen einen kleinen Korb voller Gefühle. Hunderte Briefe und E-Mails sind bei ihm eingetroffen, seit in Fußballstadien der Schlachtruf ertönt: »Hure, Hure, Dietmar Hopp!« Der Mäzen des Fußballvereins TSG Hoffenheim liest die meisten Briefe nicht, er will sich schützen. »Noch ekelhafter als der FC Bayern seid ihr«, schreiben Fußballfans aus ganz Deutschland, »ihr kotzt uns an.« Retortentruppe, Söldner, widerliche Bande. Zu einigen Auswärtsspielen seines Vereins fährt Dietmar Hopp nicht mehr, weil er die Aggressionen fürchtet. Im gegnerischen Block des Dortmunder Fußballstadions sah er auf einem großen Plakat sein Gesicht, versehen mit einem Fadenkreuz.

Der Milliardär Hopp hat der TSG 1899 Hoffenheim, seinem Lieblingsclub aus seiner Heimat, einem einst unbekannten Fußballverein aus einem badischen Straßendorf, viele Millionen Euro gegeben, damit fing das Drama an. Der kleine Verein hat verblüffend gute Spieler gekauft, die bis dahin niemandem groß aufgefallen waren, nun aber gegen die Spieler großer Vereine verblüffend souverän gewonnen haben, sodass sich der kleine Verein verblüffend schnell auf den Spitzenplätzen der Bundesligatabelle festgesetzt hat. Ein Dorf steht weit oben, im Moment auf dem zweiten Platz, und Hopp ist der Schuldige. Geld schießt eben doch keine Tore, hieß es immer, wenn der FC Bayern wochenlang unter seinen Möglichkeiten blieb. Doch, doch, Geld schießt auch Tore, das ist die Botschaft aus Hoffenheim. Mit einem Etat von schätzungsweise 40 Millionen Euro in der laufenden Saison hat Hoffenheim halb so viel Geld wie der FC Bayern, aber fast doppelt so viel wie Energie Cottbus. Geld allein macht keinen Meister, aber Geld bereitet Tore vor. Dietmar Hopp wird für diese notwendige Nachricht verachtet, als habe er gegen ein bewährtes Prinzip verstoßen. Nur: Worin könnte dieses Prinzip bestehen?

Es ist ein Wunder. Aber Wunder, die Geldgeber brauchen, gelten nicht

Ein Dorfklub könnte Meister werden, das ist eine bezaubernde Meldung, irritierend und aufregend zugleich, die Fußballnachricht des Jahres. Was daran kann schlecht sein? Dietmar Hopp hat Deutschland ein kleines Wunder geschenkt, eine unglaubliche Geschichte ereignet sich gerade. Sie müsste das Land des Fußballs elektrisieren. Aber Hopp wird von vielen Fußballfans für das Wunder verachtet, weil es ja bloß ein kapitalistisches Erzeugnis ist. Wunder, die auf Geldgeber angewiesen sind, gelten nicht.

In diesen Wochen fällt es ganz besonders schwer, den Kapitalismus zu mögen. Die finanziellen Übertreibungen im Fußballgeschäft haben ohnehin ein Maß erreicht, das kaum noch zu steigern ist. Millionengehälter selbst für mittelmäßige Profispieler, irrsinnige Transfersummen, russische Oligarchen, die sich Fußballklubs kaufen, Eitelkeiten, Ferrari-Menschen, die Unerträglichkeit des aufgepumpten Ich. Das alles spricht gegen die Vernunft im Fußball, aber es spricht weder gegen den Milliardär Hopp noch gegen seinen Kapitalismus.

Wenn er wenigstens den Fehler begangen hätte, mit seinen Millionen zu protzen, wenn er der Konkurrenz wertvolle Spieler weggekauft, hinterlistig gedealt oder sein Vermögen brutal erwirtschaftet hätte, dann könnte man den Zorn auf ihn nachvollziehen. Aber er fördert seit Jahren den Jugendfußball, auch soziale Projekte, hält sich persönlich im Hintergrund. Hopp ist der biederste deutsche Unternehmer, der jemals wegen unlauterer Absichten angefeindet wurde.

Allerdings hat er die Chuzpe besessen, seiner Unternehmerlogik den Erfolg auf einem Gebiet vorauszusagen, das vom Mythos der Unberechenbarkeit durchtränkt ist. Mit meinem Geld und eurem Talent, gab Hopp zu verstehen, werden wir uns in die oberste Liga schießen. Hopp hat eine provozierend einfache Gleichung aufgestellt, die Fußballformel frech verkürzt: Fähigkeiten mal Vermögen gleich Aufstieg. Im Grunde ist etwas erstaunlich Simples geschehen, das einer Glaubensgemeinschaft gefallen müsste, die ihre Anhänger seit je durch die archaische Schlichtheit von Sieg und Niederlage begeistert. Seit einer Ewigkeit redet jeder davon, Fußball sei ein einfaches Spiel. Jetzt macht es einer vor, und alle sind beleidigt.