Finanzkrise Zwischen Alarmismus und Aufklärung

Der Ton wird ruhiger, die Bilder bleiben dramatisch: Wie Zeitungen und Zeitschriften über die Finanzkrise berichten

Newsweek, Stern, Economist, Time und Spiegel: Die Bevölkerung orientiert sich oft weniger an ihren eigenen Erfahrungen – und mehr an dem, was geschrieben und gesendet wird.

Newsweek, Stern, Economist, Time und Spiegel: Die Bevölkerung orientiert sich oft weniger an ihren eigenen Erfahrungen – und mehr an dem, was geschrieben und gesendet wird.

Die Erde dreht sich noch! Das ist nur deshalb bemerkenswert, weil es nach den Beben an der Wall Street im September nicht danach aussah. Zeitungen und Zeitschriften schrieben von einem »weltwirtschaftlichen Armageddon« (Weltwoche), einer »Apokalypse« (Börsen-Zeitung) oder einer »finanzpolitischen Kernschmelze« (ZEIT). Ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung beschwor das »Fegefeuer des Kapitalismus«. Mal glitten die Autoren in die Sprache der Physik ab und suchten Halt bei einer Atombombenexplosion. Wenn das nicht reichte, bemühten sie die Metaphysik, beschworen biblischen Endzeithorror und christliche Hölle. Sichtlich hilflos suchten sie nach Vergleichen für das, was sie in der Sphäre des Ökonomischen nicht einzuordnen wussten und in den ersten Tagen auch nicht zu deuten vermochten.

Wenn das alles ohne Wirkung auf die Leser bliebe, wäre es halb so schlimm. »Aber Medien selektieren, sie interpretieren, sie emotionalisieren, und sie schaffen Fakten«, sagt Frank Brettschneider, Kommunikationsforscher an der Universität Hohenheim. Die Berichterstatter beeinflussen demnach massiv, wie die Menschen auf große Ereignisse, etwa einen Bankenzusammenbruch, reagieren. An den Börsen, in den Supermärkten, an den Wahlurnen.

Gerade bei ökonomischen Phänomenen haben Medienwissenschaftler mehrfach belegt, wie sich die Bevölkerung weniger an ihren eigenen, selbst gemachten Erfahrungen orientiert – und mehr an dem, was geschrieben und gesendet wird.

Beispiel Ölkrise: Nach Ende des Jom-Kippur-Kriegs 1973 prognostizierten die Massenmedien einen Engpass in der Ölversorgung Deutschlands. »Tatsächlich aber war die Bundesrepublik nur indirekt und geringfügig von den Liefereinschränkungen betroffen«, sagt der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser von der Universität Bielefeld. »Die Ölkrise war eine Preiskrise, kein Mengenproblem.« Die Bevölkerung jedoch glaubte den Medien und fürchtete fortan, dass ihr das Öl ausgehe. Also hamsterten viele Bundesbürger Benzin und Heizöl – mit dem Resultat, dass tatsächlich eine Versorgungslücke entstand. Die Prophezeiung erfüllte sich selbst.

Haben die Medien erst die Zockerei und dann den Absturz beschleunigt?

Beispiel New Economy: Mit dem Börsenboom in den neunziger Jahren kam der Aufschwung der Börsenberichterstattung. Finanzzeitschriften wie Börse Online, DM Euro, Geldidee, Telebörse oder Aktien Research richteten sich an Privatanleger, die in schnell steigender Zahl an der Börse spekulierten. »Die praktische Verwertbarkeit der Information stand im Vordergrund«, schreibt der Medienwissenschaftler Thomas Schuster von der Universität Leipzig, der die Wechselwirkungen zwischen Finanzmärkten und Massenmedien seit Jahren untersucht. »Mit dem Aufstieg der New Economy wurde der Ton der Beiträge zunehmend euphorisch. Eine systematische Vermögensvermehrung schien für jedermann greifbar.« Focus Money lockte damals: »Fakten machen Geld.« Der US-Finanzsender CNBCwarb mit dem Slogan: »Profit from it.« Während Berichte über das schnelle Geld die Runde machten, war von den Börsenverlierern damals kaum die Rede. Die Medien, so Schusters Fazit, hätten den Internetboom und den anschließenden Crash der New Economy verstärkt.

Sind diese Erkenntnisse auf die aktuelle Finanzkrise übertragbar? Haben die Medien erst die Zockerei, dann das Misstrauen unter den Banken und später den Abschwung der Wirtschaft beschleunigt? Hat der Wirtschaftsweise Bert Rürup recht, wenn er im Interview mit der Westdeutschen Zeitung sagt, die Medien hätten »die Unruhe und Angst in der Bevölkerung eher geschürt als gedämpft«?

Im Boom spielten die Risiken jedenfalls nur eine kleine Rolle. »Vor der Krise wurde nur wenig über spekulative Finanzinstrumente berichtet«, urteilt der Kommunikationswissenschaftler Lutz Hagen von der Technischen Universität Dresden. Als »Börsenflüsterer und Kapitalversteher« geißelt Norbert Schneider, Direktor der Landesmedienanstalt Nordrhein-Westfalen, die Wirtschaftsjournalisten in einem Leitartikel für den Branchendienst epd-Medien.

