Literarisches Leben
Lesen Sie Andersch!
Ein sehr gelungener Bild- und Textband erinnert an den einstmals berühmten, immer wieder lesenswerten Schriftsteller
Damals der Zorn (der unverhältnismäßige, wie meistens Zorn, und hier ganz bestimmt), den der Dichter W. G. Sebald auf seinen Kollegen Alfred Andersch losließ, nahm seine Gewalt aus einer dreifachen Verachtung oder Geringschätzung, eines Charakters, eines Werks und einer Leserschaft. Sebald demontierte den politisch-moralischen Charakter, den ein Autor sich anschneidere, und immer gleichzeitig verriss er das Werk, angesichts dessen vermeintlicher Bedeutung der angegriffene Autor sich das Recht zu nehmen schien, seinen doch offenbar autobiografischen Figuren ein Leben unterzuschieben, das fast eine Lüge war, verglich man es mit dem wirklich gelebten Leben des Autors; und den Autor selber in seiner angemaßten Bedeutung ließ Sebald in Äußerungen zu Wort kommen, die tatsächlich eine schon sehr forcierte Überzeugtheit aussprachen vom eignen Rang.
Etwas unfair, indezent dabei sah aus, dass Sebald sie aus frühen Briefen von Andersch an seine Mutter holte – aber so ist der große Zorn, nur seine Gestik ist edel, sonst nimmt er sich einfach, was er so braucht, das hatte ja Achill auch schon so gemacht.
Immer wieder, um den Autor zurechtzustutzen auf das in seinen Augen wahre Maß, zitierte Sebald die absprechendsten Rezensionen; aber das hätte er nicht gemusst, wenn nicht eben Andersch ein von einem doch eben tonangebenden Publikum überaus geschätzter und gelesener und für wichtig gehaltner Autor gewesen wäre; in dieser Bedeutung, die Andersch da hatte, und wenn man sie zusammennahm mit seinem in den Augen des blitzenden Zorns irrwitzigen Anspruch und der dahintersteckenden irgendwie verbogenen Lebensfigur, in dem allen zusammen also erschien ein Stück deutscher Nachkriegsliteratur, gegen das Sebald nun auf dem Grund seines eignen ganz andern Schreibens, andern Empfindens, andern Lebens (das jedenfalls war seine Idee – in Deutschland aushalten wollte er’s auf seine Weise so wenig wie Andersch) seinen Zorn losließ.
Vergleicht man mit diesem doch irgendwie glänzenden Zorn die Bemühungen der jüngsten Zeit, wenn junge Leute am Charakter von Andersch dokumentarisch abgesichert herumnörgeln, so fällt der Kleinmut dabei auf; denn jetzt ist bei den Nachrednern (die offenbar vom wirklichen Zorn Sebalds nichts mehr ahnen) nur noch das da, was es immer schon gab, dieses Sichtbarmachen irgendwelcher dunklen Seiten an einer Person, die sonderbarerweise ein bedeutendes Werk hervorgebracht habe (die Nachwelt kratzt gern am Lack herum, Schiller, oder so ähnlich doch) – denn das ist wirklich der bezeichnendste Unterschied zum so ganz andern Vorgehen Sebalds, dass die jungen Leute gar nicht mehr in Abrede stellen wollen, dass Andersch ein großer Autor war; sie geben glatt und unerrötend zu, was eben Sebald niemals zugestanden hätte; und nehmen so, in der Hoffnung, ihre akribischen Unternehmungen moralisch abzusichern, ihnen eben damit allen Schwung, den der Zorn damals hatte.
Und man möchte nun sagen, dass nicht an diesen kleinmütigen Bemühungen, sondern eher eben an dem Schwung des damaligen Angriffs, oder auf seinem Niveau doch, sich jetzt dieses wunderschöne Buch über Andersch orientiert; ein Buch, das aber zugleich völlig für sich spricht, man muss weder von Sebald noch von der neueren Kritik etwas wissen.
Zwar lassen die Autoren, zwei Künstler, nämlich die Andersch-Tochter Annette Korolnik und ihr Mann Marcel Korolnik, den Historiker Johannes Tuchel noch einmal resümieren, was daran ist am Widerspruch zwischen den Selbstdarstellungen von Andersch und den vorliegenden Dokumenten über sein wirkliches Leben, und Tuchel ist weit davon entfernt, irgendwas zu beschönigen, das wäre ja auch albern – danach aber kommt nun, in Berichten von Freunden, in Berichten über einige Freundschaften und Bekanntschaften (mit Golo Mann, mit Arno Schmidt, mit Max Frisch, mit Böll, mit Jünger, mit Bassano, mit Nono – das sind zwei besonders erhellende Beiträge), jene Welt selber zu Wort und ins Bild, in die Andersch gehört hat.
