Barack Obama Seine beste Freundin

Die neue First Lady und ihre Familie: Michelle Obamas Bürgerlichkeit ist revolutionär

Unter wachsamen Augen: Michelle Obama mit ihrem Ehemann Barack beim ersten Besuch im Weißen Haus

Unter wachsamen Augen: Michelle Obama mit ihrem Ehemann Barack beim ersten Besuch im Weißen Haus

Boston - Als die Bushs am Montag ihre Nachmieter im Haus an der Pennsylvania Avenue 1600 begrüßten, standen beide Paare für einen kurzen Moment im Blitzlicht der Kameras. Die Fotografen am South Portico des Weißen Hauses wussten, dass sie Bilder fürs Geschichtsbuch schossen. Amerika wundert sich seit dem grandiosen Sieg Obamas über sich selbst wie lange nicht mehr. Es ist, als müsse sich das Land immer noch vergegenwärtigen, was letzte Woche geschah: Wir haben es wirklich getan! Die Bilder des Ehepaars Bush, das neben den Obamas plötzlich grau und aschfahl wirkte, machten den Umbruch spürbar, der Washington bevorsteht.

Die athletisch hochgewachsene Michelle Obama im flammend roten Kleid überragte beide Bushs. Diese Frau, daran gibt es keinen Zweifel, wird das Bild der kommenden Präsidentschaft mitprägen. Sie wird sich nicht verstecken.

Jeder Schritt des neuen First Couple in diesen ersten Tagen wird zum Gleichnis. Barack Obama versucht die Sache zwar leichtzunehmen. Bei seiner ersten Pressekonferenz kam er ironisch auf den Hund zu sprechen, den er seinen Töchtern schon lange versprochen hatte, zum Ausgleich für die Entbehrungen des Wahlkampfs. Es werde »wahrscheinlich ein Mischling, wie ich«, scherzte der Sohn einer Weißen aus Kansas und eines Kenianers. Tatsächlich werden Fragen wie die Kür des »Ersten Hundes«, Michelle Obamas Kleidergeschmack und die Wahl einer Washingtoner Schule für die beiden Töchter Malia (10) und Sasha (7) derzeit mit beinahe dem gleichen Ernst verfolgt wie der Kampf um die Ministerposten. Die Kleider sucht Michelle Obama übrigens selbst aus.

Seit dem Hofstaat der Kennedys hat es solche Erwartungen nicht gegeben

Vor Kurzem noch wurde angstvoll spekuliert, dass die Vorstellung einer schwarzen Familie im Weißen Haus zu viele Wähler – vor allem ältere Weiße – überfordern würde. In Wahrheit wirken die Obamas mit ihren quirligen Kindern, die wie alle Mädchen in ihrem Alter die Jonas Brothers und Beyoncé verehren, normaler, authentischer und bodenständiger als die McCains, die Bushs und auch die Clintons. Amerika fängt schon an, sich Sorgen zu machen, ob die charmante Natürlichkeit von Michelle und ihren Töchtern den Elchtest der Präsidentschaft auch überstehen kann. Die Obamas waren zwar Öffentlichkeit gewöhnt. Aber nun ist über Nacht aus einer Minderheitenfamilie die neue amerikanische Royalty geworden, auf die alle Augen starren.

Seit Jackie und John F. Kennedy das Weiße Haus mit ihrem glanzvollen Hofstaat in ein modernes »Camelot« verwandelten, hat es solche hoffnungsvollen Erwartungen nicht mehr gegeben. Ob es ihnen gefällt oder nicht, die Obamas werden zunächst als ein lebendes Tableau des schwarzen Fortschritts beobachtet werden, und selbst die harmlosesten Dinge werden sich mit ungeheurer Bedeutung aufladen. Michelle Obama steht dabei mit im Zentrum der Aufmerksamkeit, weil sie es ist, die diese Familie zusammenhält, wie ihr Mann immer wieder bereitwillig und schuldbewusst eingesteht.

Dieselbe Frau, die im Wahlkampf noch sehr hässliche Angriffe ertragen musste – sie sei unpatriotisch, undankbar, wütend –, sieht sich jetzt gefordert, als neue First Lady Erlösungshoffnungen aus zwei Richtungen einzulösen. Weiße Wähler hoffen in der unwahrscheinlichen Karriere der neuen First Family ein Zeichen dafür zu sehen, dass die amerikanische Ursünde der Rassendiskriminierung an Gewicht verliert. Und die schwarze Mittelklasse sieht in ihr das eigene Ankommen und Aufsteigen verkörpert. Zusammengenommen ergibt beides einen unverhofft erneuerten Amerikanischen Traum, der umso heller leuchtet, je mehr sich durch die Krise die allgemeine Stimmung verdüstert.

