Roman Der Schatten im Licht

Der junge Aravind Adiga stößt mit seinem Debütroman »Der weiße Tiger« ins dunkle Herz des aufstrebenden Indien. Das beschert ihm den berühmten Booker Prize – sowie heftige Kritik

Alles ziemlich verrückt an diesem Roman. Eine Story wird in sieben E-Mails erzählt, es sind Texte der Art, wie sie sich üblicherweise im Sturzflug auf den Papierkorb zubewegen, sieben E-Mails von einem, der sich »Weißer Tiger« nennt. Löschen? Aber schnell! Endgültig? Ja! So einer also gibt dem Roman des neuen indischen Literaturstars Aravind Adiga seinen Namen.

Die Mails kommen angeblich aus einem Büro an der Hosur Main Road in Bangalores Electronic City. Die Hosur Main Road ist die Prunkmeile der Globalisierung. Hier türmt sich das neue Indien zu luftigen Versprechen, gleißenden Bürobauten, übermütigen Wohnexzessen, es ist die oktanverdichtetste Staustrecke Indiens. Aber wer weiß schon, woher eine Mail kommt? Oder wer sie schreibt?

Die Mails richten sich an Seine Exzellenz Wen Jiabao, den Premierminister von China. Adiga hat sein Buch in den Vorhof einer neuen Weltmacht platziert. China meets India. Die beiden Musterschüler im internationalen Wettbewerb der explodierenden Volkswirtschaften planen ein Gipfeltreffen in Bangalore. Der Mailschreiber will dem hohen Chinesen für den Staatsbesuch ein Hintergrundpapier zuspielen, er, der Kleinunternehmer, weil doch das neue Indien jedem verspricht, er könne ganz nach oben kommen, auf Augenhöhe mit den Mächtigen. Welche Naivität, die in diesen Mails liegt. Eine Zumutung, wie der gerade mal 33 Jahre junge Autor sein Debüt geschneidert hat, eine unverschämte, finstere, schreiend komische Abrechnung mit dem, was sich als Unglaubliches Indien! vermarktet.

Gott brauchte sieben Tage, um die Welt zu erschaffen, dieser Schreiberling nimmt sich sieben Nächte, und danach liegt die schöne neue Welt Indiens in Scherben. Er schreibt Zeile um Zeile, sie fluten, wie es die Mails von Irren tun, über Hunderte von Seiten, entfalten sich als ausufernde Erzählung eines Lebens, des eigenen natürlich. Die Geschichte des Dorfjungen Balram Halwai, der sich aus einem Kaff in der Pampa Indiens nach oben abstößt, mit bloßen Händen Kohle klein geknackt hat, sich eine Stelle als Chauffeur in Delhi erwanzt, sich seinem Herrn unentbehrlich macht und am Ende mit der eigenen Firma in Bangalore dasteht. Eine Reise aus der Finsternis ins Licht nennt der Erzähler seine Aufsteiger-Story. Aber natürlich ist es eher eine Reise von der Unschuld des Dorfkindes in die finstere Hölle der Amoralität, wenn man bedenkt, dass der Held seinem Arbeitgeber die Kehle durchschneidet.

Eine Mordsgeschichte also. Die Umkehrung eines Bildungsromans. Balram hat keine Bildung. Er gehört zu jenen »Halbgaren«, zu den vielen jungen Indern mit rudimentärer Bildung, er schlingert sprachlich wie moralisch durchs Leben. Balram Halwai gibt allerdings die Herstellung dessen, was man den perfekten Marktmenschen nennen könnte. Der Sohn eines tuberkulösen Rikschafahrers erkennt den Eigennutz als Motor für Fortschritt. Er streift die klettende Umarmung einer Großfamilie ab, scheißt auf die Götter, stutzt die Figur Gandhi zurecht auf das, was sie noch ist, eine lächerlich kitschige Raumdekoration. Yoga dient zur Konzentration auf den nächsten bösen Schritt. Eine grimmige Satire.

Das hat so gar nichts von Bollywood. Statt safrangelb glühender Szenerie findet man sich bei den ölig schwarzglänzenden Schweinen, die im Unrat der Dorfstraße wühlen. Spinnenmenschen spülen mit dreckigen Wasserwogen den Abfall aus den Häusern. Die Macht liegt in den Händen von Leuten, die – Orwell lässt grüßen – in der Folklore des Dorfes Tiernamen tragen, der Büffel, der Storch, der Keiler und so weiter. Statt Liebestumulten gibt es kalt arrangierte Ehen. Schmachtende Blicke fliegen hier nur auf Automarken und Geldscheine. Demokratie? What a fucking joke! Das ist übrigens der Refrain des Buches. Der Sound ist rüde. Und indische Schriftstellerkollegen finden auch noch, Aravind Adiga schreibe nicht realistisch genug!

