Martenstein Bösartige Parasiten
Unser Kolumnist findet eine wissenschaftliche Erklärung für den Wahnsinn in der Welt
Wer dies liest, wird natürlich denken, dass ich wahnsinnig geworden bin. Aber das ist, glaube ich, nicht so. Ich habe lediglich etwas Aufwühlendes in einer wissenschaftlichen Zeitschrift entdeckt.
Seit längerer Zeit ist wissenschaftlich bekannt, dass es einen extrem bösartigen Parasiten gibt, den Kleinen Leberegel. Der Kleine Leberegel befällt Ameisen. Ameisen, die am oder an Kleinem Leberegel leiden, verhalten sich wie alle anderen Ameisen auch, mit einer Ausnahme. Sie verbringen ihre Nächte nicht mehr im Nest, sondern klettern abends auf Grashalme. Sie übernachten auf der Spitze von Grashalmen. Dort werden sie morgens von Schafen gefressen. Genau dies möchte der Kleine Leberegel auch erreichen. Das Schaf ist der Endwirt des Leberegels, im Innern des Schafes pflanzt er sich fort und so weiter.
Seit einigen Jahren entdecken Wissenschaftler immer mehr Parasiten, die gezielt ein oder zwei Details im Verhalten ihrer Wirtstiere manipulieren. Es ist wie eine Lawine von neuen Erkenntnissen. Es gibt einen Wurm, der Wasserflöhe dazu bringt, sich in Flussbarsche zu verlieben. Sie schwimmen den Barschen direkt ins Maul. Ein anderer Parasit bringt Grashüpfer dazu, ohne jeden Grund ins Wasser zu hüpfen, wo sie ertrinken. Ein weiterer Parasit namens Toxoplasma gondii nistet sich im Gehirn von Ratten ein. Auch diese Ratten sind auf den ersten Blick normal, nur, sie haben keine Angst mehr vor Katzen. Diese Ratten riechen gern Katzenurin, am liebsten würden sie sich in Katzenurin wälzen. Die Katzen fressen die wahnsinnigen Ratten natürlich auf. Im Darm der Katze vermehrt der Parasit sich dann nach Belieben.
Da fragt man sich, auch als Laie: Was ist mit den Menschen? Es gibt zweifellos Menschen, die nachts nicht im Nest schlafen oder die ähnlich unvernünftige Dinge tun, wie es das Wälzen in Katzenurin zweifellos darstellt.
Auch Menschen werden, in dieser Hinsicht den Ratten nicht unähnlich, häufig von Toxoplasmose befallen, zum Beispiel, wenn sie Tartar essen oder Katzenklos reinigen. Die Krankheit galt bisher als harmlos, außer für Schwangere. Aber was sucht der Parasit eigentlich in unserem Gehirn? Vor Kurzem haben Kevin Lafferty von der University of California und Robert Sapolsky, Stanford University, der Kulturwissenschaftler Geert Hofstede und andere Forscher Hinweise darauf gefunden, dass Toxoplasmose Verhaltensänderungen auch bei Menschen bewirkt, speziell bei Männern. Männer, die diesen Parasiten im Hirn haben, würden nach einer gewissen Zeit damit beginnen, auffällig dominant zu agieren, und ein übersteigertes Traditionsbewusstsein an den Tag legen. Sie würden, auch dort, wo es ihnen keine Vorteile bringt, die traditionellen Geschlechterrollen hochhalten.
Herr im Himmel, es gibt einen Parasiten, der konservative Machos produziert! Sarkozy und Berlusconi haben zu viel Tartar gegessen. Ich persönlich glaube nämlich nicht, dass sie sehr oft Katzenklos reinigen. Was der Parasit davon im Einzelnen hat, ist noch unklar. Vielleicht vermehrt er sich in alten Stapeln der Zeitschrift Jagd und Hund beziehungsweise deren Pendants in anderen Ländern. Feministisch und links eingestellte Jäger sind doch sicher seltene Ausnahmen, und ein exotischerer Endwirt als der Darm eines Schafes ist so eine Zeitschrift gewiss nicht. Ich selbst muss gestehen, dass ich früher hin und wieder das Katzenklo sauber gemacht habe, inzwischen tue ich das nicht mehr.
So etwas ist Frauenarbeit, immer gewesen.
Zu hören unter www.zeit.de/audio
- Datum 27.03.2009 - 16:20 Uhr
- Serie Audio
- Quelle DIE ZEIT, 13.11.2008 Nr. 47
- Kommentare 3
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Ein sehr guter Artikel! Aber neben den, sehr lustig beschriebenen, kleinen biologischen Parasiten gibt es auch "das Wort " , "den Satz" oder "die Idee". Solche "geistigen Parasiten" können mindestens, so stark wirken wie ihr biologisches Pendant.
Heinz Georg Schuster
und auch wenns abgedroschen ist: genialität und wahnsinn haben mit diesem artikel offiziell das aufgebot bestellt. ein schönes paar.
Der Wahnsinn tritt allgemein auch mit der Abfassung einer Kolumne in die Welt. Denn natürlich ist nicht auszuschließen, dass nur Dank eines Parasiten, z.B. des Toxoplasma gondii- Einzellers oder der ebenso seit Alters her bekannten Spirochaeten, als da sind Borrelien, Treponemen und Leptospiren, der Wirrsinn, bevorzugt männlich, in die Welt kommt.
Wenn es um relativ gefährliche Dinge rund um den Sensenmann geht, Toxoplasmen sind keineswegs erst neuerdings für allgemein gefährlich und potentiell geistig und seelisch Wirrnis erzeugend erklärt worden, sollte auch ein Kolumnist mit den "parasitären Worten" (siehe Vorkommentar) vorsichtig umgehen.
Den Parasiten geschieht Unrecht, denn sie werden meist an Ufer und Orte geschwemmt, die sie fürs Überleben, könnten sie denken und lenken, nicht freiwillig
ansteuerten. Wohl dem, dessen Fresszellen in Blut und Lymphe noch ausreichend gewalttätig sind, denn sonst könnte ihm das Gondii -Tier den Verstand, die Contenance und am Ende das Leben rauben.
Grüße
Christoph Leusch
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