Barack Obama gehört mit seiner Exoten-Biografie, die zwischen Kansas, Hawaii, Indonesien und Chicago spielt, schon zum »postrassistischen Amerika«. Michelle LaVaughn Robinson aber, so der Mädchenname seiner Frau, kommt aus Verhältnissen, in der Erinnerungen an Sklaverei und Diskriminierung zum Familienerbe gehören. Für viele afroamerikanische Wähler, denen Barack Obama anfangs »nicht schwarz genug« war, wurde er nicht zuletzt durch seine Frau zum glaubhaften Sprecher. Mit der ehrgeizigen Arbeitertochter aus dem Süden Chicagos, die sich ihren Aufstieg erkämpft hat, können viele schwarze Menschen sich leichter identifizieren als mit dem Mann, den sie gewählt haben. Das haben die Strategen der anderen Seite unterschätzt, die glaubten, man könne Barack Obama schaden, indem man seine Frau dämonisiert.

Es ist Anlass für großen Stolz unter schwarzen Amerikanern, dass die Nation endlich auch einmal am Leben einer intakten afroamerikanischen Familie teilhaben wird. Man muss sich klarmachen, vor welchem finsteren Hintergrund die Glücksbilder von Barack, Michelle, Sasha und Malia sich abheben: Mehr als die Hälfte aller schwarzen Kinder wächst bei alleinerziehenden Müttern auf – wie übrigens auch der kommende Präsident selbst. Nur ein Drittel der schwarzen Frauen lebt überhaupt noch in einer Ehe.

Beim Umbruch vom Weißen Haus der Bushs zu dem der Obamas geht es aber um mehr als die Hautfarbe. Michelle und Barack Obama verkörpern einen Generationswechsel. Bush war wie Clinton ein Exemplar der Babyboomer-Generation, geboren in der unmittelbaren Nachkriegszeit und geprägt durch die Sechziger, den Vietnamkrieg und erbitterte politisch-ideologische Kulturkämpfe. Das alles ist für die Obamas Geschichte – so auch die damit verbundenen Rollenmodelle. Weder er noch sie halten Selbstverwirklichung um jeden Preis für eine gute Idee. Aber auch auf den stummen Verzicht eines Partners kann für die Generation nach dem Kulturkampf gemeinsames Glück nicht gegründet sein. Barack Obama geht demonstrativ zu Elternabenden und Ballettaufführungen der Kinder, und er nennt seine Frau »meine beste Freundin«. Selbst in harten Wahlkampftagen war das Dinner mit Michelle am Freitagabend heilig. Und sobald es nach dem Sieg der letzten Woche möglich war, führte er seine Frau wieder zum Lieblingsitaliener in Chicago aus.

Eine bescheidene Mutter der Nation wird Michelle Obama nicht werden

Michelle Obama ist auf eine irritierende Weise konservativer und zugleich unkonventioneller als die First Ladies vor ihr. Sie hat offenbar weniger politischen Ehrgeiz als Hillary Clinton, die sich auch ohne Mandat als treibende Kraft der Regierung ihres Mannes sah. Sie sieht ihre Aufgabe vor allem darin, den beiden Töchtern ein Maximum an Normalität und Unbeschwertheit zu sichern, inklusive Übernachtungspartys, Kinobesuchen und Fußballturnieren. Aber eine zurückhaltende Mutter der Nation wie Laura Bush wird sie auch nicht werden.

Lange Jahre war sie es, die als erfolgreiche Anwältin und Managerin die erfolglosen Ambitionen des jungen Politikers finanziert hat, der jetzt der mächtigste Mann der Welt wird. Ihre Biografin Liza Mundy spekuliert, dass Michelle Obama die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zum Thema machen wird, indem sie sich um die Sorgen der arbeitenden Familien kümmert, nicht zuletzt derjenigen im Militär.

Mit ihrem Mann hat sie immer wieder, zum Teil erbittert, um den Anteil gestritten, der jedem an der Familienarbeit zukommt. Die beiden reden und schreiben sehr offen über diese Auseinandersetzungen. Mag sein, dass diese Offenheit jetzt ein Ende hat. Aber auch das ist etwas Neues: Die Welt schaut auf ein Paar, das die gleichen Konflikte um Freiheit und Bindung, Selbstverwirklichung und Kindeswohl bestehen muss wie heute alle Eheleute mit Kindern und zwei Berufen. Das bürgerliche Familienleben ist diesen beiden nicht in den Schoß gefallen. Sie haben es sich zusammen erkämpft. Und man ahnt, dass dieser Kampf noch nicht vorbei ist. Denn was jetzt an Belastungen auf die Familie zukommt, bringt neue Spannungen.

Überhaupt eine Familie zu haben ist für die Obamas – wie für viele Menschen ihrer Generation – eine Wette gegen die Wahrscheinlichkeit von Scheidung und Trennung. So verkörpern sie die Hoffnung, dass Normalität ohne Dumpfheit und Harmonie ohne Verlogenheit möglich sind, und das selbst im Weißen Haus.