In der London Review of Books oder Boston Review kann man Klagen lesen, die eine korrekte lokale Färbung im Dialekt des Dorfjungen vermissen. Und wieso prahlt der Sohn eines Rikschafahrers mit der Kenntnis indischer Großdichter? Die Autoren beschuldigen Adiga, auf einer Welle der Hysterie zu surfen, die in den wohlhabenden Schichten Indiens regelmäßig ausbricht, wenn ein Familienmitglied ermordet wird, Morde, die doch in den wenigsten Fällen von Dienstboten verübt würden!

Nun ist das Verhältnis von Realität und Fiktion gelegentlich spitzbübisch. Wer bei Google die Hosur Main Road in Bangalore eintippt, landet in Traumlandschaften, die millionenpixelfach neue Lebenswelten zaubern, 196 Appartementeinheiten für Bauphase 1 zum Beispiel und 884 Einheiten für Bauphase 2, und ob diese Träume in Ziegel und Mörtel verwirklicht sind oder je werden, ob diesen Pixelwelten mehr Wirklichkeit innewohnt als den Landschaften der Gier, die Adiga seinen Helden zeichnen lässt, wer weiß das schon? Oder wie der Kurs jener Lakhs steht, die für solche Träume fällig sind, viele Hunderttausend Rupien, oder ob es die Firma oder Bank, die solche Transaktionen tätigt, noch gibt?

Wie lustig sich Realität und Fiktion verschränken können, sah man in jenen Oktobertagen, in denen die globale Verklärung der unregulierten Finanzströme viel Luft abließ, wodurch ein kalter Zug entstand, der das steil anwachsende indische Wirtschaftswunder unmittelbar um ein Drittel schrumpeln ließ, während der Autor Aravind Adiga in London für seinen bösen Roman den bedeutendsten Preis der englischen Literaturwelt, den 50000 Pfund schweren Man Booker Prize, in Empfang nahm. Bei welcher Bank der Scheck wohl sicher sei, witzelte Adiga, dessen korrupte Romanhelden sich mit klarem Blick für die Realitäten die Bestechungsgelder gerne in prall gestopften Tüten reichen.

Aravind Adiga ist in der 40-jährigen Geschichte des Booker-Preises der vierte indische Preisträger, nach Kiran Desai und Arundhati Roy und Salman Rushdie. Change has come, wie jener andere dunkelhäutige Mann so schön sagte, als er wenige Tage nach der Booker-Preis-Verleihung in Chicago als der erste dunkelhäutige Präsident Amerikas gefeiert wurde. Obama, das Mischlingskind. Harvard-Absolvent, Bürgerrechtsanwalt. Adiga ist der Sohn eines Arztes, in Indien geboren, in Australien aufgewachsen. Absolvent der University of Columbia in New York sowie der University of Oxford in England. Literatur, Philosophie, Ökonomie hat er studiert und dann als Korrespondent für die Financial Times aus Bombay geschrieben. Adiga, darin Obama nicht unähnlich, ist ein Produkt der besten Bildungsinstitutionen der alten Welt. Als Adiga seinen Preis in Empfang nahm, musste er sich von einem Kollegen des Guardian fragen lassen, wie er als Sohn eines Arztes überhaupt für den Sohn eines Rikschafahrers sprechen könne.

Ja, wie nur? »Meine bescheidene Prognose: In zwanzig Jahren gibt es bloß noch uns Gelbe und Braune an der Spitze der Pyramide, und wir werden die Welt beherrschen. Und Gott helfe allen anderen«, dröhnt Adigas Romanfigur so großmäulig, wie es der Autor natürlich nie täte.

Adiga spielt auf einer Klaviatur, die vom Slapstick über die harsche Sozialreportage bis zu Hegels Philosophie reicht. Der »Weiße Tiger« hat offensichtlich Rilke gelesen, vermischt mit einer Prise Blake, Tyger, Tyger, burning bright! Adiga selber sagt, er habe viel von der Literatur der Schwarzen gelernt. James Baldwin beschrieb vor einem halben Jahrhundert in seinen Notes of a Native Son die Grablegung seines Vaters, eines Mannes, den die Bitterkeit von innen her erwürgt hatte, und ein Echo dieser Bitternis findet sich in jenem Moment, in dem Balrams Vaters unbehandelt in einem Krankenhaus mit einem Blutsturz verreckt. In Ralph Ellisons Invisible Man von 1952 findet sich eine Szene, in der sich der Held darüber klar wird, dass die Missachtung der Schwarzen in der weißen Gesellschaft in der Weigerung liegt, die Existenz des schwarzen Mannes auch nur anzuerkennen, die Auslöschung besteht in der Reduzierung des anderen auf Unsichtbarkeit.