Orte etwa: das Tessin, in dem Andersch dann wohnte, wie so viele, sehr hübsch ist da eine kartografische Darstellung in Ulrich Suters Bericht über Künstler und Intellektuelle im Tessin; daran anschließend sehr schön der Essay Roland Berbigs über das Onsernone-Tal. Dann Rerik, dieser fiktive Ort in einem der wohl besten Bücher von Andersch, in Sansibar oder der letzte Grund. Brillant der Text eines jungen Italieners, Daniele Scuto, über Andersch in Rom, wo er Moravia, Pasolini, Gadda und Antonioni trifft und skizziert – und unglaublich anrührend und wie ein Blitz aus jenen Zeiten neben diesem Text dann das Cover einer Filmzeitschrift von damals, mit dem Gesicht Monica Vittis, dieser wunderbaren Darstellerin in Antonionis Filmen.
Überhaupt macht die Bebilderung, macht die ganze grafische Gestaltung des Buchs, doch eben gleichrangig mit den Texten, den Hauptreiz des Buchs aus; offenbar hat der Verlag den beiden Autoren da wirklich einmal freie Hand gelassen, im Layout von Zitaten am Rand der Texte, in der Verwendung von Zetteln zu Büchern (manches ähnelt da der Zettelwirtschaft Arno Schmidts, und ist hier ähnlich wie in den Veröffentlichungen über Schmidt farblich wunderschön zurückhaltend dokumentiert), in der Verwendung von Fotos, die Andersch offenbar überall mit Leidenschaft gemacht hat, von Briefmanuskripten, von Gästebuchseiten und immer wieder auch von Arbeiten von Gisela Andersch, der zweiten Frau des Autors. Das geht bis hin ins scheinbar bloß Private, wenn etwa ein kleines Kinderkunstwerkchen der damals fünfjährigen Tochter Annette abgebildet ist, das Andersch sich in sein Arbeitszimmer geholt hatte, wer täte so was denn nicht.
Ein Bilderbuch mit Texten, eine Sammlung von Texten mit zauberhaften Bildern, ein Lese- und Bilderbuch; eine Hommage natürlich schon im Großen und Ganzen, dazu wird jedes in dieser Art so genau und liebevoll dokumentierende Werk über einen Künstler. Wer so etwas durchblättert und liest, will ja wirklich etwas erfahren über die Lebenswelt eines Autors, der seinerseits seine Welt hat erfassen wollen (oder auch nicht: Sehr instruktiv ist da ein kleiner Essay des Schweizers Reinhard Meier darüber, wie partiell blind Andersch offenbar, anders als etwa Peter Weiß, für die Schrecken des Stalinismus war).
Man blättert also: erst eine schöne Strecke mit den Titelbildern der Bücher von Andersch, von den Kirschen der Freiheit bis hin zum Vater eines Mörders, dann Enzensberger, der sich, fast über eine halb schon verlassene Welt, über Andersch und einige Autoren damals äußert und über Andersch als Radiomann in Stuttgart und seine Sorge, Fürsorge, die er jüngeren Kollegen angedeihn ließ; bis hin zu einem Brief von Koeppen an Andersch, »auch kam ich nicht hinauf nach Berzona. Berzona in den Bergen des Olymp…« – neben dem Text sitzt er auf einem Stühlchen, fast wie ein Gefangner, mit den Händen auf dem Rücken, ein Gefangner seiner selbst; während Enzensberger vorn neben seinem Text wie der Zauberclown seiner selbst in einem Sessel posiert. Dunkel und schwer deutbar einmal Gisela Andersch; Max Frisch einmal mit seiner schönen Frau. Und Andersch selber, gar nicht einmal so oft, eher selten, vergleicht man das mit Bildbänden über andere Autoren.
Und dann die Bücher von ihm, nicht wahr? Die Romane, die schönen Reisebücher, die glänzenden Essays – etwa der Essay über Ernst Schnabel, einen Zeitgenossen von Andersch (Andersch: 1914 bis 1980, Schnabel: 1913 bis 1986), er würdigt ihn als einen Funkautor, also einen Unbekannten fürs lesende Publikum, aber Schnabel hat auch aufregende Bücher geschrieben, er bewunderte Ingenieure und Architekten, er hatte ein Faible für die Technik (das hat was fantastisch Unzeitgemäßes), einmal ist er mit amerikanischen Militärpiloten in einen Hurrikan hineingeflogen, zur Erkundung des Innern dieser Stürme. – Eben schau ich nach, es gibt nichts von ihm zu kaufen außer seinem Bericht über Anne Frank.
Lesen Sie Wassermann, Feuchtwanger, Heinrich Mann, Arnold Zweig, Kellermann, Werfel, Schickele, Robert Neumann (eine ganz fragmentarische Liste)? – Das war die Romanschreibergeneration davor, alles große Leute auf ihre Art; und jetzt, heute? Romane haben oft einfach ihre Schuldigkeit seinerzeit getan, damals, als sie erschienen, provozierten, begeisterten – manchmal ist es gut, zuzusehn, was das denn war oder eben auch nur hätte gewesen sein können, ihre Schuldigkeit. Die Werke von Andersch gibt es in einer sehr schönen Ausgabe, gebunden jetzt auch – Koeppen bedankt sich in jenem Brief für das Werk von Andersch in der Taschenbuchausgabe, »es wiegt schwer und licht« – ein Schreibfehler? –, schreibt er, »Dank!«.
- Datum 19.11.2008 - 10:53 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 13.11.2008 Nr. 47
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