Verwackelte Bilder von Menschen in einem von Klostermauern umgebenen Hof. Trotz unscharfer Konturen und verblichener Farben erkennt man zerschlissene Kleidung, einen Mann im Rollstuhl, ein tanzendes Paar: ein tristes Sommerfest in den achtziger Jahren. In den restaurierten Amateurfilm werden Textzitate eingeblendet: »In einer Langzeitklinik ist die Zeit krank.«

Paula Kleine war damals beim Hoffest der langzeitpsychiatrischen Klinik Kloster Blankenburg dabei. Inzwischen wohnt die 80 Jahre alte Frau in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit geistiger Behinderung in Bremen-Osterholz. Paula Kleine sitzt auf einer Bank vor dem Reihenhaus, in dem sie heute lebt, und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sie lächelt, zieht an ihrer Zigarette und blinzelt dem Rauch hinterher. »In Blankenburg war es gar nicht schön. Sie haben immer so viel geschimpft. Und man konnte nicht raus«, sagt sie. In ihrer Stimme liegt immer noch Empörung. »Hier in Bremen ist es besser.«

Mehr als 50 Jahre ihres Lebens hat Paula Kleine hinter den Mauern der deutschen Psychiatrie verbracht. Erst 1988 beginnt für sie ein Leben in der Gemeinschaft: Mithilfe des Landes Bremen wird erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Langzeitpsychiatrie aufgelöst, die am Rande von Oldenburg gelegene Klinik Kloster Blankenburg. Das kleinste Bundesland übernimmt eine Vorreiterrolle bei der Reformierung der Psychiatrie.

Im Februar 1988 wirkt die Marschlandschaft östlich von Oldenburg karg und ungemütlich. Inmitten von feuchten Wiesen und endlosen Gräben liegt eine kleine Ansammlung von Gebäuden. Die dunklen Backsteinfassaden mit den kargen Fenstern wirken abweisend und bedrohlich: geschlossene Station – geschlossene Gesellschaft.

An einer Mauer ist ein Schild befestigt: »Klinik Blankenburg des Krankenhauses remen-Ost Männerabteilung.« Der Buchstabe B des Wortes »Bremen« fehlt – wahrscheinlich schon seit Jahren.

Auf den Gängen der Station 10, von den Pflegern »Schlangengrube« genannt, sind vereinzelte Patienten zu sehen. Nackte Wände im schummrigen Neonlicht, der Geruch von Bohnerwachs, Desinfektionsmitteln und Exkrementen. Abführtag: Nach Tagen mit stopfender Kost werden den Patienten Abführmittel verabreicht. Der Triumph des Pragmatischen über das Menschliche.

Man hört monotone Schreie. Zahlreiche Patienten schaukeln in ewig gleichem Rhythmus hin und her und versuchen so, dem menschenunwürdigen Dasein in trister Isolation ein wenig Anregung abzugewinnen. »Hospitalismus« nennen die Fachleute diese Verhaltensweisen, die nicht Symptome einer Krankheit sind, sondern eine Folgeerscheinung der Isolation und der Reizarmut.