Dieser Einsicht sind die komischsten Szenen bei Adiga geschuldet. Wenn sich die Herrschaft im Auto über ihren Chauffeur unterhält, als sei er nicht im Auto, in Sekundenschnitten Befehle und Demütigungen wechseln, man lässt sich Whisky reichen, um sich anschließend auf der Rückbank liebestoll zu verknäulen, als gäbe es die Person auf dem Vordersitz nicht. Ralph Ellison schildert die Konfrontation mit einem Weißen, der ihn umrennt, weil er ihn nicht sieht: »O ja, ich trat ihn! Und in meiner Wut holte ich mein Messer raus und wollte seine Kehle durchschneiden, gerade hier unter der Lampe in dieser verlassenen Straße, während ich mit der einen Hand seinen Kragen packte und gleichzeitig das Messer mit den Zähnen öffnete…«

Es ist, als würde Adiga diese Szene zu Ende schreiben. Er überformt sie in einem kalt geplanten Mord, dem die Erkenntnis Balrams zugrunde liegt, dass sich vom Sklavendasein nur befreien kann, wer handelnd die Gewissenlosigkeit usurpiert, mit der er beherrscht wird. Das komplexe Kastensystems Indiens, so die Behauptung, habe sich in eine Zweiteilung aufgelöst. In: oben und unten. Menschen, die im 13. Stock hinter Glas leben, und anderen, die im Keller unter Kakerlaken hausen. Herren und Diener. Letztere landen unweigerlich als Abfall unter jenen, die in den Gossen jener Straßen liegen, durch die sie einst die Luxuskarossen ihrer Herren steuerten.

Der Reporter Adiga verdichtet aus der Froschperspektive des Dieners die komischsten Szenen, das Schamponieren der Schoßhündchen, den Geruch alter Füße während der Massage, das anschließende Zubereiten von Omelettes oder die Beseitigung der Kotze des Arbeitgebers, den sein Diener tröstet: »Du Baby, dachte ich und rieb ihm den Rücken, als er würgte und sich noch einmal übergab, du großes jämmerliches Baby«, das ganze eklige Ineinander von Diener und Herrn, wie es in 200 Jahren der Philosophie formuliert wurde. Herr und Knecht.

Die explosive Kraft, die in dieser Konstellation liegt, verortet der Roman in jenem Bruchteil einer Sekunde, in der sich die Augen von Herr und Chauffeur begegnen können, die Augen zweier Menschen, deren Schicksal Äonen von Jahren parallel zueinander verlaufen würde, ohne sich je zu berühren, auch wenn sie eine Armlänge voneinander entfernt in einem Honda City sitzen, der durch die Stadt rollt. Dann, unverhofft, im Rückspiegel, ein Blick auf Augenhöhe. Adiga setzt seine Handlung auf diesen Augenblick, er entfaltet aus ihm heraus die Erkenntnis, dass es eine Gleichheit geben könnte. »Das skeptische Selbstbewusstsein erfährt also in dem Wandel all dessen, was sich für es befestigen will, seine eigene Freiheit als durch es selbst sich gegeben und erhalten«, heißt es bei Hegel. Zu diesem Schritt aber führe nur eines, erklärt der indische Mörder Balram Halwai: zerstören, was das Gleichziehen verhindert, Treue, Glaube, Familie.

Das schmeckt nach Aufruhr in einem Land, in dem mehr als eine Milliarde Menschen leben und die überwältigende Mehrheit von ihnen, auf dem Land lebend, abgehängt ist von jeder Hoffnung, während die Welt das volkswirtschaftliche Wachstum bejubelt, das Indien auf der Liste des Human Development Index der Vereinten Nationen, die 177 Länder umfasst, gerade mal von Platz 128 auf Platz 126 hat vorkriechen lassen. Was wäre da Hoffnung? Oder: Wohin nur mit der Verzweiflung? Der Wut? Für solche Fragen findet Adiga quälende Bilder. »Ein leises Knurren ließ mich herumfahren«, heißt es. »Hinter mir drehte sich ein schwarzer Hund im Kreis. An seiner linken Hinterbacke glänzte ein rosaroter Fleck – eine offene Wunde –, und der Hund versuchte, daran herumzunagen. Sie war jedoch knapp außer Reichweite seiner Zähne, und der Schmerz machte ihn wahnsinnig – er versuchte die Wunde mit geiferndem Maul anzugreifen und drehte sich deshalb unablässig, immer auf der gleichen Stelle und sinnlos im Kreis.«

Das Buch kreist um eine Wunde, die jeder sehen kann, Diener wie Herr. Das Fahndungsplakat des Mörders Balram zeigt ein Gesicht, das jedem Underdog gehören könnte. Darin liegt auch eine Drohung. Oder: der Same für die nächste Massenhysterie. Aber, denn dies ist ein Roman und keine Anleitung zum Mord, darin liegt auch viel weniger, als Balram Halwai es bemerkt. Er wollte aus dem Hühnerkäfig der Unterschicht ausbrechen – und schafft es bis in ein Büro in Bangalores Electronic City. 15 Quadratmeter Unternehmertum. Immerhin. Nicht mehr.

Seine Erfolgsgeschichte ist jenseits von Prahlerei ein Endlosmonolog im Leerlauf der Einsamkeit. Eine Einsicht, vor der Balram Halwai sich durch das Schreiben von Mails schützt, die nirgendwo ankommen und von keinem beantwortet werden.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service