Michelle Obama erzählt gerne die Geschichte eines Mädchens aus dem südlichen Bundesstaat South Carolina, das sie im Wahlkampf angesprochen habe. Dieses Mädchen meinte, es hoffe auf Barack Obamas Sieg, weil es sich »dann alles für mich vorstellen kann«. Michelle Obama sagt, sie wisse genau, wie dieses Mädchen fühle. »Denn sie war genau wie ich. Sehen Sie, ich sollte eigentlich auch nicht hier sein.«

Michelle Obama wird jetzt erst einmal entscheiden müssen, in welchem Stil die privaten Räume umdekoriert werden sollen. Und vielleicht noch wichtiger: welches Zimmer Sasha und welches Malia bekommt. Man wüsste es zu gerne: wie lange es wohl dauern wird, bis den Obamas das Gefühl für die Unwahrscheinlichkeit ihres Einzugs ins Weiße Haus verloren geht.

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Genial

    Dieser Kommentar sucht seinesgleichen.

  2. Es ist einfach ein sehr schoener Artikel !

    Bemerkenswert ist der Kommentar von FreeSpeech | 14.11.2008 | 5:35
    "Amüsant finde ich auch die Bilder, wenn Obama und Bush, oder die beiden Paare, zusammen sind. Die Obamas neigen sich den Bushes zu, und die Bushes neigen sich weg [...] "

    dieser und weitere Kommentare hier:
    http://blog.zeit.de/joerg...

  3. Der "Erste Hund" wird schon bald vergessen sein, wenn die deutschen Boulevardblätter erst mitkriegen, dass Obama auch seine Schwiegermutter mit ins Weiße Haus bringt. Eine "Erste Schwiegermutter" ist wirklich ein historisches Novum.

    • Colon
    • 17.11.2008 um 11:48 Uhr

    Wunderbar. Endlich hat die ZEIT einen USA-Korrespondenten, der sich der neuen politischen Prominenz so nähert, wie wir Leser es mögen. Ein intimer und langjähriger Kenner der Obamas führt hier in die Familienstruktur und das so anverwandt ähnliche Leben des zukünftigen "First Couple", seiner Kinder, nebst den Haustieren und sonstigen politischen Weiterungen ein. - Wir sind bürgerliche Revolutionäre und Frau Obama eine von uns, eine gute, nein, die beste Freundin.

    Ganz mühelos ist das geschrieben, geradezu zart hingehaucht und beweist wieder einmal, auf welche gedankliche Höhe sich der gut recherchierte Journalismus hinaufschrauben kann, lässt man ihn nur.

    Vielen, vielen Dank und tausende Küsse

    Christoph Leusch

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    endlich brauche ich die alberne Gala und die hirnsträubende Bunte nicht mehr lesen.
    "... ergibt beides einen unverhofft erneuerten Amerikanischen Traum, der umso heller leuchtet ..." Du liebes Bisschen, was ist überhaupt ein "Amerikanischer Traum"? Einer der auf amerikanischem Boden oder einer der von amerikanischen Menschen geträumt wurde? Und was hat das mit den USA zu tun? Und seit wann leuchten Träume denn überhaupt und dann auch noch heller? Hat dem Autor jemand ein falsches Kontrastmittel gespritzt?

    Und Kommentar 1 schlägt dann auch richtig dem Fass den Boden aus: "Ich hatte einen Traum"(hund).

    Da schüttelt´s doch den Hund samt seiner Hütte.

    endlich brauche ich die alberne Gala und die hirnsträubende Bunte nicht mehr lesen.
    "... ergibt beides einen unverhofft erneuerten Amerikanischen Traum, der umso heller leuchtet ..." Du liebes Bisschen, was ist überhaupt ein "Amerikanischer Traum"? Einer der auf amerikanischem Boden oder einer der von amerikanischen Menschen geträumt wurde? Und was hat das mit den USA zu tun? Und seit wann leuchten Träume denn überhaupt und dann auch noch heller? Hat dem Autor jemand ein falsches Kontrastmittel gespritzt?

    Und Kommentar 1 schlägt dann auch richtig dem Fass den Boden aus: "Ich hatte einen Traum"(hund).

    Da schüttelt´s doch den Hund samt seiner Hütte.

  4. endlich brauche ich die alberne Gala und die hirnsträubende Bunte nicht mehr lesen.
    "... ergibt beides einen unverhofft erneuerten Amerikanischen Traum, der umso heller leuchtet ..." Du liebes Bisschen, was ist überhaupt ein "Amerikanischer Traum"? Einer der auf amerikanischem Boden oder einer der von amerikanischen Menschen geträumt wurde? Und was hat das mit den USA zu tun? Und seit wann leuchten Träume denn überhaupt und dann auch noch heller? Hat dem Autor jemand ein falsches Kontrastmittel gespritzt?

    Und Kommentar 1 schlägt dann auch richtig dem Fass den Boden aus: "Ich hatte einen Traum"(hund).

    Da schüttelt´s doch den Hund samt seiner Hütte.

    Antwort auf "Herzgeschichten "
  5. und offenbar leidet nicht an Schwiegermutter-Phobie....LOL

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