Claus Döring, Chefredakteur der Börsen-Zeitung, wehrt sich gegen solche Vorwürfe. In den Medien habe es sehr wohl »kritische Stimmen« gegeben, die vor den Gefahren einer deregulierten Finanzwelt gewarnt hätten. Tatsächlich mahnten diverse Journalisten, Ökonomen und Politiker seit Langem vor den treibenden Kräften und der politischen Tatenlosigkeit. Aber sie gewannen in der öffentlichen Debatte nie die Hoheit, konnten keine große Welle der Berichterstattung ins Rollen bringen, schon gar nicht im angelsächsischen Raum. Zudem hätten sich, so fügt Döring hinzu, selbst Kritiker die Dimension der jetzigen Krise nicht vorstellen können – »weder Journalisten noch Experten«.

»Anfangs dominierten Horror-News, die personalisiert waren«

Dann ließ die US-Regierung die Investmentbank Lehman Brothers Mitte September pleitegehen, und die heiße Phase der Krise begann. »Anfangs dominierten Horror-News, die reißerisch und personalisiert aufgemacht waren«, sagt Frank Brettschneider. Die Medien hätten sich kurzzeitig geradezu geweidet am Zerfall des Traditionshauses. Das Debakel wurde vielfach bebildert mit arbeitslos gewordenen Lehman-Angestellten, die mit gepackten Kisten das Bankgebäude verließen. Der stern widmete eine Titelgeschichte der »Gier« und dem »Größenwahn« der Investmentbanker und zeigte auf der ersten Seite die Köpfe der Wall-Street-Bosse.

Feuilletonisten wie Wirtschaftsredakteure stellten die Systemfrage. Die taz wetterte gegen diese »Chaoswirtschaft«. Der Focus verkündete den »Anfang vom Ende des Kapitalismus, wie ihn die westliche Welt bisher kannte«. Im Spiegel wurde die »Ära des Turbokapitalismus« beerdigt. Auch im Wirtschaftsteil der ZEIT markierte der Zusammenbruch das »Ende der Weltherrschaft der angelsächsischen Finanzindustrie«. Das Feuilleton formulierte: »Der süße Traum vom schwerelosen Kapitalismus ist geplatzt.«

»Mittlerweile ist die Tonalität in den Medien gedämpfter«, findet Frank Brettschneider, der die Berichterstattung über Wirtschaftsthemen seit Langem untersucht. Zwar erklärte die Süddeutsche Zeitung noch Anfang Oktober Island zum »ersten Land kurz vor dem Bankrott« und suggerierte damit voreilig, es würden weitere folgen. Doch die Berichterstatter scheinen zunehmend um Beruhigung und Aufklärung bemüht. Selbst die Bild-Zeitung warnte die Sparer in einem Leitartikel vor Hysterie – und das, obwohl sie in den Anfangstagen der Krise ihre Leser wieder und wieder mit der Frage alarmiert hatte: »Wie sicher ist mein Erspartes?« Viele Zeitungen und Magazine veranschaulichen nun in nüchternen Grafiken, wie sich die Rettungstöpfe des Staats zusammensetzen. Das Rettungspaket der Bundesregierung wurde gefeiert. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung tröstete: »Alles wird gut.« Und das Handelsblatt titelte in riesigen Lettern: Die Rettung!

»Mit Ausnahme einiger Musikplauderer im Morgenfernsehen berichteten die Medien in den vergangenen Wochen außerordentlich informativ«, betont Hans Mathias Kepplinger vom Institut für Publizistik an der Universität Mainz. Angesichts der Tragweite und Geschwindigkeit der Ereignisse seien viele Journalisten bemüht, das Geschehene getreu abzubilden und zu erklären. Weil nur wenige Journalisten die vertrackten Zusammenhänge und Konsequenzen der Krise bis ins Detail begriffen, suchten sie Rat bei Experten. »Deshalb sind die Berichte meistens sehr sachlich und wenig spekulativ.«

Weiterhin zuspitzend wirken dagegen viele Bilder und Illustrationen. »Es existiert eine Text-Bild-Schere«, so Frank Brettschneider, »die Texte werden besonnener, die Bilder bleiben dramatisch.« Anders als bei Seuchen oder Fluten existieren nach dem Bankenkrach keine Trümmer, die das Ausmaß der Katastrophe verdeutlichen. Deshalb suchen Grafiker, Artdirektoren und Chefredakteure Ersatz in Motiven, die das Ungreifbare sichtbar machen. Der britische Economist schmückte Mitte Oktober seine Titelseite mit einer ins Nichts stürzenden Weltkugel. In der Ausgabe zuvor hatte er einen Mann auf einer bröckelnden Klippe abgebildet, der in den tödlichen Abgrund blickt.

Ist das nicht Alarmismus? »Wir haben nur die allgemeine Gefühlslage in Bilder übersetzt«, antwortet Economist-Chefredakteur John Micklethwait. »Medien übertreiben dabei immer ein wenig.« Fast jede Zeitung, jedes Magazin und Online-Portal hat auch zu den Nahaufnahmen verzweifelter Aktienhändler gegriffen. Und zu den Fotos von 1929, die Menschentumulte vor New Yorker oder Berliner Bankhäusern zeigen.

Aber so weit ist es eben nicht gekommen. Bisher jedenfalls nicht.

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